Sprachkürze bringt Denkweite

Die Digitalisierung des Museums erfordert Flexibilität

Von Carmela Thiele

Kai Pilger

12. Juni 2017

Hinten dran sein, kann ja auch heißen, plötzlich vorne dran zu sein, weil man all die Fehler der Vorreiter und Pioniere nicht zu machen braucht. In Sachen Digitalisierung gehört Deutschland unter den Museumsnationen zu den Schlusslichtern, positioniert sich aber jetzt allerorten in den Startlöchern. Was in den Niederlanden, Großbritannien und Spanien Standard ist, wird im Land der Dichter und Denker erst erprobt. „Wir sind so weit hinten dran im Bereich der Digitalisierung, dass es einem schier den Atem raubt“, sagt der Kunsthistoriker und Internet-Experte Christian Gries über die hiesigen Museen. Das läge vor allem an mangelnder Professionalisierung, und deshalb sei in solchen Projekten auch schon viel Geld verbrannt worden.  

Inzwischen hat auch die Politik verstanden, dass sie nicht nur Forderungen stellen kann, sondern die Museen bei ihrem Umbau in zeitgemäße Institutionen massiv unterstützen muss. Noch aber sind es meist temporäre Geldspritzen, wie sie das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Bildung und Kunst jetzt den elf staatlichen Museen im Lande gewährt. In der vergangenen Woche veröffentlichte es eine Ausschreibung, die überzeugenden digitalen Vermittlungsprojekten mit partizipativen Elementen mindestens 50 000 Euro in Aussicht stellt. Zielgruppe sind die Digital Natives.  

Schön und gut. Aber wird hier nicht der zweite Schritt vor dem Ersten gemacht? Müsste nicht zunächst mehr Austausch stattfinden, der Kontakt mit dem potentiellen Publikum gesucht werden? Oder passiert das alles hinter verschlossenen Türen? 

Falschmeldung richtiggestellt

 Ein Blick auf die internationale Museumsdebatte zeigt, dass die Wellen schon mal hochschlagen können, wenn es um das Thema Digitalisierung geht. So machte die Nachricht, dass Tristram Hunt, der neue Direktor des Victoria & Albert Museum (V&A), dem Ausbau des Digitalen eine Absage erteilt haben soll, schnell die Runde. „Wir haben alles falsch gemacht in Sachen Digitaler Kunst“ zitierte das Online-Magazin The Memo den Historiker und Politiker Hunt, der erst vor einigen Monaten zum Museumschef ernannt worden ist. Schon der falsche Begriff – digitale Kunst statt digitales Museum – hätte stutzig machen müssen. Das hätte ein Tippfehler sein können, aber nein: da hatte jemand keine Ahnung und Teile der Aussagen Hunts zu sehr zugespitzt. 

Warum auch sollte ein Direktor, dessen digitale Abteilung seit Jahren gute Arbeit leistet, seinen eigenen Leuten in den Rücken fallen? Tristram Hunt (@tristramhuntva) reagierte, in dem er auf Twitter eine Richtigstellung von Chris Unitt teilte. Der arbeitet als digitaler Berater für das V&A und war offenbar alarmiert. Unitt lud sich die Aufzeichnung des Hunt-Statements von der Website des Hay Festival runter und konnte nachweisen, dass Hunt auf eine Frage aus dem Publikum nach den Vermittlungsstrategien des V&A im Kern etwas anderes gesagt hatte. Um alle Zweifel auszuräumen, transkribierte Unitt das Statement.

Warum aber das schnelle Dementi? War es die Befürchtung, es könne Proteste geben, wenn sich herausstellen sollte, dass im V&A massiv am Bedarf vorbei investiert worden ist?

Hunt hatte eingeräumt, dass die in den Ausstellungsräumen als App zur Verfügung stehenden, aufwendig produzierten Audioguides weniger im Museum genutzt würden als erwartet, sondern eher zur Nachbereitung zuhause oder im Café abgerufen würden. Auch gab er zu bedenken, dass in der Frage der umfassenden Digitalisierung der Museumsbestände noch nicht das letzte Wort gesprochen sei und das Thema weiterhin diskutiert werden müsse. Mit Blick auf das verschuldete Metropolitan Museum (MET) in New York machte er klar, dass die hohe Summen verschlingende Digitalisierung an anderer Stelle den Museen die Ressourcen wegnehme. Und er gestand ein, dass – wie bei den traditionellen Medien, den Zeitungen – noch niemand wirklich wisse, welchen Weg man gehen muss. „And so we’re very passionate about it, we’re strong on it, but it’s rather like the newspapers – no-one’s got the answer yet about what you should do.“

Auf mehr Professionalisierung setzen

Natürlich wird weiter in digitale Angebote investiert werden, sind sie doch Garant dafür, neue Generationen für das Museum zu interessieren, aber auch Information und Wissen über das kulturelle Erbe in die Gesellschaft zu tragen. Doch könnte man aus den Worten Hunts auch schließen, dass es Sinn mache, im Vorfeld mit den auf Papier ersonnenen digitalen Strategien den Kontakt zu den potentiellen Zielgruppen zu suchen – oder gleich gemeinsam mit ihnen zu entwickeln. Parallel müssten Stellen für jene geschaffen werden, die den digitalen Part des Museums aufbauen sollen; die Kuratoren und Vermittler müssten einbezogen werden. Das alles kostet Geld, das aber vielleicht gut investiert wäre.

Nicht auf die Falschmeldung von The Memo hereingefallen ist Christian Gries. Er ist verantwortlich für digitale Strategien bei der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Der Kunsthistoriker und Archäologe befasst sich schon seit über 25 Jahren mit dem Thema Digitalisierung im Museum, er ist Gründer des Beratungsbüros Kulturkonsorten und veröffentlicht unter Iliou Melanthron seine Reden und Aufsätze. Über Twitter ist er weltweit mit wegweisenden Institutionen vernetzt. Wenn sich jemand skeptisch zu Twitter äußert, zitiert er Jean Paul: „Sprachkürze bringt Denkweite.“

Gries kommentiert das Statement des V&A-Direktors für DebatteMuseum aus seiner Sicht: „Hunt fordert die immer neue Prüfung der Gegebenheiten, was letztlich gerade im Anbetracht des permanenten technischen Fortschritts und der gesellschaftlichen Entwicklungen um den Mediengebrauch absolut sinnvoll ist. Der von ihm formulierte kritische Blick auf das MET ist sicher berechtigt. Dort waren im Digital Department zu Spitzenzeiten 70 Leute beschäftigt. Das ist für ein Museum exorbitant, hat dem Haus aber auch die größte digitale Community auf Erden eingebracht. Trotzdem sicher zu hoch gegriffen.“

Digital contra analog?

Dem Experten ist wichtig zu betonen, dass keiner die digitalen Medien gegen die analogen ausspielen will. Die digitalen Medien wollten die analoge Vermittlung weder beschädigen noch verdrängen. Das Digitale dränge aber gerade über das Publikum in die Museen. Das Publikum, auch im Digitalen, wachse in die Rolle hinein, die die Museen ihm zu geben bereit sind.

Es gebe viele spannende Ansätze, das Museum digital weiterzudenken, sagt Gries. Das Internet könne als Kreativ-Werkstatt genutzt werden, als Kontextualisierungsinstrument oder der Evaluation dienen. Was fehle, sei eine Struktur, die es den in Ausrichtung und Trägerschaft verschiedenen Museen erleichtere, die digitalen Möglichkeiten optimal zu nutzen. Für die Landesstelle in Bayern hat er das auf fünf Jahre angesetzte Forschungsprojekt Digitale Strategie für Museen (#digSmus) in die Wege geleitet. An dessen Ende soll eine Art Baukastensystem stehen, das Entscheidungen für oder gegen ein digitales Projekt erleichtere.

Auch in Baden-Württemberg hatte es Ende März eine Arbeitstagung zum digitalen Sammlungsmanagement gegeben, deren unmittelbare Folge offenbar die aktuelle Ausschreibung des Ministeriums war. Zu Gast waren internationale Experten, u.a. auch Gries. Allerorten ist das Ringen um Expertise zu beobachten. Und vielleicht muss es dann ja doch Twitter-Schulungen für alle Museumsmitarbeiter geben, wie sie die Direktorin des Jüdischen Museum Frankfurt Main, Mirjam Wenzel, höchstpersönlich durchführt. Vor ihrem Wechsel leitete sie im Jüdischen Museum Berlin die Medienabteilung. Das ist ein Modell – es wird hoffentlich aber noch viele andere geben.