Die zweite Stufe der Klimaforschung

Wer die Menschen dazu bringen will, im Angesicht der globalen Bedrohung ihr Verhalten zu ändern, muss die Psyche kennen. Von Christopher Schrader

Foto: US Coast Guard, Christopher M. Yaw, Creative Commons License 2.0 (CC BY-NC-ND 2.0)

Ein Kuss vor Trümmern, und was für ein Kuss: Ein Statue auf Key West erinnert an das berühmte Foto, das bei der Siegesfeier nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Times Square in New York geschossen wurde. Nur dass der Hintergrund diesmal die verwüstete Insel nach Durchzug des Hurrikans Irma ist. Die Komposition der Aufnahme besagt, dass die Inselbewohner den Sturm überstanden, ja besiegt haben – die Menschen triumphieren am Ende über die Natur. Dass der Klimawandel die tödliche Energie von Irma potenziert hat, ignorieren viele Menschen in Florida und den ganzen USA.

Mitten im Interview wird der Becher in der Hand von George Marshall zum Beweisstück der Anklage: „Sehen Sie, ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Der Strom, den ich dafür gebraucht habe, setzt Schadstoffe in die Luft frei, die irgendwann irgendwo jemandem schaden. Und wissen Sie was? Es ist mir egal.“

Wer Marshall kennt, wird bei diesen Worten den Atem anhalten. Natürlich stellt das Heißgetränk keine ernsthafte Gefahr dar. Und der Brite ist auch keiner von diesen Zeitgenossen, die laut und breitbeinig ihr vermeintlich angeborenes Recht vertreten, die Ressourcen dieser Welt überreichlich auszuschöpfen – denen ginge es ohnehin eher um die tägliche Tankfüllung des Geländewagens. George Marshall ist ein Veteran der Klimaschutzbewegung, hat bei Greenpeace gearbeitet, sich für den Regenwald engagiert und die britische Organisation Climate Outreach mitbegründet. Er hat nicht die Seiten gewechselt.

Zu verstehen ist Marshalls Selbst-Anklage als kleine Provokation gegen die eigenen Reihen. Er bekennt, dass zwar viele Klimaschützer den Kampf gegen die globale Erwärmung als moralisches Gebot betrachten, es aber im Privatleben auch nicht schaffen, ihre Handlungen bis ins letzte Detail an ihren Überzeugungen auszurichten. Sie sind darum keine Heuchler, sondern: Menschen. Und diesen Status sollten sie auch Zuhörer gleich welcher Couleur zugestehen.

„Wer an den Klimawandel glaubt, tut das meistens, weil es gut zu ihm passt. Die anderen haben auch gute Gründe für ihre Einstellung. Sie sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben“, sagt der Brite. Er will die so Verteidigten keineswegs aus der Verantwortung für das Schicksal des Planeten entlassen; es geht ihm darum, einen Zugang zu ihnen zu finden. Bei der Lösung für die Klimaprobleme dieses Planeten müssen alle zusammen und aus innerer Überzeugung anpacken. Verzicht zu predigen, wozu manche in der Aktivisten-Szene neigen, wird kaum jemanden davon überzeugen. Das sollen seine Mitstreiter begreifen.

Die Einsicht leitet nach dem Willen des Briten einen Strategiewechsel ein. Klimaschützer beklagen zunehmend den Widerspruch zwischen der ständig wachsenden Beweislast, dass die Menschheit ihre eigenen Lebensgrundlagen angreift, und dem überschaubaren Ausmaß an Veränderungen in Alltag, Politik und Wirtschaft. Die gravierenden Folgen des Klimawandels abzufedern, ist für etliche Aktivisten kein naturwissenschaftliches oder technisches Problem mehr, sondern ein soziales. Das Gerede von Seiten und Reihen, Gegnern und Lagern empfindet Marshall inzwischen als großes Hindernis auf dem Weg zum Ziel. Und einfach immer mehr Information zu präsentieren, hilft auch nicht weiter. Die bisherige Strategie ist jedenfalls grandios gescheitert. 

Marshall und andere beschwören darum die zweite Stufe der Klimaforschung. Statt Physik, Chemie oder Ozeanographie sollen Gesellschaftswissenschaften im Mittelpunkt stehen: Soziologie, Kommunikationsforschung oder Psychologie. Sie decken eine Reihe systematischer Denkfehler und mentaler Schleichwege auf. Und sie entwickeln Rezepte, wie Menschen die Bewältigung der Krise als sinnstiftende, kollektive Aufgabe erkennen.

Marshall, der schon seit Jahren versucht, den Klimaschutz besonders für Konservative verträglich zu machen, ist mit seiner Analyse bei weitem nicht allein. „Wir wissen, was wir über die Ursachen und Folgen unserer Handlungen wissen müssen“, sagt Bill McKibben, Leiter der Umweltgruppe 350.org. „Was wir nicht wissen ist, wie wir uns selbst stoppen können.“ Auch der Soziologe Robert Brulle von der Drexel University in Philadelphia erklärt: „Der Klimawandel ist ein soziales Problem. Wer ihn bewältigen will, muss sich mit dem menschlichen Verhalten auseinandersetzen.“ Die Politologin Silke Beck vom Helmholtz-Zentrum Leipzig ergänzt: „Dass zum Beispiel alle Bürger von ganzem Herzen bei der Energiewende mitmachten, kann man wirklich nicht behaupten. Das gibt es Schwierigkeiten, die sollte man nicht wegrennen.“

Der norwegische Psychologe Per Aspen Stoknes schließlich erklärt: „Die menschliche Reaktion auf den Klimawandel zu verstehen, ist genauso wichtig, wie den Klimawandel selbst zu verstehen.“ Die Menschheit habe den schwarzen Kohlenstoff-Apfel vom Baum der Erkenntnis gepflückt, beteure aber ihre Unschuld. „Wir alle tun so, als seien wir rational, wenn wir uns irrational benehmen. Es ist an der Zeit, einen empathischen Blick auf unsere Klima-Irrationalität zu werfen.“

Was Fachleute wie er in Aufsätzen und Büchern[1] aufdecken, sind universelle, aber weitgehend unbewusste Mechanismen. Der menschliche Geist ist demnach auf kaum eine Gefahr so schlecht vorbereitet wie auf den Klimawandel; er findet lauter Ausflüchte, nicht darauf zu reagieren. Derart den Spiegel vorgehalten zu bekommen, ist nicht immer leicht zu ertragen, führt in einigen Fällen aber zu echten Aha-Erlebnissen.

So spießt Stoknes die verfehlte Kommunikation vieler Wissenschaftler und Umweltschützer auf. Sie berichten dem Publikum über Daten und Messungen, aber die Informationen prallen an vielen Zuhörern ab. „Und dann versuchen es diese rational gesinnten Experten immer wieder mit immer mehr Fakten und erwarten merkwürdigerweise, dass das Experiment irgendwann einen anderen Ausgang nimmt.“

Eine Frau mit ihrem unterernährten Baby steht im Jahr 2011 im somalischen Flüchtlingslager Badbado nach Essen an. Bilder solchen Elends rühren Menschen vielleicht zu Spenden für Hungernden in Afrika, aber als Symbolbild des Klimawandels taugen sie wenig: zu weit weg vom Alltag sind die Betroffenen, zu wenig drängt sich dem Betrachter auf, dass die Veränderung der Muster des Wetters entscheidend zur Not auf den fremden Kontinent beiträgt.
Eine Frau mit ihrem unterernährten Baby steht im Jahr 2011 im somalischen Flüchtlingslager Badbado nach Essen an. Bilder solchen Elends rühren Menschen vielleicht zu Spenden für Hungernden in Afrika, aber als Symbolbild des Klimawandels taugen sie wenig: zu weit weg vom Alltag sind die Betroffenen, zu wenig drängt sich dem Betrachter auf, dass die Veränderung der Muster des Wetters entscheidend zur Not auf den fremden Kontinent beiträgt.
UN Photo/Stuart Price

Bei dieser Kommunikationsstrategie ist schon die Grundannahme falsch: dass die Menschen zu wenig wissen, mit genügend Informationen aber den Ernst der Lage begreifen. Stattdessen, so die Psychologie, filtert jeder Zuhörer alle neuen Fakten, bevor er sie aufnimmt. Er gleicht sie mit vorhandenem Wissen und bisherigen Einstellungen ab. Was nicht passt, findet keinen Platz im Denkgebäude. „Wenn es einen Konflikt zwischen den Fakten und den Wertvorstellungen eines Menschen gibt, werden die Fakten verlieren“, sagt Stoknes.

Oft hängt es von der Quelle neuer Informationen ab, ob ein Zuhörer diese überhaupt ernsthaft abwägt. „Schon bevor jemand den Mund aufmacht, ist entschieden, was ich von seiner Botschaft halte“, so Stoknes. George Marshall bestätigt: „Vertrauen ist wichtiger als Information.“ Freunden, Verwandten, dem Pastor oder einem geschätzten Politiker glaubt man. Journalisten von der Zeitung mit der als links empfundenen politischen Haltung glaubt man nicht, und erst recht nicht Umweltschützern, die einem das Auto wegnehmen wollen – ganz egal, ob diese Vorurteile stimmen.

Wissenschaftler, die sonst hohes gesellschaftliches Ansehen genießen, können schon durch ihre Wortwahl unglaubwürdig werden: Gerade in der Klimadebatte sind viele Begriffe, Konzepte und Ideen von sozialer Bedeutung durchsetzt. Diese zu erkennen und darauf zu reagieren, ist für Zuhörer auf allen Seiten ein Kennzeichen ihrer Gruppenzugehörigkeit. Menschen schöpfen einen Teil ihrer Identität daraus, welchen Informationen sie glauben. Sie möchten nicht plötzlich von ihren Freunden schräg angeschaut werden, weil sie am impliziten Konsens der Gruppe rütteln.

Soziale Normen bestimmen auch das Verhalten. Die Psychologie kennt zum Beispiel den sogenannten Zuschauer-Effekt. Sie erklärt damit, warum bei Notfällen oft die Hilfsbereitschaft von Unbeteiligten umso geringer ist, je mehr Menschen das Ereignis wahrnehmen. Jeder einzelne sucht dann in der Menge nach Hinweisen, was zu tun sei. „Je mehr Leute von einem Problem wissen, desto mehr neigen wir dazu, unser eigenes Urteil zu ignorieren und die geeignete Reaktion am Verhalten der Anderen abzulesen“, sagt George Marshall. Macht niemand den ersten Schritt, oder sprechen sich Meinungsführer gar aktiv gegen das Eingreifen aus, passiert eben nichts.

Diese Art von Herdentrieb führt auch dazu, dass viele Menschen den Klimawandel bestenfalls als ein Problem unter vielen ansehen, ohne hohe Priorität. Der Vorrat an Sorgen ist ohnehin begrenzt, wie Psychologen wissen, darum führt eine neu hinzu getretene Angst wie vor islamistischem Terror dazu, dass globale Erwärmung weniger bedrohlich erscheint. Ganz oben auf der Skala bleiben – vermeintliche oder echte – Gefahren, die Emotionen auslösen: die Angst, den Job zu verlieren, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, Drogen beim Kind zu finden. „In der Klimadebatte haben wir noch immer keine Möglichkeit gefunden, auf gleiche Weise das fühlende Gehirn anzusprechen“, bekennt George Marshall. Die Suche nach einem Ansatz gleiche „der Alchemie, die unedle Daten in emotionales Gold verwandeln will“.

Was den Menschen zum Handeln motiviert, beschreibt  der Psychologe Daniel Gilbert von der Harvard University mit dem PAIN-Schema (personal, abrupt, immoral, now – auf deutsch etwa: persönlich, plötzlich, unmoralisch und gegenwärtig). Menschen reagieren demnach stark darauf, wenn Täter und/oder Opfer ein bekanntes Gesicht haben, wenn sich die Verhältnisse unerwartet und schnell ändern, wenn ethische Werte verletzt sind und das Ganze in diesem Moment passiert. Terrorismus drücke jeden dieser vier Knöpfe, stellte Gilbert vor Jahren nüchtern fest, der Klimawandel an sich keinen. „Die globale Erwärmung ist nur darum eine tödliche Bedrohung, weil sie im Gehirn keinen Alarm auslöst. Sie lässt uns in einem brennenden Bett ruhig weiterschlafen.“

Tatsächlich beziehen sich viele wissenschaftliche Warnungen vor den Folgen der globalen Erwärmung auf weitentfernte Menschen in Bangladesch oder auf Südseeinseln, machen vertraute Dinge des Alltags wie Autos oder Kraftwerke verantwortlich, nennen als Zeithorizont das Jahr 2100 und sprechen von graduellen Veränderungen. Unter diesen Umständen sein Leben ohne Änderungen weiter zu leben, sei eine normale, menschliche Reaktion und keinesfalls zu verteufeln, sagt der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes. Die Tatenlosigkeit verberge oft eine kognitive Dissonanz. „Wir empfinden einen Widerspruch zwischen dem, was wir tun und was wir wissen. Um zu vermeiden, uns als Heuchler zu fühlen, sperren wir das Wissen in unserem Kopf ein. Und wenn uns jemand daran erinnert, gehen wir an die geheime Kammer, um das Schloss zu überprüfen.“

Das Steuer lässt sich nur herum reißen, ist Stoknes überzeugt, wenn eine kulturelle Transformation der Gesellschaften passiert. Dafür gibt es historische Vorbilder wie die Massenbewegungen, die Rassentrennung in den USA und Apartheid in Südafrika auf den Müllhaufen der Geschichte gefegt haben. In vielen Ländern, auch in Deutschland, ist Tabakkonsum in der Öffentlichkeit inzwischen streng reglementiert und Homosexuelle können heiraten – oft ging es nach Jahrzehnten ohne Fortschritt plötzlich überraschend schnell. Und womöglich beginnt mit dem Ruf nach Devestition gerade die Ächtung der Kohle. Immer mehr Geldanleger, gerade auch institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, folgen ihm und ziehen ihre Einlagen aus der Fossile-Energien-Industrie zurück. 

Parallel dazu muss sich George Marshall zufolge der Ton der Debatte ändern, also die Rahmenerzählung, die dem Klimawandel seinen Platz im gesellschaftlichen Diskurs gibt. „Dass die Menschen massenhaft aktiv werden, erreichen wir nicht durch Narrative von Feindschaft. Wir müssen stattdessen Narrative von Kooperation, geteilten Interessen und gemeinsamer Menschlichkeit entwickeln.“

Noch steht diese Bewegung am Anfang. Marshall ist wie viele Mitstreiter überzeugt, dass vor einem Erfolg die Klimaschützer alter Schule die Lufthoheit über das Thema aufgeben müssen. „Es kann nur funktionieren, wenn in jeder sozialen Gruppe die jeweiligen Meinungsführer ihre Version von Klimaschutz verbreiten“, sagt er. In vielen Fällen darf dabei das Wort „Klima“ nicht auftauchen, es könnte zum Beispiel um Energie-Unabhängigkeit, saubere Luft oder Wetterextreme gehen. „Den Erfolg werden wir daran erkennen“, sagt Marshall, „dass über das Thema auf eine Art geredet wird, die uns persönlich überhaupt nicht gefällt.“

Eine Kröte gilt es gleich am Anfang zu schlucken: Man müsse es Menschen zugestehen, um das Zeitalter der fossilen Energien zu trauern. Diese Melancholie ist Marshall selbst nicht fremd. „Die Zukunft wird viele neue Genüsse bereithalten. Aber auf das satte Röhren eines Ford Mustang V8 müssen wir wohl verzichten.“

[1] siehe zum Beispiel: George Marshall: Don’t even think about it, Bloomsbury, New York, 2014; Per Espen Stoknes: What we think about when we try not to think about climate change, Chelsea Green Publishing, White River Junction/Vermont, 2015

Hinweis: Dieser Text ist im Juni 2016 bei der Süddeutschen Zeitung erschienen. Ein vertiefendes Interview mit George Marshall findet sich hier.