Ein noch fast unbekanntes Flugobjekt

Plastik in der Luft: Ein Überblick zum Stand der Forschung (Update)

Zuletzt aktualisiert: 15.06.2020

Die Nationalparks im Westen der USA wie der Grand Canyon und die Rocky Mountains sind berühmt für ihre wilde und geschützte Natur. Doch wie das Wissenschaftsmagazin Science berichtet, sind diese entlegenen Naturschutzgebiete nicht vor dem globalen Plastikproblem gefeit. Auch in den Naturschutzparks regnen winzige Fasern und Plastikpartikel auf die Erde. Der Science-Studie zufolge setzen sich in den elf untersuchten Gebieten jährlich über 1000 Tonnen Mikrofasern und Mikroplastik über Luft und Regen ab. Das entspricht dem Gewicht von etwa 123 Millionen Wasserflaschen aus Plastik. 

Es ist nicht die erste Studie zum Plastik in der Luft. Schon im August 2019 meldete die US-Geologiebehörde, dass es in den Rocky Mountains Plastik regne. Zuvor hatte eine Studie aus Frankreich gezeigt, dass Mikrofasern und Mikroplastik auch entlegene Gebiete der Pyrenäen erreichen und dabei womöglich bis zu 95 Kilometer zurücklegen. Wissenschaftler*innen des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung fanden Plastik sogar im Schnee von Eisschollen, die durch das arktische Meer drifteten.

Die globale Odyssee des Mikroplastiks

Plastik befindet sich also mittlerweile in allen Teilen der Umwelt und bewegt sich dynamisch zwischen Meeren, Flüssen, Seen und Böden, offenbar auch über die Atmosphäre, Regen und Schnee. Nun müssen diese Mikroplastik-Kreisläufe besser verstanden und die Wege und Verwandlungen des Plastiks auf seiner globalen Odyssee erforscht werden, wie Chelsea Rochman und Timothy Hoellein schreiben:

To fully understand the microplastic cycle, researchers must piece together the fluxes that connect the transport and transformation of microplastics as they move between planetary compartments.

Die überraschendste neue Entdeckung zu diesem Plastikkreislauf ist wohl die, dass winzige Plastikpartikel auch über die Seebrise aus dem Meer zurück aufs Land wehen können.

Dass Kunststoffe so leicht sind, hat dem Material zu seinem großen Erfolg verholfen. Dass es aber, wenn es zerfällt, auch federleicht durch die Luft gleitet, ist eine recht neue Erkenntnis. Nachdem die Wissenschaft sich zunächst auf die Verschmutzung der Meere, Seen, Flüsse und später Böden konzentrierte, ist das fliegende Mikroplastik das jüngste Forschungsfeld.

Auch in Innenräumen schwebt Plastik

2015 fanden Wissenschaftler*innen Kunststoff-Partikel und Fasern, die offenbar aus der Pariser Luft gefallen waren. 2017 wurde Plastik und Gummi im Straßenstaub der iranischen Stadt Buschehr festgestellt. In der Luft über der Stadt Dongguan in China wurden die Kunststoffe Polyethylen, Polypropylen und Polystyrol gefunden. Über Schanghai dürften geschätzt jedes Jahr 120 Kilogramm Mikroplastik in der Luft schweben, erwachsene Bewohner könnten täglich im Schnitt 21 Partikel einatmen, ergab eine Studie 2019.

Doch es geht nicht nur um die Luft da draußen. Auch in Innenräumen schweben winzige Plastik-Partikel. 2019 wurden sie in drei Apartments in Dänemark nachgewiesen. Zuvor hatten Forschende berechnet, dass mehr Mikroplastik aus der Raumluft auf den Teller rieseln dürfte, als sich in einer Portion Muscheln befindet. Möglicherweise ist der Staub in der Wohnung eine größere Quelle für Mikroplastik in der Nahrung als der Müll im Meer.

Es gibt also immer mehr Belege für Plastik und Fasern in der Luft. In einigen der Studien werden allerdings auch Mikrofasern mitgezählt, die nicht aus Kunststoffen bestehen. So untersuchten die Forscher*innen des Alfred-Wegener-Instituts nur die Anzahl, nicht aber das Material der Fasern. Auch die Science-Studie aus den US-Nationalparks zählt Baumwollfasern auf. Ein Großteil der Mikrofasern in Gewässern und Luft dürfte aus Naturfasern bestehen, ergab eine Studie 2019. Da auch Naturfasern oft chemisch behandelt werden, und jede Form von Mikromüll potenziell Veränderungen für Ökosysteme mit sich bringen kann, stellt sich die Frage: Sind Naturfasern harmloser, wenn sie in großen Mengen in die Umwelt gelangen?

Welche Folgen hat es, wenn wir Mikromüll atmen?

Welche Folgen Mikrofasern und mikroskopisch kleine Plastikpartikel für die menschliche Gesundheit haben, ist noch kaum erforscht – auch wenn bereits vor über 20 Jahren Fasern aus Kunststoff und Zellulose im Gewebe menschlicher Lungen gefunden wurden.

Unter dem Titel "Are we breathing it in?" haben Johnny Gasperi, Stephanie Wright und Kolleg*innen den Forschungsstand 2018 zusammengefasst. Ihre Überlegungen stützen sich vor allem auf Erkenntnisse aus anderen Forschungsgebieten wie etwa dem zu Asbest. Sie sind deshalb nur als erste Hypothesen zu verstehen. Demnach besteht die Möglichkeit zu Entzündungen, wenn ständig hohe Dosen kleinster, langlebiger Fasern inhaliert werden und in der Lunge bleiben. Nach längeren Entzündungen wiederum können Krankheiten bis hin zu Krebs auftreten. Auch Chemikalien in den Plastikfasern und angesammelte Schadstoffe könnten Probleme auslösen, wenn sie in den Körper übergehen und dort wirken, vermuten die Autor*innen. Ob solche gesundheitlichen Folgen aber tatsächlich beim Einatmen von Plastik eintreten oder nicht, muss erst erforscht werden.

Quellen und Literatur

Ich danke der Fach-Community auf Twitter für Literaturtipps und Links zum Thema, insbesondere Steve Allen, Kristian Syberg, Melanie Bergmann, Lydia Utami und Matthias Egger.

Ergänzungen:

  • 15.06.2020: Der Text wurde komplett überarbeitet und um mehrere Studien ergänzt.
  • 16.08.2019: Der Text wurde um die Überblickstudie "Are we breathing it in?" ergänzt.
  • 15.8.2019: Der Text wurde um eine weitere Studie zu Plastik in der Raumluft ergänzt.

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