Wenn die Bucht aus dem Kanaldeckel quillt

An der amerikanischen Ostküste treiben Klimawandel und die lokale Geologie das Wasser auf die Straßen. Von Christopher Schrader

Für Schulte Junior war es natürlich ein Abenteuer, für den Vater hingegen eher lästig. Als beide eines Morgens zur Schule kamen, war die Straße vor dem Gebäude überflutet. Der Fünftklässler musste hinüberwaten, der Vater fuhr nach Hause, holte trockene Sachen, brachte sie dem Sohn und fuhr zur Arbeit. Dort wartete der erhöhte Wasserstand schon auf seinem Schreibtisch und in seinem Computer, in Form von Messdaten und Simulationsrechnungen. „Ich kann dem nicht entkommen“, seufzt Dave Schulte, Ozeanograph beim Army Corps of Engineers in Norfolk/Virginia, „Überflutungen rund um die Chesapeake Bay sind der Gegenstand meiner Arbeit und ich erlebe sie häufig im Privatleben.“

Schultes Heimatstadt wird seit Jahren vom sogenannten Nuisance Flooding geplagt: Überschwemmungen, die niemanden in Gefahr bringen, aber lästig sind und unerwartete Kosten verursachen. Nach einer Untersuchung der amerikanischen Behörde für Ozeane und Atmosphäre Noaa hat sich die Zahl der Tage, an denen das in Norfolk passiert, im Lauf der vergangenen Jahrzehnte vervierfacht: von 1,7 im Mittel der Jahre 1957 bis 1963 auf 7,3 fünfzig Jahre später.

Viele Orte rund um die Chesapeake Bay, an deren Mündung in den Atlantik Norfolk liegt, sind noch stärker betroffen. Annapolis und Baltimore, beide im US-Staat Maryland, führen die Noaa-Liste an, dort hat sich die Zahl der Fluttage jeweils verzehnfacht, in Annapolis im Mittel auf 39 pro Jahr. Auch Washington, das über den Potomac an die Bucht angebunden ist, steht unter den Top-Zehn: knapp 30 Tage nuisance flooding, fast fünfmal so viele wie vor 50 Jahren. „Weil der sogenannte relative Meeresspiegel ansteigt, braucht es nicht einmal einen starken Sturm oder Hurrikan wie früher, um Überschwemmungen auszulösen“, sagt William Sweet von Noaa, der die Daten zusammengetragen hat. „Draußen ist es sonnig und schön, und trotzdem stehen Straßenkreuzungen unter Wasser und blubbert es aus der Kanalisation.“

Dass Sweet den Meeresspiegel mit dem Adjektiv „relativ“ verknüpft, erspart ihm endlose Diskussionen. Zwar konfrontieren die lästigen Überschwemmungen in der historisch wichtigen und dicht besiedelten Chesapeake-Region viele Amerikaner, die Klimawandel und Meeresspiegelanstieg für eine aufgebauschte Gefahr halten, mit deren Realität. Doch ist das Phänomen keine reine Lehrstunde für Skeptiker und Kritiker, und schon der Begriff „relativer Meeresspiegelanstieg“ deutet auf die komplexen Ursachen und Umstände hin.

Der Wasserstand an der Chesapeake Bay ist allein seit dem Jahr 1927 um etwa 40 Zentimeter angestiegen, deutlich mehr als im globalen Durchschnitt. Etwa die Hälfte der jährlichen 4,4 Millimeter Zunahme geht nach der Analyse viele Wissenschaftler, unter anderem Sweet und Schulte, auf den globalen Klimawandel zurück, weil Gletscher schmelzen und sich das erwärmte Wasser ausdehnt. Die andere Hälfte des Anstiegs aber hat lokale Ursachen: Das Land hier sinkt, vor allem in Folge der Grundwasser-Entnahme und einiger langfristiger geologischer Prozesse. Nur: Welchen der beiden nahezu gleichgewichtigen Anteile Menschen betonen, ist oft ein politisches Bekenntnis, besonders seit Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist.

Wer vor allem vom Klimawandel spricht, dem verschließen sich viele Türen. So erhält Thomas Quattlebaum von der Umweltorganisation Chesapeake Bay Fund (CBF) gelegentlich nicht einmal eine Antwort, wenn er Nachbarschaftsvereine anspricht, um sie über Küstenschutz mit Pflanzen und Dünen statt mit Beton zu informieren: „Auch wenn Informationsabende zustande kommen, ist das Gespräch oft schwierig und konfliktreich.“ Skip Stiles von der Gruppe Wetlands Watch hat festgestellt: „Es ist oft besser, mit den konkreten Maßnahmen zu beginnen, und später vielleicht zu den Ursachen für die Veränderungen zurück zu kommen.“

Der Begriff Nuisance Flooding verharmlost die Lage allerdings auch – zumal Stürme angesichts des erhöhten Wasserstandes durchaus gefährlich werden. Schon die „lästigen“ Überschwemmungen aber verursachen hohe Kosten. Die Stadt Norfolk plant Dutzende Projekte für Hunderte Millionen Dollar, um die Folgeschäden zu begrenzen. Neben einzelnen Fluttoren und angehobenen Straßen sollen vor allem Rückfluss-Ventile in der Kanalisation verhindern, dass das Wasser der Bucht in die Stadtviertel im Inneren gelangt. Die Rohre waren schließlich einst für das Ableiten von Regen angelegt worden, wirken jetzt aber in vielen Gemeinden umgekehrt.

Eine besondere Gefahr stellt das Wasser ausgerechnet für die US-Marine dar. Sie betreibt in Norfolk die Naval Station, ihre größte Basis weltweit. 75 Kriegsschiffe haben hier ihren Heimathafen, darunter vier Flugzeugträger. Das Gelände liegt großteils nicht einmal zwei Meter über dem Meeresspiegel, Zufahrtsstraßen, Tore, Parkplätze, selbst einige der Piers stehen immer wieder unter Wasser. Zehntausende Soldaten können bei Überflutung nicht mit ihren Autos auf die Basis kommen, sagt Petty Officer First Class Robert Martin vom Besucherdienst der Basis (sein Rang entspricht einem Bootsmann in der deutschen Marine). „Sie müssen laufen, oft auch waten, um ihre Einsatzorte zu erreichen.“ Das kann Stunden dauern, so groß ist das Areal. 

Wichtiger aber noch ist die Versorgung der Schiffe. Die Stromleitungen wurden Anfang des 20. Jahrhunderts unter den 14 langen Docks verlegt – bei Hochwasser gibt es darum Kurzschlüsse. Etliche der Piers, zeigt Martin, sind inzwischen als Doppeldecker neu gebaut worden. „Eigentlich haben wir das gemacht, um die Einsatzzeit zu verbessern. Dann haben wir festgestellt, dass die Docks auch wegen des Meeresspiegelanstiegs Vorteile bieten.“ Insgesamt spielt der Unteroffizier das Problem für die Basis eher herunter. „Wir haben das im Griff. Es kann ja nicht sein, dass das Wasser die Navy stoppt.“

Wissenschaftler sehen die Situation kritischer. Die Union of Concerned Scientists (UCS), eine Lobbygruppe in Washington, hat im vergangenen Jahr eine Reihe von Studien über Militärbasen vorgelegt. Für Norfolk erwarten die Forscher einen weiteren Meeresspiegelanstieg von 1,30 bis 2,10 Meter zum Ende des Jahrhunderts, wiederum deutlich mehr als im globalen Mittel. Wo die Basis zurzeit allein durch den Tidenhub neunmal pro Jahr Überflutungen erlebt, könnte schon 2050 etwa 270-mal das Wasser auf Straßen und Piers stehen. Später steigt der Prognose zufolge die Zahl der Ereignisse sogar deutlich über 365, weil die Flut zweimal pro Tag kommt, und sinkt dann wieder. Aber das ist kein gutes Zeichen – das Wasser zieht sich nicht jedes Mal bei Ebbe wieder zurück.

„Sehr viel Fläche würde praktisch unbenutzbar“, sagt Astrid Caldas, die bei UCS die Analyse geleitet hat. Sie räumt ein, dass die Studie auch strategisch wirken soll. „Wir haben die militärischen Einrichtungen zum Thema gemacht, um die Konservativen zu erreichen.“ Ob das gelingen kann, ist unklar; die Situation in Washington ist unübersichtlich. Einerseits hat Donald Trump dem Militär eine besondere Vorbereitung auf den Klimawandel praktisch verboten. Andererseits bestätigte Verteidigungsminister James Mattis die langjährige Position des Pentagon, der Klimawandel sei real und eine Bedrohung der nationalen Sicherheit.

Bedroht ist auch die nationale Erinnerung. In der Nähe von Norfolk treffen die Überschwemmungen die Ruinen von Jamestown. Viele Amerikaner betrachten den Ort als Wiege ihres Landes: Hier gründeten englische Siedler 1607 die erste permanente Siedlung. Doch die Überreste des Forts und der Kirche sowie viele archäologische Spuren im Boden liegen nur noch etwa einen Meter über dem Spiegel des James River, der hier den Gezeitentakt der Bucht aufnimmt. Dieses kulturelle Erbe vor dem Klimawandel bewahren, bedeutet ein Dilemma. „Es wäre einfach, Jamestown mit Deichen zu schützen“, sagt Dave Schulte, dessen Behörde solche Bauten planen müsste. „Aber wie beschützt man seinen Charakter, wenn der Blick aufs Wasser verloren geht?“