Mythen rund um medizinische Tests – Teil 2

Ist früh erkannt immer besser?

Früherkennung von Krankheiten hört sich total plausibel an. Verspricht das doch eine effektivere Behandlung, also mehr Nutzen. Aber leider stimmt das nicht immer – und manchmal kann Früherkennung sogar schaden.

iStock.com/gyasemin Auf blauem Hintergrund liegen viele Puzzle-Teile.

Die Frauenzeitschrift empfiehlt, dass du regelmäßig deine Brust abtasten solltest. Beim Hausarzt liegen im Wartezimmer Broschüren zum PSA-Test herum, mit dem sich Prostatakrebs früh erkennen lassen soll. Die Sprechstundenhilfe beim Augenarzt will dir unbedingt eine Früherkennung auf Grünen Star verkaufen. Und bei vielen solcher Screenings gibt es die Empfehlung, die Untersuchung in regelmäßigen Abständen wiederholen zu lassen, um ganz sicher zu gehen.

Kommt dir eine dieser Situationen bekannt vor? Kein Wunder: Denn kaum eine Faustregel zu medizinischen Tests hört sich so plausibel an wie „Früh erkannt ist immer besser“. Und nach diesem Motto begegnen dir im Medizin-Betrieb jede Menge Angebote zur Früherkennung bzw. zum Screening (das ist der englische Begriff dafür). Aber wie kannst du herausfinden, ob das Angebot wirklich sinnvoll ist? Und noch wichtiger: Ob du es in deiner Situation wirklich nutzen willst? Dieser Artikel will dir helfen, diese nicht ganz einfachen Fragen zu beantworten. 

Bevor wir die Faustregel „Früher ist immer besser“ genauer unter die Lupe nehmen, noch vorab drei Klarstellungen:

Klarstellung 1: Der Begriff Früherkennung ist absichtlich gewählt – bitte nicht mit „Vorsorge“ verwechseln. Der Begriff Vorsorge suggeriert nämlich, dass es möglich ist, die betreffende Krankheit wirklich zu vermeiden, also dass sie gar nicht erst entsteht. Die meisten Tests, um die es hier geht, können aber im besten Fall eine Krankheit erkennen, die bereits vorhanden ist. Das ist ein großer Unterschied, der aber leider nicht allgemein bekannt ist. Das hat etwa eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung und der BarmerGEK zur Brustkrebs-Früherkennung mit Hilfe der Mammografie gezeigt: So glaubten etwa 30 Prozent der befragten Frauen, dass sich durch die Teilnahme am Mammografie-Screening Brustkrebs verhindern lässt (was es nicht tut) [1].

Klarstellung 2: Früherkennung bezieht sich immer auf Menschen ohne konkrete Beschwerden. Wenn bestimmte Symptome auftreten, zum Beispiel unklare Blutungen, Beschwerden beim Wasserlassen oder ein Knoten in der Brust und du gehst damit zu deinem Arzt oder deiner Ärztin, ist das also keine Früherkennung, sondern ein Abklären von Beschwerden. Und was wir hier in diesem Artikel zur Früherkennung beschreiben, gilt nicht für solche Abklärungen.

Klarstellung 3: Bei der Bewertung von Untersuchungen zur Früherkennung nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin spielt es nicht nur eine Rolle, wie gut oder wie schlecht die Diagnostik ist und wie aussagekräftig die jeweiligen Befunde sind. Dazu konntest du ja bereits etwas im ersten Teil unserer Mini-Serie lesen. Bei Früherkennung ist es auch wichtig, was dann nach der Diagnose weiter passiert, sprich ob eine Therapie zur Verfügung steht und wie gut diese hilft. Bewertet wird also immer die gesamte Kette von Diagnostik bis Therapie, oder anders ausgedrückt: Nicht nur die Diagnostik, sondern auch die Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Warum das auch sinnvoll ist, zeigen vielleicht zwei fiktive Extrem-Beispiele:

  • a) Die Früherkennung ermöglicht eine Diagnose, aber es gibt keine Therapie.
  • b) Die Früherkennung ermöglicht eine Diagnose, aber die Therapie ist so gut, dass sie in jedem Stadium der Erkrankungen alle Betroffenen heilt.

In beiden Fällen würde Früherkennung nicht so viel nützen. Das bedeutet auch: Wie viel die Früherkennung nützt, muss man sich jeweils im Einzelfall anschauen. Das betrifft verschiedene Diagnosemethoden, verschiedene Erkrankungen und auch verschiedene Risikogruppen.

Willst du mehr zu den Hintergründen rund um Früherkennung erfahren? Dann kannst du diesen Artikel kaufen – per Abo oder einzeln. Du unterstützt damit direkt unsere Arbeit. Als freie Journalistinnen finanzieren wir so unsere Recherchen und bleiben unabhängig. Vielen Dank! Weitere Informationen über das Projekt „Plan G – Gesundheit verstehen“ bekommst du hier. Wenn du Plan G schon abonniert hast, kannst du gleich weiterlesen.
RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Iris Hinneburg
Iris Hinneburg
Iris Hinneburg
Iris Hinneburg
Iris Hinneburg
Iris Hinneburg
Für die leichtere Orientierung haben wir die Bereiche von Plan G farbcodiert. Beiträge aus "Gesichertes Wissen" werden mit dieser blauen Kachel markiert.
Iris Hinneburg
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Plan G