Trash Talk bei Maischberger

Bei der Sendung über den „Plastikfluch“ bekamen die Zuschauerinnen und Zuschauer auch Halbwissen und Unwahrheiten präsentiert.

Bild: WDR/Max Kohr ARD/WDR MAISCHBERGER, FOLGE 567, "Der Plastikfluch: billig, praktisch, gefährlich?", am Mittwoch (19.09.18) um 22:45 Uhr im ERSTEN.
Zu Gast bei Sandra Maischberger (M) v.l.n.r.: Kerstin Etzenbach-Effers (Verbraucherschutzzentrale NRW), Hannes Jaenicke (Schauspieler und Umweltaktivist), Ranga Yogeshwar (ARD-Wissenschaftsmoderator), Ursula Heinen-Esser, CDU (nordrhein-westfälische Umweltministerin) und Rüdiger Baunemann (Hauptgeschäftsführer PlasticsEurope Deutschland)
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Mittwoch Abend diskutierte Sandra Maischberger mit ihren Gästen über Plastikmüll. Vor einer Kulisse aus Müllsäcken berichtete der Schauspieler Hannes Jaenicke über „diese bekannten Plastikinseln“. Die berühmteste davon nordöstlich von Hawaii sei „mittlerweile achtmal so groß wie die Bundesrepublik, das ist eine feste Insel aus Plastikmüll“, behauptete der Umweltaktivist. 

Eine feste Insel aus Plastikmüll – wie bitte? Kursiert dieser Mythos wirklich immer noch? Schaut man sich das Foto an, das die Wissenschaftlerin Miriam Goldstein im Great Pacific Garbage Patch gemacht hat, dann sieht man nur eins: Weites offenes Meer. Das inselmäßigste, was ich aus der vermüllten Meeresregion bisher gesehen habe, ist ein größerer Haufen Bojen und Fischernetze, den die Crew von Algalita, der Organisation des Seglers und Plastikaktivisten Charles Moore, dort 2014 fotografiert hat. Nur ein paar Meter groß. 

Das Team des Projekt Ocean Cleanup war 2015 auch da und hat festgestellt, dass Fischernetze an der Oberfläche den Großteil der Masse ausmachen. Aber auch die bilden keine geschlossene feste Insel. Ansonsten treibt da draußen immer mal wieder ein Stück vorbei, wie auf den Bildern, die der Meeresgeologe Thomas Ronge vom Alfred-Wegener-Institut kürzlich auf der Durchreise durch den zweiten, westlichen pazifischen Garbage Patch zwischen Japan und Hawaii geschossen hat.

Was die Größe angeht: Ozeanografin Angelicque White von der Oregon State University hat vor ein paar Jahren ausgerechnet, wie winzig die zusammenhängende Fläche wirklich wäre, die sich rechnerisch ergäbe, wenn man den verstreuten Müll auf der Oberfläche zusammentreiben würde: Nicht mal ein Prozent der Größe von Texas. Selbst wenn es jetzt noch einmal mehr geworden ist, käme man heute sicher nicht auf eine geschlossene Fläche von der achtfachen Größe Deutschlands. 

Auch die Umweltbehörde NOAA versucht schon lange aufzuklären, wie die Vermüllung des Meeres wirklich aussieht: Wir haben es eben nicht mit Inseln zu tun, sondern mit einer dünnen Plastiksuppe, einer Art Mikroplastik-Smog im Meer. Was gerade deswegen noch besorgniserregender ist als fabulierte Inseln. Denn die könnte man mit einer ozeanischen Müllabfuhr abtransportieren. Allgegenwärtige Kleinteile dagegen belasten das Ökosystem Meer auf viel perfidere Weise. Im Nordatlantik wurde sogar schon Nanoplastik gefunden, so winzig wie ein Virus.

Wer ein Problem lösen will, sollte es kennen. Aber Kampagnen leben heute von Bildsprache, und eine fabulierte Plastikinsel zieht mehr als realer Plastiksmog. Wirklich unverantwortlich wird es, wenn Journalisten solchem Trash Talk nichts entgegensetzen. Denn die Mythen wurden schon oft als solche entlarvt. Insofern wäre es ein leichtes gewesen, vorab zu recherchieren. Doch Sandra Maischberger hinterfragte Jaenicke nicht.

Stattdessen brachte die Moderatorin eine weitere „Wahnsinnszahl“ ins Spiel, die gerade genauso hartnäckig wie der Müll im Meer durch die Medien treibt: „2050 wird es mehr Plastik als Fische im Meer geben?“ Und Jaenicke bestätigte: „Ja, Fakt – das ist eine Studie, die hat Sylvia Earle gemacht (...) diese Studie scheint relativ präzise zu sein.“ 

Fakt? Au weia. Die BBC hat diese Behauptung schon vor zwei Jahren überprüft und festgestellt: Sie ist nicht haltbar. Wir können weder über das eine noch das andere sichere Aussagen treffen: Wie viele Fische oder wieviel Plastik 2050 im Meer schwimmen. Sorry, die Welt um uns ist dann manchmal doch zu groß, als dass wir sie zahlenmäßig schon im Griff hätten. Und die renommierte Ozeanforscherin Sylvia Earle hat die Studie auch nicht durchgeführt. Die Behauptung stammt aus einem gemeinsamen Bericht der Stiftung der britischen Seglerin Ellen MacArthur mit dem Weltwirtschaftsforum – wie Maischberger richtig anmoderierte. Statt die Zahl als „relativ präzise“ zu bezeichnen, hätte Jaenicke den BBC-Bericht vor der Sendung mal googeln können – das geht ganz leicht:

„So how much plastic is there in the ocean, and how much will there be in 2050? We don't know, but probably a lot. How many fish? We don't really know but certainly a lot. And when will one overtake the other? We definitely do not know. But it does point to a very real problem. We do know that plastic, once added to the ocean, does not decay for decades, possibly centuries. It is constantly increasing.“ (BBC)

Ja, vielleicht wissen wir 2050 mehr und stellen traurig fest, dass es tatsächlich mehr Plastik als Fische im Meer gibt. Dann ziehen vielleicht auch schon die ersten Menschen auf die neue „Plastic Republic“ draußen im Meer ein und machen es sich gemütlich auf unseren alten Fischernetzen, Zigarettenfiltern und Flaschendeckeln. Man weiß ja nie, wie es kommt.

Aber jetzt mit solchen Behauptungen zu hantieren ist kein Wissen und erfüllt auch keinen Bildungsauftrag, sondern ist Müll und gehört in die Tonne. Wie beim Plastik: Weniger ist mehr, und auch ohne zweifelhafte Zahlen und Bilder lässt sich zeigen, dass die wachsende Vermüllung der Umwelt ein echtes Problem ist.

Sehenswert ist der Maischberger-Talk trotzdem, aber aus anderen Gründen: Die Runde deckte die politischen Positionen gut ab. Dabei waren der Industrievertreter Rüdiger Baunemann vom Verband PlasticsEurope, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, die nordrhein-westfälische Umweltministerin Ursula Heinen-Esser (CDU) und glücklicherweise auch die gut informierte Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherschutzzentrale NRW. Wegen ihr lohnt sich die Stunde Talk, und auch der Austausch über mögliche Risiken von Mikroplastik zwischen Ranga Yogeshwar und dem Mediziner und Toxikologen Gilbert Schönfelder am Ende der Sendung ist sehr spannend.

Wer aber eine Sendung mit so hoher Reichweite produziert, die sogar eine eigene Rubrik „Faktencheck“ anbietet, könnte vielleicht auch mal die grundlegenden Infos prüfen, die sie gleich zu Anfang bei den Zuschauern verbreitet. Vielleicht lieber vorher als nachher. Denn das ist die Parallele zwischen Scheinwissen und Plastikmüll: Was sich einmal in der Welt verbreitet hat, kriegt man hinterher nur schwer wieder heraus.

Wenn Menschen dann hören, dass es doch keine Plastikinseln gibt oder auf Dauer mehr Fisch als Plastik in den Meeren schwimmt, fühlen sie sich vielleicht getäuscht und wenden sich mit dem Gefühl ab, das Problem sei eben nicht so schlimm. Was nicht stimmt: Plastikverschmutzung ist ein wachsendes Umweltproblem, an Land, in Bächen und Flüssen, im Meer. Das ist leider ein Fakt.

Zur Sendung in der Mediathek

Eigener Faktencheck von „Maischberger“


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