„Das ist natürlich ein Trick, aber ein guter Trick“

Die Umweltbewegung muss sich ihrer Kraft bewusst werden – und dann die Kommunikationsstrategie der Neoliberalen nutzen, fordert ein Professor

Interview von Christopher Schrader

C. Schrader Ein Park an einem Frühlingstag: Ein großer Baum steht auf einer blühenden Wiese, durch die sich zwei Spuren eines Trampelpfades ziehen. – Wo viele langgehen, entsteht bald ein Trampelpfad, der weitere Menschen anzieht. Auf ähnliche Weise könnten die Umweltorganisationen das Interesse an einer neuen Wirtschafts-Ordnung wecken und leiten, wenn sie sich auf eine gemeinsame Botschaft einigen.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Hamburg, den 18. Februar 2020

Die Umweltbewegung mit all ihren kleinen und großen Gruppen verschwendet ihre Kraft, ist Lance Bennett überzeugt. Statt nur für ihre jeweiligen Anliegen zu kämpfen, könnte sie mit einer gemeinsamen Botschaft viel mehr erreichen, sagt der Kommunikationsforscher von der University of Washington in Seattle. Er schlägt vor, dass sie alle sich auf die gemeinsame Grundidee eines neuen Wirtschaftsmodells einigen. Es müsste die Grenzen des Planeten beachten, würdige Jobs und Auskommen für Menschen schaffen, wirtschaftliches Wachstum durch zunehmendes Wohlergehen ersetzen. Und dann sollten alle Gruppen zusammen dafür werben. Das große Vorbild dieser Strategie sind ausgerechnet die erklärten Feinde vieler der Gruppen: die Neoliberalen und ihre Thinktanks.

[Anmerkung: Sie können beim Lesen drei Frage-und-Anwort-Bereiche, die eher Hintergrundinformationen enthalten, per Klick überspringen.]

Christopher Schrader: Sind die beiden Milliardäre Charles Koch und sein Mitte 2019 verstorbener Bruder David eigentlich so etwas wie Vorbilder für Sie?

Lance Bennett: Um Himmels willen, nein. Charles Koch war und ist die treibende Kraft hinter der politischen Operation der Koch Brothers. Seit den 1980er-Jahren bis heute geht es der Familie vor allem darum, den Klimawandel zu leugnen. Das Vermögen der Kochs stammt aus Öl, Raffinerien und Kunststoffen. Sie haben schnell verstanden, dass der Klimawandel tatsächlich passiert, aber sie wussten nicht, wie sie verhindern sollten, dass ihre Geschäfte darunter leiden. Also haben sie beschlossen, Desinformation zu streuen und damit Politiker, Presseleute und die normalen Bürger einzulullen.

Aber Sie, Lance, haben auch gesagt, eigentlich müssten die Klimaschützer sich an der Kommunikations-Strategie an den Neoliberalen ein Beispiel nehmen. Gilt das auch für die Kochs? Sind die größten Feinde auch die größten Vorbilder?

Man kann viel davon lernen, wie sie ihre Kommunikation organisiert haben. Die Neoliberalen und die Leute wie die Kochs, die aus der Tradition kommen und die Arbeitsweise übernommen haben. Man muss sich vielleicht die Nase zuhalten, aber man kann davon lernen.

Also, rein als Kommunikationsleistung betrachtet: Ist das eine Erfolgsgeschichte?

Wenn einem die Umwelt egal ist, na klar. Und wenn einem die kurzfristigen Profite wichtig sind und es nichts ausmacht, dass der Planet am Ende wärmer und instabiler geworden ist.

So ist es ja auch gekommen.

Wo die Umweltbewegung ihre Kraft bündeln soll

Aber wir müssen immer im Kopf behalten und daran erinnern, dass die Bewegung der Neoliberalen mit einer grundsätzlichen Täuschung operierte. Sie sagte sich: Wenn wir den Leuten erzählen, was wir wirklich durchsetzen wollen, nämlich dass der Markt die Sozialpolitik bestimmt, …

… und ruiniert …

… dann werden sie uns nicht unterstützen. Darum müssen wir sie anlügen. 

Während die Klimaschützer heute ganz genau erklären, was sie wie erreichen wollen?

Ja. Wir sagen den Leuten die Wahrheit und legen die Zwecke unserer politischen Ideen ehrlich offen. Wir sind in Kontakt mit der Wissenschaft und würden, wenn es mit dem Klimaschutz mal richtig losgeht, stets analysieren, was funktioniert und was nicht funktioniert – und uns danach richten.

Kann man denn überhaupt etwas von den Neoliberalen lernen, wenn man bei der Wahrheit bleibt?

Das Wesen von deren Kommunikations-Strategie war ja nicht das Lügen, sondern der Umgang mit Ideen, das Verbreiten und Durchsetzen von Ideen. Das haben die Neoliberalen perfektioniert. In unserem Fall geht es aber um die Idee einer besseren Gesellschaft, die Klima und Umwelt schützt und in der die Menschen gute, würdige Arbeit haben. Es ist eine Idee, die die ganze Umweltbewegung vorantreiben sollte. Hinter der sie ihre Kraft bündelt.

Aber würden die Gruppen auf der progressiven oder linken Seite sich nicht mit Grausen abwenden, wenn man ihre Arbeit mit der ihrer größten Feinde vergleicht?

Sie müssen dazu ja keine Neo-Liberalen werden. Die haben aber das erfolgreichste Kommunikationsmodell unserer Zeit entwickelt, dabei waren sie anfangs ein viel kleinerer Haufen als die Umweltbewegung heute ist. Es war unwahrscheinlich, dass sie die Welt erobern würden, hat aber geklappt.

Porträt-Aufnahme des Interviewten. Er hat graue, wellige Haare, trägt eine blau-gestreifte Brille und sitzt in einem Berliner Park vor Büschen. Lance Bennett ist Professor für Politik-Wissenschaft an der University of Washington in Seattle und „Affiliate Scholar“ am Institut für transformative Nachhaltigkeit-Studien (IASS) in Potsdam. Er hat ein Netzwerk gegründet, das sich um gemeinsame Lösungen für die Probleme der Umwelt, Wirtschaft und Demokratie bemüht (Solutions for Environment, Economy, and Democracy – seed.uw.edu).
Lance Bennett ist Professor für Politik-Wissenschaft an der University of Washington in Seattle und „Affiliate Scholar“ am Institut für transformative Nachhaltigkeit-Studien (IASS) in Potsdam. Er hat ein Netzwerk gegründet, das sich um gemeinsame Lösungen für die Probleme der Umwelt, Wirtschaft und Demokratie bemüht (Solutions for Environment, Economy, and Democracy – seed.uw.edu).
C. Schrader

Davon lernen, ohne die Ideologie zu übernehmen

Okay. Wenn die Kommunikations-Strategie der Neoliberalen als Vorbild dienen soll, müssen wir sie kennenlernen. 

Es war zu Anfang eine Reihe von wenig populären Ideen; ihr späterer Erfolg war unwahrscheinlich. Trotzdem gab es einen Siegeszug dieser Wachstums-orientierten, vom Markt getriebenen Wirtschaftspolitik unter einen schwachen Staat. Um es noch mal zu wiederholen: Das können wir als Kommunikationsprojekt analysieren und davon lernen – ohne dass wir diese Ideologie übernehmen.

Wie hat das Projekt denn funktioniert?

Man kann vier entscheidende Elemente erkennen. Erstens muss man Ideen wie das Produkt einer Fabrik betrachten, das man gezielt herstellt und attraktiv gestaltet. Diese Ideen-Fabriken nennt man Thinktanks, und es gibt sehr viele davon auf der rechten, aber nur wenige auf der linken und progressiven Seite. Die Ideen-Fabriken haben zweitens ihre Ideen für verschiedene Zielgruppen in verschiedenen Ländern jeweils gesondert verpackt. Es gab Versionen für Politiker, für Bürger und Geschäftsleute, für Chile und China, für Deutschland, die USA und Groß-Britannien. In jedem Fall sollten sie zu den lokalen wirtschaftlichen Bedingungen und Traditionen passen. Dann wurden drittens diese Ideen in sorgsam geknüpfte Netzwerke eingespeist. Sie können ja nichts bewirken, wenn sie nicht ausgetauscht und verbreitet werden. Und wenn die Öffentlichkeit, Politiker und Ökonomen die Ideen unterstützen, mussten daraus viertens Gesetzesinitiativen werden, die verabschiedet wurden.

Das sind erst einmal nur vier Schritte.

Aber wenn man den Weg zu Ende geht, hat man ein Gesetz. Der Trick war, an den Ideen so lange herumzufeilen und sie als Lösung aller Probleme auszugeben, und so lange die Netzwerke zu pflegen, bis der Erfolg kam.

Ein globales Netzwerk von Thinktanks

Wieso haben die Neoliberalen gelogen? Sie haben doch offen gesagt und sagen es noch: Der Markt soll es richten. Und die Leute glauben ihnen. 

Ja, sie haben die Verbraucher mit dem Versprechen geködert, dass die Regierung in ihrem Leben keine Rolle mehr spielt, weil diese angeblich die Wirtschaft behindere, Produkte teurer mache und die Auswahl der Konsumenten einschränke.

Haben die Leute bekommen, was sie sich erhofften?

Nein, viele haben es nicht bekommen. Oft ist sogar das Gegenteil eingetreten, Millionen Menschen sind ärmer geworden.

Gab es irgendwo einen Masterplan? Um nicht zu sagen, eine Verschwörung?

Es war überhaupt keine Verschwörung. Der Kern dieser Bewegung war ein Zirkel von Männern um Friedrich August Hayek, den österreichischen Wirtschaftswissenschaftler. Die Gruppe nannte sich die Mont-Pèlerin-Gesellschaft nach einem Dorf am Genfer See. Es zählten andere Ökonomen dazu, Soziologen, Wissenschafts-Philosophen, einige Nobelpreisträger. Es waren und sind nicht viele, aber sie haben großen Einfluss. Der Zirkel trifft sich noch heute jedes Jahr.

Und die Thinktanks?

Der Zirkel um Hayek hatte ganz früh die geniale Idee, seine Vorstellung einer liberalisierten Wirtschaft von einer großen Menge aneinander ausgerichteter Organisationen im globalen Maßstab weiterspinnen zu lassen. Heute zählen zu dem Atlas-Netzwerk, das daraus entstanden ist, etwa 450 solche Ideenfabriken in ungefähr 90 Ländern. 

„Die Umweltbewegung hat sich selbst klein gemacht“

Sich um die Erfolgsgeschichte der Neoliberalen zu kümmern, würde man eher einem politischen Philosophen oder Historiker zutrauen. Warum analysieren Sie als Kommunikationsforscher das so im Detail?

Weil ich hoffe, dass progressive Bewegungen lernen, wie man wirkungsvoller kommuniziert. Das gilt besonders für die Umweltbewegung, die groß ist, viele einzelne Organisationen enthält und enorme Ressourcen hat. Aber die Umweltbewegung hat sich selbst klein gemacht.

Wie meinen Sie das?

Viele Organisationen kämpfen für ganz eng definierte Ziele, den Erhalt bedrohter Arten, die Einführung einer CO2-Abgabe oder eines Emissionshandels. Selbst wenn man sie zusammen betrachtet, wird aus den Teilen keine Summe, die etwas bedeutet und verändert. Es gibt keine gemeinsame Linie. Ich hoffe, dass die progressiven Kräfte eine gemeinsame Botschaft entwickeln, in der die Ökonomie eine Rolle spielt. 

Wer Pinguine schützt oder ein Repair-Café betreibt, soll nebenbei zum Wirtschafts-Theoretiker werden?

Es muss eine Verschiebung geben von schmalen ökologischen Zielen hin zu einer ökonomischen Idee, die die Umwelt erhält, aber den Leuten auch zeigt, wie sie ein gutes Leben führen, Arbeit finden und ihre Familie in der Zukunft ernähren können. Darum interessiere ich mich für Kommunikation, weil die Umweltbewegung das sehr schlecht macht. 

„Die Konzentration von Reichtum bedroht Demokratien“

Welche zentrale Idee könnte die Umweltbewegung in den Mittelpunkt stellen?

Eine Wirtschaftsordnung, die im Gleichgewicht mit der Umwelt steht und die Bedürfnisse aller Menschen erfüllt. Davon kann es viele verschiedene Versionen geben, dazu kann man viele verschiedene Geschichten erzählen, Experimente machen. Die heutige Wirtschaftsordnung funktioniert eigentlich nur für die Reichen gut. Sie vergrößert fast überall die Ungleichheit, sie bringt die Politik aus der Balance. Die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen Weniger bedroht Demokratien.

Diese Macht müsste man ihnen wegnehmen. Das ist noch nie leicht gewesen.

Aber wir müssen doch einmal anfangen darüber nachdenken, wie wir zum Beispiel die Nutzung von Ressourcen vernünftig begrenzen. Und wie wir die Kosten von Abfall berechnen, die die traditionelle Ökonomie ignoriert. Wir brauchen ein ganzheitlicheres Modell der Wirtschaft.

Muss das noch erfunden werden?

Nein, es gibt solche Modelle seit den 1960er-Jahren, sie sind zusammen mit der Umweltbewegung entstanden, aber diese hat sie weitgehend ignoriert.

Wer sind die Vordenker gewesen?

Hermann Daly hat in den 1970er-Jahren die Steady-State Economics vorgelegt, und eine Organisation entwickelt das Modell seither weiter. Schon der Name erklärt ja, worum es geht. Eine britische Wissenschaftlerin namens Kate Raworth hat zudem gerade in ihrem Buch „Donut-Ökonomie“ die Ideen einer Kreislaufwirtschaft weiterentwickelt.

„Bisher gilt Klimaschutz als links“

Ist „grünes Wachstum“ ein Wirtschaftsmodell, auf das sich die Umweltbewegung einigen könnte?

Nein, das ist doch ein Widerspruch in sich. Es klingt gut, aber das Wort Wachstum muss weg.

Das wird schwierig: Viele Ökonomen, und nicht nur die neoliberalen, sehen Wachstum als nötigen Schmierstoff, um Konflikte in der Gesellschaft zu entschärfen.

Ich weiß. Kaum ein Politiker, kaum eine NGO, die mit ihrer Hauptbotschaft gehört werden will, spricht heute über Alternativen zum Wachstumsmodell. Aber das muss nicht so bleiben: Das Wachstum hat doch nur den Reichen genützt. Im Zentrum könnte stattdessen Wohlbefinden stehen, Gesundheit, Gemeinschaft. Eher kleine Unternehmen mit geringem CO2-Fußabdruck, die sich an den Bedürfnissen und Werten ihrer jeweiligen regionalen Gemeinschaft orientieren.

Klingt faszinierend – aber man hört schon die ätzenden Kommentare aus den konservativen Parteien: die naiven Träume eines übrig gebliebenen Altlinken. 

Ja, ja. Bisher gilt Klimaschutz als links, dabei sollte es doch ein Thema für die ganze Menschheit sein. Die britische Organisation Climate Outreach hat schon vor einigen Jahren ein Programm begonnen, gezielt die gemäßigten Rechten anzusprechen. Die Stärkung der lokalen Wirtschaft, eine Unterstützung kleiner Betriebe mit lokalen Besitzern, das verstehen die. Außerdem sind ihnen Sicherheit, auch Energiesicherheit, und Wohlergehen wichtig und sie sehen die Natur als Teil des eigenen Lebens und nicht als einen von ihnen entfernten Teil des Planeten. Es gibt eigentlich überhaupt keinen Grund, warum die Konservativen einer guten Umweltpolitik widersprechen sollten.

KlimaSocial-Interviews zum Thema konservative Umweltpolitik und Climate Outreach:

„Organisationen an Schnittstellen machen den Anfang“ 

Wie soll es denn funktionieren, dass sich die Teile der Umweltbewegung auf ein Wirtschaftsmodell einigen? Die Elefantenschützer, die Gegner von Bergwerken, die Kämpfer für Klimaschutz, sie nehmen alle eine Auszeit und denken über die Wirtschaftsordnung nach?

Nun, es gibt einige Organisationen, die bereits an den Schnittstellen stehen und vielleicht am besten den Anfang machen. Oxfam zum Beispiel, ursprünglich eher für Entwicklung und soziale Fragen engagiert, hat begonnen, sich für das Klima, die Umwelt und die Wirtschaft zu interessieren. Es gibt genügend Gruppen, die sich entscheiden könnten, wirtschaftlichen Grundfragen einen Teil ihrer Ressourcen zu widmen und mit entsprechenden ökonomischen Thinktanks zu kooperieren. So könnte ein Ideen-Netzwerk entstehen.

Irgendwelche Vorschläge, wo wir anfangen?

Nach den Wahlerfolgen bei der Europawahl haben die europäischen Grünen das Konzept des Green New Deal auf ihre Webseiten gestellt. Die Grünen in Deutschland auch. Und in den USA wird sowieso die Idee diskutiert, die Umstellung der Wirtschaftsweise als staatliches Investitionsprogramm zu betrachten.

Bei der neuen EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen heißt es „Green Deal“.  

Wie es schon bei der liberalen Marktwirtschaft war, werden verschiedene Gesellschaften und Institutionen jeweils eine eigene Version dieser Grundidee entwickeln. Dieser Plan wird nicht überall funktionieren, aber er kann überall angepasst werden.

„Die Umweltbewegung hat viel Geld“

Woher soll das Geld kommen, das die neuen Thinktanks finanziert?

Oh, es ist ganz viel Geld im Kreislauf. Die Umweltbewegung hat viel Geld, aber es dient der Rettung der Eisbären oder dem Propagieren neuer Verfahren, CO2 zu besteuern. Dieses Geld löst das Grundproblem nicht; mein Vorschlag ist darum, diese Mittel so umzuwidmen, dass sie uns wirklich nützen. 

Aber da niemand freiwillig die Finanzierung seiner Kampagnen aufgeben wird, muss es am Anfang doch wohl frisches Geld für diese neue Aufgabe geben.

Kommen wir doch noch einmal auf die Koch-Brüder zurück. Sie haben einem Greenpeace-Bericht zufolge bisher 150 Millionen Dollar ausgegeben, um Zweifel am Klimawandel zu säen. Es werden sich doch angesichts dessen sicherlich einige reiche Spender mit anderen Ideen finden, die schon existierenden Thinktanks in Nöten einige Millionen anbieten, damit sie sich dem Thema eines neuen Wirtschaftsmodells widmen. Und nicht nur das, sie müssen sich auch mit anderen Institutionen, Gruppen, Parteien, Firmenverbänden und anderen Akteuren vernetzen, um die Idee jeweils für deren Situation und Perspektive anzupassen.

Schritt 1 und 2 in Ihrem Vier-Punkte-Plan?

Und Schritt 3 wäre es, Politiker ins Gespräch zu holen. Viele von denen verstecken sich doch heute: Sie kennen die Probleme der Wirtschaftsordnung, aber sie trauen sich nicht, darüber öffentlich zu sprechen. Warum also laden wir sie nicht zu Konferenzen ein, wo sie über ihre Sorgen, Ängste und vielleicht Hoffnungen sprechen können?

„Es gibt Kapitalismus in vielen Geschmacksrichtungen“

Gibt es da nicht jede Menge Interessenkonflikte? Politiker bekommen mehr Geld zum Verteilen, wenn mit dem Wachstum die Steuereinnahmen steigen. Die reichen Spender oder Familienstiftungen haben ihr Geld mit Wachstum gemacht und wollen vielleicht noch mehr machen. Und nun sollen sie Initiativen finanzieren, die das Wachstum begrenzen?

Ja, das ist ein wichtiges Dilemma. Viel Geld, besonders das Geld der privaten wohltätigen Organisationen kommt aus Investitionen, die auf Wachstum beruhen. Das ist ein Grund mehr, die Regierungen unter Druck zu setzen. Sie sollen Forschungszentren finanzieren, aus denen sich Thinktanks für eine künftige Wirtschaftsordnung entwickeln. Dafür könnten Politiker sogar Lob bekommen.

Lob dafür, dass sie über Alternativen zum bisher heiligen Wachstum nachdenken lassen?

Einzelne Aspekte sind unverfänglich: Nehmen Sie nur die Frage, was mit den Arbeitsplätzen wird, wenn sich die Digitalisierung durchsetzt. Oder: Wie gehen wir mit den amerikanischen Tech-Companies um, die das Konsumverhalten in ungeahnte Höhen treiben, weil sie Algorithmen zur Manipulation von Verhalten auf unseren Handys laufen lassen? Über solche Fragen kann man zumindest nachdenken, besonders in Europa, wo es keine große Liebe zu Firmen wie Google, Facebook oder Apple gibt. Brüssel hat viel mehr Initiative gezeigt, deren Geschäfte zu regulieren, als die US-Regierung.

Man kann sich aber schon ausmalen, wie dann die Alarmrufe kommen: Die Regierung gibt Geld, um den Sozialismus zu erforschen.

Es gibt Kapitalismus doch in vielen Geschmacksrichtungen. In den 1950er- und 1960er-Jahren fand er zum Beispiel eine bessere Balance zwischen den Interessen der normalen Leute einerseits und der Firmen andererseits, weil die Regierungen eingriffen. Wenn man dazu den umfassenden Schutz der Umwelt addieren würde, hätte man einen viel freundlicheren Kapitalismus als heute.

„Aus dem großen Ziel werden viele Geschichten“

Besteht nicht die Gefahr, wenn man ein übergroßes Ziel definiert, dass man darüber die vielen kleinen Schritte ignoriert, die mit weniger Aufwand zu erreichen sind?

Nein, dafür ist ja die Anpassung der Ideen an den jeweiligen Kontext da. Die Thinktanks sollen identifizieren, was wo funktioniert und am nötigsten ist. Aus dem großen Ziel werden dann schnell viele persönliche Geschichten, lokale Ideen.

Dafür braucht man Beispiele. Menschen haben nur eine begrenzte Fantasie, sich vorzustellen, wie es sein könnte. 

Solche Beispiele gibt es ja, aber man müsste sie so zusammenführen, dass die Leute sehen, wie das in ihrer Stadt, in ihrer Region funktionieren könnte. Ich komme aus der reichen Stadt Seattle. Dort können es sich die Menschen, die in den Hotels und Restaurants arbeiten, nicht mehr leisten, in der Stadt zu leben. Gleichzeitig gibt es viele vermögenden Menschen in Seattle, wo Microsoft, Amazon und Boeing und andere Konzerne sitzen. Sie geben Geld für Kampagnen zum Mindestlohn, für gerechte Lösungen für Menschen, die in der Nähe von Giftmüll-Kippen wohnen. Aber viele dieser Spender haben erkannt, dass ihre Beiträge nichts Grundlegendes verändern. Also haben sie eine Geber-Gemeinschaft gegründet, eine Funders Alliance, um Gruppen mit ganz verschiedenen Zielen aus den Bereichen Umwelt und Wirtschaft oder Arbeitswelt zusammen zu führen, sodass sie gemeinsame Botschaften entwickeln.

Es sollte also mehr um Lösungen als um Probleme gehen?

Vor allem sollten wir damit aufhören, Umweltprobleme nur als Umweltprobleme zu sehen. Wenn wir sie als ökonomische Probleme betrachten, könnten wir gleich anders darüber sprechen. Das ist natürlich ein Trick, aber ein guter Trick, weil es den Blick weitet. ◀

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