Das multiplizierte Ich

Wir sind nie alleine mit uns. Das glauben wir nur. Tatsächlich sind da noch all diese seltsamen Doppelgänger ...

Dieser Text ist Teil der neuen Koralle "Hirns Gespinste".

Elsass 1771, ein einsamer Reitpfad bei Sesenheim. Zu Pferde: der junge Goethe. In Gedanken ist er noch bei Friederike, der er gerade das Herz gebrochen hat. Da kommt ihm ein anderer Reiter entgegen. Wohlwollend bemerkt der modebewusste Dichter schon aus der Ferne den guten Geschmack des Herrn. Auf hechtgrauem Tuch funkeln Goldfäden! 

Im Näherkommen bemerkt Goethe mit Schrecken, dass der Dandy niemand anders ist als er selbst. Und nicht nur das, er ist auch noch sichtlich gealtert. „Sobald ich mich aus diesem Traum aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg“, schreibt er viel später in „Dichtung und Wahrheit“. „Sonderbar ist es jedoch, dass ich nach acht Jahren, in dem Kleid, das mir geträumt hatte, (…) mich auf demselben Weg fand, um Friederike noch einmal zu besuchen ...“  

Was ist das für eine Geistererscheinung? Eine geschickt komponierte Gruselepisode, passend zur gerade aufkommenden Schauerromantik? Ein literarisches Ablenkungsmanöver, um den Gedanken, was eigentlich aus dem armen Mädchen wurde, gar nicht erst aufkommen zu lassen? Es könnte sich auch einfach um ein häufiges, aber bis vor kurzem kaum untersuchtes medizinisches Phänomen handeln, um eine Autoskopie. 

Dabei treffen Menschen auf ihren eigenen Doppelgänger. Peter Brugger, Leiter der Neuropsychologischen Abteilung am Züricher Universitätsspital, ist überzeugt, dass Goethe sich selbst wirklich gesehen hat. „Solche Illusionen sind weit verbreitet“, sagt er. Die Betrachter ihres Alter Ego leiden an epileptischen Krämpfen oder Migräne, haben einen Gehirntumor, Alzheimer oder Syphilis im Endstadium, sie machen einen Raumflug oder waren einfach nur kurz eingenickt.

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