Hört die Signale!

G20: Wissenschaftler und Umweltschützer wollen den internationalen Klimaschutz nicht nur retten, sondern ausbauen. Von Christopher Schrader

NASA/GSFC/Arizona State University

Vierzig Jahre lang hat das Vereinigte Königreich die Farben für sich allein. In einer schwarzen Welt wandelt sich das Land zwischen 1751 und 1791 von hellblau über grün und gelb zu orange. Erst 1792 erwächst der erste Konkurrent: Das Deutsche Reich beginnt, sich zunächst dunkelblau von seinem schwarzen Kontinent abzuheben, bald wird der Farbton kräftiger. Die Briten und die Deutschen sind die ersten, deren Wirtschaft nennenswerte Mengen Kohlendioxid in die Luft bläst, das zeigt die Weltkarte. Jedes Mal, wenn sich der Ausstoß eines Landes oder eine Region verfünf- und verzehntfacht, ändert sich die Farbe, wird erst heller, dann bei den Rottönen drängender.

Die Animation, die Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Hamburg präsentiert, lenkt die Aufmerksamkeit subtil, aber wirkungsvoll auf die historische Verantwortung der alten Industrieländer für den Klimawandel. Es ist eine wichtige Botschaft der Wissenschaft im Vorfeld des G20-Gipfels in der Hansestadt. Die Einigkeit, mit der die Welt zwischen Dezember 2015 und Herbst 2016 das Pariser Abkommen beschlossen und in Kraft gesetzt hat, könnte bei dem Treffen der Staatschefs zerbrechen. US-Präsident Donald Trump hat ja schon verkündet, sein Land aus dem Vertrag lösen zu wollen; viele andere Spitzenpolitiker, allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel, versuchen in Hamburg, die Reihen der übrigen Teilnehmer zu schließen und einen Eklat zu vermeiden.

Eine tektonische Verschiebung

Viele Forscher haben darum in Hamburg an ihre Resulate erinnert, denen zufolge die Zeitspanne für einen aussichtsreichen Kampf gegen den Klimawandel schnell abläuft. So präsentiert Schellnhuber seine Weltgeschichte aus Sicht des CO2-Moleküls. Das zusätzliche, von betriebsamen Menschen in wachsenden Städten und ersten Fabriken ausgestoßene Treibhausgas lässt unmittelbar nach Deutschland die Nachbarn Frankreich und Polen aufleuchten. Schon 1800 zeigt es einzelne Regionen der amerikanischen Ostküste und hebt 1840 die ganzen USA auf die Weltkarte. 1861 folgt die britische Kolonie Indien, 1887 Australien und 1890 Argentinien sowie Südafrika als jeweils erste Länder ihrer Kontinente. Japans Entwicklung beginnt 1874, Chinas 1903. Deutschland braucht bis 1931, um die gleiche Farbe zu bekommen wie Großbritannien. Das letzte Land, das auf die Landkarte findet, ist 1991 Namibia. Im Jahr 2013 ist die Welt knallbunt, und nur Gebiete in Sand- oder Eiswüsten haben weniger Kohlendioxid ausgestoßen als England 1751.

„Was da passiert, das hat die Welt inzwischen erkannt“, sagt Schellnhuber. „Das Pariser Abkommen war eine tektonische Verschiebung.“ Manche Klimaforscher denken schon, das alte Schreckensmodell des „Business as usual“, bei dem jeder Staat so viel Kohlendioxid ausstößt, wie er will, habe inzwischen ausgedient. Dennoch sei noch nicht allen klar, warnt Schellnhuber, was die Zukunft erfordere. Die Welt müsse die CO2-Emissionen in jedem der kommenden Jahrzehnte jeweils halbieren und die Versorgung mit erneuerbaren Energieformen wie Windräder und Solarparks um fünf bis sechs Prozent steigern – pro Jahr. „Wir müssen damit jetzt anfangen.“ Und selbst dann seien nicht alle Schäden für die Natur zu verhindern. „Wir werden vermutlich die tropischen Korallenriffe auch verlieren, wenn wir die Linie des Pariser Abkommens einhalten.“

Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler und Umweltschützer ihre Erwartungen an die Staatschefs klar formuliert: Die Politiker sollen Klimapolitik nicht nur auf der internationalen Agenda halten, sondern sogar forcieren: Ab 2020 müssten die globalen Emissionen von Treibhausgasen wie Kohlendioxid sinken. „Wir rufen die Führer der G20 auf, die Bedeutung dieses Wendepunktes zu betonen“, forderten prominente Klimaschützer um Christiana Figueres, ehemalige Chefin der UN-Klimasekretariats in Bonn, und Schellnhuber im Fachblatt Nature.

Von Umweltschutz-Organisationen kommen ähnliche Forderungen. Eberhard Brandes vom WWF Deutschland erklärte zum Beispiel: „Die G20-Mitglieder sind nicht nur die führenden Wirtschaftsmächte, sondern auch die größten Umweltsünder. Mit ihrem Gewicht können und müssen sie die Waagschale zu unser aller Gunsten verschieben.“ Immerhin sind die 20 Länder für 80 Prozent des globalen Treibhausgas-Ausstoßes verantwortlich. Die deutsche Umwelthilfe drängt darauf, bis 2020 müssten alle G20-Länder nationale Klimaschutzgesetze haben. Und: „Die G20 müssen die Nutzung von Energie einen CO2-Preis anstreben, der die Klimawirkung des Treibhausgases beziffert“, sagte ihr Geschäftführer Sascha Müller-Kraenner.

Klima sticht Trump?

Das Handelssystem, mit dem zum Beispiel die Europäische Union die Emission von Kohlendioxid reguliert, ist schließlich seit langem in der Krise; die Chinesen und einige Bundesstaaten der USA wollen mit einem ähnlichen System erst demnächst starten. Für den Ausstoß einer Tonne CO2 sind in der EU zurzeit etwas mehr fünf Euro zu bezahlen; das hat zur Attraktivität von Kohle gegenüber Gas im europäischen Energiesystem beigetragen. Ökonomen fordern einen Mindestpreis von 35 bis 70 Euro. Dieses Geld ließe sich nutzen, um viele Folgen des Klimawandels und der Umstellung abzupuffern, sagen Ökonomen. „Es wäre vernünftig für die G20-Finanzminister, in der Klimapolitik einen Verbündeten zu sehen“, stellte vor wenigen Tagen ein Team um Ottmar Edenhofer vom Mercator-Forschungsinstitut für globale Gemeingüter und Klimawandel in Berlin fest.

Im Prinzip erhoffen sich viele Wissenschaftler und Umweltschützer von dem Gipfel in Hamburg ein ähnliches Signal wie von der Klimakonferenz in Marrakesch in November 2016. Dort sollte es um die Umsetzung des Pariser Abkommens gehen, aber sie stand dann zunächst unter dem Eindruck des Wahlsiegs von US-Präsident Donald Trump. Das führte jedoch dazu, dass sich die Reihen schlossen und ein Land nach dem anderen erklärte, es stehe zu seiner in Paris erklärten Selbstverpflichtung. „Klima sticht Trump“, urteilte die Kommentatorin der Zeit. „Damals hat die Welt eine Art Trump-Stress-Test bestanden, wie ihn sonst Banken absolvieren müssen“, sagt auch Lord Nicholas Stern von der London School of Economics. Doch inzwischen hat der US-Präsident die Ankündigung wahrgemacht, sein Land werde sich aus dem internationalen Klimaschutz verabschieden. Darum hofften Experten auf ein ähnliches Signal aus Hamburg wie aus Marrakesch. „So etwas gibt Investoren Zuversicht“, eine Schlüsselrolle beim Umbau der Wirtschaft zu übernehmen, sagt Stern. „In dieser Welt ist zwar keine Sicherheit mehr im Angebot, aber größeres Vertrauen und größere Klarheit schon.“

Ein Signal aus Hamburg, das Trumps Ankündigung, aus dem Abkommen auszusteigen, relativiert, dürfte jedoch eine diffizile Diplomatie erfordern. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Verbündeten können vermutlich nur hoffen, die Amerikaner zu isolieren und so zu einigen Zusagen zu bringen, wenn sie die Russen und Saudis einbinden. Beide Länder verfügen über große Reserven an Öl und Gas und müssen fürchten, dass diese Schätze radikal entwertet werden. Wissenschaftler sagen schon seit Jahren, dass ein Großteil dieser Ressourcen im Boden bleiben müsse.

Eine Achse Achse Europa-Indien-China

Am Abend des ersten Gipfeltages, nach der Sitzung zum Thema Klima, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel nur, „die allermeisten Staaten“, hätten sich zum Pariser Abkommen bekannt. Bei weiteren Verhandlungen der sogenannten Sherpas müssten übernacht noch die „Meinungen sortiert“ werden. Weil außerdem die chinesische Delegation schon ausgeschlossen hat, dass es im Abschluss-Kommunique 19 gegen die USA stehen könnte, muss es einen Formelkompromiss geben.

Dieser könnte, spekulieren Beobachter, die sogenannte „saubere Nutzung der fossilen Energie“ als möglichen Beitrag zum Klimaschutz nennen. Dabei geht es zum Beispiel um Kohlekraftwerke, deren CO2-Ausstoß aufgefangen und unter die Erde gepresst wird. Laut der Nachrichten-Agentur AFP steht in einem US-Entwurf für die Abschluss-Erklärung sogar, dass Amerika anderen Staaten beim Einsatz dieser Technologie helfen wolle. Es geht aber nur darum, fossile Energieträger zu fördern und „sauberer und effizienter“ zu nutzen, nicht „sauber und effizient“. Die sprachliche Steigerung betrachten viele Beobachter als Rückschritt. „Wenn es so kommt, dann brauchen wir dringend starke Zusagen von den übrigen Staaten, dass sie auf die Ziele des Paris-Abkommens hinarbeiten“, sagt Dirk Messner, Leiter des Wissenschaftlichen Beirats Globale Umweltveränderung, der die Bundesregierung berät. Eine Allianz könne sich an der Achse Europa-Indien-China ausrichten. „Dann könnte es immerhin eine G17- oder G19-Erklärung geben. Misslingt dies, kommt praktisch ein G0-Kommunique heraus.“

Bequem wird die nötige Umstellung für keines der Länder. Viele Signale der Regierungen sind widersprüchlich, mahnen Umweltschützer. Die G20-Staaten steckten zum Beispiel fast viermal so viele öffentliche Mittel in die Förderung der fossilen Energiequellen Kohle, Öl und Gas wie in Wind- oder Sonnenkraft, stellte vor wenigen Tagen eine internationale Studie mehrerer Organisationen fest. Viele Länder subventionieren sogar den Verbrauch klimaschädlicher Brennstoffe wie Benzin oder Diesel. Einer Greenpeace-Analyse zufolge macht das für die Staatengruppe vier Billionen Euro und allein in Deutschland 46 Milliarden Euro aus: es geht um Steuererleichterungen für Dieseltreibstoff, Pendler und Dienstwagen sowie Kerosin und internationale Flüge.

Deutschland als Gastgeber des G20-Gipfels ist insgesamt kein strahlendes Vorbild, stellte Germanwatch fest. Was Energiesystem, Emissionen und Politik angeht, landet es im Vergleich der Ländergruppe nur auf Rang vier: hinter Italien, Brasilien und Frankreich. Zudem wird Deutschland sein Klimaziel für 2020 wohl verfehlen. Dabei ist der Klimawandel auch hierzulande deutlich zu spüren, sagt Paul Becker vom Deutschen Wetterdienst. „Die Durchschnittstemperatur hat sich seit 1881 um 1,4 Grad Celsius erhöht, das ist fast das Anderthalbfache des globalen Mittels von einem Grad.“ Seit den späten 1950er-Jahren habe sich die mittlere Zahl der heißen Tage mit Temperaturen über 30 Grad von drei auf neun pro Jahr verdreifacht. Durchschnittlich gebe es nun jedes Jahr nicht mehr drei, sondern fünf sogenannte tropische Nächte, in denen die Temperatur nicht unter 20 Grad fällt. Und Hitzewellen, die länger als 14 Tage dauern, habe es im Tagungsort Hamburg vor 1994 nie gegeben, und seither viermal.

Solarkraftwerk in Webberville, Texas: Wird die Menschheit die Energiewende rechtzeitig schaffen?
Roschetzky Productions/Shutterstock

Die Suche nach dem Trump-Effekt

Einen großen Teil der Probleme könne die Welt mit besserer Technologie lösen, ist Amory Lovins überzeugt. Der Leiter des Rocky Mountain Institute in Colorado arbeitet seit Jahrzehnten daran, die Energienutzung effizienter zu machen. Sein eigenes Haus, in der Nähe des Skiortes Aspen auf 2200 Metern Höhe gelegen, brauche zum Beispiel keine Heizung und enthalte eine Bananenplantage unter einem geneigten Glasdach. „Würden alle amerikanischen Autos mit Kohlefaser statt Stahl gebaut, ließe sich die Hälfte der Ölproduktion der OPEC-Staaten einsparen“, sagt Lovins. Es würde nicht einmal viel kosten, weil der Aufbau der Karosserie viel einfacher wäre und die Vehikel, mit Elektromotoren ausgerüstet, deutlich kleinere Batterien bräuchten als herkömmliche gebaute Autos.

Das gesamte Energiesystem seines Landes, auf Effizienz getrimmt und auf erneuerbare Erzeugung gestützt, könne um fünf Billionen Dollar billiger arbeiten und ein Wirtschaftswachstum von 158 Prozent anstoßen, rechnet Lovins vor. Und dafür bedürfe es nicht einmal irgendwelcher neuer Gesetze, sondern nur des Profitstrebens von Unternehmern. Den Übergang von Kohle und Gas zu Wind- und Sonnenkraft fasst der Physiker in poetische Worte: „Wir können aufhören, die Feuer der Hölle aus der Erde zu fördern, und stattdessen den Atem und Glanz des Himmels ernten.“

In Wirklichkeit aber ist sein Land zurzeit auf dem Weg, Umweltgesetze in vielen Bereichen, nicht nur bei Energieverbrauch und Klima, über den Haufen zu werfen. Immerhin, die meisten Experten erwarten nicht, dass Trumps Entschluss die globale Klimapolitik zum Entgleisen bringen könnte. Zwar hatte der Physiker Stephen Hawking vor kurzem in der BBC gewarnt, das Verhalten der USA könne die Erde langfristig zu einer lebensfeindlich heißen Welt wie Venus machen. Klimaexperten bestreiten das: „Um den Effekt von Trumps Ausstieg zu erkennen, müsste man schon unglaublich genau hinsehen“, sagt Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Wolle man das in zwei Simulationen vergleichen, müsste man sie vermutlich 500-mal wiederholen, „damit man das Signal über dem Rauschen erkennt“. Erst bei einer zweiten Amtszeit des Politikers werde es vielleicht kritisch, und auch dann sei die Erde nicht auf dem Weg, zur zweiten Venus zu werden.