Wenn Verschwörungsideen der Gesundheit schaden

Rezension zum Buch „Fake Facts“

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Mythen und Halbwahrheiten über Gesundheit haben gerade Hochkonjunktur – das Coronavirus setzte nicht nur eine Viruspandemie in Gang, sondern auch eine „Infodemie“, wie es Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), ausdrückt [1]. Was die Pandemie jetzt offenlegt, ist aber kein neues Phänomen: Irreführende Informationen über Gesundheit sind schon lange ein großes Problem.

Ein kürzlich erschienenes Buch des Autorinnenduos Katharina Nocun (Ökonomin und Netzaktivistin) und Pia Lamberty (Psychologin) geht der „Infodemie“ und ihren historischen Wurzeln auf den Grund [2]. 

Abbildung des Buchcovers "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" von Katharina Nocun und Pia Lamberty
Buchcover "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" von Katharina Nocun und Pia Lamberty

Das Buch “Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ beschäftigt sich ganz allgemein mit Verschwörungserzählungen. Das Ziel ist, Menschen über die psychologische Dynamik und die Rolle des Internets bei der Entstehung und Verbreitung der Mythen aufzuklären sowie deren Folgen zu beleuchten. Drei der insgesamt 14 Kapitel widmen sich irreführenden Behauptungen, Gerüchten und gezielten Desinformationskampagnen über Gesundheit. Diese Kapitel habe ich mit besonderem Interesse gelesen und beziehe mich in dieser Rezension auch hauptsächlich auf sie. 

Worum geht es im Buch „Fake Facts“?


„Eine Pandemie löst bei vielen Menschen das Gefühl eines Kontrollverlusts aus. Derartige Ereignisse erzeugen ein Gefühl der Überforderung, sie machen schlichtweg Angst.“ [3] 

Dieses Zitat aus dem Buch macht die Kernthese der Autorinnen deutlich: Bei  haltlosen Behauptungen geht es häufig um Angst – ein mächtiges Gefühl. Es stellt sich gerade in Zeiten der Unsicherheit, wie wir sie durch die Pandemie gerade erleben, bei vielen Menschen von ganz alleine ein. Aber Angst wird auch ganz gezielt erzeugt. Und zwar von jenen, die die unsichere Lage ausnutzen, um ihre Botschaften möglichst großflächig zu verteilen. Dabei leistet ihnen das Internet gute Dienste. Deshalb haben viele Menschen den Eindruck, das Internet und vor allem die sozialen Medien, seien verantwortlich dafür, dass Verschwörungsmythen so erfolgreich sind.

Wie Nocun und Lamberty ausführen, ist das Phänomen allerdings schon deutlich älter als das Internet und ähnliche Vorkommnisse gab es bereits zur Zeit der Spanischen Grippe vor gut einhundert Jahren [4]. 

Verschwörungsmythen und bösartige Gerüchte profitierten also immer schon von Zeiten, in denen die Unsicherheit groß war. Unabhängig davon, wie plausibel solche Erzählungen sind, erreichen sie bei vielen Menschen eins: Sie säen Zweifel. Vor allem bei denjenigen, deren Leben oder deren Lebensgefühl sich durch die Ereignisse verändern und die dadurch unter Stress geraten.

Die Autorinnen gehen in ihrem Buch den psychologischen Mustern nach, die die Zweifel befeuern. Sie schauen sich an, was hinter den Verschwörungsmythen steckt. Was genau macht Menschen anfällig für solche Erzählungen? Und was fördert diese Anfälligkeit? Außerdem geht es um die Frage, warum sich Lügen und Halbwahrheiten schneller zu verbreiten scheinen als verlässliche Informationen und welche Rolle die technische Architektur des Internets dabei spielt. [5]

Leser*innen lernen, dass psychologische und technische Muster nicht nur zusammenhängen, sondern voneinander profitieren und sich gegenseitig verstärken. Die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets belohnt diejenigen, die Menschen dazu bringen, mit ihren Botschaften zu interagieren. Das geht am besten, wenn man starke Gefühle anspricht, vor allem die negativen wie Angst und Wut. Denn was Angst macht, muss beachtet werden, schließlich will man im Notfall schnell reagieren.

Wenn solche Inhalte geklickt werden, sorgen Algorithmen dafür, dass sie einen Vorsprung bekommen. Denn das Internet ist darauf ausgerichtet, mehr von dem auszuspielen, was erfolgreich war – um den Erfolg immer weiter zu steigern.

Dabei sprechen besonders einfache Botschaften an, die Komplexität reduzieren. Menschen versuchen vorauszusehen, was als nächstes passiert und geraten dabei in einen Tunnel aus den immer gleichen Botschaften, die bestätigen, was sie bereits zu wissen glauben. Mit diesem Verhalten stellt sich die Illusion ein, die Situation wieder mehr unter Kontrolle zu haben.

Mythen und Verschwörungserzählungen rund um Gesundheit 

Drei Kapitel widmen sich explizit Mythen und falschen Fakten aus dem Gesundheitsbereich. In Kapitel 9 geht es um Verschwörungsdenken, zum Beispiel bei der Mythenbildung über Krebs und Aids. Kapitel 10 beleuchtet die Rolle der Esoterik als Motor für Verschwörungserzählungen und Kapitel 13 stellt die Infodemie rund um Corona in den Mittelpunkt.

Die Autorinnen erklären, dass bei der Entstehung von Verschwörungsideen zu Gesundheitsthemen offenbar einzelne Schockereignisse eine große Rolle spielen, zum Beispiel Krankheiten in der Familie oder bei Freunden.  Sie sorgen dafür, dass Menschen anfälliger werden für vermeintlich einfache Lösungen.

Anfällig für Verschwörungsideen sind Menschen aller Klassen und beruflicher Hintergründe – auch Akademiker*innen. Die Autorinnen gehen davon aus, dass gerade Menschen, die sich viele Gedanken machen und gut informiert sind, besonders gefährdet sind. Denn sie sind offenbar emotional schnell überfordert, wenn sich keine Lösung für komplexe Probleme abzeichnet. Dann liegt der Griff nach dem vermeintlich rettenden Strohhalm nahe, um nicht in einem Meer von Unsicherheiten und Ängsten unterzugehen. Die Infoflut, der wir im Internet besonders stark ausgesetzt sind, begünstigt diesen Prozess. Hinter Verschwörungsideen bei Gesundheitsthemen steht vor allem der Wunsch, sich selbst zu helfen.

Findige Akteure, die mit einfachen Lösungen und unlauteren Heilsversprechen Geschäfte machen möchten, nutzen die Verletzlichkeit von Menschen aus, die sich Sorgen um ihre eigene Gesundheit oder die ihrer Freund*innen und Angehörigen machen. Bei der Lektüre des Buches wird klar: Diese Menschen werden gezielt geködert, indem Fragen, die sie ganz zu Recht stellen, nicht beantwortet, sondern zum Anknüpfungspunkt werden, Zweifel an wirksamen und sicheren Behandlungen zu verstärken. Statt richtiger Antworten werden scheinbar einfache Lösungen präsentiert – oft sogar mit wissenschaftlich aussehenden Belegen. Nocun und Lamberty arbeiten heraus, dass sich dahinter meistens nicht viel Wissenschaft verbirgt. 

Auch das ist nicht neu. Die Ersteller*innen solcher „Informationsseiten“ ahmen inzwischen sehr geschickt Kennzeichen von Wissenschaftlichkeit nur nach: Verweise auf schlechte Studien, Herausstellen von einzelnen Aussagen, die aus dem Zusammenhang gerissen und deshalb verzerrend sind, Herauspicken von Erkenntnissen, die zur eigenen Theorie passen und Weglassen von solchen, die ihr widersprechen sowie Zitieren der immer gleichen Expert*innen, die keine echte Reputation auf ihrem Fachgebiet haben, um nur einige dieser Methoden zu nennen. 

Die Folgen erklären die Autorinnen auch in ihrem Buch: So werden Menschen verwirrt und wissen irgendwann gar nicht mehr, wem sie noch glauben können. Gerade bei Fragen zu Gesundheit kann das echten Schaden verursachen: Von verweigerten wirksamen Behandlungen bis zu freiwilligen unnötigen oder sogar schädlichen ist das Spektrum groß. 

Besonderes Augenmerk richten die Autorinnen auf den Einfluss der Esoterik. Denn oft steht sie am Anfang eines Weges, der in die Radikalisierung führt. Sie wirkt ähnlich wie ein trojanisches Pferd. So haben esoterische Ideen inzwischen auch seriöse Projekte erreicht. Beispiele dafür führen die Autorinnen in ihrem Buch auf. Sie stellen fest: Besonders hellhörig sollte man werden, wenn Anlehnungen an „altes Wissen der Ahnen“ und „sanfte Behandlungen ohne Nebenwirkungen“ propagiert werden – Versprechen, die in den Ohren vieler Menschen attraktiv klingen. Die Verflechtungen der Esoterik-Szene reichen allerdings bis hin zu rechtem Gedankengut, wie zum Beispiel bei den Anhänger*innen der Germanischen Medizin. 

Wohin das führen kann, ist dieser Tage eindrucksvoll zu beobachten. Auf Demonstrationen gegen die Corona-Politik der Bundesregierung mischen sich Anhänger verschiedenster Gruppen und die Frage, welche Gemeinsamkeit sie verbindet, stellen sich derzeit viele. Dabei gibt es eben nicht nur thematische Überschneidungen, sondern vor allem ähnliche Muster der Argumentationsfindung.

Wie ist das Buch „Fake Facts“ geschrieben?

Die Autorinnen belegen ihre Aussagen mit einem vorbildlichen Quellenverzeichnis und schaffen es, ein ziemlich umfassendes Bild zu zeichnen, wo Verschwörungsmythen überall eine Rolle spielen: Wo sie in Politik und Medienlandschaft zuschlagen, warum es immer wieder Spionageerzählungen sind, die besonders faszinieren, warum immer wieder einzelne Glaubensgemeinschaften, wie die Juden, ins Zentrum der Verschwörungserzählungen geraten, warum selbst krude Ideen wie eine flache Erde oder Echsenmenschen ankommen, warum Rechtsextremisten besonders häufig Verschwörungsideologien verbreiten, wem das Ganze nützt und wie man sich dagegen wehren kann. 

Katharina Nocun und Pia Lamberty erklären sehr gründlich, wie sie zu ihren Aussagen kommen, sprechen mit Expert*innen verschiedenster Fachgebiete und lassen sich Zeit, die Dinge in Ruhe herzuleiten. Dadurch ist der Text nicht zu dicht und gut verständlich, ohne dass die Komplexität leidet. Allerdings sind manche Herleitungen so ausführlich, dass sie auch etwas überfrachtet wirken. So sinkt zuweilen die Motivation, den Autorinnen bei ihrer Detektivarbeit zu folgen. Obwohl die Aussagen mit Beispielen aus der Praxis angereichert sind, was für die nötige Auflockerung sorgt. Diese Beispiele sind besonders da hilfreich, wo es um die Folgen der gezielten Irreführung geht.

Fazit

Der erste Eindruck, den ich von dem Buch hatte, hat sich beim Lesen bestätigt: Das Phänomen wird in seiner Komplexität dargestellt, ohne zu verwirren. Obwohl ich es hier und da etwas überfrachtet fand, konnte ich mich immer gut orientieren. Die Autorinnen arbeiten gründlich und belegen alle Aussagen vorbildlich – ohne dabei zu langweilen. Hintergründe erklären sie anschaulich und wo sinnvoll mit Beispielen aus der Praxis und ordnen Details übersichtlich in den größeren Zusammenhang ein. 

Die Autorinnen unterscheiden treffend zwischen der Gruppe derer, die berechtigte Fragen haben und derer, die unabsichtlich oder absichtlich falsche Fakten verbreiten. Erstere gehen oft im Diskurs etwas unter und werden mit echten Verschwörungsideologen in einen Topf geworfen – zu Unrecht. Die Folge kann sein, dass diese Gruppe, die manchmal auch „die Unentschlossenen“ genannt wird, weiter in den Sog der Verschwörungsmythen gerät und sich radikalisiert. Ist es erst einmal so weit, sind sie nur noch schwer erreichbar. Doch gerade um sie müssten sich die Gesundheitsexpert*innen rechtzeitig bemühen, und zwar da, wo sie ihre Fragen stellen. Das ist oftmals das Internet. Doch gerade dort sind vertrauenswürdige Expert*innen und gute Gesundheitsinformationen nicht immer leicht zu finden. 

Disclaimer

Die Autorin hat für die Rezension vom Verlag ein Leseexemplar erhalten. Ansonsten bestehen keine Verbindungen zwischen der Autorin dieses Textes und den Autorinnen des Buches „Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“. 

Zum Weiterlesen

[1] Über die Bemühungen der WHO zur Bekämpfung der “Infodemie” hat unter anderem die medizinische Fachzeitschrift “The Lancet” berichtet: Zaracostas J. How to fight an infodemic. Lancet 2020; 395: 676

[2] Katharina Nocun und Pia Lamberty. Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Erhältlich als Hardcover, E-Book und Hörbuch. Mehr Informationen zum Buch gibt es  auf der Website des Quadriga-Verlags, inklusive Interviews mit den Autorinnen. 

 [3] Zitat aus dem Buch „Fake Facts“ von Seite 265

[4]  Das Ärzteblatt gibt in diesem Beitrag einen Kurzüberblick zur Spanischen Grippe und dieser Beitrag des Bayerischen Rundfunks erklärt die Geschichte der Spanischen Grippe und zieht Parallelen zu anderen Epidemien und Pandemien

[5] In diesem Ted-Ed-Video erklärt der Animationskünstler Noah Tavlin sehr anschaulich, warum sich falsche Nachrichten oft schneller verbreiten als wahre 

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Iris Hinneburg
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Plan G: Gesundheit verstehen