Das Merkel-Lexikon: Von Kanzlermappe über Künstliche Intelligenz bis Kohle

Von Andreas Rinke

Das „Merkel-Lexikon" von Andreas Rinke

Kabinett

Merkel hat bisher vier verschiedene Kabinette angeführt. Die Kabinettssitzungen finden Mittwochvormittag im Kanzleramt im sogenannten Kabinettssaal statt. Fotografen dürfen kurz Fotos machen und werden dann hinausgebeten. Zum Ende der Legislaturperiode lädt Merkel ihr Kabinett zu einem Abschiedsabendessen in der Regierungszentrale ein – was emotional werden kann. Der erste dieser Abschiede fand am 8. Oktober 2009 statt, das bisher letzte am 17. Oktober 2017. Merkel tritt dabei stets versöhnlich und mit Dank für die gute Zusammenarbeit aus – obwohl sich die Koalitionspartner SPD, dann FDP, dann SPD zu diesem Zeitpunkt nach den jeweiligen Bundestagswahlen längst wieder in politische Gegner verwandelt haben. Zum Abschied gab für die Mitglieder der großen Koalition im Oktober 2017 übrigens Waffeln in Herzchenform.[1]

  • [1] Nach Nico Fried, Das letzte Abendmahl, „Süddeutsche Zeitung“, 19. Oktober 2017.

Kanzlerkandidat

Merkel ist machtbewusst, aber sie erweckt dennoch manchmal den Eindruck, dass sie eigentlich eher aus Zufall Kanzlerin geworden sei – was vielleicht angesichts der unerwarteten Wende der deutschen Geschichte für eine in der DDR aufgewachsene Frau auch nicht verwunderlich ist. 2000 hatte die damalige CDU-Vorsitzende erstmals mit der Kanzlerkandidatur geliebäugelt. Aber ihre Position in der CDU war noch nicht gefestigt genug, die CSU sah 2002 die Chance, einen Bayer an die Spitze der Bundesregierung hieven zu können. Auch der spätere Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktionschef, Volker Kauder, ließ damals durchschimmern, dass er gegen eine Kanzlerkandidatin Merkel sei. Merkel reiste also zum CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber (s. Stoiber) nach Wolfratshausen, um dort dem bayerischen Ministerpräsidenten den Vortritt bei der Bundestagswahl 2002 zu überlassen. Später erwähnte Merkel, sie hätte damals gegen den amtierenden Bundeskanzler Gerhard Schröder ohnehin keine Chance gehabt.[1] Hätte Stoiber nicht sehr knapp gegen das rot-grüne Bündnis verloren, wäre die politische Karriere Merkels ganz anders verlaufen. Aber wie so oft war die Wirkung paradox: Weil Stoiber verlor, war der Weg für die CDU-Vorsitzende in der nachfolgenden Wahl 2005 frei. Die CSU hatte ihren Anspruch nach den Niederlagen von Franz-Josef Strauß und Stoiber auf längere Zeit verwirkt.

  • [1] Vgl. Norbert Wallet, Was treibt Merkel eigentlich an?, Stuttgarter Nachrichten, 8. Oktober 2015.


Kanzlermappe

Um 7 Uhr jeden Morgen wird für Merkel, die Bundesregierung und den Bundespräsidenten vom Bundespresseamt auf 100 bis 130 Seiten ein sogenanntes Medienlagebild fertiggestellt, also eine Zusammenstellung der wichtigsten Artikel. Die Mappe landet versehen mit einem gelben Zettel mit den Großbuchstaben „SOFORT auf den Tisch! Frau Bundeskanzlerin“ im Kanzlerinnenbüro. Die Kanzlermappe soll Merkel keine Lobeshymnen zusammenstellen, sondern ein „möglichst reales Bild“ der öffentlichen Beurteilung der Regierungsarbeit geben. Eingeführt wurde diese Kanzlermappe 1963 für Konrad Adenauer: Ihm reichte aber noch ein zusammenfassender Bericht darüber, was die Presse gerade umtrieb. Erst sein Nachfolger Ludwig Erhard bestand darauf, die Artikel im Original lesen zu können, weshalb er eine Auswahl präsentiert bekam. Merkel gilt als sehr intensive Leserin, die auch während des Tages noch in der Kanzlermappe liest.[1] Sie informiert sich aber auch mehrfach täglich über die weiteren Entwicklungen und Nachrichten. Dazu nutzt sie auch ein vom Bundespresseamt präpariertes iPad.

  • [1] Angaben nach Regierungssprecher Steffen Seibert, vgl. Video.

Katharina die Große

Merkel hat auf ihrem Schreibtisch ein kleines Porträt Katharinas der Großen stehen, der russischen Zarin, die das Riesenreich 1762 bis 1796 regierte. Und da alles im Büro einer Kanzlerin eine symbolhafte Bedeutung haben kann, fragt man sich: Warum hat dieses Geschenk eines nicht genannten Journalisten einen so prominenten Platz? Immerhin stand es auch schon in ihrem Büro als Unions-Fraktionsvorsitzende. Sie selbst verwahrt sich gegen zu viele Interpretationen.[1] Aber die unter dem Namen Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst geborene spätere Zarin dient in einem auf jeden Fall als Vorbild für Merkel: Sie galt als Reformerin in Russland und als starke Frau, die sich gegen Männer durchsetzte, darunter auch gegen ihren dann gestürzten Ehemann, Zar Peter III. Aus heutiger Sicht ist das Bild der hochgebildeten Despotin aber durchaus widersprüchlich: Sie betrieb eine europäische Öffnung Russlands, führte erfolgreich Krieg gegen das Osmanische Reich, unterjochte Polen und die Krim, reformierte die Verwaltung, gründete Universitäten und Waisenhäuser – und blieb unkonventionell in ihren Mitteln, indem sie zum orthodoxen christlichen Glauben konvertierte und den Namen Katharina annahm. Beobachter sehen als mögliche Vorbildfunktion „die strenge Schule der Selbstverleugnung“, Zähigkeit, Lernfähigkeit und chronische Unterschätzung durch andere.[2] Katharinas immerhin 34 Jahre währende Regierungszeit wurde das „Goldenes Zeitalter“ Russlands genannt. International wurde Merkel einmal als „mächtigste deutsche Frau seit Katharina der Großen“ bezeichnet.[3]

  • [1] Vgl. Kornelius, Angela Merkel, S. 16.
  • [2] Vgl. Kerstin Holm, Verwandte Seele: Eine Zarin für die Kanzlerin, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Oktober 2005.
  • [3] Vgl. International Herald Tribune, 30. Oktober 2012.
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