Tangible Music Label Night

Köln, Stadtgarten, 17.5.2019

Übersetzt bedeutet „tangible“ so viel wie „greifbar, handfest, konkret“. Für Janning Trumann ist diese Bedeutung ein passendes Motto – für sein Label Tangible Music ebenso wie für ihn als jungen Jazzmusiker: anderen den intuitiven Prozess der Improvisation (be)greifbar zu machen.

Peter Tümmers Der Kölner Posaunist Janning Trumann, ein Aktivposten der Jazzszene in Köln.

Janning Trumann ist ein Macher: einer, der auch mal die Ärmel hochkrempelt und selbst Hand anlegt; einer, der Ideen entwickelt und alles daran setzt, dass diese auch realisiert werden; einer, der kulturpolitisch denkt und eloquent das Gespräch mit den Entscheidern in der Politik sucht. Auch deshalb ist Trumann, 1990 irgendwo in der Lüneburger Heide geboren, der Mann der Stunde, um die „Jazzstadt Köln“ (das ist auch der Name eines Projektes, das Trumann als Vorständler der Initiative „Kölner Jazz Konferenz“ vor anderthalb Jahren mitentwickelt und an den Start gebracht hat) voranzubringen und auch gegenüber der Metropole Berlin zu positionieren.

Trumann ist aber auch Posaunist, der über Hamburg nach Köln zog, wo er an der Jazzabteilung der Hochschule für Tanz und Musik studiert hatte. Schon die Form seines Konzertexamens 2014 machte deutlich, dass er eben nicht nur ein junger aufstrebender, talentierter Jazzmusiker war, sondern auch ein Aktivposten für die Kölner Szene: Er gestaltete sein Examen als kleines Festival.

Irgendwie logisch, dass Trumann Anfang vergangenen Jahres auch seine Plattenfirma Tangible Music auf den Weg gebracht hat. Sein Label ist aber nicht nur Heimstatt für die eigenen Produktionen. Vielmehr ist es Plattform für die junge Szene in Köln, die sich seit einigen Jahren rund um die Jazzabteilung der Musikhochschule gebildet hat – und an deren zunehmender Wahrnehmung von außen Trumann großen Anteil hat.

Die „Tangible Music Label Night“ im Kölner Stadtgarten machte dann auch eines deutlich: Zwar ist der Endzwanziger mit seinem Label „Spiritus rector“ für die vier Bands mit jungen Improvisationskünstlern aus Köln, aber eben auch „Primus inter pares“. Trumann selbst war an diesem Abend hauptsächlich in der Rolle des (etwas nervös-hibbeligen) Hosts zu erleben, nur in dem kooperativen Quartett Trillmann stand er auch als Posaunist auf der Bühne.

Das Quartett Trillmann mit Fabian Willmann, Janning Trumann, Florian Herzog und Eva Klesse.
Das Quartett Trillmann bei der „Tangible Music Label Night" im Kölner Stadtgarten.
Peter Tümmers

Nachdem der mittlerweile in Brooklyn, New York, lebende Vibrafonist Dierk Peters mit seinem „Ambrosia“-Sextett und einer leisen, diffizilen Improvisationsmusik Trumanns „Label Night“ eröffnet hatte, setzten der Posaunist, der Tenorsaxofonist Fabian Willmann (der Bandname Trillmann setzt sich aus beider Nachnamen zusammen), der Bassist Florian Herzog und die Schlagzeugerin Eva Klesse mit ihrem expressiven Modern Jazz einen dynamischen Kontrapunkt dazu: Die mal riffartig, mal polyfon durchgestalteten Themenköpfe öffneten sich in den Solochorussen der beiden Bläser einer zeitgenössischen Jazzmusik – auch und gerade deshalb, weil der eigenwillige rhythmische Flow von Herzog und Klesse dem freien Spiel der improvisatorischen Kräfte der beiden Gestalt gaben und das nonchalantes Changieren zwischen Pausen und Akzenten dieser Rhythmusgruppe die Musik regelrecht zum Tanzen brachte.

Bevor David Helm mit seinem Schlagzeug spielenden Alter ego Fabian Arends das gemeinsame „Fosterchild“-Projekt aufführte, legte der erst einmal seinen Kontrabass beiseite, um als Sänger und Gitarrist mit dem Aliasnamen Marek Johnson im Trio mit Thomas Sauerborn, der seinen Platz auf dem Schlagzeugschemel verlassen und zum E-Bass gegriffen hatte, und Dominik Mahnig (Drums) einen so unfertigen und deshalb so authentischen Indie-Pop zu spielen.

Zum Schluss der „Tangible Music Label Night“ folgte also „Fosterchild“, mit dem dieses junge Rhythmusgespann (Arends und Helm sind gerade mal 30 Jahre alt geworden) geschickt auf der dünnen Grenzlinie zwischen Komponiertem und Improvisiertem entlang lief: mit einem untrüglichen Gespür für Dynamik, um die Musik fast ins Unhörbare verrinnen zu lassen, mit einem Philip Zoubek am analogen, monophonen Moog-Synthesizer, der im Zusammenspiel mit der Cellistin Elisabeth Coudoux reizvoll flirrende Sounds erzeugte, und natürlich mit Arends und Helm, die die aufbrechenden Klangplatten mal übereinander schichteten, mal ineinander schoben. Aber aller intellektueller Komplexität zum Trotz entwickelte „Fosterchild“ eine enorme emotionale Wucht, die hauptsächlich dort hoch kochte, wo die Platten aufeinander trafen und Eruptionen für Hitze sorgten.

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