Jazz, geknurrt

jazzahead!, 25.4. bis 28.4.2019, Bremen

Die jazzahead! 2019 in Zahlen: Gut 3.400 Fachteilnehmer aus 64 Nationen kamen nach Bremen, rund 18.000 Besucher hörten an diesem dritten April-Wochenende insgesamt 100 Konzerte. Was es noch von dieser internationalen Fachmesse für Jazz und improvisierte Musik zu berichten gab, das verrät Martin Laurentius.

Am Schlussabend der diesjährigen, 14. jazzahead! wurde es richtig „spooky“ in Bremen. Pünktlich um 19 Uhr wurde die Messehalle 6, in der sich an den drei Tagen ab dem 25. April die Fachbesucher getummelt hatten, geräumt. Eine martialisch in schwarz gekleidete Security-Mitarbeiterin forderte diejenigen, die noch um die Messestände herumstanden, Bier tranken, Gespräche führten oder sich voneinander verabschiedeten, mit harsch-herrischem Tonfall unmissverständlich auf, unverzüglich die Halle zu verlassen.

Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, folgte ihr ein Trupp mit gleichfalls schwarz uniformierten Kolleg*innen, die zudem böse aus den Augen linsende, bissige und knurrende Schäferhunde an den Leinen führten. Auf einmal war überall in der Halle 6 lautes Gebell zu hören, das sich über das gleichfalls laute Fußgetrappel der eilig aus der Halle flüchtenden Besucher legte. Vereinzelt gab es lauthals Proteste gegen diese für viele vollkommen unverständliche Maßnahme zur Durchsetzung des Hausrechts. Für die Besucher war es in der Tat ein irritierendes, weil beängstigendes Szenario.

Norwegen stellte sich als Partnerland der jazzahead! vor.
Norwegen mit seiner stilistisch breit aufgestellten und gut geförderten Szene war das Partnerland der jazzahead! in Bremen.

Eine Frage des (guten) Geschmacks

Danach war dem Autor dieser Besprechung jedenfalls die Lust vergangenen, sich alle Showcase-Konzerte der noch ausstehenden „Overseas Night“ anzuhören oder auf Rundreise durch Bremen zu gehen, um einige der Auftritte der „jazzahead! Club Night“ zu besuchen. Auch war ihm gehörig der Appetit vergangen, um sich wie an den Tagen zuvor mit Kolleg*innen zum Abendessen zu verabreden und diesen letzten jazzahead!-Tag im gemeinsamen Gespräch Revue passieren zu lassen.

Fast schon wehmütig erinnerte er sich an frühere Jahrgänge dieser mittlerweile weltweit anerkannten Bremer Fachmesse für Jazz und improvisierte Musik. Als man zum Beispiel am Stand des Jazzfestivals Südtirol zusammenkam, Obstler und Weine aus Südtirol trank, Käse, Speck und Brot aß und bei Anekdoten, Geschichten und Witze erzählend bis tief in die Nacht friedlich und lachend beieinanderstand – nur gelegentlich gestört durch Mitarbeiter*innen der Messe, die mit dem Finger auf die Uhr zeigend darum baten, doch so langsam Schluss zu machen.

Die 14. jazzahead! in Bremen fand vom 25. bis 28. April statt
Mehr als 3.000 Fachbesucher kamen dieses Jahr zur jazzahead! nach Bremen.

Karneval und Kirmes

Dabei standen die Signale für 2019 eigentlich auf Grün, dass Volksfestcharakter und Karnevalsatmosphäre der jazzahead! noch größer waren als in den Jahren zuvor. Denn parallel dazu waren diesmal auf der Bürgerweide, die sonst eine öde Parkplatzfläche für die Bremer Messehallen ist, die Fahrgeschäfte und Kirmesbuden der Bremer „Osterwiese“ aufgebaut; und es war teils kurios bis skurril zu beobachten, wie an den Abenden die geschäftig zwischen Messehalle und Schlachthof, wo die jazzahead!-Module „Norwegian Night“, „European Jazzmeeting“ und „Overseas Night“ stattfanden, schlendernden Konzertgänger auf die trunkenen Kirmesbesucher trafen.

Skadedyr aus Norwegen bei der „Norwegian Night" der jazzahead! in Bremen.
Auf Maultrommeln improvisiert: Skadedyr aus Norwegen auf der jazzahead! in Bremen.

Stilistisch divers: Jazz aus Norwegen

Norwegen war dieses Jahr Partnerland der jazzahead!. Insgesamt acht norwegische Bands eröffneten deshalb am ersten Abend den Konzertreigen dieser Jazzmesse in Bremen. Die international besetzte Jury hatte eine gute Wahl getroffen, um in Bremen die stilistische Bandbreite aktueller, improvisierter Musik aus Norwegen mit den rund 30-minütigen Konzerten auf die Bühnen in der Messehalle 7 und im benachbarten Kulturzentrum Schlachthof zu bringen.

Es gab zum Beispiel eine brachial laute, riff-rockende „Wall of Sound“ des Trios um die Gitarristin Hedvig Mollestad und einen leisen, ebenso verspielten wie humorvollen Avant-Folk um den Akkordeonisten Frode Haltli. Es gab unbekanntes zu entdecken wie das mit jungen norwegischen Musiker*innen besetzte Großensemble Skadedyr (frei übersetzt: „Schädlinge“), von dem einige mitten im Konzert zu für Jazz nichtalltäglichen Instrumenten wie Maultrommeln griffen, aber auch sattsam bekanntes wie die recht belanglosen Lieder der Singer/Songwriterin Kristin Asbjørnsen.

Und es gab zwei spannende Bands mit Schlagzeugern als Leader. Während der Mittdreißiger Gard Nilssen mit seinem Saxofontrio Acoustic Unity trittsicher auf dem schmalen Grat zwischen pluckernden Rock-Grooves und frei flirrendem Pulsieren balancierte, so präsentierte sein gut zehn Jahre älterer Instrumentalkollege Thomas Strønen mit seinem durch Violine und Cello zum Quintett erweiterten Jazz-Pianotrio einen dynamisch ausdifferenzierten, den Gegensatz zwischen Improvisation und Komposition aushebelnden, kammermusikalisch fein justierten Jazz.

Der „German Jazz Expo“-Auftritt von Der weise Panda.
Der weise Panda mit ambitioniertem Vocal-Jazz bei der „German Jazz Expo“ auf der jazzahead! in Bremen.

Im Fokus: Jazz aus Deutschland

2006 war die jazzahead! unter anderem zu dem Zweck ins Leben gerufen worden, der zeitgenössischen Jazzmusik aus Deutschland ein Forum zu geben. Seit 2011 heißt dieses Modul „German Jazz Expo“ – und auch dieses Jahr weckten acht Bands wieder die Neugierde des nach Bremen angereisten, internationalen Fachpublikums. Da stellte das siebenköpfige Ensemble Botticelli Baby aus dem Ruhrgebiet den Jazz auf die Füße und brachte das Publikum zum Tanzen, während die durch die Cellistin Talia Erdal zum Quintett vergrößerte Band Der weise Panda ihren Vocal-Jazz zwischen nonchalantem Entertainment und intellektuellem Anspruch changieren ließ (hinreißend gut: Sängerin Maika Küster).

Und dann war da noch der junge Kölner Posaunist Janning Trumann, der mit seinem Sextett um den finnischen Trompeter Verneri Pohjola nach Bremen gekommen war und ein faszinierendes Vexierspiel aus konkreten Grooves und polymetrischem Konzept, aus linearen Durchführungen der Themenköpfe und intuitivem Interagieren mit im Kollektiv improvisierten Passagen inszenierte.

Janning Trumann 6 bei der jazzahead! in Bremen.
Das Sextett um den Kölner Posaunisten Janning Trumann bei der „German Jazz Expo“ auf der jazzahead! in Bremen.

Konzert-Highlights

Doch die Showcase-Highlights kamen diesmal nicht aus Deutschland, sondern aus Großbritannien und Aserbaidschan: mit dem unbegleiteten Solo-Konzert des gerade einmal 28 Jahre jungen Pianisten Elliot Galvin aus London, der eine halbe Stunde lang tatsächlich frei von jeglichen Vorgaben eine intensive, hochemotionale Improvisationsmusik aufführte, und der zupackenden Performance des Quartetts um den gleichfalls jungen Pianisten Isfar Sarabski aus Baku, der das mikrotonale Setting des Maqam bzw. Mugam seiner Heimat kongenial mit seinem klangmächtigen Spiel auf dem Flügel mischte und eloquent den Dialog mit der traditionellen Langhalslaute Tar suchte. Sämtliche Showcase-Konzerte aller vier Module der diesjährigen Ausgabe lassen sich auf dem Youtube-Channel der jazzahead! nachsehen und -hören.

Kommunikationsplattform jazzahead!

Tagsüber war die jazzahead! dann Kommunikationsplattform für Label-Vertreter*innen, Konzertagent*innen, Veranstalter*innen und Journalist*innen. Wie zufällig konnte man zum Beispiel ins Gespräch mit dem Leiter des Jazzfestivals Belgrad kommen. Der erzählte dem Jazzjournalisten aus Deutschland, dass sein Festival in diesem Jahr den 40. Geburtstag feiern werde – mit der 35. Ausgabe, weil es während des Bürgerkriegs in den 1990er-Jahren pausieren musste. Und dass nicht nur US-Acts eingeladen würden, sondern auch serbische Musiker mit ihren Bands – und drückte dem verdutzten Journalisten eine CD nach der anderen dieser Bands aus Serbien in die Hand, verbunden mit einer Einladung zum Jubiläumsfestival in der dritten Oktoberwoche.

Teil der jazzahead! in Bremen: die Podiumsdiskussion „Jazz im Hörfunk“.
Die Podiumsdiskussion „Jazz im Hörfunk“ auf der jazzahead! in Bremen.

Vor allem unter den deutschen Besucher*innen erregte ein Thema die Gemüter: die Veränderungen rund um den Jazz im Kölner Kulturradio WDR 3. Dort hatte man die bisherigen, monothematischen Autorensendungen rasiert und seit dem 1. April durch ein Musiklisten-basiertes Jazzradio ersetzt, durch das seitdem im Wochenwechsel vier Moderator*innen führen. Diese Entwicklung nahm die jazzahead! zum Anlass, um deren Ursachen und Wirkungen auf einem Podium zum Thema „Jazz im Hörfunk“ diskutieren zu lassen – durchaus kontrovers, wenngleich ohne Ergebnisse am Schluss. Versuchten die neue WDR-3-Jazzredakteurin Tinka Koch und der Leiter Musik von Deutschlandfunk Kultur, Holger Hettinger, einerseits den Blick des Publikums auf neue, zumeist digitale Ausspielwege für Jazz und improvisierte Musik zu lenken, so wies andererseits der Musikjournalist Stefan Hentz darauf hin, was die ARD an qualitativ hochwertiger Jazzberichterstattung verlieren würde, sollten die anderen Kulturradios der öffentlich-rechtlichen Anstalten dem Beispiel von WDR 3 folgen.

Preis für Deutschen Jazzjournalismus

Gleich im Anschluss an dieses gut besuchte Panel wurde es feierlich: Der „Preis für Deutschen Jazzjournalismus“ wurde verliehen. Den Autor dieser Zeilen freute es ganz besonders, dass mit Stefan Hentz ein Kollege ausgezeichnet wurde, mit dem er nicht nur das Portal „RIFFS UND ZEICHEN“ Anfang April an den Start gebracht hatte. Vielmehr konnte er der Laudatorin Eva Garthe nur zustimmen, als diese in ihrer „Lobrede“ auf dessen stilistisch-schreiberische Qualitäten und charakterlichen Eigenschaften abhob.

„Stefan Hentz ist einer der Journalisten, die wirklich in ihrem Element scheinen, wenn sie alleine vor dem Computer an ihren Texten feilen, versunken in der Welt der Sprache“, sagte sie zum Beispiel: „Dann aber auch wieder mitten in der Szene: im Jazzclub, auf dem Festival. Ein Stück weit sicherlich ein Einzelkämpfer – wie die meisten freien Journalisten. Und das ,FREI‘ ist bei ihm wirklich groß geschrieben.“ Die Bremer Kollegin beschloss ihre Laudatio: „Mit Hingabe und Konsequenz hat er sich dem Jazzjournalismus verschrieben. Und er geht diesen Weg bis heute mit einer Kompromisslosigkeit, die große Achtung verdient. Und vor allem ist er ein Leidenschaftstäter, einer, der für den Jazz brennt.“

Der „Preis für Deutschen Jazzjournalismus“ ging an Stefan Hentz.
In Bremen auf der jazzahead! wurde Stefan Hentz mit dem „Preis für Deutschen Jazzjournalismus“ ausgezeichnet.

Kanada ist Partnerland 2020

Kanada wird 2020 das Partnerland der jazzahead!. „Die größte Jazz-Fachmesse der Welt rückt Kanada in den Mittelpunkt und damit erstmals ein außereuropäisches Land. ,Die jazzahead! feiert im kommenden Jahr gleich zwei Jubiläen‘, sagt Sybille Kornitschky, Projektleiterin der jazzahead! bei der Messe Bremen. ,Wir möchten darum etwas ganz Besonderes bieten und zugleich unsere Vermittlerfunktion für Geschäftskontakte zwischen Deutschland, Europa und der Welt noch weiter ausbauen‘“, heißt es in der Pressemitteilung von heute.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“ gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius (und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“ – und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, gegen Bezahlung anbieten.

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