Koloniales Nachbeben

Das Museum als Instrument der Unterdrückung?

Von Carmela Thiele

Lorenz Rollhäuser

2. Oktober 2017

Tag der offenen Baustelle im Humboldt Forum: Gläser klirren, Ehrenamtliche werben Spenden ein, ein kleiner Beitrag für einen Sack Zement, Kaiserwetter , die Gründungsintendanten im Blitzgewitter. Lorenz Rollhäuser erzählt in seinem aktuellen Feature „Haus der Weißen Herren – Humboldt Forum, Shared Heritage und der Umgang mit dem Anderen“ bei Deutschlandfunk Kultur vom Museum als Instrument, um andere Kulturen der eigenen einzuverleiben, vom Museum als Ort der Entzauberung der Welt und von der Verlogenheit des Begriffs Shared Heritage. Rollhäuser weiß, wovon er spricht. Seit den 1990er Jahren bereist der studierte Erziehungswissenschaftler Länder wie Afrika, Kuba und China.

Der Autor meldet sich per Mail aus Havanna, „aus dem kleinen Park, wo der Morgen noch frisch ist und das Internet schnell“. Bis Februar wird er dort sein, aber ja, ein paar Fragen kann er schon beantworten. Bereits 2014/15 habe er mit den Recherchen begonnen, schon damals forderte das Königreich Benin die Rückgabe der Benin-Bronzen, auch war bereits Kritik am Umzug der Ethnografischen Sammlungen in die Berliner Mitte laut geworden. Doch sei der Sender bei dem Thema damals eher zurückhaltend gewesen. „Als aber aus den oberen Etagen ans Feature herangetragen wurde, etwas zum Humboldt Forum zu machen, sind sie wieder auf mich zu gekommen“, schreibt Rollhäuser.

Gute Entscheidung, denn dem Afrika-Experten gelingt durch souverän komponierte Hörspiel-Elemente, intensive Archiv-Recherche und viele O-Töne eine Collage der Fakten und postkolonialen Befindlichkeiten, die einen wichtigen Beitrag zur Debatte um das Humboldt Forum leistet. Das einstündige Feature macht sinnfällig, weshalb es nicht ausreicht, Wissenschaftler aus Afrika zur Mitarbeit einzuladen und kulturellen Austausch anzubieten. Es geht auch um mehr Bewusstsein in Deutschland, um die Einsicht, dass wir alle noch tief in unserem Innern vom kolonialen Weltbild geprägt sind. Wer es nicht wahrhaben will, braucht nur die zahllosen Facebook-Kommentare zum Feature anschauen, das über 13.000 Leute aufgerufen haben – Tendenz steigend.

Herstellung von Bronze-Skulpturen in Benin.
Lorenz Rollhäuser
Der Sprecher des Oba, Prinz Akenzua, zu den Verhandlungen um die Rückgabe der Benin-Bronzen: "Es kann doch nicht sein, dass man uns sagt, ich müsse mir erst eine Garage kaufen, damit ich mein gestohlenes Auto wiederbekomme."
Lorenz Rollhäuser
Seit Ende des 15. Jh. wurde das Königreich Benin zur Drehscheibe des portugiesischen und holländischen Sklavenhandels, was die Region prosperieren ließ. Thronnsaal des Oba in Benin-City.
Lorenz Rollhäuser

Über Afrika sprechen, über gegenseitige Vorurteile, das Eingeständnis als Europäer selbst Teil kolonialen Nachlebens zu sein, das erfordert schon eine große Begeisterung zu dem Kontinent, der in unseren Breiten noch immer als exotisch gilt. In seinem Feature „Eine Liebe zu Schwarz“ ging der Autor sehr persönlich seiner Afrika-Passion auf den Grund, ja, das war manchmal peinlich, gesteht er auf seiner Homepage. Warum hat er eine schwarze Frau geheiratet? Welche Projektionen geisterten in seinem Kopf herum?

Interessant ist auch, dass gerade ein passionierter Reisender wie Rollhäuser auf den eigentlich naheliegenden Gedanken kommt, sich durch die Akten des ehemaligen Berliner Völkerkundemuseums zu arbeiten. Deren Bestellung im Dahlemer Archiv sei überhaupt kein Problem gewesen, schreibt er. Die Recherche hat sich gelohnt. Der dort einsehbare Briefwechsel zwischen dem Leiter der Afrika-Abteilung, Felix von Luschan, und verschiedenen Adressen des kolonialen Apparats, von der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts über das Reichsmarineamt bis zu den Gouverneuren der Schutzgebiete, entlarvt die damalige Haltung der Europäer gegenüber der afrikanischen Bevölkerung.

Es wird deutlich, dass ein anerkannter Gelehrter wie von Luschan es als seine Pflicht ansah, alles daranzusetzen, in Berlin eine der größten Afrika-Sammlungen weltweit aufzubauen. Seine Korrespondenz belegt, dass Kunstraub damals gar nicht als solcher begriffen wurde, sondern als Chance, unwiederbringliches Material für die Wissenschaft zu retten. Das Einverständnis der Besitzer war irrelevant. So antwortet dem Museumsmann 1897 der Kaiserliche Resident Richard Kandt aus Ruanda: „Überhaupt ist es sehr schwer, etwas zu bekommen, ohne Gewalt anzuwenden. Ich glaube, dass die Hälfte ihres Museums gestohlen ist.“ Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, hingegen betont, dass in Berlin nicht kolonial gesammelt wurde. Vielleicht ist alles auch nur eine Frage des wording. Auch Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, beruft sich auf „gutgläubigen Erwerb“ der Benin-Bronzen. Gilt diese Klausel auch, wenn man man den größeren Kontext kennt, wenn man weiß, dass von Luschan deutsche Missionare bat, „Überreste heidnischen Glaubens“ nicht zu verbrennen, sondern nach Berlin zu schicken“? An eine andere Adresse schreibt er: „Erwünscht wären auch Schädel, von denen die Engländer Zehntausende vergraben haben.“ Tausende solcher Skelette, so Rollhäuser im Feature, würden noch heute im Friedrichshagener Depot der Berliner Sammlung aufbewahrt.

Benin-Bronzen dienten der Geschichtsschreibung

Während die Restitution von Human Remains bereits praktiziert wird, stockt der Dialog, wenn es um wertvolle Kunstwerke wie die Benin-Bronzen geht, zumal der nigerianische Staat selbst die Rückgabe nicht fordert, weil er Kürzungen bei den Entwicklungsgeldern befürchtet. Im Palast des Oba in Benin-City sieht man das anders. Es sei eine sehr emotionale Angelegenheit, sagt Prinz G. I. Akenzua, der Sprecher des Königs (Oba) von Benin. Seit Jahrzehnten setze er sich für die Rückführung der Kunstwerke ein. Die Bronzen und Elfenbeinschnitzereien, die heute verstreut in Museen außerhalb Afrikas ausgestellt werden, dienten einst der Geschichtsschreibung des Landes. Wenn sich etwas Besonderes im Königreich Benin ereignete, habe der Oba die Gilde der Bronzeschmiede und der Elfenbeinschnitzer beauftragt, die Begebenheit festzuhalten, sagt der Prinz ins Mikrofon. Rollhäuser befragt außerdem eine Kunstprofessorin, einen Theoretiker der Postcoloniality, eine Künstlerin: Der Verlust der Werke sei gleichbedeutend mit dem Verlust der Identität.

Auch Felix von Luschan in Berlin zeigte sich an den Benin-Bronzen interessiert, die 1897 von britischen Kolonialtruppen bei einer „Strafexpedition“ geraubt wurden und teilweise in London zur Auktion kamen. Ihm gelang unter großen Mühen, 600 Werke zu erwerben und damit die größte Sammlung von Benin-Bronzen aufzubauen, die nun im Humboldt Forum präsentiert werden soll. Insgesamt konnte der ehrgeizige Anthropologe, Archäologe und Ethnologe während seiner Amtszeit den Bestand seiner Abteilung von 3.500 auf 55.000 Objekte vergrößern.

Aber es geht nicht nur um die Benin-Bronzen und das Humboldt Forum. 90 Prozent der Objekte, die in den 30 ethnologischen Museen Deutschlands in den Depots lagern, würden nie mehr gezeigt werden, weil die Bestände jahrelang mit Pestiziden behandelt wurden und entsprechend kontaminiert sind, hören wir. „Anstatt das Erbe zu bewahren, wird es vergiftet.“ Ethnologische Museen seien aus der Zeit gefallen, das Bildungsbürgertum sterbe aus und die Jungen seien befremdet von der leblosen Atmosphäre des Museums. Das ist allerdings eine etwas pauschale Kritik, der noch einmal nachgegangen werden muss.

Weltoffenheit gibt es nicht gratis

Die französischen Nachbarn hätten 30 Millionen Euro in die Hand genommen, um die völkerkundlichen Sammlungen des Pariser Musée du Quai Branly zu reinigen, zu konservieren und zu digitalisieren, erfahren wir. Das Humboldt Forum, dessen Bau 600 Millionen Euro verschlingt, für das ein Jahresetat von 60 Millionen eingeplant ist, soll jedoch ohne spezielles Budget für die grundlegenden Arbeiten an der Sammlung auskommen. Die Sache ist verfahren, auch wenn Monika Grütters inzwischen Einsicht zeigt und die Erforschung der Provenienzen ankündigt – von einem Moratorium aber spricht sie nicht. Zu einem Aussetzen der Vorbereitungen zur Eröffnung 2019 kann sich die Kulturstaatsministerin noch immer nicht durchringen. Das aber scheint nach Hören des Features unausweichlich. „Mit dem Humboldt Forum im Schloss will sich ein weißes Bürgertum feiern und sich gleichzeitig in seiner Weltoffenheit sonnen“, heißt es im Feature. Und: „In einer ehemaligen Kolonialmacht ist Weltoffenheit nicht gratis, schmerzfrei, ohne Scham und Schuld zu haben. Schon gar nicht vor einer Kulisse von Artefakten, an denen Blut klebt.“

Der Autor zeigt Flagge in dieser Lehrstunde zum deutschen Kolonialismus, seine Erfahrungen und die Recherchen ergeben ein differenziertes Bild. Auch steht er mit seiner Meinung nicht alleine da. In Hamburg arbeitet der Afrikaforscher Jürgen Zimmerer mit seinem Team an der Klärung der Herkunft von hundert Benin-Bronzen aus Hamburger Sammlungen. In Berlin fordert die Initiative No Humboldt 21 seit 2013, also seit vier Jahren, die Abkehr von der Idee, ausgerechnet im rekonstruierten Stadtschloss der Hohenzollern, also der ehemaligen Kolonialherren, unter dem Marketingschlagwort „Dialog der Kulturen“ die unter fragwürdigen Umständen zusammengetragene Ethnologische Sammlung zu zeigen. Und vor dem Schloss erinnern Nachfahren der Herero und der Nama lautstark an die fast gänzliche Auslöschung ihres Volkes 1904 – 1908 in Deutsch-Südwestafrika. Auf den Schildern steht „Not about us without us.“