Bibliotheken und Journalismus haben viel gemeinsam

RiffReporterin Anja Krieger über ihre Woche in der Berliner Stadtbibliothek

Christian Schwägerl

Seit 2009 berichtet Anja Krieger als freie Journalistin für deutsch- und englischsprachigen Hörfunk, Zeitungen und Online-Medien. Sie beschäftigt sich intensiv vor allem mit Umweltthemen. Ihr Radio-Feature „Die Entmüllung der Meere“ gewann den UMSICHT-Wissenschaftspreis, das journalistische Kollektiv „Climate News Mosaic“, zu dem sie gehörte, den HostwriterPrize. Anja ist Mitglied bei RiffReporter, der Genossenschaft für freien Journalismus, und war für uns Ende Juni eine Woche als „journalist-in-residence“ in der Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB).. Hier erzählt sie von ihren Eindrücken und Erfahrungen.

Anja, Du hast Deinen Schreibtisch eine Woche in das Foyer der Berliner Stadtbibliothek direkt hinter dem Berliner Stadtschloss verlegt und als RiffReporterin das Gespräch mit den Besuchern über Journalismus und Deine Themen gesucht. Wie war's?

Sehr spannend und eindrucksvoll. Ich habe mich selten in so kurzer Zeit mit so unterschiedlichen Menschen austauschen können. Viele von uns leben ja heute in kleineren oder größeren Filterblasen, in denen wir uns mit Leuten umgeben, die ähnlich denken und ticken wie wir. In der Bibliothek war das anders. Da habe ich Menschen aus den verschiedensten Kontexten und mit teilweise sehr konträren politischen Meinungen getroffen - von der öko-sozial bewegten Feministin bis zum AfD-Wähler. Ich habe mit einer ganzen Anzahl von Leuten sehr intensive Gespräche führen können, was für mich ein echter Realitätscheck war: Was halten die Leute von den Medien und der Berichterstattung, welche Themen sind ihnen wichtig, worauf bauen sie in ihrem Weltbild, was haben sie für Fragen und Anregungen an mich als Journalistin?

Was hast Du bei den Gesprächen gelernt?

Dass viele Menschen mittlerweile sehr, sehr skeptisch auf die Medien schauen und wir als Journalistinnen und Journalisten wirklich einer ganz großen Glaubwürdigkeitskrise gegenüber stehen. Für politische Journalisten ist das nichts Neues, aber in meinen Recherchen zu Umwelt und Wissenschaft bin ich dieser ausgeprägten Skepsis bisher nicht so begegnet. Ich wurde zum Beispiel gefragt, ob und wie weit ich als freie Journalistin „gelenkt“ werde. Tatsächlich suche ich mir fast alle Themen selbst aus, und wenn eine Redaktion mich anfragt, überlege ich ganz genau, ob und wie ich das Thema bearbeiten will oder nicht. Ein anderer Besucher war ganz verblüfft, dass wir RiffReporter gar nicht so wirkten wie Journalisten, sondern nahbar und offen. Das zeigt, wie schlecht das Image von Medienvertretern schon ist.

Was können wir dagegen tun?

Ich denke, es ist genau so ein Austausch in öffentlichen Räumen wie dieser Bibliothek, mit dem wir anfangen können. Und natürlich müssen wir auch in den Medienhäusern und Redaktionen das angehen, was guten Journalismus real bedroht: Prekäre Honorare, Zeitmangel, die Kürzung von Ressourcen, von guten Formaten. Wenn sich das immer weiter verschärft, geht das letztlich auf Kosten der Qualität und aller, die sich gut informieren wollen. 

Gleich zu Beginn hast Du dich mit den Initiatoren der arabischen Bibliothek Baynatna in der ZLB zusammengesetzt. In eurer Runde saßen Leute aus aller Welt, der Türkei, Schweiz, Deutschland, Syrien. Wie war ihr Blick auf die deutschen Medien?

Sehr, sehr kritisch. Wir haben uns über das Syrienbild in den deutschen Medien ausgetauscht, in dem vor allem Krise und Gewalt dominieren. Gerade aus Sicht der Syrer in der Runde war das, was wir aus ihrem Heimatland zu hören bekommen, lückenhaft, einseitig und problematisch. Syrien ist natürlich auch eine unglaubliche Herausforderung für Reporter, es ist eines der gefährlichsten Länder für Journalisten überhaupt. An unabhängige Informationen zu kommen ist schwer. Für uns hier in Deutschland ist es die andauernde Krise in Syrien, die erstmal Nachrichtenwert hat - auch wegen des Flüchtlingsthemas. Aber die Konzentration auf Krieg und Zerstörung entfernt uns gleichzeitig von dem, was wir mit den Menschen dort gemeinsam haben.


Pressevielfalt im Foyer: Bibliotheken bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern oftmals Tausende Medientitel an – im Foyer der ZLB gibt es eine reiche Auswahl von regionalen, nationalen und internationalen Tageszeitungen.
Pressevielfalt im Foyer: Bibliotheken bieten ihren Nutzerinnen und Nutzern oftmals Tausende Medientitel an – im Foyer der ZLB gibt es eine reiche Auswahl von regionalen, nationalen und internationalen Tageszeitungen.
Christian Schwägerl

Hat jemand ein Beispiel genannt?

Ein Teilnehmer erzählte, dass er erst durch einen syrischen Freund erfahren habe, dass auch Syrer Party machen, genauso wie wir hier. Seitdem fühle er sich diesem Land und seinen Menschen viel näher. Unser Interesse, Mitgefühl und das, was wir aus einer Region für berichtenswert halten, hängt stark mit unserer persönlichen Nähe oder Distanz zu Land und Menschen zusammen. Diese Distanz können wir nicht nur durch persönliche Freundschaften verringern, sondern auch in den Medien selbst: Es brauche noch viel mehr Diversität, mehr Vielfalt in den Redaktionen, noch vielfältigere Blickwinkel, meinten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Du hast auch verschiedene Workshops angeboten, vom Podcasting über eine Textklinik bis zum Factchecking-Workshop. Was hat Dir besonders gefallen und was ist dabei herausgekommen?

Schwer zu sagen, jedes Format war auf seine Art spannend. Sehr viel Spaß gemacht hat der Podcasting-Workshop mit ein paar Frauen, die gerade einen eigenen Podcast starten wollten. Ich hoffe, ich konnte sie ein Stückchen näher ans Ziel bringen und bin gespannt, was daraus wird. Mein Eindruck war, dass die Schreib- und Rechercheklinik den Bedarf der Leute in der Bibliothek am besten getroffen hat. Ich habe sie eingeladen, ihre „Textpatienten“ zur Behandlung vorbeizubringen, und sie dann zu ihren Projekten beraten. Da war ein Artikel dabei, ein Buchprojekt, ein Ausstellungstext und sogar eine Masterarbeit, die am nächsten Tag fertig sein sollte. Gut besucht und spannend war auch die morgendliche Presseschau an den Zeitungsregalen mit RiffReporter-Kollege Christian Schwägerl. Gemeinsam mit Besucherinnen und Besuchern haben wir die Zeitungen des Tages gesichtet, verglichen und diskutiert. Zum Faktencheck zum Thema Plastikmüll im Meer kamen dann weniger Leute, als ich erwartet hatte. Vielleicht lag es am Samstag und dem schönen Wetter, vielleicht auch daran, dass so eine Faktenprüfung schon echte Arbeit ist. Aber es hat auch in kleiner Runde Spaß gemacht, den Fakten auf den Grund zu gehen. Vor allem weil Wikipedia-Editor Michael Schlesinger dabei war und wir so unsere Erkenntnisse gleich in das Online-Lexikon eintragen konnten. 

Journalismus und Bibliotheken – wie gut passt das zusammen?

Das passt super! Sowohl in Bibliotheken als auch im Journalismus geht es ja darum, die Voraussetzungen zu schaffen, die Welt zu verstehen. Es geht darum, Wissen zugänglich zu machen, so dass sich jeder selbst bilden und informieren kann - umfassend, tief und vielfältig. Natürlich gibt es auch Unterschiede. Bibliotheken sind Slow Media, Orte der gemeinsamen Konzentration, mit einer kuratierten Sammlung. Journalistische Medien fügen Versatzstücke der Wirklichkeit dagegen selbst in Erzählform zusammen, und sie drehen sich viel schneller. Als Journalistin in diese Bibliothek zu kommen hat mich wieder einmal daran erinnert, wie wichtig es ist, regelmäßig bewusst das Tempo rauszunehmen. 

Wie haben die BesucherInnen auf Dich reagiert?

Posititiv, neugierig, kritisch, mit vielen Fragen. Ich hab nach meiner Schreibklinik ein paar von ihnen interviewt, wie sie das fanden.

Würdest Du gerne wieder mal Deinen Schreibtisch in die Bibliothek verlegen?

Auf jeden Fall. Vielleicht nicht jeden Monat, weil ich ja auch noch zum Schreiben kommen möchte - das geht am öffentlichen Schreibtisch und bei so dichtem Programm doch nicht wirklich. Aber so ein- bis zweimal im Jahr wär ich dabei. Einfach um mich ganz ohne konkrete Recherchefrage und Deadline-Stress umzuhören, was gerade für meine potenziellen Leserinnen und Hörerinnen wichtig ist. Und im Austausch mit ihnen Anregungen und Impulse für neue Beiträge und Geschichten zu sammeln.