Willkommen in der Plastisphäre

Die neue Koralle zu Plastikmüll in der Umwelt

Anja Krieger / privat (2011) Die Überreste einer Koralle, die auf einem Plastikrohr gewachsen sind. Wir haben es 2011 bei einer Strandreinigung am Kamilo Beach auf der Big Island von Hawaii gefunden, wo meine Recherche zum Thema begann.

Wir leben in einer Plastikwelt. Was sind die Folgen? In ihrer neuen RiffReporter-Koralle macht sich Anja Krieger auf die Suche nach Hintergründen und Lösungen.

Vor rund zehn Jahren las ich zum ersten Mal vom Plastikmüll im Meer, und war verblüfft: Unser Müll, ganz weit da draußen, im Nirgendwo? Ich begann zu recherchieren und wollte mehr wissen über die Hintergründe des Problems – und mögliche Lösungen. Meine Reise führte mich an einen vermüllten Strand im Nordpazifik, zu einem deutschen Chemieriesen, der Biokunststoff produziert, und auf das Boot eines Ostsee-Fischers, der Plastik aus seinen Netzen holt. Und das war erst der Anfang.

Obwohl sich die Folgen der Plastikproduktion schon in den frühen 1970er Jahren abzeichneten, ist unser Kunststoff-Konsum über die letzten Jahrzehnte ständig gestiegen. Brillen, Tüten, Kleidung, Prothesen, Rohre, Möbel, Flugzeug- und Autoteile – die Liste von Produkten aus Kunststoff lässt sich fast endlos fortsetzen. Unsere mobile, globale Gesellschaft baut auf die vielen Millionen Tonnen, die jedes Jahr frisch aus der Fabrik kommen. Und es wird immer mehr.

Unser Müll spielt in derselben Liga wie Viren

Verpackungen und Einwegprodukte landen dabei zuerst auf dem Müll. Nur mit Glück werden sie recycelt oder wenigstens verbrannt. Doch ein Teil des Abfalls büxt aus und reist durch die Luft, die Kanäle und Flüsse. In den Ozeanen zerfällt Makro- zu Mikroplastik, etwa so klein wie der Durchmesser eines menschlichen Haars. Und auch Nanoplastik ist schon im Meer gefunden worden. Damit spielt unser Müll nun in derselben Liga wie Viren und ist kaum noch auszumachen, geschweige denn einzufangen.

In den Medien ging es bisher vor allem um das Plastik im Ozean – wie es sich über die Strömungen ausbreitet und das Leben unzähliger Tiere beendet, weil sie es mit Nahrung verwechseln oder sich darin verfangen. Wir wissen mittlerweile, dass unser Müll nicht nur auf der Oberfläche schwimmt, sondern es bis in die Tiefsee schafft. Und dass er selbst zur Sphäre für neues Leben geworden ist. Auf den kleinen Plastikteilchen im Ozean siedeln ganz besondere Gemeinschaften von Mikroorganismen. Ihre Entdeckerin, die Mikrobiologin Linda Amaral-Zettler, hat diese Welt die "Plastisphäre" getauft.

Doch der Ozean ist nur eine Senke für unseren Abfall. Auch in Seen, in Flüssen, im Boden, in der Luft und im arktischen Eis haben Forscherinnen und Forscher Kunststoffreste entdeckt.

Der Weg zu dem abgelegenen Strand ist weit und beschwerlich. Nur eine staubige Piste führt nach Kamilo, die letzten Meter geht es über spitzes Lavagestein. Touristen verirren hier sich nur selten hin.
Der Weg zu dem abgelegenen Strand ist weit und beschwerlich. Nur eine staubige Piste führt nach Kamilo, die letzten Meter geht es über spitzes Lavagestein. Touristen verirren hier sich nur selten hin.
Anja Krieger /privat (2011)
Mitten im Pazifik schwemmt das Meer hier Unmengen an Treibgut an. Viel davon ist aus Plastik. Nordöstlich von Hawaii liegt eine Kreisströmung, in der sich der Müll sammelt. Der sogenannte "große pazifische Mülllwirbel".
Mitten im Pazifik schwemmt das Meer hier Unmengen an Treibgut an. Viel davon ist aus Plastik. Nordöstlich von Hawaii liegt eine Kreisströmung, in der sich der Müll sammelt. Der sogenannte "große pazifische Mülllwirbel".
Anja Krieger / privat (2011)
Überall liegen zerfallene Plastikprodukte herum, wie dieser alte gelbe Behälter.
Überall liegen zerfallene Plastikprodukte herum, wie dieser alte gelbe Behälter.
Anja Krieger / privat (2011)
Meeresbiologin Megan Lamson vom Hawai'i Wildlife Fund räumt den Strand von Kamilo regelmäßig auf. Hier erklärt sie den freiwilligen Helfern, was das Meer hier alles ausspuckt.
Meeresbiologin Megan Lamson vom Hawai'i Wildlife Fund räumt den Strand von Kamilo regelmäßig auf. Hier erklärt sie den freiwilligen Helfern, was das Meer hier alles ausspuckt.
Anja Krieger / privat (2011)
Megan Lamson zeigt den Strandhelfern, wie viele kleine Plastikteile im Sand sind. In einen Bottich werden Sand und Wasser gefüllt, der leichte Kunststoff schwimmt nach oben.
Megan Lamson zeigt den Strandhelfern, wie viele kleine Plastikteile im Sand sind. In einen Bottich werden Sand und Wasser gefüllt, der leichte Kunststoff schwimmt nach oben.
Anja Krieger / privat (2011)
Hunderte kleiner Fragmente treiben an der Oberfläche. Hier im Käscher sieht man, wie viel das ist. An Stränden in aller Welt finden sich kleinste Plastikteile im Sand.
Hunderte kleiner Fragmente treiben an der Oberfläche. Hier im Käscher sieht man, wie viel das ist. An Stränden in aller Welt finden sich kleinste Plastikteile im Sand.
Anja Krieger / privat
Der Strand ist geradezu durchsetzt von Fragmenten aus Kunststoff.
Der Strand ist geradezu durchsetzt von Fragmenten aus Kunststoff.
Anja Krieger / privat (2011)
Die Helfer finden sogar einen alten Autositz vor den Tümpeln aus Vulkangestein.
Die Helfer finden sogar einen alten Autositz vor den Tümpeln aus Vulkangestein.
Anja Krieger / privat (2011)
Plastik, gefunden einer Strandreinigung des Hawai'i Wildlife Fund 2011 auf den Vulkanfelsen des Kamilo Beach auf der großen Insel von Hawaii.
Plastik, gefunden einer Strandreinigung des Hawai'i Wildlife Fund 2011 auf den Vulkanfelsen des Kamilo Beach auf der großen Insel von Hawaii.
Anja Krieger / privat (2011)
Dieser große Stein ist gar keiner. Sondern ein ganzer Haufen alter, vermutlich verbrannter Fischernetze. Eine Art "Plastiglomerat". Wird das einmal in den Gesteinschichten unserer Zeit zum Vorschein kommen?
Dieser große Stein ist gar keiner. Sondern ein ganzer Haufen alter, vermutlich verbrannter Fischernetze. Eine Art "Plastiglomerat". Wird das einmal in den Gesteinschichten unserer Zeit zum Vorschein kommen?
Anja Krieger / privat
Viele Teile sind noch gut erkennbar. Und zeigen, wie vielfältig die Quellen der Meeresvermüllung sind: Haushalte, Fischerei und Industrie hinterlassen hier, weitab der großen Städte, Häfen und Fabriken, ihre Spuren.
Viele Teile sind noch gut erkennbar. Und zeigen, wie vielfältig die Quellen der Meeresvermüllung sind: Haushalte, Fischerei und Industrie hinterlassen hier, weitab der großen Städte, Häfen und Fabriken, ihre Spuren.
Anja Krieger / privat
Das Plastik im Meer wird zu neuem Lebensraum für die Tiere. Auf diesem Stück Plastik vom Kamilo-Strand ist eine Koralle gewachsen.
Das Plastik im Meer wird zu neuem Lebensraum für die Tiere. Auf diesem Stück Plastik vom Kamilo-Strand ist eine Koralle gewachsen.
Anja Krieger / privat (2011)
Mit mehreren Säcken Müll und einem großen Haufen alter Fischernetze verlassen die Strandreiniger Kamilo Beach. Die Netze sollen später recycelt werden.
Mit mehreren Säcken Müll und einem großen Haufen alter Fischernetze verlassen die Strandreiniger Kamilo Beach. Die Netze sollen später recycelt werden.
Anja Krieger / privat (2011)
Eine Gruppe junger Helferinnen und Helfer sammelt Müll am Kamilo Beach. Der Strand an der Südküste der großen Insel von Hawaii ist berüchtigt für die großen Mengen an Plastik und anderem Treibgut, das hier anschwemmt.
Eine Gruppe junger Helferinnen und Helfer sammelt Müll am Kamilo Beach. Der Strand an der Südküste der großen Insel von Hawaii ist berüchtigt für die großen Mengen an Plastik und anderem Treibgut, das hier anschwemmt.
Anja Krieger / privat (2011)

Wie wird sich unser Verhältnis zu Plastik entwickeln?

Das ist die Konsequenz unseres Plastikzeitalters. Und weil wir nun alle – im übertragenen Sinne – in der Plastisphäre leben, mit und im Kunststoff, habe ich diese Koralle danach benannt. 

Noch sind viele Fragen offen: Wie problematisch, wie riskant ist Plastik in der Umwelt und in unserem Alltag eigentlich wirklich? Breitet sich der Müll weiter aus, oder gelingt es uns, das perfekte Abfallmanagement-System und ewig recycelbare Kunststoffe zu entwickeln? Oder werden wir Schritt für Schritt wieder aus der Plastikwelt aussteigen müssen? 

Dazu kommt: Kunststoffmüll ist nur eine der Herausforderungen für unsere Zukunft. Wie können wir die Vermüllung und andere Umweltprobleme wie den Klimawandel, das Artensterben und die Zerstörung fruchtbarer Böden an ihrer gemeinsamen Wurzel packen? 

Diese Koralle beleuchtet Hintergründe und Lösungen

Zu diesen Fragen wächst hier jetzt die Kunststoff-Koralle mit Interviews und Artikeln, in denen ich die Entwicklung verfolge, Studien und Erkenntnisse zusammentrage und Lösungsideen beleuchte.  

Wer über die wichtigsten neuen Artikel aus dem Netz informiert werden will, kann schon jetzt links unten auf der Seite meinen Newsletter abonnieren: Immer Freitags werde ich darin in Kürze auf Beiträge und Studien der Woche hinweisen, als Lektüre fürs Wochenende.

Wer noch tiefer einsteigen möchte, kann mich im Podcast auf meiner Recherche begleiten und Menschen kennenlernen, die sich intensiv mit dem Thema befassen – auf Englisch, da die wachsende Community in allen Teilen der Welt lebt.

In der ersten Folge nehme ich die Hörerinnen und Hörer mit auf eine Reise zu den Orten und Menschen, die ich in den letzten Jahren besucht habe: Vom Plastikstrand von Hawaii über eine Bioplastik-Fabrik bis zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die das Leben auf dem Plastik erforschen.

Plastisphere