Sweetspot für die Menschheit

Was die Donut-Ökonomie bedeutet

Teil der KlimaSocial-Serie „An der Weggabelung“ – von Christopher Schrader

Foto: C. Schrader Drei Donuts liegen auf einen weißen Tuch vor einem offenen Fenster, der mittlere steht so auf der Seite, dass man durch das Loch blicken kann. Der linke ist mit Zuckerperlen verziert, der mittlere mit Schleifen von Schokoguss, der rechte mit rosa Zuckerguss. – Hefeteig, Loch in die Mitte, frittieren und verzieren – Doughnut oder Donut heißt die Kalorienbombe.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Das Modell der Donut-Ökonomie fokussiert alles wirtschaftliche Handeln und Planen auf menschliches Wohl und planetare Grenzen. Der existierende Kapitalismus kümmert sich hingegen um die Schäden an der Natur und die Basis für Menschenleben in Würde höchstens indirekt. Genügend Wachstum werde beides schon irgendwie und irgendwann liefern, ist die Ansicht vieler in der Politik und an den Hochschulen. Doch nicht erst die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass diese Vorstellung nicht stimmt. 

Hamburg, den 12. Juni 2020

Die Welt ist keine Scheibe, sondern ein Ring. Jedenfalls wenn man Kate Raworth folgt, die damit freilich nicht die dreidimensionale Form des Planeten Erde meint, sondern eine symbolische Topologie der Welt der Menschen. Nur zwischen innerem und äußeren Rand des Körpers finden Gesellschaften einen „gerechten und sicheren Raum“, sagt die Ökonomin aus Oxford. Er habe „ein gesellschaftliches Fundament des Wohlbefindens, unter das niemand abstürzen sollte, und eine ökologische Decke des planetaren Drucks, über die wir nicht hinausgehen sollten“. 

Das ist natürlich – um es gleich zu sagen – ein Idealbild, ein Ziel: Tatsächlich sind die reichen Industrieländer wie Deutschland längst durch die ökologische Decke gestoßen, während Länder im sogenannten globalen Süden in vielen Aspekten unter dem Fundament der Menschenwürde bleiben. 

Doch Raworth baut auf dieser Idee ein Wirtschaftsmodell auf, das die Armen anheben, die Reichen bremsen und allen ein würdiges Leben auf Dauer sichern soll. Zugrunde liegt die uralte Idee des Lebens im Gleichgewicht, neu hergeleitet aus aktuellen Daten und Konzepten. Sie nennt ihre Idee schon wegen der skizzierten Form die „Donut-Ökonomie“, als bestehe der Ring aus süßem Schmalzgebäck mit Zuckerguss. Eine solche Kalorienbombe kennt man in Großbritannien als doughnut (wörtlich: Teig-Nuss) oder eben verkürzt als donut. 

Geometrisch handelt es sich, wenn man den Ring nicht papierflach, sondern räumlich denkt, um einen Torus. Aber andere Alltags-Beispiele dafür wie ein Pfefferminz-Bonbon, Rettungsring, Fahrradschlauch, Hulahoop-Reifen oder auch die amerikanische Brötchen-Variante Bagel waren wohl nicht attraktiv genug als Metapher.

Das Foto zeigt eine Abzweigung in einem Park. Darauf steht der Titel der KlimaSocial-Serie „An der Weggabelung“. Um die Einführung zu lesen, klicken Sie bitte auf „Foto: C. Schrader"
Logo der KlimaSocial-Serie „An der Weggabelung“. Um die Einführung zu lesen, klicken Sie bitte auf „Foto: C. Schrader"

Die Ursprünge einer Idee

Seit 2012 wirbt Raworth dafür, dass die Menschen sich „einen Donut vorstellen, der tatsächlich gesund für uns alle ist“. Ihr Buch über das Konzept ist 2018 auf Deutsch erschienen („Die Donut-Ökonomie“, Hanser-Verlag, 413 Seiten, 24 Euro), sie hält Vorträge darüber und veröffentlicht Youtube-Filmchen zur Erklärung. Vor kurzem war Amsterdam eine der ersten Städte, die Raworths Konzept zum Leitbild der wirtschaftlichen Entwicklung erkoren hat; darüber berichteten viele Zeitungen. Die Zitate in diesem Text stammen aus solchen öffentlich zugänglichen Quellen, weil Raworth sich trotz vieler Anfragen mit wochenlangem Vorlauf nicht in der Lage sah, journalistische Fragen zu ihrem Konzept zu beantworten. (Quellen im Anhang)

Raworth hat für ihre Donut-Economy vielerlei Einflüsse zusammengeführt – lauter Ideen und Konzepte, die die Wirtschaftswissenschaften ihren Studierenden bis heute nicht richtig vermitteln, klagt sie. So nahm sie den vom emeritierten US-Ökonom Herman Daly geprägten Grundgedanken auf, dass man um alle grafischen Repräsentationen von wirtschaftlichem Handeln, Geben und Nehmen einen Kreis ziehen müsse. Er soll die Endlichkeit der Erde und damit eine natürliche Grenze jedes Wachstums darstellen. Auch der zyklische Austausch von Geld und Arbeitskraft kann sich zum Beispiel nicht einmal gedanklich immer weiter ausdehnen.

Dann ließ sich Raworth vom Konzept der planetaren Grenzen inspirieren. Eine Forschergruppe um Johan Rockström vom Stockholm Resilience Center hatte die Grenzen 2009 definiert; heute ist er Ko-Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Neun Bereiche legte das Team fest, in denen die Menschheit die Belastungsfähigkeit des Planeten zum eigenen Schaden überschreiten könnte: vom Süßwasserverbrauch bis zum Ausstoß von Treibhausgasen. Für sieben Bereiche berechneten die Forscher*innen bisher, wie der Status ist und wo die Limits liegen. 

Ein System mit Ampelfarben macht den Zustand deutlich. In der Auswertung von 2015 – eine Aktualisierung ist in Arbeit – waren nur drei der analysierten sieben Bereiche noch grün gekennzeichnet; hier ist ein gebührender Sicherheitsabstand gewahrt. Beim Klimawandel und der Veränderung von Landflächen leuchtete sozusagen die gelbe Lampe, in den biogeochemischen Kreisläufen von Stickstoff und Phosphor sowie der Integrität der Biosphäre flammten bereits tiefrote Lichter auf. 

Indikatoren und Kriterien

Diese Arbeit der Erdsystem-Forscher hat Kate Raworth aufgerüttelt, wie sie sagt. Das Konzept zeigte ihr, was die Natur des von Herman Daly vorgeschlagenen Kreises um die ökonomischen Diagramme war und wie sich diese Linie quantifizieren ließ. „Plötzlich hatten wir Indikatoren und Maßzahlen. Wir mussten nicht immer alles in Geld messen“, jubelte sie in einem Video-Interview mit Herman Daly und dem US-Journalisten Andrew Revkin. 

Eine Grafik zeigt das Konzept der Donut-Ökonomie: Innen ein soziales Fundament, das in zwölf Aspekte gegliedert ist. Werden sie nicht erfüllt, tritt Mangel ein, wie ein nach innen weisender Pfeil zeigt. Außen gibt eine ökologische Decke mit neun Elementen. Verbraucht ein Staat oder die Menschheit zu viel, kann die Natur überfordert werden und das Lebenserhaltungssystem des Planeten bricht zusammen. Die beiden Grenzen sind als konzentrische grüne Kreise gezeigt, dazwischen liegt ein „sicherer und gerechter Lebensraum" für die Menschheit.
Innen ein soziales Fundament, außen eine ökologische Decke, dazwischen Lebensraum für die Menschheit – das ist das Konzept der Donut-Ökonomie.

Sie fügte dann der äußeren eine innere Grenze hinzu, die grundlegende Lebensbedingungen der Menschheit definiert – das, was Ökonomie und Politik eigentlich jedem Erdbewohner bereitstellen müssten. Die Inspiration hierzu kam auch von den Entwicklungszielen der Vereinten Nationen, den Sustainable Development Goals (SDGs).

Zwölf Kategorien definierte Raworth hier: Sie reichen von ausreichend Nahrung und sauberem Wasser über den Zugang zu Energie und einem Gesundheitssystem sowie angemessenem Wohnraum und ordentlicher Arbeit bis zu Gleichberechtigung und politischer Teilhabe an der Gesellschaft. 

Wenn die Ökonomie allen Menschen ihre Grundbedürfnisse erfülle und gleichzeitig die Grenzen der Natur wahre, dann sei eben ein „gerechter und sicherer Raum“ im Donut erreicht, so beschreibt die britische Wissenschaftlerin ihr Konzept. Im Mittelpunkt steht dabei allerdings nicht Wohlstand als primäres Ziel, sondern Wohlergehen – das Wirtschaftsmodell stellt also einen deutlichen Bruch mit der vorherrschenden Denkweise dar. 

„Dieses Konzept zeigt, dass wir Menschen die Grenzen unserer Existenz auf der Erde gestalten können“, sagt Brigitte Knopf, Generalsekretärin am Mercator-Institut für globale Gemeinschaftsgüter und Klimawandel in Berlin. Sie habe Raworths Buch gern gelesen, erinnert sie sich, obwohl die Frage der Wachstums-Theorien sie „nicht so anspricht“ und ihr das Konzept der planetaren Grenzen oft zu steif erscheint. „Wir Menschen haben den Spielraum, alle unsere Ziele zu erreichen – wir haben es in der Hand, aber wir gestalten die Grenzen gerade ganz schlecht.“

Die Menschheit müsse viel lernen, ist auch Julia Steinberger von der Universität im englischen Leeds überzeugt. Vor allem: ihre Wirtschaftsweise so neu zu fokussieren, dass die Grundbedürfnisse im Brennpunkt stehen. „Bisher wurden Entscheidungen getroffen, die das Wachstum fördern. Sie müssten aber die Bevölkerung fördern.“ 

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Wohlbefinden statt Wohlstand

Dieser Perspektivwechsel ist auch die Kernforderung der sogenannten Wellbeing Economy Alliance. Eigentlich ist das ein Zusammenschluss von gut 125 Gruppen, die sich für soziale Belange einsetzen,  und damit eine klassische Nichtregierungs-Organisation. Doch seit 2018 gehören auch die Regierungen von Schottland, Island und Neuseeland zu dem Netzwerk, die damals alle von Frauen geführt wurden; später schloss sich noch Wales an. 

Neuseelands Regierung unter Jacinda Ardern hat im Mai 2019 zum ersten Mal einen Haushalt für Wohlbefinden vorgestellt: Der Schwerpunkt lag dort auf mentaler Gesundheit und dem Kampf gegen Kinderarmut; im Entwurf für 2020 geht es neben dem Weg aus der Covid-19-Wirtschaftskrise unter anderem um frühkindliche Bildung.

Die schottische Erste Ministerin Nicola Sturgeon wiederum warb 2019 in einem TED-Vortrag für allgemeines Umdenken. „Was wir als Regierungen messen, bestimmt den politischen Fokus. (…) Wirtschaftswachstum ist wichtig, aber es ist nicht alles, was wichtig ist.“ Die Politik müsse kollektive Fürsorge zum zentralen Ziel erheben. „Wir sollten die Vision einer Gesellschaft fördern, die Wohlbefinden und nicht nur Wohlstand im Herzen hat.“

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Auch die Umweltabteilung im Klub der Industrieländer OECD twitterte vor wenigen Tagen eine Grafik, die eine Erholung aus der Covid-Wirtschaftskrise mit dem zentralen Ziel Wohlbefinden verknüpfte.

In solche Ideen passt die Donut-Ökonomie von Kate Raworth perfekt hinein; nicht zuletzt deswegen hat die Wellbeing-Alliance die Forscherin aus Oxford zu einer Botschafterin ihrer Sache berufen. Auch sie fordert schließlich, zum Beispiel in ihrem Buch, den Blickwinkel zu ändern und die Prioritäten anzupassen. „Wir haben Wirtschaftsmodelle, die auf Wachstum angewiesen sind, ob wir Menschen darin nun gedeihen oder nicht. Wir brauchen aber eine Wirtschaft, in der wir gedeihen, ob sie nun wächst oder nicht.“

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Die Morgenröte einer neuen Ökonomie

Die Corona-Pandemie hat Raworth nun zugleich gelähmt wie elektrisiert: Zum einen muss sie ihre elfjährigen Zwillinge zuhause beschulen, wie fast alle Eltern in den Ländern, die das öffentliche Leben zum Schutz vor Ansteckungen eingeschränkt haben. Zum anderen erkennt sie aber in der Krise einen Moment, in dem Wandel passieren kann. Sehr früh hat sie sich als eine der ersten Unterzeichner*innen einem Aufruf des Club of Rome angeschlossen, dem sie angehört. 

„Covid-19 hat uns gezeigt, dass Transformation übernacht möglich ist“, heißt es dort. „Es ist das Morgenrot einer anderen Welt, einer anderen Ökonomie. Dies ist eine beispiellose Gelegenheit, uns von uneingeschränktem Wachstum um jeden Preis und der alten Wirtschaft mit ihren fossilen Brennstoffen zu entfernen, und eine dauerhafte Balance zwischen Menschen, Wohlstand und den ökologischen Grenzen unseres Planeten zu erreichen.“

Was sie an der Krise aufwühlt, hat Raworth auch in dem Video-Interview mit Andrew Revkin gesagt: Die Krisen jüngster Zeit, ob nun im Finanzsektor und ausgelöst durch Klimawandel oder Corona-Pandemie, „haben gemeinsame Wurzeln im Paradigma der Ausweitung, des Expansionismus“. Es führe zu extremer Ungleichheit und „treibt die Menschheit über die beiden Grenzen des Donuts hinaus“, wie Raworth in ihrem Buch konstatiert. Überall werde Wohlstand abgesaugt und in die Hände von einem Prozent der Weltbevölkerung gegeben. „Wir sollten Wohlstand viel gleichmäßiger verteilen, damit Gemeinschaften bei Schocks größere lokale Widerstandskraft entwickeln können.“

Zugleich liege in der momentanen Krise eine Chance: „Veränderung kann man nicht einfach so machen, man muss Momente und Brüche wie diesen finden.“ Eine bedeutende Veränderung erkannte sie in den Nothilfemaßnahmen vieler Staaten: „Regierungen sprechen vom Einfrieren von Mieten, von Krediten ohne Zinsen, und das bedeutet, dass Rendite auf Kapital nicht mehr immer den ersten Zugriff auf Erträge hat.“ 

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In ihrem Buch erläutert Raworth an vielen Punkten, wo sich ihr Konzept deutlich von dem Wirtschaftsmodell des auf Wachstum ausgelegten Kapitalismus unterscheidet. Vier Aspekte:

1) Ressourcenverbrauch

„Wir sollten uns bewusst werden, dass die Wirtschaft keineswegs ein geschlossener Kreislauf ist, sondern ein offenes System mit ständigen Ab- und Zuflüssen“, schreibt die Autorin zum Beispiel. In dem Videointerview illustriert sie das mit einem aufgerollten Stück Gartenschlauch. Innen zirkuliert der Inhalt zwar, aber irgendwann kommt er doch am Ende heraus, und deswegen muss am Anfang immer wieder etwas hineingepumpt werden. 

Die ganze Ökonomie basiere zurzeit auf diesem Modell, das sie „take, make, use, lose“ nennt – nehmen, machen, benutzen, verlieren. Ressourcen würden ausgebeutet, kurz eingesetzt und dann als unbrauchbarer Müll entsorgt. Wie eine Raupe fresse sich die Industriegesellschaft durch die Natur. Die Wachstumslogik sehe nach dem Schulbuchwissen der Ökonomie zudem vor, dass Gesellschaften erst durch Umweltverschmutzung Wohlstand anhäufen müssen, um sich später den Umweltschutz leisten zu können – das sei ein „absolut widersinniges Fitnessprogramm für die lebendige Welt“. 

Raworth schwebt stattdessen eine Ökonomie vor, in der Ressourcen und Produkte, die sie als biologische und technische Nährstoffe bezeichnet, im Wesentlichen in Kreisprozessen bleiben und immer wieder verwandt werden. In ihrem Diagramm wirken die zyklischen Pfeile für die kreisenden Roh- und Nährstoffe wie die Ornamente auf den Flügeln eines schillernden Insekts. „Verabschieden wir uns von der Raupe der linearen industriellen Wirtschaft“, schreibt sie dazu, „während sie sich vor unseren Augen in einen Schmetterling verwandelt.“

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2) Menschenbild

In der klassischen Ökonomie herrschte lange das Bild eines Menschen vor, der von Eigennutz motiviert ist und stets rationale Entscheidungen trifft. Im Wettstreit all dieser Interessen entstehe ein optimales Ergebnis für alle. Gemessen wird dieses Resultat dann in Größen wie dem Bruttoinlandsprodukt, einer Summe über alle Verkaufspreise, Lohnzahlungen und so weiter. 

Das ignoriert aber zum einen all die unbezahlte Arbeit in Haushalten und Pflege. Zum anderen wird das ehrenamtliche Engagement in Vereinen oder Umweltgruppen nicht erfasst. Außen vor bleiben auch die Teile der Wirtschaft, die auf Tauschen ausgerichtet sind oder zu einer digitalen Allmende beitragen wie die Entwicklung von Shareware-Programmen oder das Recherchieren von Artikeln ohne Verkaufspreis wie bei KlimaSocial

„Im Herzen der Wirtschaftswissenschaften sollte ein neues Bild der Menschheit stehen“, erklärt Raworth in einem der kurzen Youtube-Clips über ihre Theorie. „Es muss anerkennen, dass unsere Gehirne für Empathie, Kooperation und gegenseitige Hilfe verschaltet sind, dass unsere Wünsche nicht starr sind, sondern sich ändern, wenn es unsere Werte tun, und dass wir keinesfalls die Natur beherrschen, sondern im höchsten Maße von ihr abhängig sind.“

Mitarbeiter*innen von Raworth haben diese Veränderung des Menschenbilds mit einem Rapsong für Marionetten illustriert: 

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3) Perspektivwechsel

Viel ihrer Zeit steckt Raworth zurzeit in den Aufbau einer Koordinierungsstelle in Oxford, wo sie mit Helfer*innen das Konzept für Firmen, Städte und Länder aufbereitet. Vor kurzem hat zum Beispiel die Stadt Amsterdam auf der Basis einer solchen maßgeschneiderten Analyse beschlossen, ihre Wirtschaft samt Hafen unter das Leitbild von Raworths Ideen zu stellen. 

Das Ziel der Kommunalverwaltung ist jetzt nicht mehr das allgemeine Wachstum, sondern auf der einen Seite, hinreichende Bedingungen für Leben und menschliche Gemeinschaft zu schaffen, auf der anderen Seite, sicheren Schutz vor irreparablen Schäden für Natur, Umwelt und Klima zu gewährleisten. 

Wie viele Metropolen der Welt hat die Grachtenstadt Probleme auf beiden Flanken: Viele Bewohner können sich zum Beispiel kaum eine angemessene Wohnung leisten, während die Wirtschaft mit ihren Lieferketten längst zu viele Treibhausgase ausstößt, um die Erderhitzung zu stoppen. Außerdem sind zum Beispiel die Importe von Kakao-Bohnen aus Westafrika oft mit Kinderarbeit verbunden, beklagt die stellvertretende Bürgermeisterin Marieke van Doorninck in einem Interview mit dem Guardian. „Der Donut bringt uns nicht die Antworten auf unsere Probleme, aber eine neue Art, darauf zu schauen, damit wir nicht mehr die gleichen Strukturen wie bisher benutzen.“

4) Übergangsprobleme

Von unserer heutigen Wirtschaftsweise in die Donut-Ökonomie zu kommen, werde ein langer, schwieriger Prozess, räumt Raworth ein. Sie selbst erkennt so manches Dilemma auf dem Weg: „Kein Land hat jemals menschliche Not ohne eine wachsende Wirtschaft überwunden. Und kein Land konnte jemals den ökologischen Niedergang durch Wachstum beenden“, schreibt sie. 

Stattdessen verschärft die weitere Zunahme der Wirtschaftsleistung oft nicht nur die Probleme für die Natur, sie steigert auch die Ungleichheit in der Gesellschaft und privatisiert den Wohlstand, der zum Schutz aller dienen könnte. Ökonomien, die mangels anderer Regelungen die Gesellschaften spalten, müssten darum durch gezielte Reformen dazu gebracht werden, Wohlstand umverteilen. Das gilt dann nicht nur für das erzielte Einkommen, sondern auch für die erworbene Substanz, den immensen Besitz der Wenigen. Dabei geht es ihr nicht um eine Revolution, bei der Vermögenswerte enteignet werden, sondern eher um eine Steuer. Solche Ideen werden auch in drei Bundestagsparteien immer wieder diskutiert.

Für den Übergang brauche es zudem Methoden, mit denen Unternehmen, die auf Gemeinwohl ausgerichtet sind, auf dem konventionellen Markt Kapital aufnehmen können. Es soll schließlich nicht passieren, dass Investoren mit Renditeerwartungen die Start-Ups zu Entscheidungen drängen, die deren Maximen widersprechen. Das ließe sich zum Beispiel befördern, schlägt Raworth vor, indem sich Geld auf der Bank über die Inflationsrate hinaus automatisch entwertet. Dann wäre schon Werterhalt, nicht mehr nur Vermehrung des Kapitals, ein gutes Geschäft. Die Negativzinsen, die manche Länder und auch die Europäische Zentralbank bereits erheben, habe zwar andere Ziele, aber widerlege immerhin den Mythos, dass Rendite für stillliegendes Geld nicht unter Null fallen könne.

Raworths Erfahrungen, wie Unternehmer auf die Idee mit der Donut-Wirtschaft reagieren, sind indes durchwachsen. „Bei der ersten Begegnung mit dem Donut betrachten viele Unternehmen anscheinend den äußeren Ring der planetaren Grenzen, als handele es sich dabei um einen Kuchen, der in Stücke portioniert und verteilt werden kann“, schreibt sie in ihrem Buch. Das sei ein von altem Eigennutz und verschwenderischen Gewohnheiten geprägter Blick: „Der ,gerechte Anteil‘, den man sich nehmen kann, bestärkt die Sichtweise, dass das ,Recht zu verschmutzen‘ eine Ressource sei, um die es sich zu konkurrieren lohnt.“

Zusammengesetzte Aufnahme aus dem Cover des Buchs „Die Donut-Ökonomie“ links und einem Porträt der Autorin Kate Raworth rechts.
Kate Raworth und das Cover ihres Buchs
Foto: Richard Raworth; Cover: Hanser-Verlag

Erst die Wirtschaftslehre verändern, dann die Gesellschaft 

Weil die ganze Umstellung eher ein Marathon als ein Sprint ist, zielt Raworths Ansatz stark auf die Ökonomie als Wissenschaft. Statt die Gesellschaft zu reformieren, sodass die Wirtschaftsforschung nicht umhin kann, ihre Konzepte einer neuen Realität anzupassen, möchte die britische Autorin die Inhalte der Lehrbücher und der Universitätsvorlesungen umgestalten. Es gehe ihr um die „Ideen mit ihren Bedeutungsrahmen; die Paradigmen, an denen wir unser Handeln ausrichten; die Metaphern in unserem Geist; die Bilder, die wir für uns selbst malen“. Was künftige Wissenschaftler*innen und Politiker*innen denken, möchte Raworth heute verändern. 

Dahinter verbirgt sich auch eine persönliche Geschichte. Als junge Frau hatte Raworth nach dem Studium der akademischen Ökonomie dem Fach enttäuscht den Rücken gekehrt, erzählt sie. Stattdessen engagierte sie sich lange in die Entwicklungszusammenarbeit, bei den Vereinten Nationen und der NGO Oxfam. Frustration über die Lehrinhalte nimmt sie auch bei den heutigen Studierenden wahr, die oft erst nach näherer Beschäftigung mit den Lehren von Herman Daly und seiner ökologischen Ökonomie eine Art Erweckungserlebnis hätten: „Ich habe immer gedacht, mit mir stimmt was nicht, aber jetzt weiß ich, dass die Wirtschaftswissenschaften falsch waren“, so hat sie das in dem Videointerview geschildert. 

Ihrem eigenen Fach empfiehlt sie darum, sich nicht mehr so sehr als Lehrmeister der Politik aufzuspielen, sondern eher den Austausch mit anderen Disziplinen zu pflegen und gemeinsame Lösungen zu finden. „Weniger Lord of the Dance, mehr Tanz um den Maibaum“, das müsse das Modell sein. „Diese Neukonzeption in Angriff zu nehmen, ist zweifellos eine der interessantesten Aufgaben für die Ökonomen des 21. Jahrhunderts.“  ◀

Hinweis: Die Arbeit an diesem Artikel sowie weiteren Teilen der KlimaSocial-Serie „An der Weggabelung“ wurde gefördert durch den WPK-Recherchefonds Covid-19 / Sars-CoV-2.

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse und persönliche Motive. Bei Fragen oder Anregungen erreichen uns unter [email protected] Unsere anderen Texte finden Sie hier.

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