Das Genie im Wahnsinn

Manchmal lässt sich ein Genius von den Furien in den Himmel tragen: Forscher enträtseln, welchen Beitrag Psychosen zu unserer poetischen Kraft leisten können

Dieser Text ist Teil der neuen Koralle "Hirns Gespinste".


„Sie haben mir die Worte gestohlen“, sagt das Mädchen. Ihre Stimme ist brüchig. Hinter den Augen glimmt es, als würden dort erbitterte Kämpfe um seine Seele ausgetragen. Und reglos hingebreitet ist sie auf das Klinikbett, schreibt ihr Vater später, „als wäre sie gerade vom Himmel gefallen“. Das Mädchen ist Sally Greenberg, die Tochter des New Yorker Schriftstellers Michael Greenberg. Es ist ihre erste Nacht in der geschlossenen Abteilung. Und es ist ein Schlaraffenland der Gedankenströme, dem man sie gerade entrissen hat. 

Ein Himmel, in dem die Genien neben den Furien wohnen. Dass da mehr ist an Sallys Zustand, als nur die medizinische Seite namens Psychose, beschreibt Michael Greenberg sehr eindrücklich in seinem Buch „Hurry Down Sunshine“, das gerade auf Deutsch („Der Tag, an dem meine Tochter verrückt wurde“) bei Hoffmann und Campe erschien. Es geht darin um eine gefährliche schöpferische Kraft, die die Tochter mit einem Mal befällt wie ein Fieber. Nächtelang kritzelt Sally, verwandelt den Wohnzimmerboden in eine Zettellandschaft. Greenberg findet düstere Metaphern, Bilder aus der Unterwelt, fein gedrechselt zu Trochäen. „Die Gedichte fliegen mir zu, wie Vögel zum Fenster hereinfliegen“, sagt das Mädchen. Irgendwann dringt dann eine mächtige Stimme durch das Versgezwitscher, die Stimme des Gottes, der zu seiner Auserwählten spricht. Sally geht auf die Straße, um die Vision mit der Welt zu teilen. Sie hält Passanten fest und stellt sich den Autos in den Weg. Ihre Eltern bringen sie ins Krankenhaus.

„Bipolare Störung“ werden die Ärzte später auf das Krankenblatt der 15-Jährigen schreiben. Ihre furoren Nächte: Resultat der Manie. Das ist ein überregter Zustand, der in Halluzinationen und Größenwahn gipfelt, der aber auch die Sprache in einmaliger Art fließen lässt. Sally wird mit Haloperidol behandelt, einem Antipsychotikum, das den Dopaminstoffwechsel in bestimmten Gehirnarealen blockiert. Es verengt gleichermaßen die Tore, durch die wir die Außenwelt wahrnehmen, auf kleine Türchen. Zu klein für Sallys Vers-Vögel, in diesem Dämmerzustand kann sie nicht mehr dichten. 

„Keine große Begabung ohne die Spur von Wahnsinn“, schrieb der römische Philosoph Seneca. Genie war in der Antike ein Geschenk der Götter und wie so vieles aus ihren Händen Segen und Fluch zugleich. In jüngster Zeit mehren sich die wissenschaftlichen Hinweise, dass Kreativität und Psychose tatsächlich eine besondere Beziehung zueinander haben.

Dieselben Gene für Wahn und Genius?

Wahn scheint die Kehrseite unserer Schöpfungskraft, der Preis, den wir für besondere Begabung zahlen müssen. Sie werden offenbar teilweise durch dieselben Genvarianten gesteuert und teilen bestimmte Veränderungen im Gehirn miteinander. Besonders radikal verändern sie Sprache und sprachliches Denken. Deswegen kann der Wahn gerade für Poeten eine besonders starke Quelle der Inspiration sein – so lange sie ihn unter Kontrolle halten.

Es sind vor allem zwei Erkrankungen, die in Zusammenhang mit literarischem Genie genannt werden: die Schizophrenie, bei der ein konzentrierter Gedankenstrom in alle möglichen Richtungen zerstiebt, und die bipolare Stimmungsschwankungen, bei denen sich manische Hochstimmungen mit depressiven Zuständen abwechseln. Schizophrenie und Manie behandelt man mit Neuroleptika wie Haloperidol, denn es sind die viel zu weit geöffneten Tore des Bewusstseins, die die Erkrankten um den Verstand und an den Rand der körperlichen Erschöpfung bringen.  

Um sich überhaupt eines Gedankens oder einer Handlung annehmen zu können, muss man immer einen gehörigen Teil der Informationen ausblenden, die unsere Umgebung bereit hält - wir lesen ein Buch und hören nicht auf die Gespräche am Nachbartisch. Shelley Carson, Professorin für Psychologie an der Harvard Universität glaubt, hier den gemeinsamen Nenner mit der Kreativität gefunden zu haben: Wie Carson herausfand, nehmen Menschen, die besonders einfallsreich sind, auch mehr von ihrer Umgebung wahr. Das ist für sie ganz normal. Maniker haben zunächst das Gefühl besonderer Inspiration, wenn sich ihre Wahrnehmung steigert, aber je mehr sich die manische Phase ihrem Höhepunkt nähert, umso quälender wird der Effekt. Eine Gedankenflut, in der sie ertrinken. „Werden relativ wenige Umweltreize ausgeblendet, dann führt das unter bestimmten Bedingungen zu einer psychischen Erkrankung. Unter anderen zu kreativen Höhenflügen“, sagt Carson.

Besonders die Kapazität des Gehirns, seine Intelligenz, sein Arbeitsspeicher, seien entscheidende Stellgrößen, ob das Pendel eher zur einen oder zur anderen Seite ausschlage. „Kreative Familien haben ein messbar höheres bipolares Risiko“, sagt


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