Fesseln gegen den Wahn

Manchmal binden Psychiater Menschen fest. Warum tun sie das? Und ist das richtig?

Dieser Text ist Teil der neuen Koralle "Hirn's Gespinste".

„Die Freiheit der Person ist unverletzlich.“ 

Artikel 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland

„Wann kann ich hier raus?“, sagt der Mann mit dem Klinikhemd. Seine Sprache ist zittrig, die Augen suchen Gespenster an den blassen Wänden. Halb aufrecht sitzt er im Klinikbett, seine Nase ist gebrochen und neben ihm drücken Gurte aus Kunstleder tiefe Dellen in die Matratze.

Es ist der Fixierraum der psychiatrischen Klinik in Ochsenzoll, der größten Seelen-Heileinrichtung Norddeutschlands. 633 Behandlungsplätze - und acht Betten mit Gurten. Je nach Anlass binden die Pfleger sie locker oder fest. Um den Brustkorb, um Arme und Beine und vielleicht auch um Kopf und Hüfte. Manchmal werden Menschen so ganz fest ans Bett gezurrt, weil in ihnen eine wilde Urgewalt tobt und diese blinde Raserei durch nichts anderes aufzuhalten ist. In Ochsenzoll betrifft das im Jahr etwa 200 Patienten, die Zahl für ganz Hamburg ist unklar, ebenso, wie viele Menschen in ganz Deutschland betroffen sind. 

Dieser Patient liegt locker angegurtet, weil er nicht mehr auf eigenen Beinen stehen kann. Der Mann hat Multiple Sklerose. Diese Krankheit zerfrisst nicht nur seine Nervenbahnen, sie spukt auch in seinem Gehirn. Er kann nicht aufstehen und versucht es doch. Beim letzten Mal ist dabei die Nase am Nachttisch gebrochen. Jetzt soll er einfach liegen bleiben, bis Hilfe kommt.

Der letzte Zentimeter persönliche Freiheit

Es sind die Ärzte, die solche Fesseln verordnen. Aber dürfen sie das? Ihre Kritiker argumentieren, mit den weißen Schlingen aus kochfester Baumwolle nehmen sie einem ohnehin schon zwangsweise in der Psychiatrie untergebrachten Menschen die letzten Zentimeter persönliche Freiheit.  

Wer sich neben diese Betten stellt, mit Ärzten und Pflegern spricht, eine fröhlich zwitschernde alte Dame plötzlich andere Patienten beißen, einen jungen Mann schreien und seinen Kopf gegen die Wand rammen sieht, wundert sich nicht mehr, dass Ärzte manchmal Gurte einsetzen. Er wundert sich, sobald er Datenbanken dazu durchsucht. Diese Grundrechtseingriffe finden in einem Nebel der Informationslosigkeit statt, ein blinder Fleck auf der Landkarte der Statistik.

„Niemand weiß wirklich, wie häufig in Deutschland Menschen fixiert werden“, bestätigt Arno Deister, Chefarzt im schleswig-holsteinischen Itzehoe und als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie zurzeit Deutschlands oberster Psychiater. „Weil es bisher niemand wissen wollte.“

Lesen Sie, warum immer mehr Menschen in psychiatrische Kliniken gebracht werden. Die Einnahmen gehen direkt an die Autorin.


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