Plastik in der Luft

Ein Überblick zum Stand der Forschung

Anja Krieger Eine Bucht auf Island.

Gerade hat die US-Geologiebehörde unter dem Titel "es regnet Plastik" gemeldet, dass Mikrofasern im Regenwasser der Rocky Mountains gefunden wurden, da erscheint eine weitere Studie, die nahelegt, dass Plastik durch die Luft fliegt – und zwar über weite Strecken. Wissenschaftler*innen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung fanden Plastik im Schnee von Eisschollen, die durch das arktische Meer drifteten. Auch in Schneeproben von den Inseln Spitzbergen und Helgoland, aus Bremen und den bayrischen und Schweizer Alpen fanden sie und ihre Schweizer Kolleg*innen Mikrofasern (*) und Kunststoffpartikel.

Erst im April war eine Studie mit Messungen aus Frankreich durch die Medien gegangen, nach der Mikrofasern und Mikroplastik in entlegene Gebiete der Pyrenäen gelangen. Hochrechnungen zufolge könnten die Teilchen bis zu 95 Kilometer zurückgelegt haben. Gibt es weitere Belege dafür, dass sich Reste von Kunststoffen nicht nur in Wasser und Erde, sondern auch in der Luft befinden?

2015 fanden Wissenschaftler Kunststoff-Partikel und Fasern, die offenbar aus der Pariser Luft gefallen waren. 2017 wurde Plastik und Gummi im Straßenstaub der iranischen Stadt Buschehr festgestellt. In der Luft über der Stadt Dongguan in China wurden die Kunststoffe Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol gefunden. Im Juli 2019 berichteten Forschende, dass geschätzt 120 Kilogramm Mikroplastik pro Jahr in der Luft über Schanghai schweben. Rund 21 Partikel Mikroplastik dürfte ein Erwachsener in der chinesischen Stadt täglich einatmen.

Auch in Innenräumen könnten Menschen die winzigen Plastik-Partikel aufnehmen. Eine Studie vom Juni fand sie in der Luft von drei Apartments in Dänemark. Letztes Jahr hatten Forschende berechnet, dass mehr Mikroplastik aus der Raumluft als aus Muscheln auf dem Teller landen dürfte.

Die Belege für Plastik und Fasern in der Luft verdichten sich also. Was für Folgen könnte das für die menschliche Gesundheit und die Gesundheit anderer Lebewesen haben? Bereits vor über 20 Jahren wurden Fasern aus Kunststoff und Zellulose im Gewebe menschlicher Lungen gefunden. Trotzdem sind die Auswirkungen bis heute kaum erforscht. Wieviel Plastik und Fasern atmen wir ein, und könnte uns das krank machen?

Wer mehr dazu wissen möchte, dem empfehle ich den Artikel "Are we breathing it in?" von Jonny Gasperi, Stephanie Wright und Kolleg*innen, einer sehr interessanten Übersicht zum Forschungsstand vom April 2018.

Die Überlegungen der Autor*innen zum Thema Gesundheit stützen sich dabei vor allem auf Erkenntnisse aus anderen Forschungsgebieten wie etwa dem zu Asbest und sind deshalb als Hypothesen zu verstehen: Wenn ständig hohe Dosen kleinster, langlebiger Fasern inhaliert werden und in der Lunge bleiben, könnte das Entzündungen auslösen. Nach längeren Entzündungen wiederum können Krankheiten und manchmal auch Krebs auftreten.

Auch Chemikalien in den Plastikfasern und angesammelte Schadstoffe könnten Probleme auslösen, wenn sie in den Körper übergehen und dort wirken, vermuten die Autor*innen. Welche gesundheitlichen Folgen das Einatmen von Mikroplastik-Fasern aber tatsächlich hat, ist noch nicht erforscht.

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(*) Dazu ist wichtig zu wissen: Nicht alle Mikrofasern sind aus Plastik. Die Forscher*innen des Alfred-Wegener-Instituts untersuchten nur die Anzahl, nicht aber das Material der Fasern. Eine Studie vom Mai berichtete, ein Großteil der Mikrofasern in Gewässern und Luft seien Naturfasern.

Mehr zum Umweltthema Plastik erfahren Sie im Plastisphere Podcast (Englisch):

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