Kapitel 3 - Die Pilzjäger

Züchter kennen zwar Resistenzen gegen den Schwarzrost. Doch der Pilz schafft es immer wieder, die neu gezüchteten Pflanzen anzugreifen. Die Wissenschaftler müssen komplett neue Strategien finden.

Bisher hat man sich bei der Zucht von resistenten Weizensorten meist auf einzelne Resistenzgene verlassen. Sie sind für den Züchter relativ leicht zu handhaben und bieten einen starken Schutz – allerdings nur so lange, bis der Pilz das jeweilige Gen überwindet und die Pflanze wieder anfällig ist. Dazu reicht dem Pilz oft eine einzige Mutation. Bei der großen Menge an Pilzsporen, die er Saison für Saison produziert, ist es darum nur eine Frage der Zeit, bis ein einzelnes Resistenzgen überwunden wird.

Dieses Katz-und-Maus-Spiel zwischen Züchtern und Pilz führt zu wiederkehrenden Zyklen. Ist eine neue Resistenz gefunden, bauen immer mehr Bauern diese Weizensorte an. Im Verborgenen entwickelt sich der Pilz weiter bis eines Tages die entscheidende Mutation passiert und das Resistenzgen nicht mehr wirkt. Der neue Rostpilz trifft nun auf große Flächen von schutzlosen Weizenpflanzen, auf denen er sich ungehindert ausbreiten kann. Perfekte Bedingungen für einen Pilz wie Ug99. Eine Katastrophe für das Getreide.

Von der Zulassung einer neuen Weizensorte bis zum Zusammenbruch dauert es zur Zeit meist drei bis fünf Jahre. In den Industrieländern mit ihren hochentwickelten Agrarsystemen haben die Züchter darum immer eine ganze Reihe von neuen Weizensorten in der Entwicklungspipeline, um für genau solche Fälle gerüstet zu sein. Die Kleinbauern in Afrika haben das nicht.

Drei Weizenzüchter in weißen Schutzanzügen stehen auf einem kurz vor der Reife stehenden Weizenfeld in Äthiopien. Einer von ihnen hält ein Buch und einen Stift in der Hand und notiert die Bewertungen der einzelnen Weizenvarietäten.
Die Weizenforscher bewerten die verschiedenen Weizenvarienten auf den Versuchsfelder in Njoro, Kenia. Resistenz gegen Ug99 ist nur ein Kriterium. Auch der Ertrag, die Wuchsform und viele andere Eigenschaften müssen stimmen.

Besser für alle sind Resistenzen, die den Weizen über längere Zeiträume schützen – am besten solche, die gleich gegen mehrere und neu hinzukommende Pilzrassen wirksam bleiben.

Um das zu erreichen, hilft nur ein kompletter Strategiewechsel: Statt auf ein einzelnes Resistenzgen, das zwar hundertprozentig wirkt, aber leicht überwunden werden kann, setzen die Züchter mehr und mehr auf sogenannte quantitative Resistenzen. Die werden durch Gene erzeugt, die einen gewissen, aber keinen vollständigen Schutz bieten. Spannt man mehrere solcher Gene zusammen, kann man jedoch einen Schutzschild schaffen, der ausreicht, um schwere Ernteverluste zu vermeiden. Das funktioniert ähnlich wie ein langes Passwort. Statt einem Gen muss der Pilz nun mehrere Gene gleichzeitig überwinden. Das ist nicht unlösbar, aber es dauert. Statt drei bis fünf vielleicht zehn bis fünfzehn Jahre.

Mehrere grüne Weizenähren mit blauen Markierungen aus Klebeband an den Stängeln. Eine weiß behandschuhte Hand untersucht eine Ähre zwischen Daumen und Zeigefinger.
Die Züchter mustern jede einzelne Weizenähre auf den Testfeldern. Vielversprechende Kandidaten werden für mit blauem Klebeband markiert. Nur sie werden im nächsten Jahr wieder ausgesät.
In einem noch grünen Weizenfeld in Kenia steht ein weißes Schild mit der Aufschrift "F4 BW 1-978".
Die Weizenpflanzen, die in Kenia auf ihre Resistenz gegen Ug99 getestet werden, kommen aus der ganzen Welt. Hinter jeder Zahlenkombination steckt die Hoffnung von Bauern, dem Schädling etwas entgegensetzen zu können.

Der Haken: Für Züchter ist es wesentlich schwieriger und langwieriger solche quantitativen Resistenzen herzustellen. Denn sie stehen vor dem gleichen Problem wie ihre rostfarbenen Herausforderer: Statt einem Gen müssen sie ein ganzes Bündel von Genen über mehrere Generationen hinweg zusammenhalten. 

Aber auf diese Art kann man den Pilz langfristig auf einem niedrigen Level halten und vor allem: man kann die Entwicklung neuer Pilzrassen verlangsamen. Es hat also durchaus Vorteile, wenn Bauern und Züchter lernen, mit dem Pilz zu leben.

Grafik-Illustration einer Weizenähre, deren Stängel vom Weizenschwarzrost befallen ist. Dies wird durch eine Vergrößerung des befallenen Stängels deutlich gemacht.

Kapitel 4

Wie der Pilz Kontinente erobert

Der Schwarzrost kann innerhalb kurzer Zeit die Weizenernte in aller Welt zerstören. Er ist aggressiv und wandelt sich schnell - wie macht er das?

Kapitel 4 ansehen

zurück zur Startseite

Credits

Dieses Projekt wurde erstmals 2015 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Da das Thema nach wie vor relevant ist, veröffentlichen wir es hier noch einmal in vollem Umfang (inklusive Videos).

Logo Hoppenhaus und Grunze Medien, Wortmarke, schwarze Schrift auf weißem Grund
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Countdown Natur