Das Merkel-Lexikon: Von Gastgeschenke über Gentechnik und Grüne bis G20

Von Andreas Rinke

Das „Merkel-Lexikon" von Andreas Rinke

Gabriel, Sigmar

Mit SPD-Chef Sigmar Gabriel hatte Merkel schon in ihrer ersten Amtszeit als Kanzlerin zusammengearbeitet, damals war er Umweltminister. In Erinnerung blieb vor allem das gemeinsame Foto in roten Anoraks vor einem Gletscher in Grönland 2007. Beide hielten den Kontakt auch in der Zeit der schwarz-gelben Regierung – unterbrochen nur durch die SMS-„Affäre“ im Juni 2010, als eine Merkel-SMS an den SPD-Vorsitzenden öffentlich wurde (s. Verschwiegenheit). Merkel war aber rational genug, um nach kurzer Verstimmung wieder eine Arbeitsbeziehung zur größten Oppositionspartei zu suchen. Gabriel lud die CDU-Vorsitzende zum 150. Geburtstag der SPD im Mai 2013 nach Leipzig ein, sie sagte sofort zu.

Angesichts der Streitereien vieler Unionisten mit dem Koalitionspartner FDP galt das betont lockere Getuschel der beiden in Leipzig schon als Wink Richtung zweiter großer Koalition. Seither pflegen beide eine Zusammenarbeit, in der sie sich gelegentlich, aber dann nur vorsichtig beharken – und ansonsten einigermaßen reibungslos zusammenarbeiten und sich übereinander wundern. Beide betonen, die große Koalition sei keine Liebesheirat, sondern ein Zweckbündnis. Aber Gabriel hat Respekt – und bezeichnete sich selbst an ihrem 60. Geburtstag schon mal scherzhaft als „Vorsitzender des sozialdemokratischen Fanklubs“.[1]

Merkel kritisierte ihren Vizekanzler selten öffentlich – aber es kommt vor. So verwahrte sie sich vor der Unionsfraktion gegen eine Gabriel-Aussage, sie habe ihm eine Kohleabgabe zugesagt. Gabriel wiederum plauderte erneut aus vertraulichen Gesprächen, als er im Mai 2015 betonte, die Kanzlerin habe ihm gegenüber zweimal verneint, dass der BND gegen deutsche Unternehmen im Auftrag des US-Geheimdienstes NSA Wirtschaftsspionage betrieben habe. Als Gabriel vor den Landtagswahlen im März 2016 vor einer Neiddebatte warnte, in der sich Deutsche gegenüber Flüchtlingen zurückgesetzt fühlten, griff sie aber heftiger ein. Diese Äußerung Gabriels sah Merkel als brandgefährlich an, weil sie aus ihrer Sicht letztlich den AfD-Vorwurf einer angeblichen Benachteiligung Deutscher unterstützte (s. SPD). Im Spätsommer 2016 gerieten beide häufiger aneinander – in ihren unterschiedlichen Tonlagen. Gabriel kritisierte immer wieder Merkels „Wir schaffen das“ und erklärte das TTIP-Abkommen für gescheitert. Die Kanzlerin nannte sein Verhalten „ungewöhnlich“.[2]

Gabriel ärgerte sich in seiner Zeit an der SPD-Spitze gelegentlich darüber, dass Merkel erst Absprachen mit dem CSU-Chef traf, obwohl er sich als den erkennbar verlässlicheren Koalitionspartner ansah. Wie in jeder guten Dreierbeziehung zeigte sich aber auch Seehofer verschnupft, dass Merkel manchmal zuerst Gabriel konsultierte – der im Übrigen wie sie dem Bundeskabinett angehörte und in Berlin präsent war. Merkel wiederum schüttelt den Kopf, wenn CSU und SPD wie in der Rentendebatte gemeinsame Sache machten. Mehrfach hat sie über die Jahre intern gesagt, dass sie Gabriels Fähigkeiten als Redner und Parteichef in einer nicht einfachen Lage sehr respektiere. Allzu schlecht redet man auch in Gabriels Familie offenbar nicht über das Verhältnis. „Guck mal, Mama, da ist die Frau vom Papa“, soll seine Tochter gesagt haben, als sie Merkel im Fernsehen erblickte.[3]

Durch Gabriels Rückzug von der SPD-Spitze Anfang 2017 veränderte sich das Verhältnis der beiden. Weil sein Nachfolger, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nicht dem Kabinett angehört, sprach sich Merkel immer noch häufig mit Gabriel ab, der nach seinem Wechsel ins Außenministerium den informellen Titel als Vizekanzler behalten hatte. Sogar beim Dialog der Bundesregierung mit den Sozialpartnern in Meseberg am 25. Mai 2016 stand der Außenminister bei der Pressekonferenz als SPD-Vertreter neben Merkel. Nach der Bundestagswahl 2017 und dem Ausscheiden Gabriels aus der Regierung wurden die Kontakte aber seltener.

  • [1] Gabriel auf der offiziellen Feier zum 60. Geburtstag der Kanzlerin im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, 17. Juli 2014.
  • [2] Merkel im Interview mit NDR Inforadio 1. September 2016.
  • [3] Gabriel-Aussage, zitiert in: Tanja May, Daheim ist es viel lustiger als in Berlin, Bunter 27/2016, 30, Juni 2016. 

Gastgeschenke, an Merkel

Wie ihre Vorgänger hat auch Merkel im Laufe ihrer Amtszeit als Bundeskanzlerin reichlich Geschenke erhalten. Mehr als 5000 sind es, übrigens nicht nur von Präsidenten und Regierungschefs, sondern auch von anderen Gästen, Managern bis hin zu Schulklassen. Da diese Geschenke aber an Merkel als deutsche Regierungschefin gehen, werden sie alle im Bundeskanzleramt aufbewahrt. Sie lagern gut gestapelt und nach Kategorien sortiert in der Asservatenkammer im Herzen des Kanzleramts im dritten Stock. Es gibt Regale voller Schmuck, Geschirr, Bücher, CDs, DVDs, eine überraschend große Anzahl an Wanderstöcken, Rucksäcke, einen großen Globus, ein großes Segelschiff aus Holz, Teppiche, Kleidung (unter anderem signierte Shirts diverser deutscher Nationalmannschaften und weiße Bademäntel mit den eingestickten Buchstaben „A. M.“)

Die Geschenke sind Staatsbesitz, kein persönliches Eigentum. Nur selten stellt Merkel eines der Geschenke zumindest in ihr Büro im Kanzleramt – wie etwa eine kleine Kamel-Karawane oder die Nachbildung einer Oase, beides Goldschmiedearbeiten (s. Büro).[1] Ein iPad des früheren kalifornischen Gouverneurs Arnold Schwarzenegger ist gleich in die IT-Abteilung des Kanzler­amts gewandert. Einige Bücher sind in die Bibliothek des Kanzleramtes aufgenommen worden. Selten wird ein Geschenk einmal für eine Tombola gestiftet, wie ein Fahrrad von einer Fahrradmesse für den Ball des Sports – Staatsgeschenke sind aber sakrosankt.

Eines der Highlights unter den Geschenken: Schwarze texanische Cowboy-Stiefel von Georg W. Bush aus dem Jahr 2007 – verziert mit ihren Initialen und den Flaggen der USA und Deutschlands. Manchmal haben die Gäste richtig nachgedacht: So schenkte ihr der frühere französische Ministerpräsident François Fillon bei seinem Antrittsbesuch 2007 eine antiquarische Ausgabe des Buches Radioactivité der französischen Nobelpreisträgerin Marie Curie. Dies war eine doppelte Anspielung: Die Physikerin und Chemikerin Curie ist eines der erklärten Vorbilder der Kanzlerin (s. Vorbilder). Und Merkel galt damals noch – wie die Franzosen – als Verfechterin der zivilen Nutzung der Nukleartechnik.

Bei CDU-Parteiveranstaltungen in der Provinz bekommt Merkel häufig Fresskörbe, Wein und Blumen geschenkt (s. Pflanzen). Essbare Geschenke an die Kanzlerin landen meist in der Küche des Kanzleramtes. In ganz seltenen Fällen verbleiben die Gast­geschenke an Merkel sogar im Ausland: Im weltgrößten Weinkeller Cricova am Rande der moldawischen Hauptstadt etwa lagert ein Weinvorrat auf ihren Namen, den sie bei ihrem Besuch am 22. August 2012 geschenkt bekam.

[1] Merkel-Interview, Stern, Heft 22/2008.

Gastgeschenke, von Merkel

Merkel An den mitgebrachten Gastgeschenken zeigt sich meist, wie eng das Verhältnis Merkels zu ihren Gastgebern ist. Natürlich muss sie sich nicht alles selbst ausdenken. Dafür gibt es Protokollabteilungen, die sich Gedanken machen, Vorlieben und Leidenschaften der Gesprächspartner analysieren. Genaugenommen sind es auch nicht „ihre“ Geschenke, sondern die der deutschen Regierungschefin. Dazu gehört viel Porzellan. Papst Franziskus brachte sie 2013 bei ihrer Privataudienz im Vatikan aber etwa die Gesamtausgabe der Werke des Dirigenten Furtwängler sowie Bücher von Hölderlin mit. 2017 wurde es sehr persönlich: Sie schenkte ihm am 17. Juni 2017 seine Lieblingskekse aus Buenos Aires, gekauft auf ihrer Reise nach Argentinien eine Woche zuvor.

US-Präsident Bush schenkte sie bei seinem Abschiedsbesuch in Meseberg ein Mountainbike, mit dem er prompt den See hinter dem Gästehaus der Regierung umrundete. Nicolas Sarkozy bekam einen Steiff-Bären bei der Geburt des gemeinsamen Kindes mit Carla Bruni. Dem scheidenden japanischen Kaiser Akihito brachte sie bei ihrem Japan-Besuch im Februar 2019 Noten mit, dem Kronfolger eine Bach-Ausgabe. 

Geburtsname

Angela Dorothea Kasner.

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