Plastik im Boden

Seit Jahrzehnten landet Plastikmüll in den Böden. Was sind die Risiken?

Jamina Rillig Ein Fetzen Plastik liegt zwischen Blättern auf dem Boden.

Bisher standen Meere, Flüsse und Seen im Zentrum der Debatte um den Plastikmüll. Nun nehmen Bodenforscher*innen den Müll in den Blick, der auf Äckern, Wiesen und in Gärten landet. Dessen Menge ist womöglich größer als die im Ozean. Fügt Plastik der Bodenwelt Schaden zu? Und was sind die Folgen für uns Menschen?

Matthias Rillig hat sich schon früh Gedanken über die Auswirkungen von Mikroplastik auf die Böden gemacht. Der Biologe leitet das Bodenlabor an der Freien Universität Berlin und erforscht die Welt aus Krumen, Poren und Milliarden kaum bekannter Lebewesen unter unseren Füßen – eines der komplexesten Ökosysteme überhaupt.

Schon im Jahr 2012 veröffentlichte Rillig einen Artikel über Mikroplastik in terrestrischen Ökosystemen. Es vergingen mehrere Jahre, bis sein Weckruf in der Bodenforschung ankam. Schließlich begann die Fachcommunity, die Folgen von Plastikteilchen auf die Böden und dessen Bewohner, wie Regenwürmer, Springschwänze, Mikroben und Pflanzen, näher zu erforschen. 

Die ersten Ergebnisse zeigen, dass Partikel und Fasern aus Plastik tatsächlich das Potenzial haben, die Böden zu verändern. Sie können die physikalische Struktur des Bodens, seine Chemie und seine Lebewesen beeinflussen. Je kleiner die Partikel, desto größer könnte das Risiko sein. Mikroplastik ist noch zu groß, um von Pflanzen aufgenommen zu werden. Doch sollte es in noch winzigere Teile zerfallen, das sogenannte Nanoplastik, dann sähe das möglicherweise anders aus.

Der Umweltforscher Abel Machado hat deshalb verschiedene Pflanzenarten im Labor mit Partikeln aus Nanoplastik gefüttert, die unter einem normalen Mikroskop nicht mehr erkennbar sind. Während der Salat mit dem Nanoplastik gar nicht klar kam, ging es den Karotten prächtig, auch wenn sie nicht mehr ganz dieselben waren. Je nach Pflanze kommt es im Labor zu unterschiedlichen Folgen – und das dürfte die Gemeinschaft der Lebewesen verändern. Ob das Nanoplastik draußen allerdings überhaupt in relevanter Konzentration in der Erde vorkommt, wissen die Forscher noch gar nicht.

Die Aufnahme von Plastik durch Lebewesen ist nur eine Art, wie Plastik den Boden beeinflussen könnte. Zentral ist auch sein Einfluss auf die Bodenstruktur. Dabei kann die Art und Form der Kunststoffe entscheidend sein. Die größten Effekte haben möglicherweise Mikrofasern, wie die, die aus Kleidungsstücken auswaschen. Kompakte Mikropartikel, die den Bodenkrumen bereits ähneln, zeigen weniger Wirkung.

Matthias Rillig konnte außerdem belegen, dass Regenwürmer Partikel aus Mikroplastik in tiefere Erdschichten transportieren. Die slowenische Künstlerin Saša Spačal hat diese Erkenntnis in ihrer Installation „Plasticity“ verarbeitet und die Würmer dafür mit einem speziellen Geophon in der Erde aufgenommen. Ausschnitte aus der Sound-Komposition, die daraus enstanden ist, sind im Plastisphere-Podcast zu hören.

Außerdem habe ich für diese Folge mit Reinhold Leinfelder gesprochen. Der Geologe überlegt sich, was in ferner Zukunft aus den Böden von heute wird. Objekte aus Plastik gehören für Leinfelder zu einer neuen Art von Fossilien im Anthropozän, dem vom Menschen geprägten Zeitalter. Über solche „Technofossilien“ lassen sich Bodenschichten noch feiner datieren als zuvor, da sie meist nur relativ kurz in Umlauf sind. Trotzdem hofft Leinfelder, dass die Plastikzeit nur eine dünne Schicht hinterlässt, und die Geologen der Zukunft darüber die Spuren eines neuen Zeitalters mit weniger Müll vorfinden – des Post-Plastik-Anthropozäns. 

Der Podcast ist gratis verfügbar. Wenn er Ihnen gefällt, können Sie mich hier unterstützen. Mit Ihrem Beitrag ermöglichen Sie die Recherche und Produktion für weitere Folgen des "Plastisphere"-Projekts. Vielen Dank!

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