Auf der Suche nach der Baby-Seele

Der schwedische Kinderarzt Hugo Lagercrantz fragt sich schon lange, was Frühchen und Neugeborene über sich und die Welt wissen. Seit er im Ruhestand ist, hat er weitergeforscht - und ein Buch über die Entstehung des Bewusstseins geschrieben.

Shutterstock

Dieser Text ist Teil der neuen Koralle "Hirns Gespinste".


Wer in Rente geht, hat viel Zeit zu lesen. In Hugo Lagercrantz’ Arbeitszimmer türmen sich die Bücher. Den großen Anatomen Vesalius hat er dort studiert, den Philosophen Descartes und Thomas Willis, den ersten aller Neurologen. Für den schwedischen Kinderarzt Lagercrantz sind sie alle drei Pioniere auf dem Weg, den er gerade beschreitet. Er sucht in alten Büchern und in neuen Studien nach dem Moment, in dem unser Bewusstsein beginnt.

Willis glaubte, dass die Ursache aller Empfindungen und Gedanken im Gehirn zu finden seien. Das war damals ein revolutionärer Gedanke. Als Motor der menschlichen Innenwelt standen eher Herz und Leber im Verdacht. Eine beliebte Theorie über die Funktion des Gehirns besagte, die wabbelige Masse mit den vielen Falten sei dafür da, das Blut zu kühlen. 

Um also seiner umstürzlerischen Theorie auf den Grund zu gehen, ließ sich Willis die Köpfe Enthaupteter in seine Praxis im englischen Oxford kommen. Er öffnete ihre Schädel und zerlegte das Gehirn. Erst fiel ihm das wohl geordnete Innenleben der Falten aus grauer und weißer Substanz auf. Dann beschrieb er es, bestürzend modern, als „vernetztes System“. Und als er 1664 die kleine, fein gestreifte Struktur an der Basis des Großhirns freilegte, die Hirnforscher heute Striatum nennen, meinte er, die Seele gefunden zu haben. 

„Das ist ein sehr frommer Begriff“, sagt Hugo Lagercrantz, „aber er ist irgendwie auch passend.“ Er selbst ist ein Spezialist für viel zu früh geborene Kinder. Als Berufsanfänger, in den 1970er Jahren auf der Frühchenstation des Stockholmer Karolinska-Krankenhauses, begann er, über die Seele nachzudenken. Damals wurden die dürren, handtellergroßen Wesen nicht gerade mit menschlicher Nähe überschüttet. Nackt und allein lagen sie in den beheizten weißen Kästen und wurden „eher wie Organe als wie Menschen“ behandelt, wie es Lagercrantz sagt. 

Sind Frühchen ohne Empfindungen?

Mit der sachlichen Sorgfalt, die man einer Petrischale im Labor widmet, nahmen er und seine Kollegen bei den Babys Blut ab oder intubierten sie. Auch schmerzhafte Eingriffe fanden ohne Betäubung oder beruhigendes Murmeln statt. Denn: „Wir alle gingen davon aus, sie würden noch gar nichts empfinden. Keine Furcht, kein Schmerz - kein Bewusstsein.“

Seine Stimme am Telefon macht eine kurze Pause. „Wir haben damals große Fehler gemacht. Denn natürlich sind diese Kinder bereits mit der Welt verbunden. Sie empfinden und denken. Sie entwickeln sich ganz anders mit Zuwendung und Freundlichkeit. Da ist schon etwas da, nur was genau, das ist eben die Frage.“ 

Es war kein großer Bruch, sondern viele kleine Beobachtungen, die Lagercrantz zu der dringenden Vermutung brachten, dass sich die Übergriffe für die Kinder bedrohlich anfühlen könnten. „Wenn sie ein Gummischlauch berührte, zuckten sie zusammen und drehten sich weg. Spürten sie eine warme Hand auf ihrer Brust, dann atmeten sie ruhiger und wirkten entspannt.“ 

Aber ist das schon die Spur einer kleinen Seele? Zurückzuschrecken und sich

Lesen Sie, wie sich schon vor der Geburt Bewusstsein und Persönlichkeit bilden. Die Einnahmen gehen direkt an die Autorin.
RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Haben Sie das gern gelesen? 

Dann abonnieren Sie meine Koralle. Dort gibt es mehr.


Hirns Gespinste