Feste feiern

Bergamo Jazz Festival, 17.03. bis 24.03.2019

Im norditalienischen Bergamo feierte man dieses Frühjahr gleich zwei runde Geburtstage. Das Jazzfestival wurde 50, gleichzeitig wurde mit einem Galakonzert der 75. Geburtstag des Klarinettisten Gianluigi Trovesi begangen. Martin Laurentius war zur Doppelfeier eingeladen.

Auf einmal erklang Johann Sebastian Bach. Nein, keine Original-Fuge oder anderes aus dem Werk dieses Leipziger Barock-Komponisten. Der junge, englische Pianist Elliot Galvin improvisierte aus dem Stegreif „fugal“ auf dem Flügel – eine Art „ Bach revisited“. Vier (und mehr) Stimmen ließ Galvin behände in- und auseinanderlaufen, die sich stets wie zufällig zu Klangtrauben mit enormer Dichte zusammenballten, um sofort wieder zu implodieren und energetisch aufgeladen auseinander zu stieben. Seine Solosequenz war kurz, sie dauerte vielleicht maximal drei Minuten. Sie fügte sich als Interlude ein in ein längeres Stück Improvisationsmusik, das das britische Quartett Dinosaur, von der 1990 geborenen Trompeterin Laura Jurd  2010 gegründet, beim 41. Bergamo Jazzfestival im Auditorium Piazza della Libertà aufgeführt hatte.

Der Auftritt von Dinosaur beim Bergamo Jazz Festival.
Das Konzerthighlight des diesjährigen, 41. Bergamo Jazz Festivals: das Quartett Dinosaur um die englische Trompeterin Laura Jurd.

Die Musik der vier Engländer*innen war stilistisch divers. Sie war Jazz, der auch swingen durfte, und Pop, der durch seinen melodischen Duktus gefallen wollte. Sie war Rock, der zubeißen konnte, und digitale Soundscapes, die den sowieso schon weiten Klangräumen Türen in neue Gefilde öffneten. Die Musik setzte auf Kontraste, um Spannung zu erzeugen, scharfe Brüche wurden zu Wegscheiden, an denen die vier kurz innehielten, um über den weiteren Gang zu entscheiden.

Die Musik war aber stets auch gekennzeichnet durch aufflackernde Sound- und Grooveschlieren, wenn zum Beispiel Jurd mit einer weich geblasenen, kurzen Legato-Linie auf der Trompete das Firmament erhellte oder Galvin auf den Tasten des Flügels, deren Saiten er im Resonanzraum mit der Hand abdämpfte, mit repetitiven Patterns das rhythmische Fundament verfestigte. Dieses Dinosaur-Konzert am dritten Festival-Nachmittag war ein Highlight im Programm des Bergamo Jazzfestivals 2019.

Geburtstagsfeierlichkeiten

Gleich zwei Mal wurde dieses Frühjahr in der norditalienischen Doppelstadt gefeiert. Dass das geschichtsträchtige Bergamo Jazz Festival sein rundes Jubiläum mit der 41. Ausgabe beging, war einer längeren, durch Finanzierungsschwierigkeiten bedingten Pause in den 1990er-Jahren geschuldet, aus der man vor fast 20 Jahren mit einem neuen Konzept Wiederauferstehung feiern konnte: Italienische Musiker gestalten seitdem im Wechsel mit internationalen Jazzgrößen das Programm. Dieses Konzept garantiert einen steten Perspektivwechsel auf das aktuelle Geschehen einer zeitgenössischen, improvisierten Musik weltweit.

Mit der 2019er-Ausgabe des Bergamo Jazz Festivals ging für Dave Douglas seine Kuratorenzeit zu Ende. Der New Yorker Trompeter, der tatsächlich bei jedem Konzert persönlich vor Ort war, um sein Publikum auf Italienisch zu begrüßen, fühlte sich sichtlich geehrt, dass ihm diese Aufgabe für vier Jahre übertragen worden war, und hat für seine „Finissage“ in Bergamo erneut ein spannendes Programm zusammengestellt.

Der „große“ Jazz-Sohn Bergamos, Klarinettist Gianluigi Trovise, bei der Gala anlässlich seines 75. Geburtstages, mit dem Trompeter Manfred Schoof und der Klarinettistin Annette Maye.
Standing Ovations für den Klarinettisten Gianluigi Trovesi (hier mit den Deutschen Manfred Schoof und Annette Maye) nach dem Gala-Konzert anlässlich seines 75. Geburtstag.

Bergamos „großer“ Jazz-Sohn

Dann wurde auch am Eröffnungsabend der 75. Geburtstag des „großen“ Jazz-Sohnes der Stadt, Gianluigi Trovesi, gefeiert, der am 10. Januar 1944 unweit von Bergamo in Nembro geboren wurde. In Bergamo ging er zur Schule, danach studierte er am örtlichen Musikkonservatorium Klarinette, Komposition und Kontrapunkt. Seit Anfang der 1970er gehörte der Klarinettist zu der Gruppe europäischer Musiker, die sich aus den Fesseln der amerikanischen Jazztradition befreit hatten, um eine Improvisationsmusik europäischer Prägung zu gestalten.

Natürlich wurde sein Geburtstag in einem Ort gefeiert, der dem Anlass angemessen ist: im Teatro Sociale in der „Città alta“, einem 1808 eröffneten, von außen unscheinbar wirkenden, innen aber prachtvoll restaurierten Konzertsaal, der eigentlich ausschließlich klassischer Musik und Oper vorbehalten ist.

Im Rausch der Tiefe

Der erste Teil des Geburtstagskonzertes war dem improvisierenden Kammermusiker Trovesi vorbehalten. Auf diversen Klarinetten und dem Altsaxofon tauchte er ein in ein feingesponnenes, frei fließendes, eloquentes Zwiegespräch mit der israelischen Pianistin Anat Fort, das durch die Klangfarben der Instrumente seines Quintetts gleichermaßen gebrochen wie verstärkt wurde.

Im zweiten Teil ging es dann opulent zu: mit der norwegischen Bergen Big Band unter der Leitung des Italieners Corrado Guarino. In deren massiver Klangwucht zeigte sich Trovesis ganze Kunst als Gestalter eines großformatig angelegten Jazz: Klassisch-kompakte Orchestermusik, italienische Folklore und die Banda-Tradition verschmolzen mit der frei improvisierten, musikalischen Avantgarde zu einem dichten, vielschichtigen Amalgam, aus dem Trovesi und seine beiden Gäste aus Deutschland, dem acht Jahre älteren Trompeter Manfred Schoof und der 30 Jahre jüngeren Klarinettistin Annette Maye, stets Bruchstücke herausmeißelten, um diese im freien Spiel der gestalterischen Kräfte durchzuführen und in die eigene Sprache zu transformieren. Standing Ovations am Schluss.

Der Tenorsaxofonist Archie Shepp mit dem ungarischen Bassisten Matyas Szandai bei ihrem Auftritt in Bergamo.
Seinem hohen Alter zum Trotz blies Archie Shepp beim Bergamo Jazz Festival noch immer kraftvoll Sopran- und Tenorsaxofon.

Zeitstrahl der „Fire Music“

Der Hauptspielort beim Bergamo Jazz Festival bot atmosphärisch aber einen scharfen Kontrast. Die ursprüngliche Nutzung als Sporthalle kann das mehr als 1.000 Besucher fassende Creberg Teatro etwas außerhalb der „Città bassa“ in Bergamo nicht verleugnen. Diesem Makel wirkte Douglas mit einem spannend gestalteten Konzertprogramm entgegen, mit dem er den Zeitstrahl afroamerikanischer Musik von den Aufbruchsjahren des „Free Jazz“ in den 1960ern bis heute darstellte.

Den Anfang machte der 81-jährige Saxofonist Archie Shepp, der vor mehr als 50 Jahren in New York zu den führenden Köpfen der auch als „Fire Music“ genannten Jazz-Avantgarde gehört, sich aber nur wenig später auf die Grundlagen der swingenden Improvisationsmusik aus dem Süden der USA zurückgezogen hatte und seitdem ein Repertoire mit Stücken der Altvorderen des afroamerikanischen Jazz oder des Blues und gelegentliche Ausflüge in modale Gefilde der späten 1960er auf die Bühne bringt.

Nach Bergamo reiste Shepp mit dem Ungarn Matyas Szandai (Bass), dem Franzosen Pierre-François Blanchard (Piano) und seinem Landsmann Hamid Drake (Drums). Des für ihn üblichen Songbooks aus Jazzstandards, Bluesnummern und Originals zum Trotz machte es dem Publikum großen Spaß zu hören, wie kraftvoll der 81 Jahre alte Shepp noch immer Sopran- und Tenorsaxofon blies, wie lustvoll er die Blues-Lyrics sang und wie kommunikativ er mit den beiden weitaus jüngeren Europäern interagierte. Nur Drake schien unzufrieden mit seiner Rolle als Timekeeper gewesen zu sein, weil er auf die „Ding-Ding-De-Ding“-Beckenbegleitung reduziert war.

Der afroamerikanische Trompeter Terence Blanchard bei seinem Auftritt mit dem E-Collective in Bergamo.
In seiner Band E-Collective spielt der Trompeter Terence Blanchard mit jungen Musikern aus der Enkelgeneration von Archie Shepp, die beim Bergamo Jazz Festival ein Schlaglicht warfen auf das rhythmische Phänomen Groove.

Zwischen Groove und radikaler Improvisation

Gleich im Anschluss betrat der gut 25 Jahre jüngere Trompeter Terence Blanchard die Bühne und zeigte, wo er sich auf diesem Zeitstrahlt positioniert. In seiner Band E-Collective spielt er mit jungen Musikern aus der Enkelgeneration von Shepp, die in Bergamo ein Schlaglicht warfen auf das rhythmische Phänomen Groove, das komprimiert und zum Pulsieren gebracht, durch harsche Single-Notes etwa der E-Gitarre aufgeraut und durch Spuren von Funk, Soul und HipHop anderswo verortet wurde. Blanchards Rolle war die des Impulsgebers im Hintergrund, der mit kurzen Trompetenstößen entweder neue Richtungen vorgab oder Ankerpunkte zum Innehalten setzte.

Nur unwesentlich älter als Blanchard ist der Tenorsaxofonist David Murray. Bei seinem Konzert in Bergamo mit seinem Quartett knüpfte er direkt an Shepps radikal-freier Improvisationsmusik der 1960er an. Von dort aus führte er diese einerseits zurück in die Geschichte des Jazz, andererseits trieb er Shepps ästhetisch-musikalische Parameter wie etwa das Stauchen und Verschleifen der Tonhöhen auf die Spitze, indem er diese durch Überblastechniken, Zirkularatmung und Spaltklänge bis zur Unkenntlichkeit abstrahierte.

Der Tenorsaxofonist David Murray kam mit seinem Quartett nach Bergamo zum Jazzfestival.
Blick zurück in die Zukunft der afroamerikanischen, musikalischen Avantgarde: das Quartett des Tenorsaxofonisten David Murray beim Bergamo Jazz Festival.

Ungewöhnliche Orte

Am Vormittag nach seinem Konzert mit Shepp war Drake wieder in seinem Element. Im Duo mit dem italienischen Vibrafonisten Pasquale Mirra führte er das Metrum der Musik über dessen Grenze hinaus und trieb dort sein Vexierspiel aus klangintensiver Melodik, die er auf die Trommeln und Becken übertrug, konkretem Beat und flirrendem Pulsieren. Drake war dabei so weit vorneweg, dass sein jüngerer Partner nicht mehr mitkam.

Die Spielstätte, das Museum Accademia Carrara, machte eine zweite Konzeptlinie des Bergamo Jazz Festivals deutlich: Jazz und improvisierte Musik in geschichtsträchtigen Orten und auf luftigen Plätzen in der Stadt aufzuführen, wo diese in der Regel nicht zu hören sind – wie zum Beispiel das Konzert mit dem Horn Trio der jungen, italienischen Kontrabassistin Federica Michisanti oder der Soloauftritt der Cellistin Anja Lechner in der alten Kirche Ex Oratorio di San Lupo.

Nach dem umjubelten Auftritt des Kameruner Saxofonisten Manu Dibango am Sonntagabend betrat Dave Douglas zum letzten Mal als künstlerischer Leiter die Bühne im Creberg Teatro, um sich von „seinem“ Publikum in Bergamo zu verabschieden. Das tat er aber nicht, ohne seine Nachfolgerin vorzustellen: die italienische Vokalistin Maria Pia de Vito. Für Kontinuität ist also gesorgt.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“ gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius (und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“ – und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, dann gegen Bezahlung anbieten.

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