Müllsammeln in Vietnam

Asien hat ein gigantisches Plastikproblem. Wie lässt es sich lösen, ohne den Ärmsten der Armen, die dort Müll sortieren, ihre Lebensgrundlage zu nehmen?

Amy Brooks Jenna Jambeck fotografiert eine Müllkippe in Vietnam.

Reichere Staaten wie Deutschland exportieren ihren billigsten Müll ins Ausland. Doch vor Ort sind die Abfallsysteme jetzt schon überfordert. Eine Schar von Kleinunternehmerinnen sortiert den Müll dort mit einfachsten Mitteln. Vor allem in Asien, wo die Wirtschaft boomt, gelangen Unmengen an Plastik ins Meer. Wie lässt sich der Müll in den Griff kriegen, ohne die Menschen zu vergessen?

Darüber habe ich mit zwei Wissenschaftlerinnen aus den USA gesprochen, die sich intensiv mit dem Thema Abfallmanagement und Plastikmüll befassen: Die Umweltingenieurin Jenna Jambeck von der Universität von Georgia und ihre Doktorandin Amy Brooks. 

Ende Juni rief ich die beiden Forscherinnen in ihrem Hotel in Hanoi an, der Hauptstadt von Vietnam. Sie hatten sich die Infrastruktur dort angeschaut und arbeiteten mit lokalen Nichtregierungsorganisationen zusammen. In Ho-Chi-Minh-Stadt wollten sie helfen, den Sektor der unabhängigen Abfallsammler besser zu dokumentieren.

Im Interview erzählten sie mir mehr darüber, was sie gerade vor Ort gesehen hatten.

Umweltingenieurin Jenna Jambeck schätzt die Menge des Plastikmülls, die jährlich ins Meer gelangt, auf 4 bis 13 Millionen Tonnen. Besonders viel kommt aus Asien.
Umweltingenieurin Jenna Jambeck schätzt die Menge des Plastikmülls, die jährlich ins Meer gelangt, auf 4 bis 13 Millionen Tonnen. Besonders viel kommt aus Asien.
Andrew Tucker / UGA

Anja Krieger: Wie arbeiten die selbstständigen Müllsammler in Ho-Chi-Minh-Stadt?

Jenna Jambeck: Sie bewirtschaften 65 bis 70 Prozent des Abfalls in der Stadt. Ihre Arbeit wird aber nicht wirklich wertgeschätzt und es gibt nur wenige Daten über ihren Beitrag zur Bewältigung des Abfallstroms. Zum einen gibt es die unabhängigen Abfallsammler, die direkt von Hausbesitzern bezahlt werden. Sie sammeln die Abfälle in den Nebenstraßen von Ho-Chi-Minh-Stadt. Dort sind die Straßen zu eng für die kommunalen Fahrzeuge.

Diese Leute werden direkt von den Hausbesitzern bezahlt, für die sie im Normalfall jeden Tag, acht Stunden lang, die Abfälle einsammeln. Sie nehmen einzelne Teile heraus, die wiederverwertbar sind und lagern sie, bis sie genug zusammen haben, um damit ihr Einkommen zu ergänzen. Denn die Hausbesitzer zahlen sehr wenig für diese tagtägliche Abfallsammlung, unter einem Dollar pro Monat.

Zum anderen gibt es in der Stadt die Waste Picker, also Menschen, die den Müll durchsuchen, der auf bestimmten öffentlichen Plätzen für sie abgelegt wird. Sie suchen nach Wertstoffen und verkaufen sie an sogenannte Junk-Shops, meist außerhalb der Stadt. Manchmal verhandeln sie auch mit Unternehmen direkt.

Der Konsum steigt, die Abfallwirtschaft kommt nicht mit

Vietnam gehört zu den fünf Ländern der Welt, aus denen am meisten Plastikmüll ins Meer gelangt. Sieht man dort viel Müll auf den Straßen, an den Stränden oder in Flüssen?

Jenna Jambeck: Ja, es gibt hier eine Menge schlecht verwalteter Abfälle. Die Wirtschaft wächst hier rasant. Dadurch können es sich zum Beispiel viel mehr Leute leisten, in Coffee Shops zu gehen. Und so fällt eine Menge Einweg-Plastik an, zum Beispiel Becher, Deckel und Strohhalme. Außerdem fahren hier viele Leute Motorrad, weil man gut damit herumkommt. Fürs Motorradfahren tun sie den Becher mit Deckel und Strohhalm auch noch in eine Plastiktüte. Die Abfallwirtschaft schafft es bisher nicht, mit dieser hohen Zunahme des Kunststoffkonsums Schritt zu halten.

Das heißt, dass der Abfall, der dann nicht ordentlich entsorgt wird, hauptsächlich auf den Verbrauch in Vietnam selbst zurück geht? 

Jenna Jambeck: Ein Teil davon, ja. Das Wirtschaftswachstum produziert mehr Abfall, und der wird dann nicht vollständig gesammelt und verwertet. Aber das ist nur eine Komponente. Nach dem Importverbot von China nimmt die Menge an Abfällen, die nach Vietnam importiert werden, zu. 

Als Hintergrund: China war ja lange der größte Importeur von Plastikabfällen. Es hat Kunststoffabfälle etwa aus Europa, den Vereinigten Staaten und Japan eingekauft, meist Ware von geringer Qualität. Dann aber wurde deutlich, welche Auswirkungen das auf die Gesundheit der Menschen und die Umwelt hat. Und so beschloss China, seine Politik zu ändern und führt seit kurzem keine nicht-industriellen Kunststoffabfälle mehr ein.

Sie haben eine Studie über die Auswirkungen des chinesischen Plastikmüll-Importbanns veröffentlicht. Was haben Sie dabei herausgefunden?

Amy Brooks: Wir haben uns die Handelsdaten der Vereinten Nationen für verschiedene Kunststoffe und die Daten zu Mengen und Handelswert angeschaut. Es sind vor allem reiche Nationen, die ihre Plastikabfälle an andere Länder schicken – die aber möglicherweise nicht über die Infrastruktur verfügen, um diese Abfälle ordnungsgemäß zu entsorgen. Wir wollten wissen, wie sich das chinesische Importverbot nun auswirkt. Unser Ergebnis ist, dass durch das Verbot bis 2030 rund 111 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle auflaufen. Welche Folgen das hat, bleibt abzuwarten. Es gab in den letzten Monaten Berichte aus Ländern, die von China abhängig waren und wo sich jetzt die Abfälle im eigenen Land ansammeln. Aber wir werden die Situation weiter beobachten und hoffentlich herausfinden, wo der Plastikmüll jetzt landet.

Doktorandin Amy Brooks hat sich die Folgen des chinesischen Importbanns für nicht-industriellen Kunststoffmüll angeschaut. Bis 2030 könnte er 111 Millionen Tonnen Plastik betreffen, das nun anderswo entsorgt werden müsste.
Doktorandin Amy Brooks hat sich die Folgen des chinesischen Importbanns für nicht-industriellen Kunststoffmüll angeschaut. Bis 2030 könnte er 111 Millionen Tonnen Plastik betreffen, das nun anderswo entsorgt werden müsste.
Jenna Jambeck

Sie haben in Vietnam mit vielen Menschen gesprochen und Orte besucht, an denen Abfälle behandelt werden. Was haben Sie da gesehen und gehört? 

Amy Brooks: Es war wirklich beeindruckend, die Mengen an Plastikmüll zu sehen, die hier sortiert wurden. Wir trafen einige Frauen, die Ballen aus Plastikfolien sortierten, und fanden Etiketten, die von internationalen Firmen stammten. Die Frauen erzählten uns, dass sie den Plastikmüll von einem Hafen an der Küste hier bekommen hätten. Nachdem ich die Studie über die Importe nach China verfasst hatte, war es für mich sehr eindrücklich zu sehen, wie die Kunststoffabfälle hier wirklich von Hand und unter nicht gerade sicheren Bedingungen sortiert werden, mit nur wenig Schutzkleidung.  

Wenn man die Abfallsysteme verbessert und professionalisiert, könnten diese Menschen dann ihren Lebensunterhalt verlieren? 

Jenna Jambeck: Das ist eine sehr wichtige Frage. Wahrscheinlich sind es Hunderttausende und Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, die ihren Lebensunterhalt in solchen informellen Sektoren verdienen. Der Bereich Abfall ist einer davon. Ich denke, es ist sehr wichtig, diese Menschen in die Suche nach Lösungen zu integrieren und direkt mit ihnen zu sprechen – darüber, welche Perspektive sie für ihren eigenen Lebensunterhalt sehen. Aber in vielen Fällen arbeiten diese Leute unter schlechten Bedingungen, ohne Sicherheit, Gesundheits- oder Umweltschutz. Wenn wir das verbessern könnten, könnte das schon sehr viel bewirken. Es könnte helfen den Sektor so zu formalisieren, dass auch die wirtschaftliche Existenz der Menschen berücksichtigt wird.

In Südostasien wachsen die Müllberge. Wie lässt sich die Zunahme an Abfall noch managen?
In Südostasien wachsen die Müllberge. Wie lässt sich die Zunahme an Abfall noch managen?
Amy Brooks

Wie können wir die Probleme der Abfallwirtschaft insgesamt angehen? 

Jenna Jambeck: In Ländern mit hohem Einkommen, wie etwa den USA, produzieren wir etwa das Zweieinhalbfache der Abfallmenge dessen, was eine Person in China oder einigen anderen Ländern Asiens produziert. Wir können überlegen, wie wir diese Abfallmenge im Alltag reduzieren könnten, zum Beispiel, indem wir auf Einweg-Produkte aus Plastik verzichten. Die meisten von uns haben Zugang zu sauberem Wasser, was ein Luxus ist, und so können wir eine wiederverwendbare Wasserflasche oder wiederverwendbare Taschen nutzen. Solche Entscheidungen klingen ziemlich langweilig, aber wenn sie kollektiv getroffen werden, machen sie über die Zeit einen echten Unterschied.

Gleichzeitig gibt es so viele Innovationen, die im Vorfeld passieren könnten, indem wir verschiedene potenzielle Materialien auswählen, Produkte umgestalten und herausfinden, wie diese Produkte geliefert werden können, ohne dass überhaupt Abfall entsteht. Aber ich schätze, selbst wenn wir einige Materialien wechseln und Produkte umgestalten, haben wir immer noch Müll. Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir an der Abfallwirtschaft arbeiten. Vor allem in den sich schnell entwickelnden Volkswirtschaften wird eine bessere Infrastruktur für das Müllmanagement benötigt.

Die Bedürfnisse der Menschen erfüllen, ohne mehr Müll zu produzieren

Ich bin außerdem fasziniert von diesem Konzept, dass wir die Bedürfnisse der Menschen erfüllen könnten ohne mehr Abfall zu produzieren. Bisher war beides immer miteinander gekoppelt. Aber Konzepte des Teilens und kollaborative Wirtschaftssysteme könnten helfen, dass wir weniger Abfall produzieren. 

Die EU befasst sich ja jetzt mit Einweg-Kunststoffen. Ihre neue Studie zeigt, dass eine Reduktion tatsächlich internationale Auswirkungen hätte. Weniger Einweg-Produkte hier könnten das Problem des Kunststoffmüll-Exports nach Asien deutlich reduzieren. 

Amy Brooks: Ja, unsere Studie hat gezeigt, dass 90 Prozent der Kunststoffabfälle, die exportiert wurden, aus Polymeren bestanden, die hauptsächlich für Einwegartikel aus Kunststoff verwendet werden. Wenn wir also anfangen, unsere Beziehung zu dieser Art von Produkten zu ändern, wird das letztlich dazu führen, dass wir weniger Abfall produzieren. Und es beeinflusst, wie stark wir von anderen Regionen der Welt abhängig sind, um unseren Abfall zu entsorgen.

Vielen Dank!

Jenna Jambeck: Danke für Ihr Interesse!

Nach meinem Gespräch mit Jenna Jambeck und Amy Brooks wollte ich mehr wissen über die Lebensbedingungen der Müllsammler rund um den Globus. Ich kontaktierte Sonia Maria Dias, die Abfall-Expertin von WIEGO, einer Organisation, die sich für die Menschen im informellen Sektor einsetzt.

Soziologin Sonia Maria Dias arbeitet mit Müllsammlern und informellen Recyclern in verschiedenen Ländern. Hier spricht sie mit den Arbeitern auf einer Mülldeponie in Maputo, der Hauptstadt von Mozambique.
Soziologin Sonia Maria Dias arbeitet mit Müllsammlern und informellen Recyclern in verschiedenen Ländern. Hier spricht sie mit den Arbeitern auf einer Mülldeponie in Maputo, der Hauptstadt von Mozambique.
Sonia Dias

In ihrer Heimatstadt Belo Horizonte in Brasilien hat sie an Projekten gearbeitet, die diese Arbeiterinnen und Arbeiter in die formelle Müllplanung stärker integrieren sollen. Auch in anderen Ländern unterstützt sie die Müllsammler und informellen Recycler dabei, sich stärker zu organisieren, um ihre Bedingungen und Möglichkeiten zur Mitsprache im Müllsektor zu verbessern.

Wie lassen sich Lösungen für das globale Müll- und Plastikproblem entwickeln, ohne diesen Menschen die Lebensgrundlage zu nehmen? Darum geht es in der dritten Folge des Plastisphere Podcast.

Das Interview ist eine gestraffte, stilistisch überarbeitete Übersetzung des Audio-Interviews. Ich habe Teile gegenüber dem Wortlaut umgestellt und einige Fragen verändert oder ergänzt. 

Plastisphere