Was dir zusteht, wenn du die Behandlungen in der Arztpraxis selbst zahlen sollst

Deine Rechte bei IGeL

iStock.com/geengraphy Bild von Schilfpflanzen

Deine Mutter war beim Augenarzt, um einen Sehtest zu machen. Sie hat bereits eine Brille, aber in letzter Zeit hat sie zunehmend Schwierigkeiten beim Lesen und auch beim Auto fahren. Deshalb rechnet sie damit, dass sie neue Gläser braucht. Der Arzt macht den Sehtest und noch andere Untersuchungen und bestätigt ihren Verdacht. Im Gespräch betont er noch, dass Menschen, die so alt sind wie deine Mutter, ein höheres Risiko haben, grünen Star (Glaukom) zu bekommen, was dazu führen kann, dass die Sehkraft nachlässt und sogar Erblindung droht. Dafür gibt es einen Test zur Früherkennung, bei dem der Augeninnendruck gemessen wird. Ist er erhöht, deute das auf die Erkrankung hin. Den Test zahlt die Krankenkasse allerdings nicht. 

Deine Mutter hat schließlich zugestimmt, weil es dem Arzt so wichtig war und sie ihn nicht verärgern wollte. Im Nachhinein fragt sie sich aber, ob der Test tatsächlich notwendig war – und wenn ja, warum die Kasse ihn dann nicht zahlt. Und sie fragt dich, was sie beim nächsten Arztbesuch tun soll.

Eine solche Situation ist keine Seltenheit: 2018 befragte das Wissenschaftliche Institut der AOK gesetzlich Versicherte zu ihren Erfahrungen mit individuellen Gesundheitsleistungen, kurz IGeL genannt. IGeL sind medizinische Untersuchungen oder Maßnahmen, die du selbst bezahlen musst, weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernimmt. Dabei gab mehr als jeder Vierte an, in den letzten zwölf Monaten für eine IGe-Leistung bezahlt zu haben [1]. 

Und vielen Menschen geht es in dieser Situation ähnlich wie deiner Mutter: Sie sind hin und hergerissen, wenn ihnen ihr Arzt oder ihre Ärztin eine Individuelle Gesundheitsleistung empfiehlt. 

Um das Thema IGeL und was genau darunter zu verstehen ist, ging es bereits in einem anderen Artikel bei Plan G. Dort haben wir dir die Website IGeL-Monitor vorgestellt, die verschiedene dieser Leistungen bewertet, und erklärt, was du auf der Seite  bekommst und was nicht.

Aber abgesehen davon gibt es ja auch noch viele weitere Fragen zu IGe-Leistungen: Welche Informationen stehen dir vor der Entscheidung zu? Was passiert, wenn du durch die Behandlung Schaden nimmst? Was, wenn du nicht zufrieden bist? Kurz: Welche Rechte hast du als Patient*in und welche Pflichten hat deine Ärztin oder dein Arzt, wenn es um Zusatzleistungen geht?

Das Wichtigste in Kürze

Dieser Text kann dich leider nicht über sämtliche Rechte aufklären, die du als Patient*in hast, wenn du IGeL in Anspruch nehmen möchtest – das würde den Rahmen sprengen. Aber er kann dir helfen, die passenden Informationen zu finden. Dabei konzentrieren wir uns auf besonders häufige Fragen, die im Zusammenhang mit individuellen Zusatzleistungen auftauchen.

Darf dir deine Arztpraxis überhaupt IGeL von sich aus anbieten?

Manchmal kommen Menschen von sich aus mit dem Wunsch nach einer IGeL in die Arztpraxis: Zum Beispiel wenn du eine Untersuchung brauchst, damit du einen Tauchkurs besuchen kannst. Diese Tauglichkeitsuntersuchung bezahlt die Krankenkasse nicht. Genauso wie die für Fallschirmspringen. Auch wenn du dich für eine kosmetische Operation, wie zum Beispiel die Entfernung eines Tattoos entscheidest, musst du das in der Regel selbst bezahlen.

Es kann sein, dass deine Ärztin oder dein Arzt die von dir gewünschte Leistung nicht für sinnvoll halten. Sie dürfen dir in diesem Fall auch davon abraten, nachdem sie dich gründlich aufgeklärt haben.

Allerdings geht die Initiative für IGeL meist von Ärzt*innen aus [1]. Das ist auch tatsächlich erlaubt, allerdings müssen sie dabei nach der ärztlichen Berufsordnung bestimmte Spielregeln beachten [2]: So müssen sie sachlich informieren und dürfen die Leistungen nicht anpreisend oder irreführend bewerben.

Und du hast auch bei IGeL Rechte. Einen guten Überblick bekommst du in einer Broschüre der Bundesärztekammer [3] sowie auf den Websites der Verbraucherzentrale [4] und der Stiftung Gesundheitswissen [5]. Hier fassen wir dir das Wichtigste in Kürze zusammen.

Du hast ein Recht auf Aufklärung 

Mit dem Angebot durch deinen Arzt oder deine Ärztin ist es allein nicht getan – wie bei allen medizinischen Maßnahmen. Du solltest also Informationen bekommen, mit denen du eine Entscheidung treffen kannst, die zu deiner Situation passt. Deshalb ist es auch nicht zulässig, dass dich die medizinische Fachangestellte zu einer Entscheidung drängt, ohne dass du vorher mit Arzt oder Ärztin darüber sprechen konntest [3].

Für diese Entscheidung muss dir der Arzt oder die Ärztin ausreichend Bedenkzeit geben. Denn IGe-Leistungen sind nie eilig. Deine Zustimmung darf auch nicht zur Bedingung für weitere medizinische Maßnahmen gemacht werden. Je mehr Druck im Gespräch aufgebaut wird, desto misstrauischer solltest du werden. Außerdem muss dich deine Ärztin oder dein Arzt darauf hinweisen, wenn es eine von Krankenkassen finanzierte Behandlungsalternative gibt.

Natürlich bist du nicht verpflichtet, der Behandlung zuzustimmen. Und wenn du dich dagegen entscheidest, musst du auch nichts unterschreiben. Denn IGeL sind medizinisch nicht notwendige Leistungen und dann ist es auch nicht nötig, dass Arzt oder Ärztin deine Ablehnung aus Haftungsgründen dokumentieren [4].

Diese Fragen können dir helfen, das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt zu gestalten:

  • Warum bezahlt meine Krankenkasse die vorgeschlagene Zusatzleistung nicht?
  • Gibt es vergleichbare Behandlungsmöglichkeiten, die von der Kasse übernommen werden?
  • Falls die Antwort Ja ist: Warum empfehlen Sie mir diese Leistungen nicht?
  • Welchen Nutzen habe ich von der Zusatzleistung? Wie gut ist der Nutzen belegt?
  • Welche Risiken hat die IGe-Leistung für mich? 
  • Wer trägt die Kosten, wenn mir ein Schaden entsteht?
  • Wie häufig wenden Sie die IGe-Leistung an?
  • Falls sich durch die zusätzliche Diagnostik herausstellt, dass weitere Behandlungen notwendig werden: 
  • Wer bezahlt dafür?
  • Welche Folgen hat das Testergebnis für mich, wenn es positiv oder negativ ist?

Bitte deine Ärztin oder deinen Arzt darum, dich möglichst umfassend zu informieren und informiere dich auch aus anderen Quellen. Welche sich dafür eignen, haben wir in der Rubrik „Gesundheitsinformationen finden“ zusammengetragen.

In Kürze: Ärzt*innen dürfen auf Zusatzleistungen hinweisen, aber sie dürfen nicht Unwissenheit, Leichtgläubigkeit, Hilflosigkeit oder Vertrauen ausnutzen. 

Du hast ein Recht auf einen Behandlungsvertrag

Du musst darüber informiert werden, was dich die Leistung genau kostet – und zwar in Form eines schriftlichen Kostenvoranschlags. Eine pauschale Abrechnung ist nicht zulässig. Du musst dann selbst schriftlich zustimmen, dass du einverstanden bist, auf eigene Rechnung medizinisch behandelt zu werden. Sonst darf die Behandlung bei dir nicht durchgeführt werden.

Du solltest aber nur dann in die IGeL einwilligen, wenn du einen schriftlichen Behandlungsvertrag bekommen – und durchgelesen – hast. Im Behandlungsvertrag sollte Folgendes stehen:

  • eine genaue Beschreibung der Leistung, um die es es geht
  • Auflistung der Kosten einschließlich der Ziffern der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ)
  • Erklärung, dass du über die Leistung aufgeklärt wurdest und ihr zustimmst

Bevor du unterschreibst, ist es eine gute Idee, mit deiner Krankenkasse über die IGeL zu sprechen. Manchmal nehmen Krankenkassen Maßnahmen in ihren Leistungskatalog auf, die zuvor nur als IGeL angeboten wurden. Nicht immer sind solche Änderungen allen Ärzt*innen bekannt. In so einem Fall müsstest du dann die Maßnahme nicht selbst bezahlen. Manchmal zahlen Krankenkassen auch in Einzelfällen, etwa bei bestimmten Risikogruppen oder bestehenden Vorerkrankungen, ausgewählte Leistungen, wenn Arzt oder Ärztin das entsprechend begründen [4].

Du hast ein Recht auf eine zweite Meinung

Wenn du dir nach Aufklärung und Bedenkzeit noch unsicher bist, ob die IGeL wirklich für dich empfehlenswert ist, hast du das Recht, einen zweiten Arzt oder eine Ärztin hinzuziehen. Darüber solltest du um Aufklärungsgespräch informiert werden.

Viele Menschen haben Angst, dass ihre Ärztin oder ihr Arzt den Wunsch nach einer zweiten Meinung als Vertrauensbruch empfinden. Doch diese Sorge ist oft unbegründet, wenn du den Eindruck hast, dass ansonsten ein stabiles Vertrauensverhältnis zu deinem Arzt oder deiner Ärztin besteht. 

Wichtig ist zu wissen: Die Kosten für eine ärztliche Zweitmeinung werden bei IGeL in der Regel nicht von der Krankenkasse übernommen.

Du hast das Recht, eine Rechnung zu bekommen

Nach dem Abschluss der Behandlung steht dir eine schriftliche Rechnung zu. Wenn du keine bekommst, musst du die Zusatzleistung nicht zahlen. 

Auf der Rechnung muss aufgeführt sein, welche Untersuchung oder Behandlung gemacht wurde und wann das war. Die Rechnung muss formal den Vorgaben der Gebührenordnung entsprechen. Diese Gebührenordnung legt fest, welche Kosten die Ärztin oder der Arzt abrechnen kann und welchen Satz sie dafür zugrundelegen kann. IGeL dürfen mit einem einfachen bis 2,3-fachen Satz abgerechnet werden. In besonderen Fällen, die aber schriftlich begründet werden müssen, darf auch ein bis zu 3,5-facher Gebührensatz verlangt werden. Pauschalabrechungen sind nicht erlaubt.

Rechte bei einem (mutmaßlichen) Behandlungsfehler

Alle Menschen machen manchmal Fehler, auch medizinisch ausgebildete. Diagnosen und Behandlungen können falsch sein. Allerdings ist es oft schwierig zu beurteilen, ob ein Behandlungsfehler vorliegt oder nicht. Wenn du den Verdacht hast, dass bei einer IGeL ein Behandlungsfehler passiert ist, hast du verschiedene Möglichkeiten. Sie entsprechen den Rechten, die du bei Behandlungen hast, die von der Krankenkasse bezahlt werden. Du findest sie ausführlich beschrieben in diesem Beitrag:

Wenn du unzufrieden bist

Manchmal läuft es mit den IGeL nicht so, wie es den Regeln entspricht. Etwa wenn du dich über das Verhalten deines Arztes ärgerst oder im Nachhinein herausfindest, dass deine Krankenkasse doch die Leistung bezahlt hätte, deine Ärztin dir das aber nicht gesagt hat. In solchen Situationen kannst du dich beschweren: Zuständig sind die jeweiligen Landesärztekammern [5]. Auch die Verbraucherzentrale sammelt Beschwerden [4].

Zum Weiterlesen

Alle Websites wurden zuletzt am 11.03.2020 aufgerufen.

[1] Zok K. Private Zusatzleistungen in der Arztpraxis. Ergebnisse einer bundesweiten Repräsentativ-Umfrage unter gesetzlich Versicherten. WIdO-monitor 2019; 16(1):1–12 

[2] Musterberufsordnung für Ärzte

[3] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Selbst zahlen? Ein Ratgeber zu Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte. 2. ed. Berlin: ÄZQ, 2012.

[4] Die Verbraucherzentrale hat die Website „IGeL-Ärger“ eingerichtet, auf der du Beschwerden zu IGeL einreichen kannst und auch einige Tipps zu IGeL bekommst. 

[5] Stiftung Gesundheitswissen. Was Sie über Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) wissen sollten. 

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