Soziale Prozesse sind der entscheidende Hebel im Kampf gegen den Klimawandel. Zurzeit behindern sie die nötige Veränderung im Verhalten, aber gemeinsames Handeln und neuerworbene Identitäten sind auch der Schlüssel zum Erfolg.

Hinweis: Ein aktualisiertes Mission Statement finden Sie hier.

Der Klimawandel gilt vor allem als naturwissenschaftliches, technisches und ökonomisches Problem. Und das ist auch richtig: Das Klima als langfristiges Muster von Wetterlagen ist Gegenstand der Meteorologie und Physik. Als Lösung gelten daher Erfindungen wie Windräder, Wärmepumpen und Elektroautos. Kohle- und Ölindustrie sowie die dort Beschäftigten wiederum haben wirtschaftliche Interessen und pochen darauf, dass diese beim Umbau der Energiesysteme berücksichtigt werden.

Und doch ist diese Beschreibung unvollständig: Es fehlen die sozialen Faktoren und Prozesse. Letztendlich sind es Menschen, die als Einzelne, in Familien, Gruppen und Staaten das Problem verursachen und es gemeinsam lösen müssen. Um es deutlicher zu sagen: Wir alle sind es, die einen aufwendigen Lebensstil pflegen und einen Wohlstand verteidigen, der zu einem gewaltigen Ausstoß von Treibhausgasen führt. Wir sind es daher auch, die die Lösungen in der Hand halten: Wir können zum Beispiel unsere Stromversorgung auf erneuerbare Quellen umstellen und unsere Abgeordneten dazu drängen, die vereinbarten Klimaziele fest im Blick zu behalten.

Es fällt uns jedoch nicht leicht: Wir alle – und das schließt die Autoren dieser Koralle ein – müssen innere Widerstände überwinden, um auch bei Regenwetter zur Haltestelle zu laufen oder mit dem Fahrrad statt mit Auto oder Flugzeug in den Urlaub zu reisen. Wie nahe liegt da der Gedanke: Ich habe, wir haben doch schon genug getan. Sollen doch mal die anderen, sollen doch mal die Politiker! So beginnt ein Teufelskreis des Phlegmas: Die Bürger verweisen auf Regierung und Parlament und fordern Regeln zum Klimaschutz, während diese Repräsentanten des Volkswillens auf die Menschen schielen, deren Zögern erkennen und einschneidende Reformen, also die nötige Transformation unserer Gesellschaften, auf die lange Bank schieben. 

Den Klimawandel herunterzuspielen, wenn Einschnitte verlangt werden – das ist eine normale, menschliche Reaktion und keinesfalls auf Charakterschwache und Ungebildete beschränkt. Im Gegenteil: Je gebildeter wir sind, desto leichter fällt es uns, Argumente im Geiste zu entkräften, die uns sonst eine unbequeme Verhaltensänderung nahelegen würden. Und Konflikte um Gemeingüter treten auch nicht zum ersten Mal auf, sie sind unter dem Namen „Tragik der Allmende“ bekannt. Werden allen Menschen zur Verfügung stehende Ressourcen erschöpft, versucht jeder Einzelne nach wie vor seinen Ertrag zu maximieren. Die Folgen muss aber dann nicht nur der Einzelne, sondern die Gemeinschaft tragen.

Die Naturwissenschaft weiß genug über die Ursachen und Folgen der Veränderung, technische Lösungen stehen zur Verfügung und es gibt gute Pläne von Ökonomen, wie der Widerstand der Lobbyisten zu besänftigen und gleichzeitig die Ungleichheit auf der Welt zu bekämpfen sind. Nur wie wir uns selbst und alle anderen dazu bringen, das zu unterstützen und vielleicht sogar stolz darauf zu sein – da gibt es eine große Leerstelle. Um sie zu überwinden, um sie mit Bedeutung zu füllen, müssen wir soziale Prozesse erkunden, verstehen und nutzen. Sie sind inzwischen zu einem zentralen Hindernis geworden.

Das zeigt sich exemplarisch am Begriff „alternative Fakten“, den die amerikanische Politikberaterin Kellyanne Conway im Januar 2017 geprägt hat. Conway verdichtete mit ihrer Sprachschöpfung die schon vorher weitverbreitete Tendenz zu einem feststehenden Ausdruck, eigene Argumente und Ansichten zur Not mit erfundenen Statistiken zu unterfüttern. Sie setzte darauf, wie es auch die professionellen Klimawandelleugner nicht nur in den USA tun, dass für viele Anhänger des damals neuen Präsidenten nicht der Inhalt, sondern der Absender das entscheidende Qualitätskriterium einer Botschaft ist. Und bei einer großen Menge der Amerikaner verfing diese Strategie. 

Es ist nicht damit getan, die wissenschaftlichen Fakten zu präsentieren und die Manipulationen richtig zu stellen, wie es Journalisten normalerweise tun. Menschen zögern beim Klimaschutz nicht aus Unwissenheit oder Ignoranz. Wenn das Publikum nicht will, bestärkt es sich gegenseitig in seiner Weltsicht, die dann zu einem effektiven Filter für die Wahrnehmung wird. Der Glaube an alternative Fakten kann für manche zum identitätsstiftenden Merkmal ihrer Gruppe werden. 

Soziale Prozesse können aber sowohl Probleme verfestigen, wie zu deren Lösung beitragen. Es ist schließlich das gemeinsame, geteilte Ziel, das Politik zum Klimaschutz überhaupt erst effektiv machen kann. 

Das ist der Grund für den Perspektivwechsel, den wir bei Klimasocial vornehmen: Die Klimaforschung, über die wir berichten, beschränkt sich nicht auf Zahlen und harte Fakten. Sie behandelt stattdessen die eigentlich wichtigen Themen der Wissenschaft: Sie beschreibt, wie der Klimawandel schon heute Gemeinschaften zusetzt und wie sie darauf reagieren. Sie analysiert die psychologischen und soziologischen Hindernisse, das eigene Leben zu verändern, und sie zeigt Wege auf, diese Hindernisse zu überwinden. Sie fördert das vereinte Ringen um neue Verhaltensweisen und Standards. Hier warten nach Auffassung vieler Beteiligter und Beobachter – und nach unserer festen Überzeugung – die wichtigsten Geschichten unserer Zeit. Das Ziel ist, im Kampf gegen den Klimawandel neue Freunde zu finden, Freude zu haben und Genugtuung auch über kleine Erfolge zu spüren. Das soll der Kern einer Koralle sein, die Klimasocial heißt.

Wir Autoren sind davon überzeugt, dass der Klimawandel eine gefährliche Entwicklung darstellt, deren Folgen die Menschheit durch deutliche Änderungen im eigenen Verhalten begrenzen kann und muss. Industrienationen wie Deutschland haben dabei eine besondere Verantwortung: Sie sollten als Vorbilder vorangehen und einen überproportionalen Anteil der Kosten übernehmen, weil sie auch einen überproportionalen Vorteil aus dem bisherigen ungehinderten Ausstoß von Treibhausgasen gezogen haben. Diese Überzeugung verstößt für uns als Journalisten nicht gegen unser Berufsethos, denn wir glauben nicht an bedingungslose Neutralität. Wichtig ist uns vielmehr größtmögliche Transparenz. Wir werden keine Fakten und Rechercheergebnisse ignorieren oder unterdrücken, die unserer Meinung widersprechen könnten. 

Die Autoren, die für KlimaSocial schreiben, gehören alle zu Riffreporter - die Genossenschaft für freien Journalismus eG und haben sich deren Kodex unterworfen. Hier sind die Mitwirkenden: 

Der Journalist Christopher Schrader, an einem Frühlingstag im Park, die Sonnenbrille auf die Stirn geschoben.
Christopher Schrader
Foto: C. Schrader

Christopher Schrader: Ich bin Jahrgang 1962, habe drei Kinder und lebe in Hamburg. Anfang der 1990er-Jahre habe ich nach dem Physikstudium begonnen, als Wissenschaftsjournalist für Zeitung, Magazin und Online zu arbeiten. In dieser Zeit war ich Redakteur bei drei verschiedenen Blättern: Geo-Wissen in Hamburg, Facts in Zürich und Süddeutsche Zeitung in München und Berlin. Seit 2015 arbeite ich als freier Journalist. Mein wichtigstes Thema ist seit langem der Klimawandel. Lange ging es vor allem um die naturwissenschaftlichen Folgen: höhere Temperaturen, steigende Meeresspiegel, sterbende Korallen und ähnliches. Erst die Beschäftigung mit den sozialen Prozessen rund um die globale Veränderung hat mir gezeigt, warum diese Berichte früher oft so wenig Wirkung hatten. Ich war nämlich, ohne den Namen zu kennen, ein Verfechter des sogenannten Informations-Defizit-Modells. Wenn ich nur genug Fakten liefere, dachte ich, dann werden es irgendwann mal alle verstehen und sich entsprechend verhalten. Psychologen haben das seit langem widerlegt, und auch meine Gewissheit wurde immer wieder erschüttert. Wenn Sie mehr über mich erfahren und wissen wollen, was ich sonst so schreibe, besuchen Sie meine Webseite cschrader.eu oder folgen Sie mir bei Twitter unter @cschrader_eu.

Alexander Mäder, rechts an eine Häuserwand gelehnt, der Hintergrund links ist unscharf
Alexander Mäder

Alexander Mäder: Ich bin Jahrgang 1972, habe keine Kinder und lebe ohne Auto in Stuttgart. Ich reise gerne mit dem Flugzeug und versuche, mich darin zu bremsen. Seit 2003 arbeite ich hauptberuflich als Wissenschaftsjournalist und habe die meiste Zeit davon in den Redaktionen der Berliner Zeitung, der Stuttgarter Zeitung und des Magazins bild der wissenschaft verbracht. 2017 habe ich mich selbständig gemacht und berichte vorzugsweise über ethische Fragen und künftige Entwicklungen, was nicht zuletzt meinem Philosophie-Studium geschuldet ist. Die Herausforderungen des Klimawandels halte ich für ein drängendes Problem, zu dessen Lösung die Geistes- und Sozialwissenschaften viel beitragen können. Zu dem Thema schreibe ich auch in meiner Ethikkolumne und bei Twitter unter @methodenkritik.

Christiane Schulzki-Haddouti: Ich bin 1967 geboren, verheiratet, habe zwei Kinder und lebe in Bonn. Seit 1996 arbeite ich als freie Journalistin über Fragen des Informationszeitalters. Als Schülerin entsetzte mich die Berichterstattung über die Folgen des sauren Regens, da ich als Kind Spaziergänge quer durch den Wald sehr liebte. Das Waldsterben in Deutschland konnte nach ersten Ansätzen im Westen erst dank der Umstrukturierung der DDR-Wirtschaft eher unfreiwillig verhindert werden. Heute sehe ich weltweit ähnliche Entwicklungen, die wohl nur über einen Systemwandel zu lösen sind. Ich hoffe, dass Menschen wirksame Gegenmaßnahmen weltweit und auf vielen Ebenen des Zusammenlebens und -arbeitens entwickeln und umsetzen. Ökonomische, psychologische und soziale Faktoren werden dabei für den Kooperationserfolg entscheidend sein. Bei Twitter finden Sie mich unter @kooptech, über das Leben in der Informationsgesellschaft schreibe ich auch auf meiner Website.


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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse und persönliche Motive. Bei Fragen oder Anregungen erreichen uns unter [email protected]. Unsere anderen Texte finden Sie hier.

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CO2-Emissionshandel behindert freiwilligen Klimaschutz

Das Engagement von grün gesinnten Bürger*innen und Unternehmen der Gemeinwirtschaft kann verpuffen, wenn die Reduktion von Treibhausgasen mit einem Handelssystem für Zertifikate organisiert wird. Was die einen einsparen, stoßen dort andere zusätzlich aus.

An beiden Seiten des Bildes stehen Frauen und Männer mit weißen Polohemden, Sie halten ihre Arme angewinkelt und strecken Hände und die Unterarme vor. Diese liegen dicht an dicht und bilden eine Fläche. – Statt einzeln die Hand aufhalten, bilden die ausgestreckten Unterarme ein Sicherheitsnetz, um jemanden aufzufangen - Szene aus der Rekrutenausbildung der US Coast Guard.
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Sind gemeinwohlorientierte Unternehmen krisenfester?

Zahlreiche Unternehmer versuchten bereits vor Corona gemeinwohlorientiert zu wirtschaften und sich dem Wachstumszwang zu entziehen: Kommen Sie unbeschädigter als andere durch die Krise?

Ein Mann steht mit einer Bio-Kiste vor einem Lastenrad, das gerade beladen wird.
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Commons-Projekte weisen den Weg in eine Gemeinwohl-orientierte Wirtschaft

Bild einer Siedlung in Vancouver.
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Sweetspot für die Menschheit (2)

Gibt es überhaupt Länder, die ihren Bürgern ein Leben in Würde bieten und gleichzeitig innerhalb der planetaren Grenzen wirtschaften? Eine Bestandsaufnahme der Welt unter dem Blickwinkel von sozialem Fundament und ökologischer Decke, wie sie das Konzept der Donut-Ökonomie vorsieht, zeigt leider: Nein, die gibt es nicht. Aber durchaus Modellfälle, von denen die Welt etwas lernen kann.

Zwei Finger halten einen angebissenen Donut vor die Kamera, der mit rosa Zuckerguss verziert ist. Im Hintergrund sind unscharf Bäume zu erkennen.
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Sweetspot für die Menschheit (1)

Die Coronakrise hat zum Nachdenken über neue Wirtschaftsmodelle angeregt. Von der britischen Autorin Kate Raworth kommt das Konzept der Donut-Ökonomie, die die Basis menschlichen Lebens in Würde sichert und gleichzeitig planetare Grenzen wahrt und so die Klimakrise stoppt.

Drei Donuts liegen auf einen weißen Tuch vor einem offenen Fenster, der mittlere steht so auf der Seite, dass man durch das Loch blicken kann. Der linke ist mit Zuckerperlen verziert, der mittlere mit Schleifen von Schokoguss, der rechte mit rosa Zuckerguss. – Hefeteig, Loch in die Mitte, frittieren und verzieren – Doughnut oder Donut heißt die Kalorienbombe.
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Tunesien: Zwischen Dürre, Überschwemmungen und Erosion

Zu viel, zu wenig, zu salzig: Wasser ist in Tunesien ein kostbares Gut. Der Klimawandel verschärft bereits bestehende Probleme, die eng miteinander verwoben sind.

Stausee Sidi Saad in Zentraltunesien im Gouvernorat Kairouan, umgeben von Bergen
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Müsste wegen der Coronakrise jetzt nicht auch der CO2-Gehalt in der Atmosphäre sinken? (Kurze Antwort: Nein)

Es klingt auf die Schnelle logisch: Wenn die Emissionen zurückgehen, müsste auch der CO2-Gehalt der Atmosphäre sinken. Weil dem nicht so ist, stellen Klimawandelleugner nun wieder die Wissenschaft in Frage. Doch das ist nur ein mieser Trick. Eigentlich ist die Sache ganz einfach.

Dargestellt ist die Erde aus großer Höhe, man sieht ihre Krümmung und die dünne Schicht der Atmosphäre.
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Die Suche nach dem grünen Neuanfang

Viele Spitzenpolitiker wollen die Konjunkturprogramme nach der Coronakrise an Klimaschutz und Nachhaltigkeit ausrichten. Leitbild soll der "Green Deal“ sein, den die EU-Kommission vorgeschlagen hat. Doch es gibt auch Widerstand.

Eine Hand voller grüner Karten, die Buchstaben, Zahlen oder Anweisungen wie „+2“ zeigen.
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Wirtschaftsmodelle für Corona- und Klimakrise

Was wollen wir eigentlich von der Wirtschaft? Immer mehr Geld? Oder mehr Gemeinwohl bei gestärkter Widerstandskraft gegen künftige Krisen? KlimaSocial startet dazu eine Serie mit dem Titel „An der Weggabelung“

Das Bild zeigt eine Weggabelung in einen Park. Der Pfad nach rechts führt in sanften Rundungen einen kleinen Hügel hinauf, der Pfad links biegt um einen Baum leicht nach unten und führt dann gerade und eben weiter, bis er außerdem Sicht gerät.
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