Jazz mit Köder

ELBJAZZ 2019, Hamburg, 31. Mai/1. Juni 2019

Erklärtermaßen ist ELBJAZZ ein Festival mit einer Mission. Über den touristischen Reiz von ansonsten unzugänglichen Teilen der Stadt soll ein Publikum angesprochen werden, das bisher dem Jazz nicht besonders aufgeschlossen war. Zwischen imposanten Kulissen musste Stefan Hentz nach spannender Musik suchen.

Viele Wege führen zu ELBJAZZ, auch in seiner neunten Auflage. Man kann sich links der Elbe, auf dem Werftgelände von Blohm & Voss treiben lassen, dort, wo einst der deutsche Kaiser seine Flottenpolitik zusammennieten ließ und nun zwischen beeindruckenden Kränen, riesigen Hämmern und geschmückten Paletten das offizielle Festivalzentrum liegt. Man kann ein Stück flussaufwärts rechts der Elbe schlendern, wo in den beiden Sälen der Elbphilharmonie und in der kürzlich renovierten Katharinenkirche die Veranstaltungen von ELBJAZZ über die Bühne gehen, bei denen man Wert auf guten Klang legt.

Auch auf das frei zugängliche Umsonst & Draußen-Programm kann man sich dort beschränken, mit dem der Jazzstudiengang der Musikhochschule auf dem Platz vor der Elbphilharmonie das kleine Fähnlein des „Jazz in Hamburg“ gegen die Winde der attraktiven, großen Namen stemmt.

Schließlich kann man versuchen, sich aus dem noch immer reichhaltigen Gesamtprogramm seine persönlichen Perlen auszuwählen und mit den Elbbarkassen oder zu Fuß oder Fahrrad zwischen den Festivalzentren zu pendeln. Allerdings ist in diesem Fall die Gefahr groß, dass man viel Zeit in den Transit investiert und bei den gewünschten Veranstaltungen keinen Platz mehr findet. Wer ELBJAZZ besucht, muss wählen. 


Umsonst & Draußen: Cadenza Collective und die HfMT Big Band auf der Bühne der Hochschule für Musik und Theater auf dem Platz neben der Elbphilharmonie
Umsonst & Draußen: Cadenza Collective und die HfMT Big Band

Ein Jazzfestival für Jazz-Novizen

Als Nina Sauer und Tina Heine, die beiden ELBJAZZ-Erfinderinnen, vor bald zehn Jahren das Konzept eines Jazzfestivals in Hamburg entwickelten, war ihnen klar, dass sie ein brachliegendes Feld bestellten. Der touristische Reiz von Elbe und Hafen sollte von Anfang an der Köder sein, der das Hamburger Publikum dazu bringt, sich auf Jazz einzulassen. Klar war damit zugleich, dass das Jazzprogramm in ihrem Festival sehr vielfältig und eher populär sein musste, dass sie Pop-Acts einstreuten und die möglicherweise etwas anstrengenderen Bereiche des Jazz nur an den Rändern von ELBJAZZ thematisieren konnten. In der Zusammenarbeit mit den beiden großen Hamburger Konzert- und Festivalveranstaltern Karsten Jahnke und Folkert Koopmans brachten die beiden Selfmade-Festivalmacherinnen Sauer und Heine ihr Festival zum Laufen.

Dann allerdings setzte Pech ein: das Hamburger Wetter, ein Finale der Champions League verhagelte die Publikumsnachfrage, und offenbar war das Festival mit seinem Reigen an kleinen und kleineren Veranstaltungen auf zahlreichen Nebenbühnen ein wenig überdimensioniert für die Hamburger Fans – nach fünf Jahren hatte sich ein stattliches Defizit angehäuft. Heine, die bis zu diesem Zeitpunkt als musikalische Leiterin fungiert hatte, wurde aus der Verantwortung gedrängt und der jährliche Rhythmus des Festivals erst einmal unterbrochen. Unter neuer Leitung versucht ELBJAZZ nach einjähriger Auszeit seit dem Juni 2017, in deutlich abgespeckter und musikalisch gradlinigerer Form wieder Fahrt aufzunehmen.

Rechts der Elbe

In zehn Konzerten an zwei Festivaltagen bietet ELBJAZZ in den beiden Sälen der Elbphilharmonie eine ambitionierte Mixtur aus Großereignissen und ambitionierter musikalischer Trüffelsuche. Von einer orchestralen Erinnerung an den Vibrafonisten Wolfgang Schlüter, der bis zu seinem plötzlichen Tod im vergangenen Herbst die Hamburger Szene mehr als ein halbes Jahrhundert lang prägte, über das Quartett des Hardbop-Saxofonisten Benny Golson und ein Solo-Konzert des Pianisten Jason Moran reichte das Spektrum bis zum Beatles-Projekt des Quartetts um die Pianistin Julia Hülsmann, der diesjährigen „Artist in Residence“. Zu den Perlen der jüngeren Szene zählten das Quartett Die Verwandlung um den Kölner Trompeter Frederik Köster sowie die Trios um den balearischen Pianisten Marco Mezquida und seinem kastilischen Kollegen Daniel Garcia auf der anderen Seite. Nicht weit entfernt, in der auf dem Festland gelegenen Katharinenkirche versprachen sieben weitere Acts, wie ein Duo von Hülsmann mit dem Vibrafonisten Christopher Dell, der aus Hamburg stammende Kölner Pianist Hans Lüdemann solo oder die Saarländer Gitarrenvirtuosin Susan Weinert zudem einiges an von ruhiger Klangbildnerei geprägter, aber spannender Improvisationsmusik.

Doch hier, wo die Musik spielt, stehen nur die Nebenbühnen von ELBJAZZ, von den gemeldeten 30.000 Besuchern, die dem Festival in diesem Jahr einen Nachfragerekord bescherten, kann schon aus Kapazitätsgründen nur eine Minderheit auf diesem Ufer unterwegs gewesen sein.

Die Hauptbühne auf dem Werftgelände von Blohm + Voss im Nachmittagslicht
Die Hauptbühne auf dem Werftgelände von Blohm + Voss

Links der Elbe: der Hauptstrom

Der Hauptstrom des Festivals fließt auf dem Gelände von Blohm & Voss, wo er zwischen zwei großen Freiluftbühnen und einer kleineren in einer der riesigen Maschinenbauhallen hin und herschwappt. Auf den großen ELBJAZZ-Bühnen dominieren Bands, die mal mehr am Groove orientiert wie Jungle by Night, eine schnuckelige Pennälerbande aus Amsterdam, mal in einer stärker von elektronischen Instrumenten und digitalen Echoschleifen geprägten Spielart wie in der Band des französische Schlagzeug-Stars Manu Katché oder mal eher am Song orientiert wie die Schweizer Songwriterin Sophie Hunger.

Der britische Sänger, Pianist und Entertainer Jamie Cullum dagegen hatte freitags zur besten Scheinwerferstunde auf der Hauptbühne unterstrichen, dass Entertainment, diese Mischung aus Charme, Style und Souveränität in der DNA des Jazz schon immer seinen Platz hatte. Nur: mit Improvisation, Interaktion und Offenheit für das, was passiert, hatte all das nicht viel zu tun. Und wollte es auch gar nicht.

Andererseits sahen wir auf der großen Hauptbühne auch Projekte, die ihren Jazz als buchstabengetreue Exegese historischer Jazzspielformen aus der Truhe ziehen, wie die NDR Bigband, die mit ihrem Randy Brecker-Projekt dem Trompeter-Altstar die Gelegenheit bieten, seinen Virtuosen-Funk aus einem anderen ästhetischen Erdzeitalter mal wieder vorzuführen: mitreißend, groovy und beeindruckend – aber: so Eighties. So Eighties wie auch die Funk-Technokraten von Tower of Power, die schon immer die kollektivistische Art von Druck gefeiert haben, der auf hyperpräzise gestochenen Bläsersätzen und einer entsprechend sachdienlichen Rhythmusgruppe beruht. Alles gut, alles fein, aber Erleuchtung oder etwas ähnlich Bewegendes war hier nicht zu finden. 

Tower of Power auf der Hauptbühne auf dem Werksgelände von Blohm + Voss im Glanz der Nacht
Tower of Power auf der Hauptbühne auf dem Werksgelände von Blohm + Voss

Mehr als das Vorhersehbare

Und doch: Auch wer mehr erleben wollte als das Vorhersehbare, konnte hier auf seine Kosten kommen – beispielsweise wenn Michael Schiefel bei Hülsmanns lakonischen Bearbeitungen von vertrauten Popsongs seine Gesangsstimme aus der Kurve tragen lässt, und das fragile Oktett mit drei Sänger*innen, zwei Streicherinnen und einer rein akustischen Rhythmusgruppe so richtig losrockt: das hat Klasse und Schmiss.

Und das Michael Wollny Trio, das in seiner aktuellen Ausprägung als eine Art The Who des deutschen Jazz noch einmal eine Schippe drauflegt: Maximum Rock’n’Roll, basierend auf dem reichhaltigen Repertoire eines Klaviertrios mit einer bald 20 Jahre währenden Erfolgsgeschichte. Wenn sich mitten im Konzert die Seitenwände auf der Bühne plötzlich mit Personen füllen, weil all die abgehangenen Profis im Backstage-Bereich etwas Besonderes gehört zu haben scheinen, dann weiß man: Hier passiert gerade etwas, das die professionellen Routinen sprengt, etwas sehr Spezielles, Unwiederbringliches. Dabei wäre es allerdings schön gewesen, wenn diese beiden Konzerte auf einer Bühne stattgefunden hätten, die dem Konzert einen Rahmen gibt, die die Aufmerksamkeit auf die Bühne fokussiert hätte, damit die Musiker nicht so kämpfen müssen, um gehört zu werden. So blieb auch dieses mitreißende Konzert etwas eindimensional im Überwältigungsmodus.

Lisa Wulff, Hamburger Jazzpreis 2019, mit Band: Benjamin Schaefer, Christin Neddens, Lisa Wulff, Gabriel Coburger (von links nach rechts).
Lisa Wulff, Hamburger Jazzpreis 2019, mit Band: Benjamin Schaefer, Christin Neddens, Lisa Wulff, Gabriel Coburger (von links nach rechts).

Hamburgs Jazzpreisträgerin 2019: die Bassistin Lisa Wulff

Es ist daher kein Zufall, dass eines der Highlights des Festivalgeschehens auf dem Blohm & Voss-Gelände nicht auf einer der beiden Hauptbühnen im Freien spielte, sondern im abgeschiedenen Halbdunkel der Maschinenbauhalle. Anlässlich der Verleihung des Hamburger Jazzpreises 2019 im Rahmen des Festivals spielte die Kontrabassistin Lisa Wulff mit einem eigens für diesen Anlass zusammengestellten Quartett ein Preisträgerkonzert, das die Faszinationskraft des ersten Blicks unterstrich.

Wulff, die am 25. Juni gerade einmal 29 Jahre alt wird, strotzt von Reife und Selbstbewusstsein. Und sie versteht es, in ihren Kompositionen – und in der Art, wie sie diese reaktionsschnell und sicher spielt – sich selbst und ihren Spielpartnern, in diesem Fall dem Hamburger Lokalmatadoren Gabriel Coburger an Tenor- und Sopransaxofon, der quicklebendigen Schlagzeugerin Christin Neddens und dem feinfühligen Pianisten Benjamin Schaefer, Räume und Zwischenräume zu schaffen, in denen alle vier klar und sensibel die Musik immer wieder ein Stückchen weiterentwickeln, Details ausgestalten und einander immer wieder auf neue Wege und Ausformulierungen zu locken.

Es ist ein Hin und Her der Ideen und Impulse, in dem vier gleichberechtigte Musiker*innen ein Gemeinsames erspinnen, das im Moment des Entstehens größer und mitreißender ist, als man es sich hat erhoffen können. In diesen Momenten der Offenheit, wenn die Musik gerade entsteht und sowohl die Musiker wie auch das Publikum in der als Querschiff ausgebauten Maschinenbauhalle wie gebannt auf das lauschen, was gerade passiert, kommt der Jazz in ELBJAZZ zu sich selbst. Über den vorhersehbaren Rest sollte man sich noch einmal Gedanken machen.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius(und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“– und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, dann gegen Bezahlung anbieten.


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