„Nicht ideologisch, sondern logisch“

Hamburger Schüler streiken mit Greta Thunberg

Von Christopher Schrader

C. Schrader Schulstreik in Hamburg: Der Demonstrationszug zieht über den Neuen Jungfernstieg. Greta Thunberg geht mit den deutschen Organisatoren an der Spitze.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Die Bewegung #FridaysForFuture hat mit den einsamen Schulstreiks der 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg begonnen, inzwischen zieht sie in vielen Ländern Tausende Schüler auf die Straße. Sie fordern schnellen, wirksamen Klimaschutz. Bei der Demonstration in Hamburg war Thunberg zum ersten Mal in Deutschland dabei.

Hamburg, den 1. März 2019

„Moin“, sagt Greta Thunberg als erstes, und der norddeutsche Allzweckgruß kommt auf dem Rathausmarkt in Hamburg gut an. Tausende Schüler aus der Hansestadt und dem Umland haben an diesem Freitagmorgen die Schule Schule sein lassen und sind zur Demo für das Klima gekommen. 3800 sind es, sagt die Polizei, 10 000 sind es, sagen die Veranstalter etwas überschwänglich. Sie alle jubeln der jungen Frau aus Schweden zu, als sie um 11:17 Uhr für ein kurzes Grußwort ans Mikrophon tritt. 

Thunberg gilt als Initiatorin der Schulstreiks, weil sie seit Sommer 2018 mit ihrem Plakat „Skolstrejk för Klimatet“ immer wieder vor dem Parlament in Stockholm protestierte. Viele Jugendliche betrachten sie als Vorbild; nach Thunbergs Beispiel hat sich inzwischen die internationale Protest-Bewegung #FridaysForFuture gebildet. Die junge Frau wird darum auch von vielen Politikern – etwa auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos – als Sprecherin ihrer Altersgenossen angesehen. Wie so oft in der Geschichte, haben die Jugendlichen auch diesmal wenig Verständnis für die Bedenken und Verweise auf vermeintliche Sachzwänge, mit denen Politiker und Eltern auf die Klimakrise reagieren. Deren Bemühungen um Klimaschutz kommen vielen lächerlich ungenügend vor. Das mache ihre Generation wütend, sagt Thunberg in Hamburg.

Am Mikrophon steht eine junge, schmächtige Frau mit langen Zöpfen unter einer weißen Strickmütze. Moin, sagt Greta Thunberg als erstes. „Wir streiken, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, aber die haben es nicht.“
Moin, sagt Greta Thunberg als erstes. „Wir streiken, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, aber die haben es nicht.“
C.Schrader

Auf Englisch lobt sie ihre Zuhörer für das Engagement und sagt dann: „Wir werden weiter streiken, bis sie etwas unternehmen.“ Sie meint damit die Politiker, aber auch generell die Generationen der Erwachsenen. „Wir streiken, weil wir unsere Hausaufgaben gemacht haben, und die haben es nicht.“ Die 16-jährige warnt ihre Altersgenossen aber auch vor übersteigerten Erwartungen: „Wir werden weitermachen, bis sich etwas ändert. Es könnte eine Weile dauern, aber wir werden geduldig sein, schließlich geht es hier um unsere Zukunft.“

Die Demonstration war zuvor unter einem grau-verhangenen Himmel vom Gänsemarkt losgezogen, um die Binnenalster herum und die Einkaufsmeile Mönckebergstraße hinunter zum Platz vor dem Rathaus. Thunberg marschierte dabei hinter einem Banner am Kopf des Zuges mit. Mehrere Lautsprecherwagen machten Stimmung. Viele der Jugendlichen hatten sich vorbereitet, Parolen mit dem Lippenstift auf die Wangen gemalt oder mit Farbe auf Pappschilder.

  • Da waren einerseits die erwartbaren Aussagen wie: Klimawandel, nein Danke. Es gibt keinen Planeten B. Wäre die Welt eine Bank, hättet Ihr sie schon längst gerettet. CO2untdown stoppen.
  • Dann gab es fantasievolle Wortspiele: The Snow must go on. Make the world Greta again.  Früher war der Fisch in der Verpackung, heute ist Verpackung im Fisch. What I stand for is what I stand on.
  • Einige Parolen erreichten das Niveau von Sponti-Sprüchen: Klimawandel tötet Einhörner. Pack die Badehose ein, das Meer kommt. Ich bin so sauer, ich hab sogar ein Schild.
  • Und etliche Plakate setzten sich mit der gängigen Kritik an den Schülern auseinander, den Unterricht zu schwänzen: Wieso lernen ohne Zukunft? Das Klima ist aussichtsloser als mein Mathe-Abi. Fehlstunden verkraftet man, Klimawandel eher nicht. Schade, dass wir unsere Bildung opfern müssen, um fürs Klima zu demonstrieren.

Auf der Kundgebung zum Abschluss ging eine Sprecherin namens Charlotte auf genau die Frage ein, wie die Schulen reagieren. „Wir schwänzen nicht, wir setzen ein Zeichen. Jeder von uns steht in der Verantwortung, die Erde zu schützen, damit wir hier alle weiterleben können. Lasst uns die Vorbilder sein, die wir bräuchten.“ Der Protest der Schüler sei auch keine politische Parteinahme, erklärte Lisa. „Wir stützen uns auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Das ist nicht ideologisch, sondern logisch.“

Unterstützung bekamen die Jugendlichen von einigen erwachsenen Experten. Der erste war Mojib Latif vom Geomar-Forschungszentrum im Kiel. Er beklagte, dass in der Politik so wenig passiere, obwohl die Wissenschaft seit mehr als einem Jahrhundert den Zusammenhang zwischen dem Freisetzen von Kohlendioxid und dem Ansteigen der Temperaturen kennt. „Wenn der Druck von unten nicht kommt, wird oben nichts passieren“, rief er dann. „Ich setze auf Euch und hoffe, dass wir das zusammen hinbekommen.“ Der Medienunternehmer Frank Otto, der zum Beirat der Hamburger Klimawoche gehört, erinnerte das Publikum daran, dass die Menschheit in ihrer Entwicklung zwei Erfolgsstrategien entwickelt habe. Die erste sei es, Feuer zu machen und Dinge zu verbrennen. Die zweite bestehe aus der Kooperation. „Und dafür steht Ihr jetzt. Ihr könnt den Menschen abgewöhnen, Dinge zu verbrennen.“

Die Ungeduld der Jugendlichen brachte zum Abschluss Luisa Neubauer auf den Punkt, die zu den bekanntesten Köpfen der deutschen Schulstreik-Bewegung gehört. Ihre Generation werde es nicht mehr zulassen, dass Politiker „faul, ignorant und egoistisch mit unsere Zukunft umgehen“, rief sie. „Wir haben einfach keine Zeit mehr, das werden wir weiter jeden Freitag sagen.“

In vielen Bundesländern dürfte das zum Konflikt führen. Die Hamburger Schulbehörde plant zum Beispiel, die versäumten Stunden nicht als Lehrstunden in Demokratie, sondern als unentschuldigtes Fehlen zu werten, berichtet der NDR. Wer schwänze, habe Einträge ins Klassenbuch, eine mündliche Note Sechs für die Stunde oder ein Gespräch mit den Eltern zu erwarten – viele Eltern würden sich auf eine solche Disziplinar-Anhörung allerdings vermutlich sogar freuen. Manche sind bei der Demo ja auch mitgegangen. 

Auch auf Twitter kam Schwung in die Debatte über das vermeintliche Schwänzen. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe schrieb dort: „Am letzten Tag vor den Ferien, nun ja... Doch auf Dauer wirkt es wenig überzeugend, ausgerechnet in der Schulzeit zu demonstrieren. Niemand verbessert die Welt, indem er die Schule schwänzt.“ Das blieb nicht lang unwidersprochen: „Aufgrund der knappen personellen Ausstattung in Hamburger Schulen fallen bei meiner Tochter jede Woche 2-3 Schulstunden ersatzlos aus. Das wird für normal gehalten. Da sehe ich sie lieber beim Schulstreik“, schrieb Annegret König. Und der Energieforscher Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin antwortete: „Auf Dauer wirkt es wenig überzeugend, wenn Politiker nur über #Klimaschutz reden und nicht handeln. 12.000 Eltern fordern, die Diskreditierung von Schülern zu unterlassen.“ Das hätte in Hamburg sicherlich auch Jubel ausgelöst. 

Update am 3. März 2019: Die Demonstration der Schüler in Hamburg hat Reaktionen bis in die höchsten Ebenen der Politik und Wissenschaft ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte in ihrer wöchentlichen Videobotschaft: „Wir können unsere Klimaschutzziele nur dann erreichen, wenn wir auch Rückhalt in der Gesellschaft haben. Deshalb begrüße ich es sehr, dass junge Menschen, Schülerinnen und Schüler demonstrieren und uns sozusagen mahnen, schnell etwas für den Klimaschutz zu tun. Ich glaube, dass das eine sehr gute Initiative ist.“ (Hier die Links zum Video und zur Textfassung). Merkel war dabei offensichtlich bemüht, ihre Worte von der Münchner Sicherheitskonferenz zu korrigieren, als sie die Schülerstreiks in die Nähe russischer Manipulationsversuche gerückt hatte. Luisa Neubauer hatte das in Hamburg als „unglücklichen Kommentar“ bezeichnet.

Allerdings dürften den Jugendlichen wiederum nicht gefallen, was Merkel anschließend in ihrer Ansprache sagte: Als Regierungschefin müsse sie auch auf die Arbeitsplätze in der Kohlewirtschaft achten. Darum habe die von der Regierung eingesetzte Kommission den endgültigen Ausstieg für das Jahr 2038 empfohlen. „Das scheint aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler vielleicht sehr lange, aber es wird uns sehr fordern und dafür werbe ich, auch dies zu verstehen“, sagte Merkel.

Auch Justizministerin Katarina Barley (SPD) lobte den Einsatz der Streikenden: „Dass die Jugendlichen jetzt für den Klimaschutz demonstrieren und sich so engagieren, ist doch großartig. Das räumt mit dem Vorurteil auf, dass junge Leute nicht aktiv genug wären und sich nicht politisch engagieren", sagte sie der Passauer Neuen Presse. Sie verband ihr Lob mit der Forderung, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken.

Uneingeschränkten Zuspruch fanden die Schüler schließlich von Nobelpreisträger Paul Crutzen vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Im Interview mit den Kollegen vom AnthropozänReporter hatte er diese Botschaft für die streikenden Jugendlichen: „Hört nicht auf, über das Problem zu reden, und tut alles, um unseren Planeten zu retten!"

Das Video mit der Rede von Mojib Latif wurde nachträglich eingefügt.

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Unsere Texte finden Sie hier.

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