Die Kraft der Kontraste

27. Internationales Jazzfestival Münster, 4.1. bis 6.1.2019

Mit seiner 27. Ausgabe feiert das Internationale Jazzfestival Münster zu Jahresbeginn sein 40-jähriges Bestehen. In harten Schnitten demonstriert das vielseitige Programm die Frische und Lebendigkeit der europäischen Jazzszene.

Kontraste. Von der „münstertypischen ‚Ästhetik der Kontraste’“ schreibt Fritz Schmücker, der künstlerische Leiter des Internationalen Jazzfestivals Münster, in seinem Vorwort zur 27. Ausgabe, mit der das Festival zum Auftakt des Jazzjahres vom 4. bis zum 6. Januar zugleich sein 40-jähriges Bestehen feierte. 40 Jahre, das ist enorm für eine allenfalls mittelgroße Großstadt im westfälischen Flachland, die ihren historisch größten Moment vor mehr als 370 Jahren mit dem Schlusspunkt des 30-jährigen Krieges hatte. 40 Jahre, das reiht das Festival ein unter die traditionsreichsten des Landes und spricht für die außerordentliche Verbundenheit der Stadt mit der Musik, die es präsentiert. Und mit seinem Festprogramm macht das Festival zugleich deutlich, dass es noch lange nicht erschlafft ist – jünger, diverser und lebendiger war es bisher nur selten.

Seit der Asta der Universität das Festival im Sommer 1979 erstmals veranstaltete, hat es sich mehrmals runderneuert. Suchte es in seinen Gründerjahren den Anschluss an den afroamerikanischen Teilstrom der internationalen Jazzavantgarde, mischte es sich später in den inflationären Wettbewerb um die großen, amerikanischen Stars des Jazz, wo es schließlich die Segel streichen musste. Nach dem Umzug in das Stadttheater und der Umstellung auf einen Zweijahresrhythmus führte Schmücker, der seit 1985 zu den Programmgestaltern zählt, das Festival als alleiniger künstlerischer Leiter im Auftrag des Kulturamts der Stadt in ruhigeres Fahrwasser. Europäische Produktionen prägen im neuen Jahrtausend das Programm. Die aufgeräumten Verhältnisse auf zwei Bühnen im Theater bieten einen passenden Rahmen für ein vielfältiges Programm, das mit großformatigeren Konzerten die Publikumsseele streichelt und sie sodann mit gewagteren Produktionen auf ihre Belastbarkeit durchcheckt. Die kleinere Studiobühne ermöglicht zugleich einen Blick in die abseitigeren Regionen des aktuellen Jazztreibens – so weit, so gebräuchlich. Besonders ist jedoch das Vertrauen, dass das Publikum dem Festivalleiter vorschießt: Wenige Stunden nach Vorverkaufsbeginn ist das Festival restlos ausverkauft, und wenn Schmücker während des Festivals auf der Bühne erscheint, dann werden seine Pointen so freudig angenommen wie die waghalsigsten Themensprüngen im Programm. Sehr gute Voraussetzungen also für ein Festival.


Kontraste und Kontur

Tatsächlich waren es auch im diesjährigen Festival die Kontraste, die seiner Programmgestaltung Kontur gaben, die kraftvolle Folge von scharf konturierten Programmpunkten: laut dann leise, zart dann hart, rabiat dann romantisch. Erwarte das Unerwartete. Dabei kommt es zu interessanten Spiegelungen und - was die Highlights des Festivals angeht - zu einer möglicherweise unbeabsichtigten französischen Ballung. Alle drei Festivaltage starteten in diesem Jahr mit harscher Kost. Am Freitagabend setzte das portugiesische Sextett Axes als Festivalopener mit dem sorgfältig verzahnten Zusammenspiel des Altsaxofonisten João Mortagua und dreier weiterer Saxofonisten und der rhythmischen Durchschlagskraft zweier komplementär agierender Schlagzeuger die große Theaterbühne in Schwingung.

Mit dem Westfälischen Jazzpreis geehrt: der Saxofonist und Komponist Florian Walter

An den anderen beiden Festivaltagen nutzten zwei gegensätzliche Projekte junger deutscher Musiker auf der kleinen Bühne radikal verschärfte Mittel. Mit den statischen Soundbändern, die der 31 Jahre alte Florian Walter auf Kontrabassklarinette und dem Tubax, einem Zwitter zwischen Tuba und Saxofon erzeugt und durch die Filter des Live-Elektronikers Florian Hartlieb in eine dritte Dimension treten lässt, sprengt das Trioprojekt Feldmodul stilistische Grenzen zwischen improvisierter und minimalistischer Musik und öffnet den Blick auf die strukturellen Verbindungen zwischen Musik und zeitgenössischer Kunst. Ein die halbe Bühne ausfüllender, kubischer Raumkörper der Video- und Licht-Künstlerin Anastasija Delidova macht die Raumgestalt der Bewegungen des in Lichtstrahlen übersetzten Klangs sinnlich greifbar. Neuland, angesiedelt irgendwo zwischen Improvisation und Minimal Music, Neuer Musik und zeitgenössischer Kunst, für dessen Beschreibung es bisher kein eingeschliffenes Vokabular gibt. Später am Abend wurde Florian Walter, Doppel-Absolvent der Folkwang-Schule in den Fächern Jazz und Schulmusik und ein Virtuose auch in der Erforschung der klanglichen Dimensionen seines Altsaxofons, mit dem Westfälischen Jazzpreis 2019 ausgezeichnet.

Auf einem ganz anderen Dampfer bewegt sich LBT, ein mit Kontrabass, Schlagzeug und Flügel akustisch besetztes Klaviertrio aus München, deren Tracks die konventionelle Dramaturgie von Spannung und Entspannung zu den Akten legt und ihre entpersönlichten Botschaften von Tanz und Trance in der offenen Grammatik elektronischer Clubmusik formuliert. Plötzlich ist es laut - die Beats kneten die Magengrube durch -  und plötzlich wird auch das Publikum laut, der Applaus erreicht kongeniale Schallpegel - und es wird getanzt, ekstatisch, als wären die Bremsen gelöst. Das allerdings bezahlt das Trio mit einer gewissen rhythmischen Stumpfheit und klanglichen Monotonie, in der die improvisierten Störgeräusche eher beliebig klingen als zielgerichtet, eher oberflächlich als tief. 


Finesse und Facetten

Nach einem solchen klanglichen Inferno ist es für jeden folgenden Act schwierig, die Aufmerksamkeit des Publikums auf die eigene Musik zu lenken. Mit dem Quartett der ungarischen Sängerin Veronika Harcsa und ihres langjährigen Duopartners, des fulminant sensiblen Gitarrenvirtuosen Balint Gyémánd, setzt das Programm einen scharfen Kontrast, vom Technodonner von LBT zu einer sehr zurückgenommenen, transparenten Musik, in der Harcsa die verschiedenen Facetten ihrer Gesangskunst zum Strahlen brachte. Harcsa verfügt über eine enorm breite Palette an Ausdrucksmöglichkeiten zwischen zartem Hauch, laszivem Rauch, schneidender Schärfe und betörender Wärme, sie setzt sie sehr dosiert und ökonomisch ein und knüpft im filigran verwobenen Zusammenspiel des Quartetts ein betörendes Netz, das zum direkten Vergleich mit dem Auftritt der estnischen Sängerin Kaadri Voorand am Vorabend anregte. Mit beeindruckenden Fertigkeiten am Klavier und noch beeindruckenderen Vokalkünsten zwischen bauchigem Alt und klirrendem Diskant, zwischen klassischem Belcanto, bluesgetränkter Phrasierung und den obertonsatten Techniken der traditionellen russischen demonstrierte diese Sängerin eine Ehrfurcht gebietendes, breit gestreutes Können, doch mit ihrer Selbstinszenierung als ein liebenswertes, aber sehr zerstreutes Genie zerstörte sie die Wirkung ihrer musikalischen Darbietung, bevor sie einsetzen konnte: sehr interessant, aber leider ein bisschen konfus. 

Die Sängerin Kadri Voorand aus Estland
Patrick Spanko


Europäisch und französisch 

Eine Besprechung der diesjährigen Ausgabe des Internationalen Jazzfestival Münster wäre unvollständig, blieben die französischen Ensembles unerwähnt, die auf ihre je eigene Art für Höhepunkte im Programm sorgten. Französisch? Insofern, als all diese Projekte einen markanten, eigenen Ton in großer Distanz zum Hauptstrom der Jazzgeschichte entwickelt haben, für den die polyglotte Szene in Paris wichtige Anstöße gab. Sei es der sensible Kammerjazz von Velvet Jungle, einer Erweiterung des Trios Velvet Revolution des in Reims lebenden, deutschen Tenorsaxofonisten Daniel Erdmann mit dem feinsinnigen britischen Vibrafonisten Jim Hart, und dem Pariser Theo Ceccaldi, der seine Bratsche zur Rhythmusgitarre umfunktioniert, durch den Schweizer Schlagzeuger Samuel Rohrer. Sei es das furiose Trio, in dem der Brüsseler Saxofonist Manuel Hermia mit dem vulkanischen Schlagzeuger Sylvain Darrifourcq und dem Cellisten Valentin Ceccaldi (dem Bruder des Violinisten/Bratschisten Theo Ceccaldi) zusammenwirkt oder sei es schließlich das Projekt „Perpetual Motion - A Celebration of Moondog“ um den Pariser Saxofonisten Sylvain Rifflet, das dem Festival zum 40-jährigen Jubiläum einen Münster-Themenabend bescherte, ist der amerikanische Musikexzentriker Louis Thomas Hardin alias Moondog, dessen Kompositionen  Rifflet verarbeitete, vor 20 Jahren in der Stadt des westfälischen Friedens gestorben. Auf der Basis der eindringlichen Melodien und der treibenden Rhythmen, die der nach einem Bombenunfall in seiner Jugend erblindete Selfmade-Komponist als Straßenmusiker an einer Kreuzung der 6th Avenue in New York auf metallischen Perkussionsinstrumenten spielte, hat Rifflet ein engmaschiges Netz gespannt, in dem Minimal Music und Musique Concrète, herzerfrischende Grooves und mitreißende Improvisationen, raue und hinreißend melodische Phasen so raffiniert miteinander verknüpft sind, dass einem das Herz aufgeht. Kontraste eben.

A Celebration of Moondog mit den Saxofonisten Sylvain Rifflet (rechts) und Jon Irabagon
Patrick Spanko

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius(und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“– und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, dann gegen Bezahlung anbieten.


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