Verlässliche Gesundheitsinfos (7): Faktenboxen

Steckbrief: Die Faktenboxen des Harding-Zentrum für Risikokompetenz

kallejipp / photocase.de Header der Rubrik "Gesundheitsinformationen finden": Straßenpfeil mit rotem Faden

Wenn du deine Suche nach Gesundheitsinformationen nicht in den unendlichen Weiten des Internets beginnst, sondern auf Websites, die sich einem wissenschaftlichen Standard verpflichtet haben, bekommst du den besseren Gesundheitsrat. Außerdem sparst du Zeit und manchmal sogar Geld. 

Deshalb stellen wir dir in der Serie „Anbieter von verlässlichen Gesundheitsinformationen“ nach und nach solche vor, bei denen du die Suche beginnen kannst, ohne Gefahr zu laufen, in die Irre geführt zu werden. Dass du auf alle deine Fragen zufriedenstellenden Rat findest, können wir dir nicht versprechen. Denn natürlich kann es sein, dass auf den Seiten des Anbieters dein Thema fehlt oder nicht umfassend beschrieben ist. Doch das spricht nicht gegen diese Strategie. Es spricht nur dafür, sich bei der Suche nicht auf einen der Anbieter zu beschränken.

In diesem Beitrag findest du weitere Infos über das Konzept dieser Reihe. Falls du die Reihe noch nicht kennst, empfehlen wir dir, dort zuerst nachzulesen. Wenn du schon vertraut bis mit dem Konzept, scrolle einfach weiter.

Steckbrief: Die Faktenboxen des Harding-Zentrum für Risikokompetenz 

Du kannst diesen Satz auf den Seiten von Plan G sehr oft lesen, weil er so entscheidend ist: Wenn du für dich und deine Situation passende Gesundheitsentscheidungen treffen möchtest, brauchst du Gesundheitsinformationen, die neutral, korrekt, aktuell und umfassend die Vor- und Nachteile von Diagnosen und Behandlungen vorstellen. Das bedeutet für dich allerdings meist, dass du recht viel Zeit ins Lesen investieren musst.  

Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz hat ein Format für Gesundheitsinformationen in den deutschsprachigen Raum gebracht, das mit vergleichsweise wenig Text arbeitet. Die wesentlichen Informationen werden in Tabellenform vermittelt und die Zahlenangaben teilweise durch anschauliche Grafiken unterstützt. So kannst du dir mit Faktenboxen relativ zügig einen Überblick über die Evidenzlage zu Untersuchungsmethoden und Behandlungsmaßnahmen verschaffen und leichter Gesundheitsentscheidungen treffen – auch ohne medizinische Fachkenntnisse. Dieses Format wurde ursprünglich als „Drug Facts Boxes“ in den USA entwickelt.

Wer?

Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz ist Anfang 2020 vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin an die Universität Potsdam gewechselt. Das Institut ist ein unabhängiges Forschungszentrum. 

Wie finanziert?

Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz wird zum Teil durch den Direktor des britischen Anlageunternehmens Winton Capital, David Harding, finanziert. Eine Spende von 2,2 Millionen Euro ermöglichte die Gründung des Zentrums. Als David Harding das Buch des heutigen Direktors des Harding-Zentrums, Professor Gerd Gigerenzer, mit dem Titel Das Einmaleins der Skepsis [1] gelesen hatte, war er so angetan davon, dass bei einem gemeinsamen Abendessen mit Gigerenzer die Idee entstand, ein Zentrum für Risikokompetenz zu gründen.

Das Harding-Zentrum kooperiert mit diversen Einrichtungen, Stiftungen, Vereinen und Unternehmen und erhält Gelder über Drittmittelprojekte. Zu den Kooperationspartnern gehören zum Beispiel die Bertelsmann Stiftung und diverse  Krankenversicherungen.

Autor*innen der einzelnen Faktenboxen dürfen keine Interessenkonflikte haben. Das Harding-Zentrum nimmt keine Gelder der Tabak- und Pharmaindustrie an. 

Was genau?

Die Faktenboxen präsentieren Vor- und Nachteile einer Behandlung oder Diagnose beziehungsweise die Chancen und Risiken als übersichtliche Tabelle.

 Faktenbox zur Früherkennung von Brustkrebs. Zu sehen ist die Faktenbox, die Nutzen und Schaden des Mammographie-Screenings zeigt
Die Faktenbox zur Früherkennung von Brustkrebs

Gut strukturierter Text und übersichtliche Grafiken verdeutlichen und ergänzen die Boxen.

Screenshot des "Umfeldes" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen. Zu sehen sind Texte zum Thema "Brustkrebs"
"Umfeld" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen
Screenshot des "Umfeldes" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen. Zu sehen ist eine Erklärung zur Faktenbox "Brustkrebs"
"Umfeld" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen
Screenshot des "Umfeldes" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen. Zu sehen ist eine Punkte-Grafik, die Nutzen und Schaden von Maßnahmen darstellt
"Umfeld" der Faktenboxen: Text und Visualisierungen

Als Quellen für die Faktenboxen nutzen die Autor*innen methodisch hochwertige Studien oder entsprechende Zusammenfassungen. Dazu gehören systematische Übersichtsarbeiten (Reviews) und Metaanalysen von randomisierten, kontrollierten Studien. Mehr über diese Studienformate kannst du bei uns auf der Website lesen.

Die Faktenboxen konzentrieren sich auf die wesentlichen Erkenntnisse dieser Forschungsarbeiten, genauer: auf zwei bis vier sogenannte patientenrelevante Endpunkte. Patientenrelevante Endpunkte stellen Nutzen und Schaden einer Maßnahme anhand von Kategorien dar, die für Patient*innen einen wesentlichen Unterschied machen und deshalb für die jeweilige Gesundheitsentscheidung bedeutsam sind. [2] 

Dazu gehören Fragen wie:

  1. Verlängert die Maßnahme das Überleben? Stichwort: Mortalität
  2. Fühle ich mich besser? Stichwort: Gesundheitsbezogene Lebensqualität
  3. Verringert die Maßnahme Beschwerden und Komplikationen? Stichwort: Morbidität
  4. Welche unerwünschte Effekte hat die Maßnahme? Stichwort: Nebenwirkungen

Was Nebenwirkungen sind und wie du die Angaben zu Nebenwirkungen einordnen kannst, erklären wir in diesem Text.

Übrigens: Dass Faktenboxen ihr Ziel erreichen, nämlich die Allgemeinbevölkerung erfolgreich zu Nutzen und Schäden von medizinischen Maßnahmen zu informieren, wurde in mehreren Studien nachgewiesen. [3] 

Wie strukturiert?

Die Faktenboxen-Website ist eine Unterseite der Website des Harding-Zentrums. Du findest die Faktenboxen nicht ausschließlich dort, da auch Kooperationspartner, wie zum Beispiel der AOK Bundesverband, einige Boxen in ihre Internetauftritte integriert haben. Wir stellen dir hier aber nur die Website des Harding-Zentrums vor, da dort alle verfügbaren Boxen in der aktuellsten Fassung gesammelt sind.

Faktenboxen gibt es derzeit zu knapp 30 medizinischen Maßnahmen. Einzelne Maßnahmen werden zum Teil für unterschiedliche Indikationen separat dargestellt, wie zum Beispiel Antibiotikaeinsatz bei akuter Bronchitis, Erkältung und Mittelohrentzündung oder Krebsfrüherkennung bei Brustkrebs, Eierstockkrebs, Prostatakrebs und Darmkrebs.

Screenshot der Menüleiste und Seitennavigation mit aufgeklappter Unternavigation zu Krebsfrüherkennung. Zu sehen ist die Sidebar und der Text eines ausgewählten Navigationspunktes
Menüleiste und Seitennavigation mit aufgeklappter Unternavigation zu Krebsfrüherkennung

Da wir gerade beim Thema Krebsfrüherkennung sind: Welche Aspekte bei der Krebsfrüherkennung ganz allgemein wichtig sind, haben wir in diesem Beitrag aufgeschrieben.

Wenn du auf einen Link zu einer einzelnen Faktenbox klickst, öffnet sich eine Website, die in drei Spalten läuft: Links das Navigationsmenü, in der Mitte die Faktenbox plus Begleittext und Grafik und rechts Informationen über Faktenboxen, Links zu Downloads, Glossaren, oft gestellten Fragen und rechtlichen Hinweisen. 

Jeder Faktenbox sind kurze Erklärungen über die Erkrankung vorangestellt, für die die medizinische Maßnahme angeboten wird. Dazu gehören Informationen darüber, wie die Krankheit definiert ist und wie sie entsteht. Außerdem erfährst du, was die medizinische Maßnahme ausmacht, wie sie durchgeführt wird, für wen sie gedacht ist und welche Alternativen es dazu gibt.

Auf jede Faktenbox folgen Erklärungen darüber, was du in der Box siehst, wie du die Box nutzen und bewerten kannst und was du bei der Bewertung beachten solltest. Am Ende zieht ein Fazit Bilanz. Außerdem findest du Quellenangaben, das Erstellungsdatum der Faktenbox und in manchen Fällen ergänzende Visualisierungen zur Faktenbox.

Inhalte der Faktenboxen

Die Faktenboxen lassen sich mit einem Klick auf das kleine Plus-Zeichen in der linken unteren Ecke vergrößern.

Sie zeigen den Nutzen und Schaden der Maßnahme – je nach Thema – im Vergleich zu einer anderen Behandlungsoption oder im Vergleich dazu, dass du die Maßnahme nicht in Anspruch nimmst. In unserem Beispiel wird die Teilnahme an einem Mammografie-Screening zur Früherkennung von Brustkrebs mit der Nicht-Teilnahme verglichen. 

Beschrieben wird auch, für welche Menschen der Vergleich gilt, wer also in den zugrunde liegenden Studien untersucht wurde, also zum Beispiel ob es nur Frauen waren und in welchem Alter.  Außerdem findest du Informationen zum Untersuchungszeitraum und dazu, ob es Einschränkungen gibt, die sich auf die Bewertung des Ergebnisses auswirken könnten.

Anhand dessen werden zwei bis vier wesentliche Fragen zu Nutzen und Schaden der Untersuchung bzw. bei Nicht-Untersuchung beantwortet. Dafür findest du konkrete Zahlenangaben  oder – wenn die Ergebnisse nicht quantifizierbar sind – eine Beschreibung in Worten.

Das Ergebnis dieses Vergleichs wird dann kurz zusammengefasst – ohne eine Empfehlung abzugeben. Diese Zusammenfassung hilft dir, den Vergleich besser einzuordnen.

Was du zu Zahlenangaben in Gesundheitsinformationen wissen solltest, haben wir in diesem Beitrag zusammengetragen.

Arbeitsweise

Das Harding-Zentrum für Risikokompetenz hat ein Methodenpapier [4] verlinkt, in dem du nachvollziehen kannst, wie die Faktenboxen entstehen. Die Standards orientieren sich dabei an dem, was die Gute Praxis Gesundheitsinformation vorgibt [5].

Für die Recherchen folgt die Redaktion einer bestimmten Systematik, die sicherstellen soll, dass sie keine wichtige Quelle verpasst und solche Quellen identifiziert, die für das Thema relevante Informationen liefert. Die Auswahl der Datenbanken und Studiendesigns richtet sich nach der Fragestellung. Die Quellen werden kritisch bewertet. 

Wie die Autor*innen bei den jeweiligen Faktenboxen vorgegangen sind, wird in einem Methodenreport festgehalten, der jedoch nicht standardmäßig veröffentlicht wird

Eine Aktualisierung der Faktenboxen ist laut Methodenpapier alle zwei Jahre vorgesehen. Einzelne Faktenboxen sind jedoch älter. Ob der Inhalt immer noch dem aktuellen Stand entspricht, ist theoretisch möglich, aufgrund der Angaben aber unklar.

Die inhaltliche Qualitätssicherung erfolgt bei externen Kooperationen durch weitere medizinische Expert*innen. Eine Evaluierung der Faktenboxen in wissenschaftlichen Studien ist laut Methodenpapier bisher nur für ausgewählte Beispiele erfolgt, weitere sind jedoch geplant. 

Was du auf der Website bekommst

Du findest auf der Website Faktenboxen zu circa 30 medizinischen Maßnahmen und damit sehr prägnante Übersichten zu Nutzen und Schaden. 

Die Website ist recht einfach gestaltet. Das Design ist schnörkellos und funktional. Das Navigationsmenü auf der rechten Bildschirmseite ermöglicht dir, dich über das Angebot an Faktenboxen zu informieren. Die Boxen sind in übergeordnete Kategorien eingeteilt, zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schwangerschaft und Geburt.

Neben den Faktenboxen selbst kannst du dich über wesentliche Prinzipien zum Umgang mit Risiken und Ungewissheiten schlau machen und ein Glossar hilft dir, gängige Begriffe in Gesundheitsinformationen besser zu verstehen.

Was du auf der Website nicht bekommst

Das Angebot an Faktenboxen ist begrenzt und du findest in der Regel keine ausführlichen Hintergrundinformationen zu der betreffenden Erkrankung und andere Behandlungsmethoden. Ein deutlich breiteres Angebot hat zum Beispiel das Patientenportal des IQWiG . 

Mehr Informationen zu Selbstzahlerleistungen, IGeL, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden, enthält der  IGeL-Monitor .

Fazit

Die Website des Harding-Zentrums für Risikokompetenz stellt die in deutscher Sprache verfügbaren Faktenboxen vor. Mit ihrer Hilfe kannst du dir einen schnellen Überblick über Nutzen und Schaden von medizinischen Maßnahmen verschaffen. Die Darstellung in Tabellen und Grafiken ermöglicht das, ohne dass du viel Text lesen musst. 

Zum Weiterlesen

Alle angegebenen Webseiten wurden zum letzen Mal am 25.01.2020 abgerufen.

  1. Gigerenzer, Gerd: Das Einmaleins der Skepsis (2007). Piper Verlag 
  2. Verständliche Erklärung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zu patientenrelevanten Endpunkten in Studien 
  3. Evaluierungsstudien zu Faktenboxen: Schwartz L et al. The drug facts box: providing consumers with simple tabular data on drug benefit and harm. Med Decis Making. 2007; 27: 655-62 und Schwartz L et al. Using a drug facts box to communicate drug benefits and harms: two randomized trials. Ann Intern Med. 2009; 150: 516-27
  4. Das Methodenpapier zur Erstellung der Faktenboxen des Harding-Zentrum für Risikokompetenz
  5. Die Handreichung zur Erstellung von guten Gesundheitsinformationen "Gute Praxis Gesundheitsinformation"
Farbcode Rubrik "Gesundheitsinformationen finden": Kachel in Rot
Iris Hinneburg

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