Singing in the Rain

Nuttshell & Nattjazz, 22.5. bis 28.5.2019

Bergen ist das „Tor zu den Fjorden“, weil von hier die Hurtigruten-Schiffe mit Touristen aus aller Welt ablegen. Bergen ist Musikstadt, weil hier Edvard Grieg 1843 geboren wurde und ein Musikfestival an das Schaffen von Norwegens Nationalkomponisten erinnert. Und Bergen ist Jazzstadt, in der jahrjährlich das Festival Nattjazz stattfindet. Martin Laurentius hat das erste Festivalwochenende besucht

Dass Bergen an der westnorwegischen Küste mit mehr als 200 Regentagen im Jahr als regenreichste Großstadt Europas gilt, zeigte sich schon bei der Ankunft am Flughafen: Grau und wolkenverhangen war der Himmel, als man aus dem Flughafen trat und auf den großen Schriftzug an einer Felswand mit den Namen dieser zweitgrößten Stadt Norwegens schaute. Ein Regenschauer folgte dem nächsten, zwischendrin riss die Wolkendecke immer wieder auf und die Sonne brach hervor.

Dieses dramatische Vexierspiel aus Licht und Zwielicht verstärkte sich, wenn man am Hafen stand und auf das Wasser des Byfjord schaute, dessen zwei Arme den Naturhafen Bergens bilden: Sonnendurchflutete Momente erzeugten im Wechsel mit fahlem Licht eine expressive Farbdramaturgie.

Nattjazz (auf Deutsch: „Nachtjazz“) heißt das Festival, das seit 1973 an zehn Tagen in der zweiten Maihälfte stattfindet. Der Name steht in Opposition zum gleichzeitig ausgetragenen Bergen International Festival mit überwiegend klassischer Musik, die hauptsächlich tagsüber aufgeführt wird.

Seit 2013 ist eine zum Kulturzentrum umgebaute Sardinen-Fabrik direkt am Hafen Austragungsort für Nattjazz: mit einer Hauptbühne in der ehemaligen Räucherei („Røkeriet“), einer etwas kleineren mit Namen „Sardinen“, wo einst die Fische in Dosen verpackt wurden und heute der Bergen Jazzforum Jazzclub seine Heimat hat, und dem USF Studio als Spielort für experimentelle, musikalische Avantgarde. An einigen Stellen kann man übrigens die frühere Funktion des Gebäudes noch riechen.

Der Hardangerfjord südlich von Bergen.
Bergens Tourismusattraktion: der Hardangerfjord.

In der Nussschale

Als eine Art „Pre-Opening“ zum offiziellen Nattjazz-Festival findet an drei Tagen zuvor das Showcase-Programm „Nuttshell“ statt, für das das Westnorsk Jazzsenter ein Fachpublikum aus Veranstalter*innen und Musikjournalist*innen einlädt – nicht nur aus Europa, sondern auch aus Kanada und den USA.

Das Spannende an „Nuttshell“ ist, dass die Konzerte mit teils unbekannten, vor allem jüngeren Acts aus Norwegen keine festen Spielstätten haben, sondern an Orten und in Räumen in und um Bergen ausgetragen werden, in denen sonst keine Konzerte zu erleben sind – auch damit die Gäste aus dem Ausland die Sehenswürdigkeiten dieser Hafenstadt ebenso erkunden können wie die reizvolle Landschaft drum herum.

Die norwegische Sängerin Marie Kvien Brunvoll.
Hat mit dem Trio Building Instrument ihr „Nuttshell"-Showcase-Konzert auf einer Museumswerft am Hardangerfjord gespielt: Sängerin Marie Kvien Brunvoll.

Brücken schlagen

Es gab dieses Jahr bei „Nuttshell“ auch „Hochschul-Jazz“ zu hören, der zwar auf hohem Niveau dargeboten wurde, aber überall dort, wo es Musikakademien gibt, üblich ist – etwa vom Quartett Instant Light um den Tenor- und Sopransaxofonisten Jørgen Mathisen. Es gab aber auch ein überzeugendes Konzert eines Trios um die junge Sängerin Marie Kvien Brunvoll aus Molde mit dem sinnigen Namen Building Instrument, das im ehemaligen Café einer Museumswerft am Hardangerfjord südlich von Bergen spielte: mit einer leisen, hintergründigen Poesie und verhangenen Melodien, dem berückend-brüchigen Timbre von Brunvolls Stimme, die im Dialekt ihrer Heimatstadt Molde sang, mit pluckernd-rollenden Beats vom Schlagzeug und allerlei Klangspielereien aus dem digitalen Fundus.

Es gab auch ein unbegleitetes Kontrabass-Solokonzert mit Ellen Andrea Wang, die im Restaurant auf Bergens Hausberg Fløyen oberhalb der Stadt Brücken zwischen alten norwegischen Volksliedern und einem inspirierenden, akustischen Soul schlug.

Das „Nuttshell“-Konzert von Streifenjunko in der Bar Mosaic.
Das Duo Streifenjunko mit dem Saxofonisten Espen Reinertsen und dem Trompeter Eivind Lønning in der plüschigen Bar Mosaic in Bergen.

Aus der Nussschale heraus

Und es gab echte Entdeckungen bei „Nuttshell“ zu machen. Das Duo Streifenjunko mit dem Saxofonisten Espen Reinertsen und dem Trompeter Eivind Lønning zum Beispiel, das sein Konzert in der plüschigen Bar Victoria in Bergen spielte. Die beiden Musiker suchten nach ungewöhnlichen Parametern zur Improvisation. Klangverfremdung und -bearbeitung mit analogen und digitalen Gerätschaften waren bei ihnen nicht Selbstzweck, sondern integrale Bestandteile einer experimentellen Kammermusik, deren dynamische Amplitude flach blieb, um auch das kleinste Detail im geräuschhaften, improvisatorischen Fluss wahrzunehmen.

Diametral entgegengesetzt gab sich das Konzert der jungen, in Oslo lebenden Dänin Signe Emmeluth, die mit ihrem Bass-losen Quartett Amoeba im Verkaufsraum eines alteingesessenen Klavierhändlers in Bergen spielte. Die Band ließ eine Energiewelle nach der anderen über die teuren Klaviere und Flügel rollen: kraftstrotzend und laut, roh und rotzig wie Punk-Rock. Diese Klangmasse verdichtete sich noch, wenn leise, lyrische Momente, in denen sich die spieltechnische Raffinesse der vier jungen Musiker*innen zeigte, akustische Nadelstiche setzten.

Signe Emmeluth mit ihrem Bass-losen Quartett Amoeba.
Schickte eine Energiewelle nach der anderen über die Klaviere eines Musikalienhändlers in Bergen: Signe Emmeluth mit ihrem Bass-losen Quartett Amoeba.

Die Nacht zum Tag

Einige der Musiker*innen, die man bei einem der „Nuttshell“-Konzerte erleben konnte, waren dann auch in anderen Konstellationen im Nattjazz-Programm zu hören. Der Schlagzeuger Thomas Strønen beispielsweise, der zuvor mit der japanischen Pianistin Ayumi Tanaka und der norwegischen Saxofonistin Marthe Lea tonal freie Cluster rhythmisch verdichtet hatte, bildete mit dem Bassisten Ole Morten Vågan die Rhythmusgruppe für den Auftritt der Pianistin Maria Kannegaard. Auch und gerade deshalb, weil man den Eindruck hatte, zwei Konzerten gleichzeitig auf einer Bühne zu folgen – das klangmächtige, intuitiv den melodischen Duktus in den harmonischen Fluss verschränkende Spiel der Pianistin einerseits und einem rhythmisch pulsierenden, metrisch vielschichtigen Dialog zwischen dem Bassisten und dem Drummer andererseits –, wurde dieser Auftritt zum Highlight des ersten Nattjazz-Wochenendes.

Strønen und Vågan arbeiteten sich immer wieder mit aller Macht an der Türe von Kannegards hermetisch verschlossenem Klangraum ab. Es war die Pianistin, die entschied, ob die beiden Einlass fanden oder nicht. Waren sie dann drin, begann Kannegaards improvisierte Klaviermusik urplötzlich zu strahlen. Die Töne von Bass und Piano reihten sich wie Perlen an einer Kette auf und ballten sich zu dicken Klangtrauben zusammen. Vom rhythmischen Flow unter Spannung gesetzt, lösten sich einzelne Beeren heraus, um wie Luftblasen im Wasser nach oben zu steigen, wo sie zerplatzten. Kannegaard war es dann aber auch, die ihre beiden Partner immer wieder vor die Türe setzte. Faszinierend.

Der norwegische Drummer Thomas Strønen.
Der norwegische Schlagzeuger Thomas Strønen bildete mit seinem Landsmann Ole Morten Vågan die Rhythmusgruppe für die Pianistin Maria Kannegaard.

Nichtklassische Musik

Ellen Andrea Wang ist auch Bassistin bei GURLS, einem kooperativen Frauen-Trio, das kürzlich mit dem „Spellemannprisen“, dem norwegischen „Grammy“, ausgezeichnet wurde. Die eigentlich so nonchalant zwischen Pop, Soul und Jazz changierende Musik dieses Trios verlor bei Nattjazz durch Elias Tafjord als Gastschlagzeuger aber ihre tastende Introspektion. Gitarrist Kim Myhr stand gleich mit drei Instrumentalkollegen und drei Schlagzeugern auf der Bühne im Studio USF: mit endlos erscheinenden Klangschleifen, die durch stete Wiederholungen und eine ausdifferenzierte Dynamik einen hochemotionalen Sog entwickelten.

Nach der Chimäre „Ekhidna“ (einem Wesen halb Mädchen, halb Schlange) aus der griechischen Mythologie hat die Gitarristin Hedvig Mollestad ihre Auftragskomposition benannt, die beim Festival Vossajazz ihre Uraufführung hatte. Aus der für die Gitarristin typischen „Wall of Sound“ meißelten die Musiker*innen ihrer Band immer wieder Bruchstücke heraus, um den Mahlstrom dieser lautstark rockenden Improvisationsmusik zu regulieren. Nur die Portugiesin Susana Santos Silva wirkte mit ihren fanfarenartigen Trompetenstößen wie ein Fremdkörper in diesem massigen Umfeld.

Die Kontrabassistin Ellen Andrea Wang.
Ellen Andrea Wang ist Bassistin bei GURLS, einem kooperativen Frauen-Trio, das kürzlich mit dem „Spellemannprisen“, dem norwegischen „Grammy“, ausgezeichnet wurde.

Träume von Rock, Pop und Jazz

Die Bühne in der „Røkeriet“ ist im Nattjazz-Gemenge vor allem Rock- und Pop-Acts vorbehalten. Was anderswo eher der Popularisierung des Jazz das Wort redet, ist bei diesem Festival in Bergen nichts anderes als ein Indiz für die stilistische Offenheit der norwegischen Szene „nichtklassischer“ Musik. Am Eröffnungsabend enterte die samische Sängerin Mari Boine mit ihrer Band die Bühne. Der Besucher aus Deutschland ließ sich vom drängenden Strom dieser Musik mitreißen: vom guttural-tranceartigen Joik, dem Gesangsstil der Sami, einem indigenen Volk hoch oben im Norden Skandinaviens; von den rituellen Rhythmen, die Boine auf der traditionellen Rahmentrommel Gievriej schlug, und von den stoischen Rock-Grooves der Band.

Interessant war es mitzubekommen, dass Boines vor allem in Norwegen so erfolgreicher Stilhybrid energetisch gar nicht weit entfernt ist von dem quirligen Free Jazz, den kurz zuvor die beiden Norweger Ingebrigt Håker Flaten (Bass) und Paal Nilssen Love (Drums) mit dem amerikanischen Tenorsaxofonisten David Murray gespielt hatten.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“ gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius (und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN – und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, gegen Bezahlung anbieten.

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