Was hilft? Erfahrungen können täuschen

Warum wir kontrollierte Studien brauchen

iStock.com/gyasemin Auf blauem Hintergrund liegen viele Puzzle-Teile.

„Wer heilt, hat Recht“ - hört sich erst mal plausibel an, oder? In Sachen Gesundheit können dich der Augenschein und Erfahrungswerte aber schnell auf die falsche Spur bringen. 

Erkältungen sind elend. Die Nase ist zu, das Lieblingsessen schmeckt nicht mehr und der Kopf dröhnt auch. Kein Wunder, dass viele Menschen in dieser Situation unbedingt etwas tun wollen: Am liebsten ein Mittel einnehmen oder anwenden, das die Beschwerden schneller verschwinden lässt.

Aber was passiert eigentlich, wenn du nichts machst? Richtig: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es dir in einer Woche schon viel besser geht. Denn das ist der natürliche Verlauf der meisten Erkältungen. Und was würde passieren, wenn du im Verlauf der Erkältung etwas Homöopathisches einnimmst oder deine Hausärztin überredest, dir ein Antibiotikum zu verschreiben? Auch dann würde es dir vermutlich nach einer Woche besser gehen. Aber du hättest den Eindruck, die Verbesserung kommt von dem Mittel, das du eingenommen hast: Unabhängig davon, ob eine Wirksamkeit gegen die virusbedingte Erkältung überhaupt plausibel, geschweige denn nachgewiesen ist.

Du ahnst schon, worauf dieses Beispiel hinausläuft: Wenn du ein Mittel einnimmst und es geht dir danach besser, muss das nicht unbedingt an dem Mittel liegen. Denn es gibt noch zahlreiche andere Erklärungen und Phänomene, die dabei eine Rolle spielen. Die sind wichtig zu kennen, wenn du etwas zur Entstehung von gesichertem Wissen in der Medizin erfahren willst.

Warum geht’s dir tatsächlich besser?

Wenn wir uns mit gesichertem Wissen in der Medizin beschäftigen, geht es oft um die Frage: Besteht ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Einnahme eines Mittels und der Veränderung, die sich danach beobachten lässt? Ganz klar: In der Medizin war und ist es sehr wichtig, Krankheitsverläufe und die Auswirkungen von therapeutischen Maßnahmen sorgfältig zu beobachten. 

Verlässt man sich aber ausschließlich auf diese Beobachtungen, birgt das einige Fallstricke. Denn bei der Einnahme eines Mittels entfaltet sich nicht nur dessen (hoffentlich vorhandene) Wirkung, es passiert gleichzeitig noch viel mehr [1]:

  • Der natürliche Krankheitsverlauf: Selbst ohne Behandlung heilen einige Erkrankungen von selbst aus, siehe das Beispiel der Erkältung. Bei anderen Krankheiten ist keine spontane Heilung zu erwarten, aber der Verlauf lässt sich schlecht vorhersagen und ist bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich.

  • Regression zur Mitte: Wann suchst du im Verlauf einer Erkrankung Hilfe? Meistens dann, wenn es dir am schlechtesten geht. Oft folgt auf eine Phase mit stärkeren Symptomen eine mit schwächeren, manchmal geht es mit den Beschwerden im Verlauf einer Krankheits mehrmals auf und ab. 

  • Placebo-Effekte: Wenn du etwas tun kannst, fühlt es sich immer gleich besser an, als wenn dir nur das Abwarten bleibt. Zuwendung von deiner freundlichen Hausärztin oder dem umsichtigen Apotheker tragen auch dazu bei, dass du dich besser fühlst. Wenn du erwartest, dass es dir nach Einnahme eines Mittels besser geht, wird das vermutlich auch eintreten. Und diese Erwartungshaltung wird noch verstärkt, wenn dein Arzt dir versichert, dass er dir ein Arzneimittel verordnet, das schon sehr vielen Menschen geholfen hat [2]. 

Die Mischung aus allen diesen Phänomenen bezeichnet man auch als „unspezifische Therapieeffekte“. Sie vermischen sich mit den „spezifischen Therapieeffekten“ durch Wirkstoffe und andere Behandlungen, treten aber auch bei einem eigentlich unwirksamen Mittel auf.

Häufig gehört – und trotzdem falsch

Wer diese Phänomene ignoriert, kann schnell einen falschen Eindruck gewinnen, wenn es um den Nutzen von Medikamenten oder anderen Mitteln geht. Aber leider passiert das ziemlich häufig – und bestimmt hast du auch schon mal die eine oder andere Aussage gehört oder gelesen. Aber helfen sie dir tatsächlich weiter, wenn du eine gute Entscheidung in Sachen Gesundheit treffen willst? Wir machen den Check.

Die Grafik beschreibt das erste von drei Missverständnissen bei der Bewertung von Behandlungen: "Mir hat es geholfen"
Wenn es um die Bewertung von Behandlungen geht, helfen Erfahrungswerte nicht weiter.
Iris Hinneburg

Missverständnis #1: "Mir hat es geholfen"

Prima. Aber woher weißt du, dass es tatsächlich das Mittel war und nicht eins der oben beschriebenen Phänomene? Also zum Beispiel, dass der Hautausschlag tatsächlich wegen der Creme verschwunden ist und nicht nur zufällig zeitgleich? Und was einem bestimmten Menschen hilft, muss nicht auch zwangsläufig allen anderen helfen. Denn Menschen reagieren manchmal unterschiedlich auf bestimmte Behandlungen – deshalb sind die guten Erfahrungen der Nachbarin oder des Onkels keine Garantie dafür, dass der Hustensaft auch dir helfen wird [3].  

Missverständnis #2: "Bewährtes Mittel"
Iris Hinneburg

Missverständnis #2: "Bewährtes Mittel"

„Bewährt“ meint in diesem Kontext häufig: Schon viele Menschen haben sich nach der Einnahme besser gefühlt. Das ist schon mal ein kleines bisschen besser, als bei unserem Missverständnis #1 – denn immerhin gibt es Erfahrungswerte nicht nur für eine bestimmte Person, sondern für mehrere. Aber auch dann gilt: Woher wissen wir, dass nicht auch bei den vielen die oben beschriebenen Phänomene zugeschlagen haben? „Bewährtes Mittel“ oder „95% zufriedene Anwender“ hört sich in der Werbung zwar gut an, hilft dir für eine fundierte Entscheidung aber nicht weiter [4].

Die Grafik beschreibt das dritte von drei Missverständnissen bei der Bewertung von Behandlungen: "Behandeln ist immer besser als Nicht-Behandeln"
Behandeln wäre nur dann immer besser als Nicht-Behandeln, wenn es null Risiken für Nebenwirkungen gäbe und die Behandlung weder Zeit noch Geld kosten würde. In der Regel ist das nicht der Fall.
Iris Hinneburg

Missverständnis #3: "Behandeln ist immer besser als Nicht-Behandeln"

Das wäre nur dann richtig, wenn a) das Mittel tatsächlich zuverlässig hilft oder b) keine Nebenwirkungen hat und c) nichts kostet. Anders ausgedrückt: Bei Entscheidungen über Behandlungen ist es wichtig, Nutzen, Risiken und Kosten zu berücksichtigen. Darüber solltest du dich also besser vorher informieren.  

Du willst noch mehr dazu wissen? Dann empfehlen wir dir unseren Artikel über die Kriterien guter Gesundheitsinformationen.

Was hilft vielen?

Was sagt uns das jetzt, wenn wir zu gesichertem medizinischen Wissen – etwa zum Nutzen eines bestimmten Medikaments – kommen wollen? Ein erster Schritt: Das Mittel muss an einer größeren Anzahl Menschen getestet werden – nämlich im Rahmen von Studien. Denn nur dann kann man herausfinden, ob die Behandlung auch allgemein funktioniert und nicht nur zufällig bei einigen wenigen funktioniert hat. 

Dabei werden manchmal Erfahrungswerte genutzt – die entsprechenden Studienarten heißen etwa Fallserien oder Anwendungsbeobachtungen. Dabei wird der Krankheitsverlauf von Patientinnen und Patienten zum Beispiel nach Einnahme eines bestimmten Arzneimittels dokumentiert. Für bestimmte Fragestellungen haben solche Studienarten eine Berechtigung, sie können aber keinen Aufschluss über ursächliche Zusammenhänge zwischen der Anwendung eines Mittels und dem Verlauf der Erkrankung liefern. 

Kontrolle ist besser

Denn wir haben ja bereits die Einsicht gewonnen: Es reicht nicht, sich nur anzuschauen, wie sich der Zustand oder die Beschwerden nach der Einnahme eines Mittels verändert haben. Denn damit lassen sich die spezifischen und die unspezifischen Therapieeffekte nicht auseinanderdröseln. Das gilt übrigens nicht nur für erwünschte Wirkungen, sondern auch für vermeintliche Nebenwirkungen – aber dazu ein anderes Mal mehr [Link folgt].

Wie müssen dann solche Studien aussehen, um aussagekräftig zu sein? Ein erster Schritt wäre, das Medikament, über das wir etwas wissen wollen, mit einer anderen Behandlung zu vergleichen. Ein Teil der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer erhält also das betreffende Medikament, ein anderer Teil – die „Kontrollgruppe“ – je nach Fragestellung zum Beispiel die bisherige Standardbehandlung, ein Scheinmedikament oder wird einer Warteliste zugeteilt. Solche Untersuchungen nennt man auch „kontrollierte Studien“ [5]. Zu einer der ersten überlieferten kontrollierten Studien gibt es übrigens eine nette Geschichte: Dabei ging es im 18. Jahrhundert um die Frage, wie die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut bei englischen Seeleuten am besten behandelt werden soll.

Fazit

Hat Recht, wer heilt? Du kennst jetzt vermutlich schon die Antwort: natürlich nicht. Es hat nur der Recht, wer auch belegen kann, dass die Heilung auch tatsächlich durch die verwendete Behandlung zustande gekommen ist. Und umgekehrt: Wenn es jemandem nach einer Therapie besser geht, haben die Behandelnden manchmal auch einfach nur Glück gehabt. 

Um den Nutzen einer Behandlung beurteilen zu können, braucht es also aussagekräftige Studien mit einer Kontrollgruppe. Aber selbst dann kann es schwierig sein, tatsächlich einen ursächlichen Zusammenhang herzustellen. Darum wird es in unserem nächsten Artikel in dieser Rubrik gehen [Link folgt].

Quellen und weiterführende Links

[1] In diesem Artikel wird sehr verständlich erklärt, wie diese Phänomene entstehen und welche Vorteile kontrollierte Studien haben.

[2] Dieser frei zugängliche Beitrag aus dem Patientenmagazin Gute Pillen – Schlechte Pillen wirft noch ein paar interessante Schlaglichter auf den Placebo-Effekt.

[3] Noch ausführlicher kannst du das im deutschsprachigen Blog von Cochrane nachlesen.

[4] Im deutschsprachigen Blog von Cochrane findest du außerdem zwei Beispiele, bei denen Erfahrungswerte in die Irre geführt haben.

[5] Eine schöne Übersicht zu fairen Tests von Therapien findest du in Kapitel 6 von „Wo ist der Beweis?“ (frei zugänglich)

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