Wenn die Bucht aus dem Kanaldeckel quillt

An der amerikanischen Ostküste treiben Klimawandel und die lokale Geologie das Wasser auf die Straßen

Füße hoch: Das Wasser steht in Norfolk/Virginia auf der Straße. Foto: Will Parson/Chesapeake Bay Program

Womöglich ist es wirklich nur ein Ärgernis, aber es passiert immer häufiger: An der Chesapeake-Bay und in anderen Regionen der USA fließt das Wasser auch dann über die Straßen, wenn gerade überhaupt kein Sturm tobt. Die Ursachen sind vielfältig, eine wichtige ist der Klimawandel. Aber die anderen erlauben es vielen Anwohnern, die wachsende Gefahr zu ignorieren.

Für Schulte Junior war es natürlich ein Abenteuer, für den Vater hingegen eher lästig. Als beide eines Morgens zur Schule kamen, war die Straße vor dem Gebäude überflutet. Der Fünftklässler musste hinüberwaten, der Vater fuhr nach Hause, holte trockene Sachen, brachte sie dem Sohn und fuhr zur Arbeit. Dort wartete der erhöhte Wasserstand schon auf seinem Schreibtisch und in seinem Computer, in Form von Messdaten und Simulationsrechnungen. „Ich kann dem nicht entkommen“, seufzt Dave Schulte, Ozeanograph beim Army Corps of Engineers in Norfolk/Virginia, „Überflutungen rund um die Chesapeake Bay sind der Gegenstand meiner Arbeit und ich erlebe sie häufig im Privatleben.“

Schultes Heimatstadt wird seit Jahren vom sogenannten Nuisance Flooding geplagt: Überschwemmungen, die niemanden in Gefahr bringen, aber lästig sind und unerwartete Kosten verursachen. Nach einer Untersuchung der amerikanischen Behörde für Ozeane und Atmosphäre Noaa hat sich die Zahl der Tage, an denen das in Norfolk passiert, im Lauf der vergangenen Jahrzehnte vervierfacht: von 1,7 im Mittel der Jahre 1957 bis 1963 auf 7,3 fünfzig Jahre später.

Viele Orte rund um die Chesapeake Bay, an deren Mündung in den Atlantik Norfolk liegt, sind noch stärker betroffen. Annapolis und Baltimore, beide im US-Staat Maryland, führen die Noaa-Liste an, dort hat sich die Zahl der Fluttage jeweils verzehnfacht, in Annapolis im Mittel auf 39 pro Jahr. Auch Washington, das über den Potomac an die Bucht angebunden ist, steht unter den Top-Zehn: knapp 30 Tage nuisance flooding, fast fünfmal so viele wie vor 50 Jahren. „Weil der sogenannte relative Meeresspiegel ansteigt, braucht es nicht einmal einen starken Sturm oder Hurrikan wie früher, um Überschwemmungen auszulösen“, sagt William Sweet von Noaa, der die Daten zusammengetragen hat. „Draußen ist es sonnig und schön, und trotzdem stehen Straßenkreuzungen unter Wasser und blubbert es aus der Kanalisation.“

40 Zentimeter mehr als vor 90 Jahren

Dass Sweet den Meeresspiegel mit dem Adjektiv „relativ“ verknüpft, erspart ihm endlose Diskussionen. Zwar konfrontieren die lästigen Überschwemmungen in der historisch wichtigen und dicht besiedelten Chesapeake-Region viele Amerikaner mit der Realität, die Klimawandel und Meeresspiegelanstieg für eine aufgebauschte Gefahr halten. Doch ist das Phänomen keine reine Lehrstunde für Skeptiker und Kritiker, und schon der Begriff „relativer Meeresspiegelanstieg“ deutet auf die komplexen Ursachen und Umstände hin.

Der Wasserstand an der Chesapeake Bay ist allein seit dem Jahr 1927 um etwa 40 Zentimeter angestiegen, deutlich mehr als im globalen Durchschnitt. Etwa die Hälfte der jährlichen 4,4 Millimeter Zunahme geht nach der Analyse viele Wissenschaftler, unter anderem Sweet und Schulte, auf den globalen Klimawandel zurück, weil Gletscher schmelzen und sich das erwärmte Wasser ausdehnt. Die andere Hälfte des Anstiegs aber hat lokale Ursachen: Das Land hier sinkt, vor allem in Folge der Grundwasser-Entnahme und einiger langfristiger geologischer Prozesse. Nur: Welchen der beiden nahezu gleichgewichtigen Anteile Menschen betonen, ist oft ein politisches Bekenntnis, besonders seit Donald Trump ins Weiße Haus eingezogen ist.

Wer vor allem vom Klimawandel spricht, dem verschließen sich viele Türen. So erhält Thomas Quattlebaum von der Umweltorganisation Chesapeake Bay Fund (CBF) gelegentlich nicht einmal eine Antwort, wenn er Nachbarschaftsvereine anspricht, um sie über Küstenschutz mit Pflanzen und Dünen statt mit Beton zu informieren: „Auch wenn Informationsabende zustande kommen, ist das Gespräch oft schwierig und konfliktreich.“ Der Begriff Nuisance Flooding verharmlost die Lage allerdings auch – zumal Stürme angesichts des erhöhten Wasserstandes durchaus gefährlich werden. Schon die „lästigen“ Überschwemmungen aber verursachen hohe Kosten.

Bedroht ist sogar die nationale Erinnerung. In der Nähe von Norfolk treffen die Überschwemmungen die Ruinen von Jamestown. Viele Amerikaner betrachten den Ort als Wiege ihres Landes: Hier gründeten englische Siedler 1607 die erste permanente Siedlung. Doch die Überreste des Forts und der Kirche sowie viele archäologische Spuren im Boden liegen nur noch etwa einen Meter über dem Spiegel des James River, der hier den Gezeitentakt der Bucht aufnimmt. Dieses kulturelle Erbe vor dem Klimawandel bewahren, bedeutet ein Dilemma. „Es wäre einfach, Jamestown mit Deichen zu schützen“, sagt Dave Schulte, dessen Behörde solche Bauten planen müsste. „Aber wie beschützt man seinen Charakter, wenn der Blick aufs Wasser verloren geht?“ ◀

Hinweis: Eine umfangreiche Reportage über die Situation an der Chesapeake Bay für Marine und Bürger finden Sie hier.

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