Nationales Gesundheitsportal goes Google

Wer profitiert von der Kooperation?

kallejipp / photocase.de Header der Rubrik "Gesundheitsinformationen finden": roter Pfeil auf Straße

Menschen in Deutschland sollen es leichter haben als bisher, verlässliche Gesundheitsinformationen zu finden. Dafür geht das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eine Kooperation mit Google ein: Alle, die nach Krankheiten googeln, bekommen seit Anfang November 2020 spezielle Infoboxen (Knowledge Panels) angezeigt – zunächst Texte zu 160 verschiedenen Krankheitsbildern aus dem Nationalen Gesundheitsportal gesund.bund.de, das das BMG herausgibt. 

Über den Start des Portals – mit guten Ansätzen, aber auch einigem Verbesserungsbedarf – haben wir bereits berichtet.

Wer profitiert davon?

Vordergründig scheint die Kooperation eine Win-Win-Win-Situation zu sein: 

  1. für das BMG 
  2. für Informationssuchende und 
  3. für Google

Das BMG profitiert von einer hohen Sichtbarkeit für das Prestige-Projekt Nationales Gesundheitsportal – denn auf dem sonst üblichen Weg der Suchmaschinenoptimierung ist der Weg auf die erste Google-Treffer-Seite lang und mühsam. 

Menschen, die nach Krankheiten googeln, zu denen Infos im Portal vorliegen, sehen prominent im oberen rechten Bereich der Google-Treffer eine Box, die drei Navigationselemente enthält: Überblick, Symptome und Behandlungen. Beim Klick auf die Menüpunkte erscheint jeweils eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Informationen plus ein Link auf den ausführlichen Beitrag im Nationalen Gesundheitsportal. Für die Nutzer:innen liegt der Vorteil also darin, schnell Zugang zu soliden Gesundheitsinformationen und damit möglichst gute Antworten auf Gesundheitsfragen zu bekommen – auch wenn sie das Nationale Gesundheitsportal selbst noch gar nicht kennen.


Ein Knowledge Panel wird oben rechts am Bildschirm angezeigt. Ein Screenshot zeigt das Knowledge Panel der Krankheit Arthrose
Die Knowledge Panel werden bei der Google-Suche oben rechts angezeigt
Das Google Knowledge Panel der Krankheit Arthrose enthält drei Menüpunkte. Der Screenshot zeigt den Inhalt des Menüpunkts Überblick.
Das Knowledge Panel der Krankheit Arthrose enthält drei Menüpunkte: 1. Überblick, ...
Das Google Knowledge Panel der Krankheit enthält 3 Menüpunkte. Der Screenshot zeigt den Inhalt des Menüpunkts Symptome.
Das Knowledge Panel der Krankheit enthält 3 Menüpunkte: ..., 2. Symptome, ...
Das Google Knowledge Panel der Krankheit enthält 3 Menüpunkte. Der Screenshot zeigt den Inhalt des Menüpunkts Behandlungen.
Das Knowledge Panel der Krankheit enthält 3 Menüpunkte: ..., 3. Behandlungen

Schließlich hat auch Google etwas davon: Knowledge Panels sollen den Weg zu verlässlichen Infos ebnen und werten dabei gleichzeitig die Suchmaschine selbst auf. So sollen die Nutzer:innen den Eindruck haben, bei Google gute Antworten auf ihre Fragen zu bekommen – und deshalb auch zukünftig wieder googlen.

Google Knowledge Panels sind kein neues Phänomen. In den USA arbeitet das Unternehmen dafür mit den Mayo-Kliniken zusammen. Bei einem Klick auf den kleinen Link „weitere Informationen“ erklärt Google den Prozess, der sicherstellen soll, dass die Gesundheitsinformationen in der Box verlässlich sind. Die Infos in der Box sind zwar sehr verkürzt, aber die Box funktioniert als „Tür“ zu ausführlicheren Beiträgen.

Die Kooperation hat also durchaus Vorteile für alle Seiten, weil sie Googles Ansehen nützt, das neue Portal sichtbarer macht und Menschen hilft, verlässliche Gesundheitsinformationen leichter zu finden. 

Was ist das Problem?

Es ist erst mal zu begrüßen, dass der Zugang zu verlässlichen Infos leichter und das Portal bekannter wird. Ob allerdings durch die Kooperation die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung gestärkt wird, ist offen – denn dadurch lernt niemand etwas über Qualitätskriterien für verlässliche Gesundheitsinfos.

Dennoch gibt es auch noch weitere Kritik an dieser Kooperation. Streiten kann man vermutlich darüber, ob durch Steuergelder finanzierte Inhalte letztlich dazu beitragen sollen, Nutzer:innen auf der Seite eines privatwirtschaftlichen Unternehmens mit Quasi-Monopol im Suchmaschinenmarkt zu halten, so dass sie auch die Werbung besser wahrnehmen, die in der Trefferliste ausgespielt wird. Vermutlich hat sich das BMG hier der Macht des Faktischen gebeugt: Dass sowieso viele Menschen Google für die Suche nach Gesundheitsinformationen nutzen, auch wenn das viele Probleme mit sich bringt das haben wir bereits in einem früheren Artikel beschrieben.

Google gewinnt

Die Entscheidung des BMG zur Kooperation mit Google war vermutlich durch das politische Kalkül zur prominenten Plazierung des Nationalen Gesundheitsportals getrieben. Aber vielleicht auch mit einer Prise politischer Naivität: Denn wie der Blick in andere Länder zeigt, nutzen Tech-Unternehmen wie Google und Co. ähnliche Kooperationen mit staatlichen Akteuren gezielt, um ihre Marktmacht immer weiter auszubauen. Dafür gibt es verschiedene Strategien.

Beispiel Amazon: Der Online-Handelsplatz kooperiert seit einiger Zeit mit dem britischen National Health Service (NHS). Der NHS, der das Gesundheitswesen im Vereinigten Königreich verantwortet, erstellt für Bürger:innen Gesundheitsinformationen. Die abgeschlossenen Verträge erlauben es Amazon, Menschen über den Smart-Speaker Alexa diesen Gesundheitsrat zur Verfügung zu stellen. Damit bietet Amazon eine Dienstleistung an, für die es selbst nichts bezahlen muss, und bekommt in der Wahrnehmung der Nutzer:innen dennoch die Lorbeeren dafür. Denn es ist nicht sofort ersichtlich, woher die Informationen stammen [1].

Hinzu kommt: Die großen Tech-Unternehmen sind dafür bekannt, in Sachen Steuervermeidung sehr erfinderisch zu sein – und tragen damit also nur wenig zum Gemeinwohl bei, von dem sie profitieren [2].

Auch Google hat eine langfristige Strategie – vor allem in Sachen Gesundheitsdaten. So hat das Unternehmen ebenfalls Verträge mit dem NHS zur Analyse von anonymisierten Patientendatensätzen geschlossen [3] und Pläne für den Bereich der personalisierten Medizin [4]. Für Google ist Gesundheit offenbar ein lukratives Geschäftsfeld, mit dem sich vermutlich zukünftig noch viel Geld verdienen lässt. 

Realistisch betrachtet hätte das BMG ohne die Kooperation beim Nationalen Gesundheitsportal diese Bestrebungen nicht aufgehalten. Es bleibt trotzdem ein schlechtes Gefühl, dass das BMG und letztlich auch unsere Steuergelder dazu beitragen, Googles Marktmacht weiter zu stärken. 

Zum Weiterlesen 

[1] Bei piqd empfehle ich einen Beitrag der britischen Nichtregierungsorganisation Privacy International, die die Kooperation von Amazon mit dem britischen Gesundheitssystem NHS geprüft hat.  

[2] Über die Steuervermeidung der großen Tech-Unternehmen hatte 2019 die NGO Fair Tax Mark berichtet.

[3] Wie Google Patientendaten aus dem britischen Gesundheitswesen NHS nutzt, stellt ein Beitrag im Magazin New Scientist vor.

[4] Wie sich Google zum Schwerezentrum in der Medizin machen will, erklärt dieser Text unseres Riffreporter-Kollegen Christian Meyer.  


Rote Kachel für den Bereich "Gesundheitsinfos finden" im Online-Magazin "Plan G – Gesundheit verstehen"
Für die leichtere Orientierung haben wir die Bereiche von Plan G farbcodiert. Beiträge aus "Gesundheitsinfos finden" werden mit dieser roten Kachel markiert.
Iris HInneburg

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