Zukunft auf dem Verhandlungstisch: Das sind 2021 die wichtigsten politischen Entscheidungen für Natur und Klima

Von Agrarpolitik bis zu globalen Zielen: Das neue Jahr bringt zahlreiche Weichenstellungen in der Umweltpolitik

GEORG HOCHMUTH/AFP Dargestellt ist eine große Menschenmenge, die sich mit Bannern und Plakaten durch die Innenstadt von Wien bewegt. Auch eine aufblasbare Erdkugel haben die Demonstranten von Fridays for Future dabei. Im Gegensatz zu den Querdenkern tragen sie Gesichtsmasken.

2021 fällen Politikerïnnen in Deutschland, der EU und weltweit Entscheidungen, die über die Zukunft der Erde, des Klimas und der Natur – kurz: unsere Lebensgrundlagen – entscheiden. Fünf Schauplätze stechen dabei heraus: Die EU-Agrarpolitik, die UN-Verhandlungen über neue globale Naturschutzziele, das deutsche Insektenschutzgesetz, die europäische Biodiversitätsstrategie und der UN-Klimagipfel. In diesem Beitrag unseres Rechercheprojekts „Countdown Natur" erklären wir, worum es dabei geht.

Entscheidung 1: Knapp 400 Milliarden Euro für oder gegen den Natur- und Klimaschutz? Die EU-Agrarpolitik in der heißen Phase

Status: Endphase des Entscheidungsprozesses

Nächste wichtige Etappe: Trilog von Kommission, Rat und Parlament. Entscheidung wahrscheinlich bis April.

Unsere aktuelle Bewertung (Rot: Akute Gefahr für Biodiversität; Gelb: offener Ausgang; Grün: Nützlich für Biodiversität): Rot

Fast 400 Milliarden Euro werden die EU-Staaten in den kommenden sieben Jahren für Agrar-Subventionen ausgeben. Die entscheidende Frage lautet: Fließt das Geld der Steuerzahlerïnnen für ein "Weiter so" in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die zu hohen CO2-Emissionen und weiter sinkender Artenvielfalt führt? Oder wird der größte Topf der Staatengemeinschaft dazu benutzt, die europäische Landwirtschaft umweltfreundlicher zu machen?

Für die biologische Vielfalt in der Europäischen Union sind es entscheidende Verhandlungen, die gerade zwischen den verschiedenen EU-Institutionen geführt werden. Im sogenannten Trilog-Verfahren müssen sich Europäische Kommission, Europaparlament und der Rat der Agrarminister bis zum Frühjahr auf einen Kompromiss zur Ausgestaltung der GAP in den nächsten sieben Jahren verständigen.

Die Ausgangsbedingungen sind aus Sicht des Natur- und Umweltschutzes denkbar ungünstig: Agrarministerïnnen und Europaparlament haben sich im Oktober bereits auf Eckpunkte für die GAP festgelegt, die keine nennenswerten Fortschritte gegenüber der bisherigen Politik bringen und damit die Artenkrise in Europa weiter massiv verschärfen würden. Die Kommission verfolgt dagegen als Teil ihres Europäischen Green Deals eine ambitionierte Biodiversitätsstrategie - siehe auch den eigenen Beitrag dazu in dieser Übersicht - und eine Reformagenda für die Landwirtschaft („Farm-to-Fork“), die durch die Beschlüsse der Agrarministerïnnen und des Parlaments unterlaufen werden.

Ein Landwirt bestellt mit seinem Traktor einen Acker.
Quo vadis Landwirtschaft? Knapp 400 Milliarden Euro Steuergelder sollen in den kommenden sieben Jahren an Landwirte fließen. Für was genau, darum wird derzeit gerungen.

Bleibt es im wesentlichen bei den bisherigen Festlegungen von Parlament und Ministerrat, würden faktisch 40 Prozent des EU-Haushalts für eine Politik verwendet, die dem erklärten Kernziel der Gemeinschaft zuwiderläuft, die Artenkrise zu stoppen und klimaneutral zu werden. Der Green Deal wäre damit nach Auffassung von Wissenschaftlerïnnen und von Natur- und Umweltschützerïnnen in seinem Kern bereits gescheitert, bevor seine Umsetzung auch nur begonnen hätte. 

Kommission behält sich Rückzieher bei GAP-Reform vor

Vor diesem Hintergrund haben Umweltverbände die Kommission aufgerufen, den GAP-Entwurf komplett zurückzuziehen und den Prozess von vorne zu beginnen. Diese Möglichkeit hatte auch Kommissionsvize Frans Timmermans angedeutet und mit scharfer Kritik an den Beschlüssen von Parlament und Ministern die Debatte um einen Rückzieher angefacht. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ruderte daraufhin zurück.

Diese Linie bekräftigte auch Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius im RiffReporter-Interview. Der Kommissionsentwurf für die künftige GAP werde nicht zurückgezogen, sagte er. Allerdings nahm er die Drohung weniger deutlich vom TIsch als von der Leyen, indem er dies für einen späteren Zeitpunkt nicht ausschloss. Die Rücknahme eines Vorschlags sei immer eine rechtliche Möglichkeit, sagte er. „In dieser Phase werden wir alle unsere Anstrengungen darauf richten, in den Trilogverhandlungen eine Einigung zu finden, die die GAP mit den Zielen des Green Deal in Einklang bringt."

Bis etwa April soll ein Ergebnis vorliegen. Die Rolle der Kommission in diesen Verfahren ist eher die eines Mittlers zwischen gegensätzlichen Interessen. Damit steht meist ein Mittelweg zwischen den unterschiedlichen Positionen am Ende der Verhandlungen. Weil die Positionen von Rat und Parlament aber kaum Fortschritte im Kampf gegen Klimawandel und Artensterben auf dem Acker bringen dürften, stehen die Chancen auf eine aus Sicht des Umweltschutzes schlecht. Thomas Krumenacker

Es handelt sich um ein Luftbild, das auf der linken Seite intakten tropischen Regenwald und auf der rechten Seite eine leere Fläche mit Baggern und Lastwagen zeigt. Dargestellt wird Waldzerstörung in Malaysia, um Platz für Ölpalmenplantagen zu schaffen.
Schauplatz Regenwald: Kontinuierlich zerstören Menschen in Südamerika, im Kongobecken und wie hier in Malaysia die verbleibenden Regenwaldflächen, um Futter- und Nahrungsmittel anzubauen und das Holz zu verkaufen. Das stellt eine große Gefahr für die Lebensvielfalt dar.

Entscheidung 2: Gemeinsame Ziele für den Schutz der Naturreichtümer? Der Weg zum UN-Weltnaturschutzgipfel 2021

Status: Vorverhandlungen zwischen Staaten und UN am Laufen

Nächste wichtige Etappe: One Planet Summit am 11. Januar, verschiedene wichtige Gremiensitzungen im Frühjahr

Unsere aktuelle Bewertung: Gelb

2010 haben sich knapp 200 Staaten gemeinsam 20 Ziele für den globalen Naturschutz gesetzt. Dazu zählte es zum Beispiel, dem Aussterben von Arten effektiv vorzubeugen, umweltfeindliche Subventionen zu beenden, beschädigte Ökosysteme wiederherzustellen und die Schutzgebiete auszudehnen. 

Daraus wurde aber weitgehend nichts. Wissenschaftlerïnnen haben im Auftrag der Vereinten Nationen ermittelt, dass keines der 20 Ziele wirklich erreicht wurde.

2021 gibt es nun einen weiteren Anlauf, neue weltweite Ziele für den Naturschutz für die Zeit bis 2030 zu definieren und vor allem stärker auf deren Umsetzung zu achten. Diese Ziele werden aktuell in Verhandlungen debattiert. Sie sollen Ende des Jahres beim UN-Weltnaturschutzgipfel im chinesischen Kunming beschlossen und in Kraft gesetzt werden, sofern die Corona-Pandemie es zulässt, eine solche Konferenz auszurichten. Das Treffen wird auch “COP15” genannt, weil es sich um die 15. Konferenz der Vertragsstaaten der UN-Konvention über biologische Vielfalt handelt, kurz „conference of the parties”.

Schutz und gerechtere Verteilung der Naturreichtümer

Zu den diskutierten Zielen gehören die Unterschutzstellung von jeweils 30 Prozent der Land- und Meeresfläche der Erde, ein besserer Meeresschutz mit einem Ende der Plastikschwemme und eine ökologischere und sozial gerechtere Landwirtschaft. Um nicht wieder nach zehn Jahren festzustellen, dass aus den schönen Plänen nichts geworden ist, streben zahlreiche Regierungen und internationale Organisationen die Festlegung auf möglichst konkrete und messbare Ziele an. Auch die Selbstverpflichtung auf regelmäßige Überprüfungen des erreichten Fortschritts soll eine Wiederholung der bisherigen Fiaskos verhindern. 

Den aktuellen Verhandlungsstand dokumentiert das Sekretariat der UN-Konvention für biologische Vielfalt auf seiner Internetseite. Bis zum Gipfel im Spätherbst finden mehrere Vorbereitungstreffen statt, die für Erfolg oder Misserfolg sehr wichtig sind. Mehr zur Konvention, ihrer Geschichte und ihren Zielen finden Sie in unserem Artikel dazu.

Über die Bedeutung der COP15 gibt es unterschiedliche Ansichten: Kritikerïnnen sagen, der bisherige Misserfolg der globalen Naturschutzpolitik und das Versagen bei den 20 Zielen zeige, dass der ganze Verhandlungsprozess nichts bringe und nur ein Zeichen für die Ineffizienz der Vereinten Nationen sei. 

Andere halten dagegen, dass ein globaler Rahmen und globale Ziele nötig seien, um weltweit Fortschritte zumindest wahrscheinlicher zu machen. Angesichts des fortschreitenden Nationalismus, wie ihn etwa der abgewählte US-Präsident Trump und der aktuelle brasilianische Präsident Jair Bolsonaro propagieren, sei zudem die Kooperation der Staaten von noch größerem Wert als bisher. Indigene Interessengruppen, die für jeden zwanzigsten Menschen weltweit sprechen, fordern mehr Mitsprache bei den Verhandlungen. Christian Schwägerl/Thomas Krumenacker

Entscheidung 3: Weniger Pestizide, mehr Forschung? Das deutsche Insektenschutzgesetz 

Status: Beschlussfassung wird bisher von Agrarministerin Klöckner sabotiert

Nächste wichtige Etappe: Um das Gesetz noch vor der Bundestagswahl zu beschließen, müsste eine finale Entscheidung im Kabinett noch im Januar fallen.

Unsere aktuelle Bewertung: Rot

Als Krefelder Forscherïnnen 2016 Daten bekannt machten und Ende 2017 wissenschaftlich publizierten, denen zufolge in den vergangenen 25 Jahren die Biomasse von Fluginsekten dramatisch um bis zu 75 Prozent abgenommen hat, gab es eine aufgeregte öffentliche Debatte: Was kann gegen den Insektenschwund getan werden? Da Insekten unter anderem für die Bestäubung von Pflanzen und als Nahrung zum Beispiel für Vögel wichtig sind, war das Echo auf die Forschungsergebnisse gewaltig. Auch die Bundesregierung versprach, zu handeln.

Der Insektenschutz sollte neben der Klimapolitik zu dem umweltpolitischen Flaggschiff der Koalition aus Union und SPD werden. Im Koalitionsvertrag vom März  2018 versprechen beide Parteien, endlich wirksame Maßnahmen dagegen auf den Weg zu bringen, „um die Umwelt für kommende Generationen zu bewahren“. Eineinhalb Jahre später, im September 2019 beschloss das Kabinett dann sein „Aktionsprogramm Insektenschutz“ und kündigte eine zügige Umsetzung an.

100 Millionen Euro sollten jährlich für Insektenschutz und -forschung zur Verfügung stehen und vor allem sollte es klare rechtliche Vorgaben geben. Wichtigste Punkte: Ein Insektenschutz-Gesetz mit Änderungen im Naturschutz-, Wasser- und Pflanzenschutzrecht und eine „substantielle Reduzierung“ des Glyphosat-Einsatzes vor dem europaweiten Verbot 2024. Was hat die Regierung bisher erreicht, was ist noch in der Schwebe? Und was ist in diesem Jahr zu erwarten?

In Umsetzung:

Die Mittelfreigabe für Teile des Programms beispielsweise im Bereich Forschung läuft, auch die zeitweise diskutierte Kürzung der Ausgaben von 45 Millionen Euro im Rahmen des Programms Biologische Vielfalt ist vom Tisch. 

Offener Verhandlungsausgang:

Bei der wohl wichtigsten Stellschraube für den Insektenschutz, der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU-Staaten, sind unter Ratspräsidentschaft von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner keine Fortschritte erreicht worden. Ob im bis zum Frühjahr laufenden Trilog-Verfahren noch einschneidende Verbesserungen erreicht werden können, ist äußerst fraglich.

Das Bild zeigt zwei Schmetterlinge aus der Gruppe der Widderchen auf einer Flockenblume.
Widderchen sind Teil der sehr artenreichen Gruppe der Schmetterlinge, die wiederum zum riesengroßen Insektenreich gehören. Doch so unüberschaubar die Vielfalt erscheint – sie ist bedroht.
Christian Schwägerl

Nicht erreicht:

Keine einzige der „harten“ gesetzgeberischen Maßnahmen ist bislang entscheidungsreif in die Spur gesetzt oder gar verabschiedet. Will die Bundesregierung in ihrem umweltpolitischen Prestigeprojekt noch liefern, müsste das in den ersten Wochen 2021 geschehen. Denn neun Monate vor der Bundestagswahl ist ein Gesetzgebungsverfahren aus Kabinettsbeschluss, und jeweils zwei Durchgängen Bundestag und Bundesrat kaum noch möglich. 

Das eigentliche Insektenschutzgesetz hat damit kaum noch Chancen auf Verabschiedung. Eine Befassung des Kabinetts damit im Dezember wurde durch Klöckner verhindert. In einem Brandbrief an Kanzleramtsminister Helge Braun beschwerte die CDU-Politikerin sich über die von ihrer Kollegin im Umweltressort, Svenja Schulze (SPD), betriebene „übereilte“ Kabinettsbefassung. So eilig ist sie indes nicht: Schulze hatte für ihren Teil des Insektenschutzgesetzes immerhin zweieinhalb Jahre seit Verabschiedung der ersten Eckpunkte durch das Kabinett gebraucht. 

Offenbar hat die stellvertretende CDU-Vorsitzende Klöckner bereits die Bundestagswahl im September im Blick: Die Verabschiedung des Gesetzes in der von Schulze vorgelegten Form sei „nicht im Interesse meines Ressorts und der Union“, heißt es in ihrem Brief an Braun. Durch ihr Bestehen auf gleichzeitige Befassung der verschiedenen Elemente des Insektenschutzes im Kabinett blockiert Klöckner auch die zum Insektenschutz vorgesehenen Änderungen im Bundesnaturschutzgesetz, beispielsweise zur Bekämpfung der Lichtverschmutzung und der Erweiterung der Liste gesetzlich geschützter Biotope.

Die von der Regierung geplante „substantielle Verringerung“ des Einsatzes des besonders verheerenden Pflanzengifts Glyphosat wird von Klöckner ebenfalls gebremst. Nach viel Kritik legte sie Ende November ihren Entwurf für eine Änderung der Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung vor. Darin wird Glyphosat als Mittel zur „Sicherung der Ernte“ beschrieben, dessen Anwendung auch negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt haben könne.

Statt einer substantiellen Verringerung ist in dem Entwurf vage von einer Beschränkung auf das „notwendige Maß“ die Rede. Statt des ursprünglich angekündigten 10-Meter-Abstands zu Gewässerrändern bei der Anwendung von Chemikalien sind nun nur noch fünf Meter vorgesehen. Der Umweltverband WWF bewertet den Entwurf als „schwache Vorlage“, die genügend Hintertüren biete, „um einen nahezu ungehinderten Einsatz von Glyphosat auch künftig zu begründen“. Thomas Krumenacker

Das Bild zeigt eine Morgenstimmung im Moor, Wasser. Gräser und zwei Nadelbäume glänzen im Sonnenschein.
Naturschutz für das Klima: Moore speichern gigantische Mengen Kohlenstoff. Werden trockengelegte Moore renaturiert, entzieht dies das Treibhausgas der Atmosphäre.

Entscheidung 4: Läuft die Renaturierung von Flüssen, Mooren und Wäldern an? Erste Bewährungsprobe für die EU-Biodiversitätsstrategie

Status: Von den EU-Mitgliedstaaten gebilligt

Nächste wichtige Etappe: 2021 wird ein entscheidendes Jahr, in dem konkrete Ziele für die Renaturierung und ein Gesetz dazu ausgearbeitet werden müssen

Unsere aktuelle Bewertung: Gelb

Den Verlust von Arten- und Landschaftsvielfalt nicht nur zu stoppen, sondern die Natur in Europa großflächig dorthin zurückzubringen, wo sie verlorengegangen ist: Das ist das Ziel der Biodiversitätsstrategie der Europäischen Kommission. Der im Mai 2020 vorgelegte Plan ist Kernbestandteil des „Europäischen Green Deal“, mit dem die Staatengemeinschaft bis zur Jahrhundertmitte ökologisch umgebaut werden soll. So sollen 30 Prozent sowohl der Land- wie der Meeresfläche zu geschützten Gebieten werden. Kommissionschefin Ursula von der Leyen nannte das von ihr initiierte Paket aus Klimaschutz, ökonomischen Reformen, nachhaltigerer Lebensmittelerzeugung und Renaturierung den europäischen „Man-on-the-Moon-Moment“. 2021 stehen zahlreiche zentrale Weichenstellungen an, die darüber entscheiden könnten, ob das Jahrhundertvorhaben ein Erfolg werden kann.

So will die Kommission bis zum Herbst ihren Vorschlag für rechtsverbindliche Ziele für die EU-weite Renaturierung geschädigter Ökosysteme vorlegen. Besonderes Augenmerk soll auf solche Habitate gelegt werden, die als Kohlenstoffspeicher auch im Kampf gegen den Klimawandel einen wichtigen Beitrag leisten können. Damit übernimmt die Kommission den Gedanken der „nature-based solutions“, also von Maßnahmen, die sowohl dem Natur- wie dem Klimaschutz zugute kommen und es so ermöglichen, zwei der wichtigsten Menschheitsprobleme gleichzeitig zu bekämpfen. Mit dieser Vorgabe dürfte insbesondere der Schutz von Wäldern und Mooren in Europa profitieren.

25.000 Kilometer Flüsse sollen wieder frei fließen dürfen

Ein weiterer Schwerpunkt bei der Zielauswahl soll die Renaturierung solcher Ökosysteme sein, die besonders wichtig bei der Begrenzung der Auswirkungen von Naturkatastrophen sind. Darunter fallen mit Auwäldern und Überschwemmungsflächen entlang von Flüssen zwei der am stärksten geschädigten Biotop-Typen. Teil der Renaturierungsstrategie für diese Lebensräume ist auch,  bis 2030 auf mindestens 25.000 zusätzlichen Kilometern wieder frei fließende Flüsse mit Überschwemmungsflächen und angrenzenden Feuchtgebieten zu schaffen.

Alle diese Maßnahmen sind echte Paradigmenwechsel, die nicht nur den Verlust der biologischen Vielfalt begrenzen, sondern der Natur zu einem Comeback verhelfen sollen. Die Einhaltung des Zeitplans und die dann folgende zügige Umsetzung in Form von Gesetzgebung wird maßgeblich über den Erfolg der gesamten Strategie entscheiden. 

Erstmals werden Meeresfische nicht nur als Rohstoffe betrachtet 

Einen weiteren grundsätzlichen Wandel will die Kommission in diesem Jahr auch im Meeresschutz einleiten. Bis Jahresende soll ein Aktionsplan zum Schutz der Fischbestände und der Meeres-Ökosysteme vorgelegt werden. Dazu könnten auch besonders schädliche Fangmethoden begrenzt werden, etwa die Schleppnetzfischerei. 

Auch wichtige Pläne zum Schutz von Biodiversität und menschlicher Gesundheit sollen in diesem Jahr aktualisiert oder erstmals beschlossen werden, darunter die Bodenschutzstrategie, der „Null-Schadstoff-Aktionsplan für Luft, Wasser und Boden“ und die EU-Forststrategie, mit der der proklamierte besondere Schutz der Wälder einen verbindlichen Rahmen erhalten soll. Die Forststrategie soll auch einen Fahrplan für die Umsetzung des vielleicht bekanntesten Ziels der Biodiversitätsstrategie enthalten: der Anpflanzung von mindestens drei Milliarden neuer Bäume bis 2030. Thomas Krumenacker

Das Bild zeigen einen Mangrovenwald, der direkt am Meer wächst. Das Wasser ist hellblau und durchsichtig, die Bäume haben geheimnisvoll verschlungene Stämme und Äste.
Mangrovenwälder, wie hier in der Nähe von Krabi in Thailand, sind nicht nur für den Küstenschutz wichtig, sondern auch als Kohlenstoffspeicher.

Entscheidung 5: Gelingt es, Klima- und Naturschutz zu verbinden? Der Weg zur UN-Klimakonferenz Ende 2021

Status: Verhandlungen laufen

Nächste wichtige Termine: UNFCCC COP26, 1.-12. November 2021, Glasgow

Unsere aktuelle Bewertung: Gelb

Durch die hohen Kohlendioxid-Emissionen der Menschheit erhitzt sich die Atmosphäre, die Meere versauern und der Meeresspiegel steigt. Dies gefährdet die menschliche Zivilisation und Ökosysteme weltweit. Beim UN-Klimagipfel 2021 geht es darum, durch Beschlüsse wahrscheinlicher zu machen, dass der Weltklimavertrags von 2015 eingehalten wird.

Dabei rückt ein neues Thema in den Fokus: Natürliche Ökosysteme wie Moore und Regenwälder binden und verarbeiten riesige Mengen Kohlenstoff. Doch in den Strategien zum Klimaschutz der meisten Regierungen spielen sie bisher kaum eine Rolle. 2021 wird bei der 26. Weltklimakonferenz über die Forderung von Wissenschaftlerïnnen, Umweltorganisationen und auch der EU-Kommission entschieden, diese sogenannten „nature-based solutions” 2021 stärker in den internationalen Klimaschutz zu integrieren als dies bisher etwa durch Projekte zum Waldschutz erreicht wurde.

2015 haben sich nach jahrzehntelangen Verhandlungen fast 200 Staaten in Paris auf den Weltklimavertrag geeinigt. Darin setzen sie das Ziel, den Ausstoß von erderhitzenden Treibhausgasen so zu verringern, dass die durchschnittliche Temperatur möglichst nicht mehr als 1,5 Grad Celsius gegenüber dem 19. Jahrhundert steigt und maximal 2 Grad Celsius beträgt. Jenseits dieser Schwellen erwarten Klimaforscherïnnen katastrophale Veränderungen für Mensch und Natur, darunter großflächige Überschwemmungen durch steigende Meeresspiegel, sinkende Ernten und gesundheitsschädliche Hitzewellen.

Das Bild zeigt eine brandenburgische Landschaft mit einem blühenden Rapsfeld und Windkraftanlagen.
Grün ist nicht gleich grün: In der Umweltszene wird über Windkraftanlagen und den Anbau von Raps und Mais zur Energiegewinnung heftig gestritten, denn beide haben auch Umweltkosten.
Thomas Krumenacker

Moore und Mangroven als Klimaretter

Derzeit steigt die CO2-Konzentration von Meeren und Atmosphäre allerdings weiter in einem Tempo, das es unwahrscheinlich macht, diese Ziele zu erreichen. Nach Analysen der Vereinten Nationen sind die Staaten der Erde dabei, die Ziele des Weltklimavertrags deutlich zu verpassen und damit eine langfristig gefährliche Erderhitzung und Versauerung der Ozeane zu riskieren.

Bisher waren die Maßnahmen der Klimapolitik weitgehend technisch. Sie fokussierten sich darauf, den Ausstoß von CO2 aus der Verbrennung von Erdöl, Erdgas und Kohle zu reduzieren, also zum Beispiel Strom aus Windenergie statt aus Kohle zu gewinnen oder den Autoverkehr auf Elektromobilität umzustellen.

Aufgrund der wachsenden Verzweiflung in der Klimapolitik gibt es 2021 den Versuch, sogenannten “natur-basierten Lösungen” ein viel größeres Gewicht zu geben und dies auf dem UN-Klimagipfel im Herbst in Glasgow zu beschließen.

Bei dem Ansatz geht es daran, kohlenstoffreiche Ökosysteme zum einen zu erhalten, so dass kein zusätzliches Kohlendioxid freigesetzt wird, wie das zum Beispiel beim Abbrennen des Amazonas-Regenwalds der Fall ist. Zweitens geht es darum, die Ausdehnung und Funktionsfähigkeit solcher Ökosysteme durch eine sogenannte „Renaturierung” wieder zu vergrößern. So haben Greifswalder Wissenschaftlerinnen errechnet, dass  allein die entwässerten Moorböden in Deutschland insgesamt 47 Millionen Tonnen Kohlendioxid absondern – das sind 5,4 Prozent der gesamten deutschen Emissionen und ungefähr so viel, wie zwei große Braunkohlekraftwerke in die Luft schicken. Umgekehrt ließen sich große Mengen CO2 wieder aus der Luft entfernen, wenn Moore wieder wachsen könnten. Dazu müssen sie feucht sein und dürfen nicht landwirtschaftlich genutzt werden.

Weitere Lebensräume, die beim Klimaschutz eine zentrale Rolle spielen könnten, sind Mangroven, Seegras-Biotope und gezeitenabhängige Salzwiesen.

Zielkonflikte bei Windkraft und Bioenergie

Der Präsident der COP26, Alok Sharma, sagte beim Petersburger Klimadialog im April 2020: “Was auch immer wir tun müssen wir dabei naturbasierte Adaption und den Schutz der Biodiversität ins Zentrum unserer Bemühungen stellen, den Klimawandel zu bewältigen.”

Wissenschaftlerïnnen des World Resources Institute schreiben im sogenannten “Nexus-Bericht”, dass naturbasierte Strategien bis 2030 rund ein Drittel der nötigen Kohlendioxid-Senkungen leisten könnten und das sie in 38 tropischen Ländern sogar mehr als 50 Prozent der nötigen CO2-Reduktion erbringen könnten. “Viele dieser Strategien sind kosteneffizienter als andere, die im Kommen sind, etwa Bioenergie und die Speicherung von Kohlendioxid”, heißt es in dem Bericht. 

Gelingt es, durch natürliche Lösungen größere Mengen CO2 aus Atmosphäre und Meeren zu binden, könnte das den Druck vermindern, für den Klimaschutz Maßnahmen zu ergreifen, die der Biodiversität schaden. So kritisieren Naturschützerïnnen etwa den Vogelschlag durch Windkraftanlagen und die Umwandlung von artenreichen Habitaten in Monokulturen zum Anbau sogenannter “Bioenergieträger” wie Mais. 

Wie gut die Integration von Natur- und Klimaschutz gelingt, werden die Beschlüsse des UN-Gipfels zeigen. Dabei wird wichtig sein, ob sich “naturbasierte Lösungen” auch wirtschaftlich lohnen und ob ihre Umsetzung gut überwacht wird. Christian Schwägerl

Im Projekt "Countdown Natur" berichtet ein Team von 25 Journalistinnen und Journalisten mit Blick auf den UN-Naturschutzgipfel Ende 2021 über die Gefahren für die biologische Vielfalt und Lösungen zu ihrem Schutz. Unser Newsletter informiert über neue Beiträge, Recherchen und Veranstaltungen. Mit einem RiffReporter-Abonnement können Sie dieses Projekt unterstützen.

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