Zehnstellig

Die Zahl der möglichen Opfer in der Klimakrise bricht die Milliarden-Grenze

Eine Analyse von Christopher Schrader

Wenn Menschen zu großer Zahl auf der Flucht sind, wie hier während der Hungerkrise in Äthiopien 1984, suchen sie oft Schutz vor kriegerischen Konflikten oder Nahrungsmittelkrisen oder beidem. Nachbarstaaten und UN-Organisationen leisten dann Hilfe, aber geraten selbst schnell an ihre Grenzen, wenn es um Zehntausende oder gar Hunderttausende Menschen geht. Was soll erst passieren, wenn Milliarden Menschen in ihrer Heimat nicht mehr sicher sind oder dort keine ausreichenden Lebensgrundlagen mehr finden – und Millionen fliehen?

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Hamburg, den 19. November 2019

Es klingt wie die Warnung eines alttestamentarischen Propheten: Der Welt stehe „nie da gewesenes Leid“ bevor, wenn die Menschheit nicht endlich klare und dauerhafte Maßnahmen gegen die Klimakrise ergreift. Doch diese Worte stammen von zwei Wissenschaftlern der Oregon State University, William Ripple und Christopher Wolf, sowie Kolleg*innen aus Kapstadt, Sydney und Massachusetts – und 11 000 Forscherinnen und Forscher aus 153 Ländern haben sich ihrem Aufruf angeschlossen.

„Wissenschaftler haben die moralische Verpflichtung, die Menschheit vor jeder katastrophalen Bedrohung zu warnen“, schreiben die Autoren des Kommentars auf den Seiten des Fachjournals BioScience. „Die Klimakrise ist da und sie beschleunigt sich schneller, als viele Forscher erwartet haben. Ihre Folgen sind heftiger als angenommen. […] Mit wenigen Ausnahmen versagen wir alle gerade dabei, angemessen auf diese ernste Lage zu reagieren.“ Die Entscheidungsträger in der Politik müssten den Weg zu einer „gerechten Transition in eine nachhaltige und gerechte Zukunft“ einschlagen.

Unterzeichnet haben diesen Aufruf auch deutlich mehr als 300 Wissenschaftler aus Deutschland, darunter Antje Boetius, Präsidentin des Alfred-Wegener-Instituts, und Maria Krautzberger, scheidende Leiterin des Umweltbundesamtes, Gregor Hagedorn, Initiator der Initiative ScientistsForFuture, und Ortwin Renn, Direktor am Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam, Sabine Gabrysch, die erste Professorin für Gesundheit im Klimawandel an der Charité Berlin, und der Waldbrand-Experte Johann Goldammer vom Max-Planck-Institut für Chemie, aber auch Fachfremde wie die Primatenforscherin Julia Fischer aus Göttingen, viele Ärzte und Doktorand*innen etlicher Fächer.

Die Autoren des Aufrufs, die schon ähnliche Unterschriftenlisten mit teilweise noch mehr Zustimmung zirkulieren ließen, präsentieren viele Daten: zum Beispiel die Menge der Treibhausgase, Temperaturen und Meeresspiegel, Luftverkehr, Fleischproduktion und Bevölkerungszahl, die jeweils schnell und steil ansteigen. Diese Trendangaben kann man in Detail kritisieren. Doch zusammen zeigen sie ein vernichtendes Bild davon, wie die Menschheit die Grenzen der Natur überschreitet. Die Wissenschaftler argumentieren darum, dass sich das bald rächen könnte. Was vermutlich vor allem im Gedächtnis bleiben wird, ist die Warnung vor „menschlichen Leid“, die praktisch überall in Medien-Berichten über den Aufruf mit den 11 000 Unterschriften zitiert wurde.

Viele dürften sich nun erinnert fühlen an die Debatten über „Die unbewohnbare Erde“, den Essay und das Buch von David Wallace-Wells, der darin die jeweils schlimmsten Fälle in den Voraussagen der Wissenschaftler zusammengefasst hat. Und an die Aufsätze von Jonathan Franzen im Band „Vom Ende der Welt“, der den Kampf gegen die Klimakrise bereits für verloren hält. Beide wurden oft als haltlose, entmutigende Doomsday-Fantasien kritisiert, beide haben wir bei KlimaSocial bereits behandelt (Links sind wie immer unten zu finden).

Doch die Warnung aus Oregon unterscheidet sich von den beiden Büchern. Die Autoren des BioScience-Kommentars zeigen noch Handlungsoptionen auf, sie geben den Kampf nicht verloren (mehr dazu weiter unten). Und zugrunde liegt keine Worst-Case-Betrachtung, sondern einfach eine Fortschreibung heutiger Trends. 

Natürlich ist unklar, ob sich die Menschheit ihrer Verantwortung demnächst oder überhaupt rechtzeitig bewusst wird – und alles noch gut wird. Zurzeit kann man sich darum nur an den vorliegenden Zusagen im Rahmen des Pariser Abkommen orientieren. Sie führen in eine Welt, die sich um drei bis vier Grad Celsius erwärmen könnte (und ob diese Zusagen überhaupt eingehalten werden, ist genauso unsicher wie die Erwartung, dass die Länder im kommenden Jahr beim Klimagipfel ihre Aktionspläne nachbessern).

Drei bis vier Grad mehr. Nicht in dem Sinne von „bis zu drei bis vier Grad“, sondern als zentraler Schätzwert der entsprechenden Modellrechnungen. Und als globaler Durchschnitt, was bedeutet, dass die Landflächen sich noch mehr aufheizen und die Gebiete in höheren Breiten erst recht.  

Hinzu kommen weitere Veränderungen, die Abnahme der Biodiversität und der bestäubenden Insekten zum Beispiel. Oder die abnehmende Menge und Qualität von Trinkwasser. Diese Trends hat vor kurzen ein Wissenschaftler-Team um Rebecca Chaplin-Kramer von der Stanford University analysiert und gibt der Warnung von „nie da gewesenem menschlichen Leid“ weitere Substanz: Jeweils mehr als vier Milliarden Menschen könnten schon 2050 in große Gefahr geraten, immer wieder oder permanent Hunger und Durst zu leiden.

Wissenschaftlich korrekt lautet die Formulierung, dass diese Milliarden Menschen – praktisch die Hälfte der Menschheit – unter einem erhöhten Risiko von Wassermangel und einer unsicheren Ernährungslage leiden, wenn die momentanen Trends von Klimawandel und veränderter Landnutzung weitergehen. Viele von ihnen dürften überdies von beiden Problemen zugleich betroffen sein. Ungefähr die Hälfte von ihnen wird in Süd- und Südostasien leben, ein weiteres Viertel in Afrika, stellen die Autoren in Science fest. 

Die Wissenschaftler stützen sich vor allem auf den jüngsten Bericht des sogenannten Welt-Biodiversitätsrats IPBES. Dieses Gremium funktioniert ähnlich wie der Weltklimarat IPCC und bewertet als internationale Institution den Forschungsstand – insbesondere berechnen die Forscher aus den Angaben in der Literatur, welche Dienstleistungen die Natur uns Menschen anbietet.

Diese oft unterschätzte Fülle ist in vielen Aspekten bedroht: Wenn es immer weniger bestäubende Insekten gibt, gerät die Nahrungsmittelproduktion mit Pflanzen aus der Balance. Wo Mangroven, Salzwiesen oder Dünenpflanzen absterben oder vernichtet werden, leidet der Küstenschutz. Und Wasserpflanzen können bereits in vielen Weltregionen die Düngerreste und Nährstoffe nicht mehr neutralisieren, die von den übernutzten Feldern rinnen – können also das Süßwasser nicht mehr ausreichend reinigen. 

Wie sich das in Zukunft entwickeln könnte, erkunden die Forscher um Chaplin-Kramer mit drei Szenarien. Diese haben jeweils zwei Komponenten: einen Pfad der Treibhausgas-Emissionen und ein Modell der gesellschaftlichen und internationalen Organisation, das grundsätzliche Aussagen über Landverbrauch, Bevölkerungsentwicklung und politische Beziehungen enthält. So ergeben sich diese Szenarien für das Jahr 2050: 

  1. Nachhaltige Entwicklung: Die Welt bekommt die Emissionen so in den Griff, dass mindestens die Zwei-Grad-Grenze eingehalten wird. Der heutige Fokus auf wirtschaftliches Wachstum weicht einer Konzentration auf menschliches Wohlergehen, und Ungleichheiten – auch zwischen Staaten und Regionen – werden abgebaut. Die Zahl der Menschen erreicht ein Plateau bei 8,5 Milliarden und beginnt zu sinken (für die Spezialisten: RCP2.6 und SSP1).
  2. Regionale Rivalitäten: Der Ausstoß der Treibhausgase wird zwar gebremst, sie nehmen aber noch weiter zu. Die internationale Zusammenarbeit wird – wie wir es heute schon in Ansätzen erleben – durch nationale und bestenfalls regionale Egoismen ersetzt. Der Konsum verbraucht viele Rohstoffe. Die Bevölkerungszahl von dann zehn Milliarden Menschen steigt ungebremst. Ungleichheiten nehmen weiter zu (RCP6.0 und SSP3).
  3. Entwicklung durch fossile Energien: Die Industrieländer entwöhnen sich nicht ihrer Abhängigkeit von Öl und Kohle, und auch die heutigen Entwicklungsnationen setzen voll auf fossile Brennstoffe. Das bewirkt starkes Wachstum; Technologie und Innovation stehen im Vordergrund, der globale Welthandel blüht. Die Bevölkerung hört im 21. Jahrhundert auf zu wachsen, etwas später als im Szenario 1. Umwelt- und Klimaschäden nehmen zu, werden aber technisch „gemanagt“ – oder jedenfalls wird der Versuch unternommen (RCP8.5 und SSP5).

In diesem Trio könnte man das erste Szenario als Heile-Welt-Vision abtun, würden nicht auch hier jeweils um die 1,4 bis 1,7 Milliarden Menschen auf allen Kontinenten in Not geraten. Das mittlere hingegen führt zu den größten Problemen. Für fast vier Milliarden Menschen allein in Süd- und Südostasien sowie Afrika reichen die Bestäubungs-Dienstleistungen der Natur in der Nähe ihres Wohnorts nicht mehr aus, um genügend Nahrungsmittel bereitzustellen; für 3,5 Milliarden können Wasserpflanzen die Belastung des Trinkwassers nicht mehr genügend reduzieren.

Im technik-affinen Szenario 3) liegt diese letztere Zahl hingegen mit 1,1 Milliarden deutlich niedriger, weil sich Wasser mit Energieaufwand und Gerätschaften einigermaßen reinigen lässt. Für das Bestäuben von Blüten ist Technologie eher nutzlos. Darum erleben auch hier 2,5 Milliarden Asiaten und Afrikaner Lebensmittel-Unsicherheit.

In Eurasien und Nordasien, also der ganzen Region zwischen Portugal im Westen und China und Japan im Osten, würden in den beiden Szenarien 570 bis 810 Millionen Menschen an Nahrungsmittel-Mangel leiden; 360 bis 580 Millionen hätten nicht genügend Trinkwasser. In den Amerikas trifft der Hunger 500 bis 700 und der Durst 50 bis 200 Millionen Bewohner.

Unabhängig vom Szenario dürfte zudem weltweit eine gute halbe Milliarde Menschen, die an den Küsten und bis zu zehn Meter über dem Meeresspiegel leben, unter einem erhöhten Risiko von Sturmfluten und anderen Wetterextremen stehen.

Die besondere Leistung der Studie ist es, die Gefahren bis zum Niveau der Bevölkerung durchzuspielen. Beeindruckend ist zudem die räumliche Auflösung, mit der die Forscher rechnen. Die Elemente des Modells sind nur 300 mal 300 Meter groß – aber entsprechend anspruchsvoll ist es auch, vernünftige Ausgangsdaten zu finden. Vermutlich werden sich die konkreten Zahlen immer wieder verändern, wenn andere Gruppen die Methodik aufgreifen und mit neuen Datenquellen arbeiten. 

Die Autoren räumen zugleich einige wichtige Mängel ein. So berücksichtigen sie nicht, wo an den Küsten Deiche oder andere Schutzbauten stehen – die Bedrohung durch steigendes Wasser an der europäischen Atlantik- und Nordseeküste dürfte daher weitaus geringer sein als in den Karten vermerkt. Schließlich schützt hier eben nicht nur, oder nicht primär die Pflanzenwelt, sondern Infrastruktur die Küsten. (Das gleiche Problem hatte vor kurzem eine andere Studie in Nature Communications, die die Zahl der Menschen, die von Überflutungen betroffen sein könnten, drastisch nach oben setzte. Die Forscher hatten die Landhöhen in der Nähe der Küsten neu berechnet; eine Milliarde Menschen lebt demnach nun höchstens zehn Meter oberhalb des Meeresspiegels und ist Stürmen und Sturmfluten ausgesetzt. Darüber hatte KlimaSocial schon berichtet.) 

Auch die Definition, wer von Wasser- oder Lebensmittelmangel betroffen sein könnte, dürfte zu Kritik führen. Im ersten Fall dreht es sich nur um die Landbevölkerung unter der Annahme, dass Städter Kläranlagen besitzen – was sicherlich nicht überall stimmt. Im zweiten Fall ziehen die Autoren einen Radius von 100 Kilometern, in dem von Bestäubungsproblemen freie Nahrungsmittel wachsen müssen. Gerade in Industrieländern aber können Lebensmittel problemlos, wenn auch mit Energieeinsatz, über größere Distanzen transportiert werden.

Dennoch bleibt es eine enorme Größenordnung von Menschen, die bei den momentanen Trends in Gefahr geraten können: Es sind eben Milliarden, die womöglich keine ausreichenden Lebensgrundlagen mehr finden. Rebecca Chaplin-Kramer betont aber, dass nicht alle Betroffenen deswegen in Lebensgefahr geraten werden. „Wir haben keine guten Daten darüber, welchen Zugriff Menschen auf Infrastruktur und technologisches Kapital haben, wenn sie das Kapital der Natur verlieren“, sagt die Stanford-Wissenschaftlerin. „Aber der Verlust macht sie auf jeden Fall verletzlicher.“

Außerdem bleibt es nicht bei den drei Aspekten, die das Team untersucht hat: die Dienstleistungen der Natur schließen auch saubere Atemluft, Baumaterial oder Schutz vor dem Wetter ein und erlangen oft soziale und kulturelle Bedeutung. „Wir können daher auf keinen Fall sagen, wie die Lebensqualität der anderen Hälfte der Menschheit im Jahr 2050 ist, die keine Probleme mit Nahrungsmitteln, Trinkwasser und dem Meeresspiegel bekommt“, sagt Chaplin-Kramer.  

Über die Frage, ob die Klimakrise tatsächlich viele Menschen das Leben kosten könnte, hat die Wissenschaft mit viel weniger Detail schon einmal diskutiert. Seit mindestens zehn Jahren und zuletzt mit neuem Schwung geht es um die Frage, was eine Erhitzung von im Durchschnitt vier Grad zum Ende des Jahrhunderts mit den Lebensgrundlagen der Spezies Homo sapiens macht.

Der Gründungsdirektor des Potsdam-Instituts, Hans Joachim Schellnhuber, hatte im Jahr 2009 vor dem Klimagipfel in Kopenhagen gesagt, der Planet werde dann nur noch einer Milliarde Menschen ein Auskommen bieten. Ihm wurde danach von Klimawandelleugnern wider jede Logik unterstellt, er propagiere mit seiner Warnung einen Massenmord. Er erhielt deswegen persönliche Drohungen und wurde bei öffentlichen Vorträgen belästigt und bedrängt.

Ein Mitarbeiter einer UN-Hilfsorganisation sammelt Beutel von einer Gruppe von Frauen und Kindern hinter einem Stacheldraht-Zaun ein, die 2008 bei Port-au-Prince auf Haiti auf Nahrungsmittelhilfe warten. Das Fotoarchiv der Vereinten Nationen hat eine große Anzahl solcher Bilder von menschlichem Leid von allen Kontinenten.
Wer nach Bildern von menschlichem Leid sucht, findet sie im Fotoarchiv der Vereinten Nationen in großer Zahl. Auf allen Kontinenten sind besonders die Armen immer wieder in Not geraten, ob durch Konflikte, Dürren oder Fluten. Hier eine Aufnahme von 2008 aus einem Zentrum für Nahrungsmittel-Hilfe bei Port-au-Prince auf Haiti …
Eine Gruppe von Männern und Kinder, viele mit leeren Schüsseln in der Hand, warten 2002 in Maslakh-Camp in Afghanistan auf Lebensmittel-Hilfe.
… Im Maslakh-Camp in Afghanistan warten 2002 ebenfalls viele Menschen auf Essen. …
Eine Mädchen steht an der Glastür eines Busses und schaut hinaus. Neben ihr hält eine Frau ein Baby im Arm. Im Hintergrund reihen sich viele weitere solche Busse. Die Karawane bringt im Jahr 1999 Kosovo-Flüchtlinge aus der Gefahrenzone; die Gruppe soll in Deutschland Schutz finden.
… Eine lange Karawane von Bussen bringt diese Kosovo-Flüchtlinge im Jahr 1999 aus der Gefahrenzone; die Gruppe soll in Deutschland Schutz finden. …
In einer Wüstenlandschaft in Äthiopien, vor Wellblechhütten und Geländerwagen warten 1983 die Bewohner des Ebinat-Lagers auf Hilfe durch UN-Mitarbeiter. Die seit Jahrzehnten bekannten Probleme von regionalen Konflikten und Hungersnöten könnten sich in den kommenden Dekaden zuspitzen, warnen Klimaforscher.
… Und auch diese Gruppe im Ebinat-Lager in Äthiopien wartet im Jahr 1983 auf Hilfe durch UN-Mitarbeiter. Die seit Jahrzehnten bekannten Probleme von regionalen Konflikten und Hungersnöten könnten sich in den kommenden Dekaden zuspitzen, warnen Klimaforscher.

Vor kurzem hat einer seiner Nachfolger, der jetzige Ko-Direktor Johan Rockström, die Schätzung wiederholt und sogar ein bisschen nach unten korrigiert. „Es macht Schwierigkeiten, sich vorzustellen, wie wir eine Milliarde Menschen beherbergen könnten oder sogar die Hälfte davon“, sagte er dem Guardian. „Es wird zweifellos eine kleine Minderheit geben, die mit einem modernen Lebensstil überlebt, aber ansonsten wird es eine turbulente, von Konflikten beherrschte Welt sein.“

Wie gewalttätig es werden könnte, damit haben sich im August 2019 auch einige andere Wissenschaftler*innen beschäftigt. Sie äußerten sich auf Anfrage der Webseite Climatefeedback.org, die sonst Behauptungen von Klimawandelleugnern auf den Boden der Tatsachen holt. Es ging darum, ob denkbar oder von wissenschaftlichen Studien gedeckt sei, dass als Folge der Klimakrise im Lauf dieses Jahrhunderts etliche Milliarden Menschen an Hunger oder durch Gewalt sterben (wer dieses Szenario aufgeworfen hat und warum das hier so umständlich formuliert ist, erklärt eine Bemerkung am Ende dieses Texts).

Amber Kerr von der University of California in Davis nannte es „kaum vorstellbar, dass die Todeszahlen [wegen Nahrungsmangel] mehr als einige Zig Millionen oder höchstens wenige hundert Millionen betragen“ – immer noch unvorstellbare Größenordnungen, aber weit entfernt von den diskutierten Zahlen. Ken Caldeira von der Carnegie Institution ergänzte, es existiere in der Literatur keine Studie, die mit nennenswerter Wahrscheinlichkeit das Verhungern von sechs Milliarden Menschen auch nur für denkbar halte.

Doch dieser Widerspruch bezog sich lediglich auf die Frage, was durch wissenschaftliche Studien gesichert oder zumindest denkbar erscheint. Womöglich könne Forschung einen derartigen Bruch der Zivilisation jedoch überhaupt nicht erfassen, sagte Peter Kalmus vom Jet Propulsion Laboratory in Pasadena in der Climatefeedback-Analyse: „Ich sehe leider keine Möglichkeit, den Tod von sechs Milliarden Menschen mit Sicherheit auszuschließen.“ 

Entscheidend ist hier wieder einmal der Unterschied zwischen möglichen und wahrscheinlichen Entwicklungen in der Zukunft – der ja auch schon den Streit über die Bücher von David Wallace-Wells und Jonathan Franzen befeuert hat. Stützt man sich in der Kommunikation auf die möglichen schlimmsten Fälle, was offenbar viele Menschen abstößt und Fatalismus auslöst? Oder warnt man vor den immer noch gravierenden Veränderungen, die in der Mitte des Spektrums zu erwarten sind – und gibt gleichzeitig Hinweise darauf, wie die Folgen abzumindern sind?

Diese Strategie verfolgen letztlich die Autoren des Aufrufs mit den 11 000 Unterschriften. Sie stellen sechs Handlungsfelder vor: Energie, Ernährung, Biodiversität und Natur, wirtschaftliches Wachstum, Bevölkerung sowie Luftverschmutzung. Sparen, umstellen, schützen und reduzieren sei notwendig. Im Einzelnen hat man die Punkte schon oft gehört, aber die Autoren um William Ripple und Christopher Wolf schlagen einen neuen Ton an. Während zum Beispiel der IPCC immer wieder sagt: „Wenn Ihr Politiker die Klimakrise abwenden wollt, dann könnt Ihr zum Beispiel dies tun“, heißt es in dem Aufruf immer wieder: „Die Welt muss…“. 

Das ist den Wissenschaftlern als Einmischung in die demokratischen Prozesse angekreidet worden, dabei sind die Forderungen so allgemein formuliert, dass genügend Entscheidungsfreiheit für Politiker bleibt, verantwortliche Entscheidungen zu treffen.

Am kontroversesten könnte noch der Punkt im Aufruf sein, der davon spricht, die Weltbevölkerung „zu stabilisieren und idealerweise graduell zu reduzieren“. Aber einen Skandal kann daraus auch nur konstruieren, wer sofort aufhört zu lesen. Unmittelbar danach folgt die Forderung, dabei die „soziale Integrität“ zu wahren. Es gebe bewährte Verfahren, die Menschenrechte zu stärken und die Fruchtbarkeit zu senken, erklären die Autoren.

Nichts anderes diskutiert gerade eine Konferenz der Vereinten Nationen in Nairobi. Dort geht es darum, Bildung und Frauenrechte zu stärken und so die Geburtenrate zu senken. Allerdings wehren sich Staaten im globalen Süden häufig und zu Recht gegen die Bevormundung aus dem Norden. In der Diskussion über die Klimakrise tänzeln viele nervös um das Thema Bevölkerungswachstum herum. Der Leitartikel der Süddeutschen Zeitung zieht daher folgendes Fazit:

„Reiche und arme Länder müssen sich die Verantwortung teilen. Die Bürger der Industriestaaten stehen in der Pflicht, ihren Lebensstil zu ändern. […] Der Way of Life der Vorbilder, die da in Fernsehserien oder Werbung aus Amerika und Europa ihre Wirkung entfalten, muss grün sein. Nur wenn Solarzellen, E-Bikes und Innenstädte ohne Autos als cool gelten, werden sie sich auch anderswo durchsetzen. Realistisch ist das nur, wenn reiche Länder ihre Technologie teilen. Die armen Länder müssen nicht auf Wohlstand verzichten, ohne Familienplanung aber wird es nicht gehen.“ 

Was diese ganze Diskussion klar in den Fokus rückt: Die Klimakrise ist eine existentielle Bedrohung für die gesamte Menschheit. Es ist schlimm genug, dass viele einzelne arme Bewohner von Entwicklungsländern ihren Lebensunterhalt verlieren, noch gravierender, wenn ganze Staaten in Not geraten oder gar verschwinden. Doch sobald die Zahl der möglichen Opfer zehnstellig wird, ist ein weiteres Ignorieren der Gefahr einfach nicht mehr möglich – wenn man sich selbst als Teil dieser Menschheit versteht. ◀

Bemerkung zu einer nachträglichen Veränderung am Text am 28.11.2019:

Die erste veröffentlichte Fassung hatte Roger Hallam, einen der Mitgründer der Bewegung Extinction Rebellion, zitiert. Er warnte in der BBC vor einem Massensterben in diesem Jahrhundert mit sechs Milliarden Todesfällen. Diese Äußerung wurde später von Climatefeedback.org aufgegriffen und mehreren Fachleuten zur Begutachtung vorgelegt. Diese Diskussion ist ein Element der wissenschaftlichen Debatte, über die ich hier berichte. 

Hallam hat inzwischen in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit den Holocaust, also die systematische Verfolgung und  Ermordung von Millionen Juden, durch die deutsche Regierung relativiert. Einem Bericht in der Wochenzeitung Freitag zufolge, der sich mit Berichten von Aktivisten deckt und im Wesentlichen von der Pressestelle der Bewegung in Deutschland bestätigt worden ist, hat Hallam die Bemerkung absichtlich gemacht. Er wollte offenbar in einer verqueren Logik die Medien vorführen und mehr Aufmerksamkeit für sein Anliegen generieren. Der Freitag wertet es als „gezielte Provokation“. XR-Pressesprecher Timo Pfaff sagte im Interview mit jetzt.de: „Den Holocaust auf diese Weise zu instrumentalisieren, geht für uns gar nicht.“

Ich kann Hallam daher nicht mehr als seriöse Quelle werten. Es ist überdies nicht auszuschließen, dass seine Warnung in der BBC einen ähnlichen Zweck hatte und überhaupt nicht ernst gemeint war. Ich habe mich darum entschieden, Hallam im Text nicht mehr zu zitieren. Die Reaktionen bei Climatefeedback.org aber stammen von seriösen Wissenschaftler*innen und sind für die Beurteilung der Frage wichtig, ob tatsächlich Milliarden Menschen durch die Klimakrise in Not geraten. Darum habe ich diese im Text belassen. 

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