Niemand weiß, wieviel Plastik und Fisch 2050 im Meer schwimmen

Anja Krieger Ein Kalmar im Monterey Bay Aquarium.

Zum Thema „Plastikmüll im Meer“ treiben eine Menge Zahlen und Bilder durchs Netz. Auch Mythen und unbelegbare Behauptungen werden als Fakten verkauft und verbreiten sich viral. Was ist Fakt, was Spekulation und was Fake? Anja Krieger über die beliebtesten Meme und was dahintersteckt.

Faktencheck #1: 

"2050 wird es mehr Plastik im Meer geben als Fische"

Es scheint, als dürfte diese erschreckende "Tatsache" in kaum einem Vortrag, Video oder Artikel über das Plastikmüllproblem fehlen. Mitte des Jahrhunderts würden wir Menschen demnach mehr Kunststoffmüll in die Ozeane geworfen haben, als es Fische gäbe. 

Aber was ist dran an dieser Behauptung? Gleich vorweg: Zurzeit recht wenig. Dieser Satz klingt zwar wie eine beeindruckende und bildhafte Illustration des Problems, arbeitet aber mit mehr als wackeligen Grundlagen – es wäre also besser, die Aussage nicht weiterzuverbreiten. 

Quelle für diese Behauptung ist der Bericht "The New Plastics Economy", den die Ellen MacArthur Foundation vor drei Jahren mit dem Weltwirtschaftsforum herausgab. Wenn wir so weiter machten wie bisher, hieß es da, könnte das Plastik in den Meeren im Jahr 2050 mehr wiegen als alle Fische zusammen. Seitdem wird die Aussage immer wieder in den Medien zitiert.

Spekulativ und unsicher: Diese Behauptung ist wenig belastbar

Doch wie Leo Hornak von der BBC schon 2016 in einer Faktenprüfung feststellte, lässt sich weder das eine noch das andere wirklich sagen. Wir wissen schlicht nicht, wieviel Plastik und wie viele Fische im Meer schwimmen – weder heute noch in drei Jahrzehnten. 

Die Autoren des Berichts berufen sich auf eine Studie der Umweltingenieurin Jenna Jambeck, die 2015 mit Kolleg*innen hochgerechnet hat, wieviel Plastik fünf Jahre zuvor von den Küsten der Welt aus im Meer gelandet sein dürfte. Auf dieser Grundlage schätzten sie und ihre Koautor*innen, wie sich diese Menge bis zum Jahr 2025 entwickeln könnte. Gegenüber der BBC erklärte Jambeck, dass sie sich nicht wohl dabei fühle, diese Projektion weiter in die Zukunft bis 2050 zu extrapolieren.

Auch was die Menge der Fische und Lebewesen im Meer angeht, lassen sich keine sicheren Aussagen treffen. Der Bericht der Ellen MacArthur Foundation nimmt eine Studie von 2008 zur Grundlage, die der Meeresbiologe Simon Jennings vom Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture Science in Großbritannien leitete. Über Satellitenbilder versuchten Jennings und sein Team die Menge an Phytoplankton zu schätzen, die es in den Ozeanen gibt. Planktonblüten verändern die Farbe des Wassers und lassen sich so aus dem All erkennen. 

Keiner weiß, wie viele Fische es im Meer gibt, oder wieviel Plastik

Die winzigen Organismen sind die Basis der Nahrungskette und dürften daher Schlüsse auf das Gesamtgewicht des marinen Lebens zulassen, nahmen die Forscher an. Doch nach Angaben der BBC revidierte Jennings seine Schätzung einige Jahre später. Er glaubt mittlerweile, dass die von ihm beobachtete Planktonmenge sehr viel mehr Meerestieren das Leben ermöglichen könnte, als er und seine Kollegen zuvor vermuteten.

BBC-Reporter Leo Hornak fasst es so zusammen:

"Wieviel Plastik gibt es also im Ozean, und wieviel wird es im Jahr 2050 sein? Wir wissen es nicht, aber wahrscheinlich eine Menge. Und wie viele Fische? Wir wissen es nicht, aber bestimmt sehr viele. Und wann wird das eine das andere überholen? Das wissen wir definitiv nicht." 

Was das Plastik-Problem nicht weniger real macht. Denn sicher ist, schreibt Hornak, dass Plastik Jahrzehnte oder länger überdauern kann und immer mehr davon im Ozean landet.

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