Luft nach oben

Jazzfest Berlin, 1.11. bis 4.11.2018

Debatten, Schimpftiraden, aktuelle Musik: All das kennzeichnete das erste Programm der neuen Kuratorin des international beachteten, 54 Jahre alten Jazzfest Berlin, Nadin Deventer. Stefan Hentz und Martin Laurentius waren vom 1. bis 4. November 2018 in der deutschen Hauptstadt und haben sich dort nicht nur umgehört, sondern auch mit debattiert und geschimpft.

„Nur oberflächliche Menschen urteilen nicht nach Äußerlichkeiten“, schreibt Oscar Wilde. Wo er recht hat, hat er recht. Äußerlichkeiten zählen, sie grundieren die Wahrnehmung, ganz egal, ob es um einen Menschen geht oder um ein beliebiges Ding, ein Buch, ein Kunstwerk, ein Konzert – oder ein Festival, aufgeschrieben, technisch aufgezeichnet oder live erlebt. Auch beim traditionsreichen Jazzfest Berlin, dessen erste Ausgabe unter der neuen künstlerischen Leiterin Nadin Deventer Anfang November 2018 durch das Haus der Berliner Festspiele fegte, ist das Äußere wichtig, die Umstände, die Gestaltung, der Diskurs.

„Das wahre Geheimnis der Welt liegt im Sichtbaren, nicht im Unsichtbaren“ – noch mal Wilde. Und so war auch beim Jazzfest 2018 das Visuelle ein entscheidender Faktor; einige der Flächen und Räume im Haus der Festspiele waren subtil umdekoriert und massiv umfunktioniert worden; vertraute Wege durch die Kassen- und Wandelhallen hatten sich in Aufführungsflächen verwandelt; feste Plätze für die Karten- oder Getränkeausgabe waren plötzlich verschwunden und tauchten an anderer Stelle wieder auf: irritierend – und interessant. Für das Publikum war das mit Strapazen verbunden, Mangel an Rückzugs- und Ruhefläche in den Zeiten zwischen den Konzerten kann zu Stress führen. Und entsprechend war die Reaktion: Unruhe. Hinsetzen. Aufstehen. Immer weiter.

Das mit jungen Berliner Musiker*innen besetzte KIM Collective beim Jazzfest Berlin 2018.
Das KIM Collective, ein Zusammenschluss junger Berliner Musiker*innen, am Eröffnungsabend des Jazzfest Berlin 2018 in der Unterbühne des Hauses der Berliner Festspiele.

Trubel im Haus of Jazz

Massiv wirkte sich diese Unruhe vor allem am ersten Festivaltag aus, der von Deventer als „Haus of Jazz“ inszeniert worden ist. Allein das stete Kommen und Gehen war eine Belastung, gegen die das Trio Thumbscrew um die Gitarristin und „Artist in Residence“ Mary Halvorson, ein eher fragiler Beitrag um Thema, Standards und Gegenwart, auf der Fläche im oberen Foyer nur mit Mühe ankämpfen konnte. Auch der Pianist Elias Stemeseder, einst ein Berliner aus Österreich, jetzt in New York lebend, hatte mit seinem unbegleiteten Solokonzert später am Abend schwer zu tun.

Massiver noch musste der Berliner Festivalbeitrag in Gestalt des maskiert auftretenden KIM Collective mit dieser Unruhe fertig werden. Auf der neu für das Jazzfest erschlossenen Unterbühne, einem geheimnisvollen, runden Raum unter der Drehbühne mit Nischen für die einzelnen Musiker*innen, wurden Sounds aus dem Obergrund improvisierend geremixt. Ihre gleichzeitig durchsichtige und auf einen langen Atem gestützte Musik hätte einen Ort verdient gehabt, der das Publikum zum Verweilen einlädt, zur Konzentration der Energie und nicht zu ihrem ungebündelten Abfluss als Rinnsal.

So blieben eben die einen im Dunkeln, und das Licht blieb den Anderen vorbehalten. Besser funktionierte die bewusst inszenierte Unruhe bei Bands, deren Musik zum Handfesten, Brachialen drängt und in Räumen, die das Geschehen einrahmen: In der Kassenhalle zum Beispiel konnte das junge Schweizer Trio Heinz Herbert mit seiner punkinspirierten, minimalistischen Dronemusik durchaus sein Publikum fesseln.

Das Quartett Irreversible Entanglements trat mit der Poetin und Spoken-Word-Artistin Camae Ayewa aka Moor Mother beim Jazzfest Berlin auf.
„Fokus: Chicago" beim Jazzfest Berlin 2018: das Quartett Irreversible Entanglements und die Poetin und Spoken-Word-Artistin Camae Ayewa aka Moor Mother.

Nichts Neues aus Chicago

Als problematisch erwies sich auch der Festivalschwerpunkt „Chicago“, einer von vier thematischen Fäden durch das Festivalprogramm, der einerseits nicht gerade eine Neuigkeit für das Jazzfest Berlin war und in Deventers Programmierung von Licht und Schatten durchzogen war. Zum Schwerpunkt gehörten drei Großformationen, die je ihren Reiz hatten, einander jedoch zu ähnlich waren, als das nicht irgendwann Ermüdung eingetreten wäre.

Nachdem bereits das Eröffnungskonzert im Haus der Berliner Festspiele mit Nicole Mitchell’s Black Earth Ensemble ein Oktett aus dem Umfeld des afroamerikanischen Musikerkollektivs AACM aus Chicago präsentierte, das mit einer raffiniert zurückgenommenen Dynamik und der Reibung zwischen Klängen wie jenen der Shakuhachi-Flöte und Taiko-Trommeln mit Violine, Cello, Querflöte sowie Bass, E-Gitarre, Perkussion fein eingehegte Clashes von Kulturen in Szene setzte und in den Kompositionen der Bandleaderin raffiniert eine Dynamik der sehr diversen Herkünfte erzeugte, spielte am gleichen Platz zu späterer Stunde das mit Musikern aus Chicago und Berlin besetzte Ensemble Exploding Star International um den bildenden Künstler und Trompeter Rob Mazurek auf einer sehr ähnlichen Klaviatur.

Musikalische Sekundärtugenden

Auch das Art Ensemble of Chicago, von dessen klassischer Besetzung in Berlin allerdings nur noch der Saxofonist Roscoe Mitchell und der 1970 zum Ensemble gekommene Perkussionist Famoudou Don Moye mitwirkten, vertraut heute mehr auf musikalische Sekundärtugend der Interpretation als auf die Überzeugungskraft der Improvisation. In seiner aktuellen elfköpfigen Gestalt ist es nicht einmal mehr entfernt zu vergleichen mit dem Ensemble von einst, das in spannungsgeladenen, weiten Improvisationsbögen tatsächlich einen neuen Klang im amerikanischen Free Jazz entfaltete, der zwischen neuer und ganz archaischer Musik in viele Richtungen offen und anschlussfähig war. Was die beiden älteren Herren und ihre neun jüngeren Kolleg*innen, unter ihnen so herausragende wie Mitchell an der Flöte oder die Cellistin Tomeka Reid, in Berlin zu bieten hatten, konnte energetisch sowie vom komponierten Material her nicht so recht von der Berliner Erde abheben.

Zuvor am gleichen Abend hatte Mitchell mit der Poetin und Spoken-Word-Artistin Camae Ayewa aka Moor Mother, die über ein Pult auf Echo- und Soundeffekte Zugriff hatte, ein Duo-Konzert gegeben, bei dem jede Erwartung einer kommunikativen Interaktion zwischen dem Veteran der „Great Black Music“ und der explosiven Wut der jungen Künstlerin aus dem Dunstkreis des aktuellen, experimentellen HipHop ins Leere lief. Man kann die Überblassounds, aus denen Mitchells Beitrag bestand, interessant finden, energiegeladen, kraftvoll und konsequent, mit der er sie von vorne bis hinten durchdeklinierte. Kann man, alles schön und gut. Aber spannender war dennoch das Zusammenspiel von Moor Mother mit dem jungen Quartett Irreversible Entanglements, in dem tatsächlich verschiedene ästhetische Sprachen aufeinander trafen und so etwas wie ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion entstand.

Der Amerikaner Bob Mintzer leitete beim Jazzfest Berlin die WDR Big Band mit der Sängerin Jazzmeia Horn als Gast.
Der künstlerische Leiter der WDR Big Band, der amerikanische Tenorsaxofonist Bob Mintzer, mit der jungen, afroamerikanischen Sängerin Jazzmeia Horn beim Jazzfest Berlin 2018.

Old and new dreams

Die alten Jazztage Berlin treffen auf das neue Hauptstadt-Jazzfest: So ließen sich zwei Deutschlandpremieren am Jazzfest-Samstag auch hören. „A Social Call“ hieß das Programm, für das der musikalische Leiter der WDR Big Band, der amerikanische Tenorsaxofonist Bob Mintzer, das „Great American Songbook“ durchstöbert hatte, um seinen Musikern und einer Musikerin Arrangements auf die Pulte zu legen, die diese geschmeidig schnurrend, mit viel Swing und Groove authentisch aufzuführen wussten.

Eigentlich sollte der Gast dieses Rundfunk-Jazzorchesters, die junge, afroamerikanische Sängerin Jazzmeia (Der Vorname ist echt!) Horn, im Mittelpunkt stehen. Doch die kam erst zum Schluss in den Flow der aufgeführten Jazzmusik. Ihr Gesang, mit dem sie zuvor kratzbürstig gegen den rhythmischen Drive der WDR Big Band phrasiert hatte, ergab erst nach einer Ballade nur mit der Rhythmusgruppe Sinn. Das Verschleifen der Tonhöhen emotionalisierte auf einmal den Orchester-Jazz aus bekannteren und unbekannteren Jazzstandards, ihre „Gegen den Strich“-Phrasierung brachte die teils biedere Interpretationsleistung der WDR Big Band gehörig aus dem Tritt. Dann, als dieses Konzert auf sein Ende zulief, ließ sich erahnen, was daraus hätte werden können: ein großartiges Stück klassischer Jazzunterhaltungskunst amerikanischer Schule.

Der Pianist Jason Moran mit The Bandwagon und den Musikern von „Tomorrow’s Warriors“ beim Jazzfest Berlin 2018.
„James Reese Europe & The Absence of Ruin“: So hieß das audio-visuelle Programm von Jason Moran mit seinem Trio The Bandwagon und den jungen, britischen Musikern von „Tomorrow’s Warriors“ beim Jazzfest Berlin 2018.

Auch der zweite Teil dieses dritten Jazzfest-Abends auf der großen Bühne im Haus der Berliner Festspiele war pan-atlantisch ausgerichtet. Der afroamerikanische Pianist Jason Moran reiste mit seinem langjährigen Trio The Bandwagon erst nach London, um mit den jungen Musikern der britischen Initiative „Tomorrow’s Warriors“ sein ehrgeiziges, audio-visuelles Programm „James Reese Europe & The Absence of Ruin“ einzustudieren, das dann beim Jazzfest Berlin seine Deutschlandpremiere hatte.

Diese Aufführung machte deutlich, was aus einem anderen Schwerpunkt der 2018er-Ausgabe, „Afro-Futurismus“, hätte werden können. Indem der schwarze Pianist Moran Präformen des Jazz wie Ragtime, Blues oder New-Orleans-Brass und die improvisationsmusikalische Avantgarde des 21. Jahrhunderts ineinander verschmolz, erinnerte er an die schwarzen, amerikanischen Soldaten vor 100 Jahren, die, weil die US-Truppen weiß bleiben sollten, an der Seite der Franzosen in die grausamen Schlachten des ersten Weltkrieges zogen – und die als Band unter der Leitung von James Reese Europe ihre ungeheuerlich swingende Musik aus dem Süden der USA zum ersten Mal nach Europa brachten. Als sich in Berlin am Schluss die jungen britischen Musiker vor dem Foto eines Harlem Hellfighters, der vor dem Grab eines Gefallenen kniete, um Morans Flügel aufstellten, aus dessen Innern es geheimnisvoll rot glimmend schimmerte, ließ sich tatsächlich ein Blick zurück in die Zukunft afroamerikanischer Musik werfen – allem Pathos dieses eindringlichen Bildes auf der Bühne zum Trotz.

Leitlinien, verwirrt

Überhaupt war es ein Kreuz mit den vier Leitlinien, die Deventer in ihrem Programm ausgelegt hatte. Der „Fokus: Chicago“ erübrigte sich sowieso, weil die Bedeutung dieser US-Metropole am Michigan Lake als Jazz- und Musikstadt nur noch historisch ist. Die „Artist in Residence“, Halvorson, trat zwar an den vier Jazzfest-Tagen oft auf, aber ihre zumeist leise, intellektuell so ausgefuchste Improvisationsmusik war im Getöse des Festivals drum herum fast unhörbar.

Und der „Fokus: Europa“? Den gab es zumeist auf den Nebenschauplätzen zu erleben. So spielte die Griechin Tania Giannouli mit ihrem Jazzpiano-Trio ein griffiges Konzert im A-Trane und die Band Freaks um den langbärtigen, französischen Geiger Théo Ceccaldi führte ihre turbulent improvisierte Rockmusik auf der Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele auf. Dort war auch der Altsaxofonist Maciej Obara zu erleben, der mit seinem polnisch-norwegischen Quartett seine Free-Jazz-Salven ins Publikum schoss.

Das „Berlin-Chicago-London Special“ fand dann absichtlich fern des eigentlichen Jazzfest-Epizentrums statt. Im hippen Club Prince Charles, einem früheren Hallenbad, gab die aus der momentan medial so gehypten, jungen Londoner Szene kommende Tenorsaxofonistin Nubya Garcia einen Blick frei auf ihren Deep- bzw. Spiritual-Jazz, während der Chicagoan Makaya McCraven dort erst die „Cut & Paste“-Ästhetik seines aktuellen Albums „Universal Beings“ als Live-Act zu inszenieren versuchte, bevor er seine Groove-Jams mit Berliner Musikern fortsetzte. Ob das zumeist junge Publikum im Prince Charles hinterher wusste, dass es ein Konzert des Jazzfest Berlin besucht hatte?

Das „Berlin-Chicago-London Special“ beim Jazzfest Berlin 2018 mit der Tenorsaxofonistin Nubya Garcia im Prince Charles.
Die junge Londoner Tenorsaxofonistin Nubya Garcia am 3. November 2018 bei ihrem Jazzfest-Berlin-Auftritt im Club Prince Charles.

Berlin, im Licht betrachtet

„Ich habe über mehrere Monate überlegt, was ist Relevanz? Und: Was ist jetzt relevant? Und: Wie schaffe ich es, das in dieser Stadt sichtbar zu machen? Berlin ist eine besondere Stadt, es passiert wahnsinnig viel, und ich finde es wichtig, dass ich – anders als meine Vorgänger – auch in Berlin wohne. Ich muss diese Stadt spüren, um solche Themen zu entwickeln“, so Deventers Überzeugung. Umso mehr überraschte es dann doch, dass die trubelig-kreative Hauptstadt-Szene, die auch und gerade international so hell strahlt, so gut wie gar nicht in ihrem Premierenprogramm stattfand.

Insgesamt war die 2018er-Version des Jazzfest keine schlechte, sie lotete sehr verschiedene Ecken des aktuellen Jazzgeschehens aus und präsentierte viele gute, spannungsreiche Konzerte von Künstler*innen aus vielfältigen Hintergründen, mit jungen, älteren und alten, weiblichen, männlichen und diversen, amerikanischen, europäischen und auch einigen Berliner Musiker*innen. Und ja, es standen mehr Frauen in musikalisch tragender Rolle auf den verschiedenen Bühnen des Jazzfest denn je zuvor.

Frauenkarte, exzessiv gespielt

Überhaupt wurde die „Frauenfrage“ schon im Vorfeld des Jazzfest Berlin 2018 kontrovers diskutiert. Von spitzzüngig zynisch bis herablassend abwertend wurde die Ernennung Deventers durch den Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender, kommentiert. Später, beim Festival, schimpften beispielsweise die teils älteren Herren der ARD-Jazzrunde zumeist hinter vorgehaltener Hand, dass die neue und mit 41 tatsächlich vergleichsweise junge, künstlerische Jazzfest-Leiterin medial viel zu exzessiv die Frauenkarte spielen und sich als Opfer inszenieren würde.

Diese Tiraden machten es schwer, Deventers Premierenprogramm aus rein ästhetischer Perspektive zu diskutieren. Andererseits zeigte das Gros der Presseveröffentlichungen über Deventer auch, wie notwendig eine Debatte zum Thema „Gender equality“ im Jazz tatsächlich ist. Eine Überschrift wie: „Wir sind nicht überfordert“ und einen Anleser wie: „Eine Frau an der Spitze des wichtigsten Jazz-Festivals – und gleich drehen einige Kerle frei“ – nachzulesen im Interview mit Deventer auf Spiegel Online – hätte es bei einem männlichen Jazzfest-Kurator nicht gegeben. So viel ist sicher.

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Sie haben eine Konzert- oder Festival-Besprechung in „RIFFS UND ZEICHEN. Texte zu Jazz und anderer Musik“ gelesen. Mehr über das Webportal der beiden Musikjournalisten Stefan Hentz und Martin Laurentius (und RiffReporter) erfahren Sie in „About us: RIFFS UND ZEICHEN“ – und auch darüber, dass Hentz und Laurentius ihre Texte nach einer Anlaufphase (bis voraussichtlich Sommer), während der ihre Artikel kostenfrei zu lesen sind, dann gegen Bezahlung anbieten.

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