Therapie für Psychopathen

Kann man Empathie lernen? In Kiel versuchen es ein paar vorbestrafte Gewalttäter.

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Dieser Text ist Teil der neuenKoralle "Hirns Gespinste".


Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewußtseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln. §20 STGB


Hier sitzt der Täter. Dort sein Opfer. Gleich wird er zuschlagen, einen einzigen wuchtigen Schlag, der am Hinterkopf des andern Mannes landen und ihn zusammensacken lassen wird. „Wie fühlen Sie sich da gerade?“, fragt die junge Frau, die mit dem sichtlich nervösen Faustangreifer zusammen die nachgestellte Szene beobachtet. Den Moment vor seiner fatalen Explosion damals auf der Couch in Kiel-Gaarden. „Hm“; sagt der, „schwer zu sagen.“ Denkt angestrengt nach. Dann langsam, ganz langsam, treibt irgendwo aus den Tiefen seines Gedächtnisses ein passendes Wort nach oben. „Angespannt??“

Ziemlich schwere Jungs

Die Geschichten in der Gruppe, die sich jeden Montag im Keller der Kieler Psychiatrie trifft, gleichen sich. Alle sechs Männer wurden durch einen oder mehrere Gewaltausbrüche justizbekannt, meistens war Alkohol im Spiel und „so was wie ein umgelegter Schalter“, blinde Wut ohne Bremse. Manche sind gerade zum Haftantritt vorgeladen, andere aus der Haft entlassen, wieder andere auf Bewährung. In den Akten ziemlich schwere Jungs also. 

Jetzt, unter der Regie ihrer Therapeutin, wirken sie fast schon schüchtern. Wenn in die Rolle von Täter, Opfer und Zeugen eines Verbrechens schlüpfen und ihren Empfindungen dabei einen Namen geben sollen, verschlägt es ihnen die Sprache. Die Männer schnacken das derbe Platt aus Kiels Arbeitervierteln, tragen Handwerkerhosen zu schwieligen und sind privat wohl eher keine Freunde von „son Weiberkrom wie Gefühle“. Aber steckt wirklich nur Rollenverhalten hinter ihrem auffällig hilflosen Wortgesuche? 

„Vielen unserer Patienten fällt es ungewöhnlich schwer, passende Wörter für Emotionen zu finden“, sagt Hanna Heinzen, die Leiterin der Therapiegruppe. „Das kann natürlich an generellen Sprachproblemen oder an fehlender Übung liegen. Aber es können auch grundlegende neurobiologische Änderungen dahinterstecken.“ 

Heinzen ist Forensische Psychologin, ihr Forschungsthema ist die Gefühlskälte, die mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen einhergeht. In der Wissenschaft der kriminellen Seelen häufen sich derzeit die Hinweise auf solche organischen Grundlagen bei Gewalt- und Sexualverbrechen. „Es gibt Täter, die zwar theoretisch wissen, was Mitgefühl ist, die es aber in Gewaltsituationen messbar nicht empfinden“, sagt sie. „Und andere, die schlicht nicht verstehen, was damit gemeint sein könnte.“ Im Rahmen der Therapie, die Heinzen in der Forensischen Ambulanz der Klinik mit Straftätern durchführt, sollen die Männer heute ihre emotionale Intelligenz verstärken: Indem die Männer das momentum criminale in der Vergangenheit eines Gruppenkollegen nachstellen und sich überlegen müssen, was ihre Rolle in diesem Moment empfindet, trainieren sie, sich in andere Menschen hineinzuversetzen – und verstärken mit etwas Glück sogar langfristig die Wege im Gehirn, die normalerweise via Mitempfinden Gewalt gegen andere Menschen blockieren.

Beim Zuschlagen ist das Mitgefühl ausgeschaltet

Nach Heinzens Einschätzung funktioniert bei vielen der Patienten der Ambulanz eine „höhere Ebene der Gefühle“ nicht richtig. Sie können sich zwar im einen Moment freuen und im nächsten ärgern – aber später ihre Empfindungen nachvollziehen, in einen Zusammenhang bringen und daraus lernen, das können sie oft nicht. Typischerweise ist ihr Mitgefühl mit anderen Menschen oder mit den Opfern ihrer Gewaltausbrüche wie blockiert. Ins Gefängnis zu kommen hat für sie wegen der Kurzfristigkeit ihrer Empfindungen keinen Lerneffekt. Ihr Risiko, wieder in Schwierigkeiten zu geraten, ist nach der Entlassung ungebrochen – weil ihr Kopf immer noch derselbe ist. 

Schon bei „leichten“ Körperverletzungen - dem „Abziehen“ unter Jugendlichen, verprügelten Saufkumpanen - scheint bei den vielen Tätern eine psychische Erkrankung eine Rolle zu spielen. Jedenfalls schätzt Christian Huchzermeier, Leiter der Forensischen Psychiatrie in Kiel, die Zahl der potentiellen Patienten unter den Schlägern, Handyräubern und Nötigern „auf etwa zwei Drittel“. Grundlage dieser Einschätzung: Mehrere Psychiatrische Bestandsaufnahmen, die der Forscher zusammen mit seinen Kollegen seit 2005 in der JVA Neumünster unternahm. In der repräsentativsten Untersuchung fand er bei 62 Prozent der 134 untersuchten Häftlinge Persönlichkeitsstörungen, und zwar vom emotional-instabilen Typ. 21 Prozent litten sogar an einer besonders gefährlichen, gefühlskalten Form: Einer „antisozialen Persönlichkeit mit psychopathischen Zügen“.

Psychiater sprechen immer dann von einer Persönlichkeitsstörung, wenn ein Wesenszug so stark ausgeprägt ist, dass er die ganze Person dominiert und ein normales Leben verhindert. Verfolgungswahn, Menschenscheue oder extrovertierte Theatralik – es gibt so viele Sorten Persönlichkeitsstörungen wie menschliche Wunderlichkeiten. Aber welche Sorte Störung sie auch haben, diese Menschen sind immer in auffälliger Weise unangepasst. Bei den Persönlichkeitsstörungen, auf die Huchzermeier in der JVA stieß, ist die Unangepasstheit sogar der Kern der Erkrankung: diese „antisozialen“ Patienten sind im Umgang mit anderen Menschen verändert. Zwischenmenschliche Normen sind für sie eine Art Fremdsprache. Mal sind sie so impulsiv, dass sie gar keine Zeit haben, darüber nachzudenken, was sie einem anderen Menschen gerade mit dem Griff zu Pistole zumuten. Oder sie sind grundsätzlich ohne Mitgefühl, außerdem kühl überlegt und das Verderben anderer wie eine mathematische Gleichung berechnend.

Der legendäre Psychopath

Es gibt heute ausgefeilte Checklisten, die den Ärzten und Psychologen zu solchen Diagnosen in der gesamten Bandbreite zwischen irrationalem Chaos und rationaler Berechnung zu verhelfen. An der – statistisch ausgedünnten – Spitze dieser Störungsbilder steht ein fast schon legendärer Verbrechertyp:


Lesen Sie weiter: Warum niemand weiß, wie viele Psychopathen in Deutschland im Gefängnis sitzen. Die Einnahmen gehen direkt an die Autorin.
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