Chez Max Ernst

Ein Besuch im Le pin perdu. Von Carmela Thiele

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4. September 2017

Wann ist ein Museum ein Museum? Wenn der Besuch Eintritt kostet und Personal dafür sorgt, dass nichts angefasst wird? Auch im Maison Max Ernst in Huismes liegen weiße Handschuhe aus, aber eine Kasse existiert nicht. Es herrscht eine private Atmosphäre. Wer die dort gesammelten Kataloge oder Künstlerbücher durchsieht, blättert langsam durch die Seiten. Wer am Studientisch Platz nimmt, blickt wie Max Ernst in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren auf das runde Fenster im Giebel des Graphikateliers in der ersten Etage des Atelierhauses. Der Kreis war für Ernst ein Symbol für das Auge, für das Abenteuer des Sehens „hinter die Spiegel“, hinein in die Welt des Zufalls und subkutaner Interdependenzen.

Das Landhaus Le Pin in Huismes, unweit der Loire in der Touraine gelegen, wurde 1955 für dreizehn Jahre zum Refugium des Dadaisten und Surrealisten Max Ernst und der Malerin Dorothea Tanning. Der damals 63-Jährige hatte den großen Preis für Malerei der Biennale von Venedig gewonnen – für den Emigranten, der sich schon an ein nomadisches Leben gewöhnt hatte, eine Chance, sich in seiner Wahlheimat Frankreich niederzulassen. Im nahegelegenen Örtchen Saché, lebte Alexander Calder, das gab den Ausschlag. Aber die nächste größere Stadt, Tours, war 50 Kilometer entfernt. Das Paar nannte ihre neue Bleibe Le pin perdu, die abgelegene – oder auch die verlorene Kiefer.

2006 haben der Kurator, Sammler und Fotograf Dominique Marchès und die Bildhauerin Dominique Bailly das ursprüngliche bäuerliche Anwesen erworben und Wohnhaus, Atelier und Garten wiederhergestellt. Zwei Künstler ziehen in das Haus von zwei Künstlern und knüpfen an den Geist des Ortes an – das war zunächst die Idee. Seit 2009 steht das Haus im Sommer an einigen Nachmittagen für Besucher offen. Nach Anmeldung führt der Künstlerkurator auch Gruppen durch die Räume.

Adressen auf die Wand gekritzelt

Im Grafikatelier sind Editionen und Kataloge in Vitrinen ausgebreitet, Marchès hat rund 500 dokumentarische Objekte zu Max Ernst gesammelt. Das sei so viel, wie auch das Centre Pompidou besitze, sagt er. Interessenten dürfen sie zu Studienzwecken durchsehen, für Besucher hat der Kurator, Sammler und Fotograf Bücher und Editionen in Vitrinen ausgelegt. Ob er seine Schätze über das Internet erworben habe, bei der Menge an Material sicher keine abwegige Frage. Aber nein, er liebe das (reale) Leben, das Durchstreifen der Antiquariate, den Zufallsfund. Und ja, er sammle auch Material zum Werk von Dorothea Tanning, der amerikanischen Surrealistin. Ihr Atelier lag am Ende des Wohnhauses, wo noch heute Adressen erkennbar sind, die ihre Freunde direkt auf die Wand gekritzelt haben. Marchès möchte dort einen speziellen Raum für Tanning einrichten, doch lagert in diesem Raum noch das Künstlerarchiv des Kurators, einige Kubikmeter säuberlich beschriftete Ordner.

Ein Mann Blättert durch ein Buch
Um das Grafikatelier von Max Ernst wiederherzustellen, musste Dominique Marchès umfangreiche Einbauten der Vormieterin entfernen.
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Ein Haus auf dem Land
Im Erdgeschoss des Atelierhauses in Huismes finden Ausstellungen statt.
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Ein großer Raum mit einem runden Fenster
Max Ernst arbeitete von 1955 bis 1968 in seinem Landhaus in der Touraine.
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Ein Haus mit Kiesweg
Das Wohnhaus von Le pin perdu.
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Im Erdgeschoss des Atelierhauses stellt Marchès ein Mal im Jahr eine Ausstellung aus eigenen Beständen zusammen. Er kann gewissermaßen aus dem Vollen schöpfen: Auflagenobjekte von Christian Boltanski, Annette Messager oder Daniel Buren, Werke befreundeter Künstler, diverse Sammlungsstücke – alles hat für Marchès in Hinblick auf seine eigenen Vorlieben erworben. Er sei nicht reich, sagt der Künstlerkurator, der mehrere Zentren für zeitgenössische Kunst in der Region gegründet hat. Er verfolgt weder akademische und schon gar keine kommerziellen Ambitionen – auch wenn Spenden von Besuchern für den Erhalt des Hauses willkommen sind.

Um den Ort in der Schwebe zu halten zwischen Denkmal, Museum und Kunstzentrum, beließ es Marchès auch nicht bei der Rekonstruktion des Hauses und einer schematischen Dokumentation von Leben und Werk von Max Ernst. Vielmehr stellt er – mit dem Geist des herausragenden Künstlers harmonierende – Sonderausstellungen zusammen. In diesem Jahr ließ er sich von Marcel Duchamps Diktum „Rabelais is in essence a Dada“ anregen. Der 1494 im nahen Chinon geborene Gelehrte und Schriftsteller François Rabelais musste dem Pionier der zeitgenössischen Kunst Duchamp gefallen haben – vor allem dessen Wortspiele, dessen Ironie und symbolhafte Fantastik.

Tu, was du willst

Die kleine Schau in fünf Akten präsentiert einen Kosmos unerwarteter Begegnungen, etwa eines rosa-weißen Streifenbildes von Buren mit einer Rabelais-Gesamtausgabe in exakt denselben Farben. Herzstück der Ausstellung ist jedoch Thélème, der utopische Ort des freien Willens und freier Liebe, erstmals literarisch von Rabelais in seinem Roman-Zyklus Gargantua und Pantagruel eingeführt. In der Abtei Thélème imaginierte Rabelais eine der ersten literarischen Utopien des guten Lebens: eine Gemeinschaft einer jungen Elite, die abseits der Konventionen nach dem Motto „Tu, was du willst“ selbstverantwortlich ihr Leben führt. Die französischen Surrealisten um André Breton verfolgten ähnliche Ideale, hatten ihr Thélème im Paris der 1920er und 1930er Jahre gefunden. Max Ernst war damals einer von ihnen gewesen. Sein Gemälde Le Jardin de France aus dem Jahre 1962, das die Kurven des Flussbettes der Loire mit den Konturen eines weibliches Aktes verschmelzen lässt, erinnert an diese Utopie. In der Ausstellung hängt eine Reproduktion, das Original ist im Musée d’art in Nantes zu finden.

Kies knirscht unter den Füßen. Im Park steht ein alter Apfelbaum, eine offene Töpferstelle, in die Mauer sind klassizistische Reliefs mythologischen Inhalts eingelassen, urbane Fundstücke, von Max Ernst neu platziert in einem ländlichen Ambiente. Sie sind zu sehen in der Schwarzweiß-Dokumentation, für die der Filmemacher Peter Schamoni Aufnahmen in Huismes machte, ein größeres Projekt, das sich auch noch auf den letzten Wohnsitz von Max Ernst in Südfrankreich erstreckte. Aus gesundheitlichen Gründen musste der Künstler 1968 Huismes verlassen; er starb 1976 in Paris.

Wer die Maison Max Ernst besucht, gerät in den Bann eines künstlerischen Kosmos, obwohl kein einziges der wertvollen Originale des Künstlers dort hängt. Aber es herrscht eine Atmosphäre von Sorgfalt und Offenheit, von Planmäßigkeit und Anarchie, eine Spannung zwischen Kunst und Natur. Am Ende ist das Gemälde, die Frottage oder Collage ein Medium, um dem Geist des Künstlers nahe zu sein. Das könnte jedenfalls für Teile der Moderne gelten. Max Ernst hatte sich im Alter geweigert, seine Arbeiten aus seiner Kölner und Pariser Dada-Zeit für eine große Retrospektive im Kunsthaus Zürich auszuleihen. In der Schweiz hätte man einst die Dadaisten verlacht, nun sonne man sich in ihrem Ruhm. Dada sei das Resultat geistigen und materiellen Hungers gewesen, eine Explosion, Sabotage, ein Generalstreik der Intellektuellen. Ausstellen könne man 50 Jahre später nur Granatsplitter. 

Insofern ist das Haus in der Touraine kein Museum im eigentlichen Sinn, aber ein authentischer Ort, der vielleicht Museen inspirieren könnte, der vielstimmig erzählt, dass das Werk eines Künstlers mehr ist als die Summe seiner Bilder. Auch wenn diese Erkenntnis sicherlich nicht ganz neu ist, kann sie dank Dominique Marchès in Huismes aufgefrischt werde und eine womöglich andere, bisher nicht erwartete Gestalt annehmen.

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