"Wenn Fakten nicht mehr zählen, sind dann als nächstes Gesetze dran?"

Jonathan Foley, Direktor der California Academy of Sciences, über Trumps Wissenschafts- und Umweltpolitik. Von Christian Schwägerl, Washington

Christian Schwägerl

Washington, 22. April 2017

Beim "March for Science" am Samstag in Washington ist Jonathan Foley einer der Hauptredner. Die California Academy of Sciences in San Francisco, die er seit 2014 leitet, gehört mit ihren künstlichen Ökosystemen und 46 Millionen Sammlungsstücken zu den beliebtesten Wissenschaftsinstitutionen der USA. Mehr als hundert Wissenschaftler sind hier tätig, der Schwerpunkt liegt auf Biodiversität und Erdsystemforschung.

Jede neue US-Regierung hat neue Prioritäten, und Präsident Trump ist nicht der erste, der bei der Wissenschaft kürzen will. Was ist anders als sonst?

Jonathan Foley: Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik war noch nie wirklich entspannt, aber bisher gab es sowohl bei republikanischen wie auch bei demokratischen Amtsinhabern einen grundlegenden Respekt vor wissenschaftlichen Informationen, vor Fakten. Wissenschaft hatte im Weißen Haus einen festen Platz am Tisch, und wenn Wissenschaftler etwas als Tatsachen eingestuft haben, dann galt das, auch wenn es unangenehm war. Unsere neue Führung ist da ganz anders. Sie glaubt, dass Fakten willkürlich sind oder man sie einfach erfinden kann.

Was sind die Folgen?

Wir erleben einen Generalangriff auf alles, was mit Umwelt, Gesundheit, Sicherheit zu tun hat, im Dienst einiger weniger sehr finanzstarker Interessen. Die Budgets wichtiger Regierungsagenturen für Forschung sollen gekürzt werden, Wissenschaftler in diesen Agenturen werden mundtot gemacht, sie dürfen wegen Zensur nicht einmal mehr das Wort "Klimawandel" benutzen. So etwas hat es noch nicht gegeben.

Aber als Präsident hat Donald Trump noch nicht deutlich gesagt, dass er den Klimawandel leugnet.

Alles, was er tut, folgt dem Drehbuch der Klimawandelleugner, der sogenannten "Kaufleute des Zweifels". Weil sie die Erkenntnisse der Klimaforschung nicht widerlegen können, schüren diese Leute systematisch Unsicherheit. Sie tun so, als ob sich die Wissenschaft nicht einig wäre, stellen die Sache so dar, als ob man es so oder so sehen könnte. Das kann man aber bei den wissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels absolut nicht.

"Ein enges Netz von Think tanks und Businessinteressen hat Trumps Politik vorbereitet."

Wann haben Sie zum ersten Mal die Sorge verspürt, dass das Ganze in eine gefährliche Richtung gehen könnte?

Ich bin eigentlich nicht sonderlich politisch und es geht mir auch gar nicht um die Frage, ob ein Demokrat oder Republikaner im Amt ist. Als Trump auf Twitter schrieb, dass Impfungen zu Autismus führen und der Klimawandel eine chinesische Erfindung sei, habe ich das zuerst nicht sonderlich ernst genommen. Ich habe ihn als einen TV-Unterhalter wahrgenommen, der für Aufmerksamkeit sorgen will. Richtig geschockt hat mich dann, dass er als frischgebackener Präsident nicht zum Erwachsenen geworden ist oder den ernsthaften Unternehmer zur Schau gestellt hat, sondern dass er einfach so weitergemacht hat. Ein TV-Unterhalter ist nun Präsident.

Präsident Trump hat einen Budgetentwurf vorgelegt, der drastische Kürzungen bei dem Regierungsagenturen für Umwelt, Gesundheit, Raumfahrt und Atmosphärenforschung vorsieht. Manche in Washington sagen aber, dass sich das gar nicht speziell gegen die Wissenschaft gerichtet hat, sondern nur irgendwie das Geld zusammenkommen musste, um höhere Militärausgaben zu bezahlen.

Das sehe ich ganz anders. Es handelt sich um einen von langer Hand vorbereiteten systematischen Angriff auf die Umwelt und Wissenschaft. Dazu muss man sich nur das Personal anschauen. Der neue Chef der Umweltbehörde EPA hat seit Jahren auf das Ziel hingearbeitet, die Agentur abzuschaffen, ebenso der neue Chef des Department of Energy. Es gibt ein enges Netz von Think tanks und Businessinteressen, das die jetzige Politik von Präsident Trump vorbereitet hat. Ich weiß nicht, wie direkt Trump da selbst involviert ist, aber es geschieht in seiner Verantwortung.

Der US-Kongress in Washington in der Dämmerung
Der Kongress wird Kürzungspläne teilweise zurücknehmen – laut Foley ein "Ablenkungsmanöver".
Christian Schwägerl

Um was geht es genau – einfach nur um Geschäftsinteressen, oder um grundsätzlichere Fragen, wie die Rolle der Bundesregierung oder die Rolle der Wissenschaft im Verhältnis zu gewählten Volksvertretern?

Primär geht es um viel Geld. Wenn Pestizide zugelassen werden, obwohl es Bedenken gibt, kann man mit deren Verkauf Geld verdienen. In den Ministerien gehen gerade reihum Wunschlisten aus der Wirtschaft ein, welche Auflagen alle verschwinden sollen.

Welcher Schaden könnte durch die aktuelle Politik entstehen?

Ich mache mir eigentlich nicht so sehr Sorgen um die Wissenschaft als solche, das wäre zu egoistisch. Um was es geht, ist der Dienst, den Wissenschaft unserem Land und der ganzen Welt erbringt. Wenn Wissenschaftler nicht mehr Luft, Wasser und Lebensmittel überwachen könnten, wenn unsere Erde nicht mehr aus dem Weltraum beobachtet würde, wenn die wichtigsten Entscheidungen von Menschen getroffen würden, die von den Fragen, um die es geht, Null Ahnung haben – wo soll das hinführen? Wenn Fakten nicht mehr zählen, sind dann als nächstes Gesetze dran?

Trump tritt mit dem Versprechen an, die amerikanische Wirtschaft zu stärken…

Aber wie soll das gehen, wenn man die Wissenschaft schwächt und wenn jungen Menschen vermittelt wird, dass der wissenschaftliche Prozess nicht zählt und man zu allem irgendeine unfundierte Meinung haben kann. Es droht die Gefahr, dass eine große Zahl junger Menschen sich gegen eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, weil das plötzlich als unattraktiv gilt. Dann fehlen uns die jungen Talente, um das Land wirtschaftlich voranzubringen.

Über die Kürzungen im Forschungsbereich wird nicht Präsident Trump entscheiden, sondern der Kongress. Kommt es letztlich doch nicht so schlimm wie befürchtet, weil sich auch Republikaner auf die Seite der Forschung schlagen?

Da läuft aus meiner Sicht ein großes Ablenkungsmanöver. Manche der Kürzungsvorschläge, vor allem für die Gesundheitsforschung, sind so unpopulär und absurd, dass sie kaum eine Chance haben. Niemand wird sich hinstellen und dem Volk ins Gesicht sagen, dass Krebs- oder Diabetesforschung um 20 Prozent schrumpfen, das wäre einfach zu unpopulär. Ich bin ziemlich sicher, dass im weiteren Verfahren die Kürzungen für die National Institutes of Health zurückgenommen werden. Dann atmen alle auf. Aber das, was sie eigentlich wollten, die Kürzungen für Umwelt- und Klimaschutz und die Mehrausgaben für Militärforschung an Atomwaffen oder Laserwaffen, die bleiben drin.

Sie sprechen von einem "Krieg gegen die Wissenschaft". Ist das jetzt Hollywood-Drama, wie man es von einem kalifornischen Wissenschaftsvertreter erwarten könnte, oder meinen Sie das ernst? Schließlich ist bisher noch kein Schuss gefallen.

Ich meine das sehr ernst. Menschen werden wegen dieser Politik sterben. Sie werden an Umweltgiften sterben, sie werden an Lungenkrebs und Asthma durch vermehrte Kohleverbrennung sterben. Kinder, ältere Menschen und die Ärmsten werden am stärksten darunter leiden. Was da passiert ist moralisch auf einer Stufe mit Kriegsführung.

Grafik eines Nasa-Satelliten im Weltall.
Nasa-Darstellung eines Satelliten, der Bodenfeuchtigkeit mißt (2015). Die Erdbeobachtung soll laut Trumps Budgetentwurf stark schrumpfen.
NASA

Was hat die Wissenschaft selbst falsch gemacht, dass es so weit kommen konnte? Müssen sich Wissenschaftsvertreter, nachdem sie sich beim "March for Science" an die Öffentlichkeit gewandt haben, auch mal mit Selbstkritik befassen?

Wir müssen da in den Spiegel schauen und uns fragen, warum das Vertrauen in die Wissenschaft zurückgeht. Vielleicht haben Wissenschaftler insgesamt zu sehr an sich selbst gedacht, an ihre Karrieren, Berufungen, Patente, Publikationen, und zu wenig an das Gemeinwohl. Wir müssen uns fragen, wie wir uns noch umfassender als bisher in den Dienst der Gesellschaft stellen und uns als integraler Bestandteil verhalten können.

Wie könnte das konkret aussehen?

Es fängt beim Gestus an. Wissenschaftler werden dafür ausgebildet, sich kalt, distanziert und förmlich zu verhalten. Sie kommen selten als Menschen wie Du und ich rüber. Sie sind deshalb nicht sonderlich bekannt und schon gar nicht beliebt. Wir gelten als elitär und abgehoben, nicht als echte Amerikaner. Dagegen hilft nur, ansprechbar zu sein, sich an seinem Wohnort ehrenamtlich zu engagieren, sich verständlich auszudrücken, jede Form von Arroganz abzulegen. Wir müssen vor allen Dingen lernen, den Menschen mit ihren Alltagsnöten besser zuzuhören statt ihnen immer nur zu erzählen, wie toll unsere Forschung ist. Ich wäre sogar dafür, dass wir eine Art Science Corps schaffen, mit dem junge Wissenschaftler Gemeinschaftsdienste in armen Stadtvierteln und entlegenen Regionen leisten können.

"Ich bin von den Chefs der großen Technologieunternehmen enttäuscht."

In den vergangenen Jahrzehnten galten die USA als Wissenschaftsnation Nummer 1. Werden jetzt Europa und China übernehmen?

Da bin ich skeptisch. Das globale Wissenschaftssystem ist großartig, aber in den USA gibt es diesen speziellen Mix aus Entdeckergeist und Unternehmertum, den man nicht einfach kopieren oder implantieren kann. Nicht umsonst gehen die meisten Nobelpreise in die USA, das Land ist immer noch Zuwanderungsland für Wissenschaftler. Europa hätte dafür aus meiner Sicht bessere Chancen als China, aber ausgerechnet jetzt verlassen die Briten mit ihrem exzellenten Wissenschaftssystem die EU.

Sie sind Direktor der Kalifornischen Wissenschaftsakademie. Wie sehen Sie die Rolle des Silicon Valley im Ringen um die Zukunft der Wissenschaft?

Ich bin von den Chefs der großen Technologieunternehmen enttäuscht. Diese Firmen würde es alle ohne staatliche Wissenschaftsförderung und Grundlagenforschung nicht geben. Aber mit Ausnahme von Jeff Immelt von General Electric, der sich zum Klimawandel geäußert hat, schweigen sie alle. Kein Chef eines großen Technologieunternehmens hat sich deutlich gegen die Kürzungen ausgesprochen. Eigentlich sollten doch Sergey Brin oder Elin Musk bei einer Wissenschaftlerdemonstrationen auftreten. Es ist sehr kurzsichtig, das nicht zu tun.

Wie knapp ist Zeit in der Debatte um die Klimapolitik?

Sehr knapp. Wir haben drei bis vier Jahrzehnte verloren, in denen Politiker dafür bezahlt wurden, den Übergang zu einer umweltfreundlichen Energieversorgung hinauszuzögern. Die ganze Zeit haben wir gewußt, wie drängend und wichtig das Problem ist, aber meine Generation hat es geschafft, das zu verdrängen. Wenn heute 1987 wäre, wäre alles ok. Aber wir schreiben 2017 und wir erleben mit, wie die Arktis schmilzt und das Great Barrier Riff ausbleicht.

Was bedeutet das für junge Menschen, die gerade 14, 16, 18 Jahre alt sind und in diese Zeit hineinwachsen?

Auf keinen Fall sollten sie verzweifeln. Ich glaube, dass Hoffnung für sie sehr wichtig ist, eben nicht blinder Optimismus, sondern der Glaube daran, etwas ändern zu können. Wissenschaft, Technologie, Umweltschutz, darin steckt die Hoffnung auf eine bessere Welt, die eigentlich zum Greifen nahe ist. Und ausgerechnet jetzt sind Kräfte mächtig, die uns das wegnehmen oder uns davon ablenken wollen. Dagegen hilft nur hoffnungsvolles und entschlossenes Handeln.

Teil 1 der aktuellen Berichterstattung aus Washington: Der Fluss des Wissens