Der Staat soll's richten

In Texas wollen sich die Verursacher des Klimawandels mit einem Deich vor dem Klimawandel schützen, an der Ostküste kosten Häuser mehr, wenn man die globale Erwärmung für erfunden hält - ein Update von Christopher Schrader

KlimaSocial - der Perspektivwechsel in der Klimadebatte

In Texas bauen sie einen Deich, und in den US-Staaten zwischen Virginia und Florida sinken die Immobilienpreise, lauten zwei Meldungen der vergangenen Woche. Was geht uns das an, könnte man fragen, und an das Fahrrad in Peking erinnern, das neulich umgefallen sein soll. Doch mit etwas mehr Hintergrund-Information wird die Bedeutung schnell klar: Der Deich in Texas wird von den dort verantwortlichen Politikern gefordert, die offiziell nicht an den Klimawandel glauben und trotzdem die Öl-Industrie ihres Staates vor den Folgen eben jenes Klimawandels schützen wollen. Und die Häuser und Grundstücke an der amerikanischen Ostküste verlieren an Wert, weil sie immer wieder vom inzwischen angestiegenen Ozean und jenen Flüssen, Buchten und Kanälen überflutet werden, die die Wohnlage einst so attraktiv gemacht haben. Viele der Besitzer aber wollen vom Klimawandel und dessen Folgen ebenfalls nichts wissen.

Die globale Erwärmung kümmert sich nicht darum, ob jemand sie für real hält. Sie schreitet auch dort fort, wo die Menschen beträchtliche geistige Energie darauf verschwenden, die Klimakrise als Schwindel, natürliches Phänomen oder insgesamt positive Entwicklung darzustellen, und eine angemessene politische Reaktion darauf als sozialistische Verschwörung oder als zu teuer verteufeln. Diese Mechanismen haben wir erst vor kurzem hier beschrieben. Es ist daher eine interessante Versuchsanordnung: Wie werden diese Menschen reagieren, wenn sie immer wieder und immer deutlicher mit den Folgen der globalen Erwärmung und des Meeresspiegelanstiegs konfrontiert werden, den sie doch negieren? Die Region Houston/Texas und die Gegend um die Chesapeake Bay in Virginia kamen in zwei der hier veröffentlichten Artikel prominent vor. 

Über den Deichbau in Texas hatte die Nachrichtenagentur AP groß berichtet. Dort möchten die Staatsbehörden die Küstenlinie zwischen Port Arthur an der Grenze zu Louisiana im Osten und Freeport im Westen schützen lassen. Diese Pläne werden schon seit dem Hurrikan Ike diskutiert, der die Gegend 2008 getroffen hatte; die Überschwemmungen nach dem Wirbelsturm Harvey haben die Debatte neu belebt. Dieser Hurrikan hatte sich nach Erreichen der Küste im August 2017 über der Region Houston festgesetzt und tagelang heftigen Regen über dem Land ausgeschüttet. Klimaforscher erkennen vor allem in diesem Stillstand, der durch eine Blockade-Konstellation im Jetstream begünstigt wurde, den Einfluss des Klimawandels auf das Ausmaß der Schäden. 

Der Schutzwall, den sich die Texaner wünschen, soll fünf bis sechs Meter hoch werden und auch die ganze Bucht von Galveston abriegeln. Vor einigen Wochen hat das für solche Projekte zuständige US Army Corps of Engineers, das trotz seiner militärischen Bezeichnung vor allem zivile Infrastrukturprojekte plant und finanziert, mehr als fünf Milliarden Dollar bewilligt, davon vier Milliarden für die Küstenlinie. Sie sollen die Schäden nach Hurrikan Harvey beheben und vor künftigen Überflutungen schützen. Insgesamt möchten die lokalen Politiker in Texas gern zwölf Milliarden Dollar öffentlicher Gelder ausgeben, äußerten sich AP zufolge über die Zusage also eher enttäuscht. 

Die vier Milliarden Dollar sollen nun drei Projekten zugutekommen, die vor allem chemische Fabriken und Öl-Raffinerien schützen, berichtet der Korrespondent der Nachrichtenagentur. Die Sicherung von Natur oder Wohngebieten nimmt demnach erst einmal eine sekundäre Rolle ein. Konservative Politiker verteidigen das: Die Raffinerien dienten der nationalen Sicherheit und Wirtschaftskraft, weil die Benzinpreise schon empfindlich gestiegen waren, als Harvey Houston unter Wasser gesetzt hatte. 

Diese Haltung wird von zwei Seiten angegriffen: Das libertäre Cato-Institut moniert, die Texaner sollten nicht so sehr auf Geld aus Washington schielen, sondern ihre Position der Eigenverantwortung auch jetzt beibehalten. Umweltschützer wiederum kritisieren, dass die Öl-Industrie billig davonkommt, dass jetzt die Steuerzahler der ganzen Nation zur Kasse gebeten werden, um eine Gefahr für die Firmen abzuwenden, für die diese erhebliche Mitverantwortung tragen.

Die Ölkonzern selbst haben sich in dem AP-Bericht nicht öffentlich zu den Projekten äußern wollen. Nur eine Sprecherin der Lobbygruppe American Petroleum Institute sagte: Man habe doch schon Steuern gezahlt, die dann woanders eingesetzt wurden. Warum solle man doppelt bezahlen? Hinter den Kulissen hatten die betroffenen Firmen allerdings in Washington ihren Einfluss geltend gemacht, damit die Deichprojekte durchgehen.

Wer den Klimawandel ignoriert, zahlt den vollen Preis

Die Immobilienpreise an der Ostküste sind nach einem Bericht der Washington Post gerade in drei neuen Studien analysiert worden. Die interessantesten Zahlen enthält eine Untersuchung von Forschern, die relativ weit vom Geschehen entfernt arbeiten, an der University of Colorado in Boulder und an der Penn State in University Park. Demnach müssen Verkäufer von Häusern, bei denen eine Überflutungsgefahr besteht, bereits knapp sieben Prozent mit den Preisen heruntergehen, verglichen mit gleichwertigen Immobilien ohne solches Risiko. Der genaue Abschlag richtet sich nach dem Wasserstand. Ist der Meeresspiegel nur noch einen Fuß (30 Zentimeter) entfernt, sind es fast 15 Prozent. Müsste er für eine akute Gefahr noch sechs Fuß (1,8 Meter) steigen, was durchaus ein Jahrhundert dauern könnte, beträgt der Abschlag vier Prozent. 

Der Markt in Miami und im Dade County in Florida habe darum bereits etwa 465 Millionen Dollar an Wert eingebüßt, der in Charleston/South Carolina 266 Millionen, stellt eine andere Studie fest. Es ist aber vermutlich noch nicht so, dass die Preise dieser Grundstücke in absoluten Zahlen bereits sinken, sie steigen nur nicht mehr so schnell wie der Rest des Markts. Die Häuser finden Käufer, nur eben etwas langsamer als die anderen. Eigentlich seien diese Wertverluste erstaunlich gering, wundert sich in dem Washington Post-Artikel die Immobilien-Expertin Susan Wachter von der University of Pennsylvania. „Trotz all der Diskussion über den Meeresspiegelanstieg und obwohl die Zahl der Überflutungsereignisse in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat und sie mehr Schäden anrichten, wird an der Küste immer noch gebaut, und die Preise ziehen insgesamt an.“

Dahinter steckt womöglich ein interessantes soziologisches Phänomen: Auf dem Abschlag bestehen der Analyse zufolge vor allem gutgebildete Interessenten, die eher von außen kommen. Sie wollen nicht permanent in das Haus einziehen, sondern es zum Beispiel als Feriendomizil nutzen, und teilen die Einstellung der lokalen Bevölkerung zu Klimawandel und Meeresspiegelanstieg nicht. Wer aus der Gegend kommt, weiter dort wohnen will und wie seine Nachbarn die globale Erwärmung für Gerede hält, der zahlt den vollen Preis.

Umfragen von der Yale University zeigen außerdem, dass sich die Bewohner vieler Küstengegenden tendenziell umso weniger Sorgen über den Meeresspiegelanstieg machen, je größer die tatsächliche Bedrohung ist. Den Grund für diese auf den ersten Blick absurde Verteilung liefert die Wissenschaft: Die Menschen lassen sich von ihrer Einstellung leiten. Offenbar zieht an die Küste, wer sich keine Sorgen macht, und von dort weg, wer die Überschwemmungen fürchtet und ihre Ursache zumindest erahnt. 

Es ist also eher nicht anzunehmen, dass die zunehmenden Fluten bald zu einem Stimmungsumschwung führen. Aber auf die Dauer kann das nicht gut gehen. Die nationale Flutversicherung der USA ist ohnehin in großen Schwierigkeiten. Sie müsste die Prämien stark anheben, wogegen es großen politischen Widerstand gibt. Daher ist gut vorstellbar, dass die heute Sorglosen bald aus ihren überschwemmten Häusern nach direkter Hilfe vom Staat rufen – genau wie die Raffineriebesitzer in Texas.

KlimaSocial - der Perspektivwechsel in der Klimadebatte

Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. Wir bieten Ihnen Dienstags exklusiv recherchierte Artikel und Freitags im unregelmäßigen Rhythmus Kommentare, Updates oder Hinweise auf aktuelle Diskussionen zu unseren Themen.

KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema lesen Sie hier. Wir freuen uns über freiwillige Unterstützung mit dem Knopf unten rechts oder dem Link hier. Wenn Sie Fragen haben oder regelmäßig Zusatzinformationen und eine Vorschau auf unsere nächsten Geschichten bekommen möchten, schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de.

Lesen Sie jetzt:

  1. Klimakrise
  2. Transformation
  3. Zivilgesellschaft

Mit wenigen Cents die Welt verändern

Wie maximiert man mit Klimaschutz den Gewinn für das Gemeinwohl?

ClimateFair ermöglicht Klimaschutz-Investitionen wie diese 106 kWp Photovoltaikanlage in Wörnitz mit einem Jahresertrag von rund 110 MWh.
  1. Klimakrise

KlimaSocial - vom Wissen zum Handeln

Die Klimaforschung braucht einen Perspektivwechsel und muss lernen, wie aus Wissen Handeln wird. Sie hat zu lang die sozialen Umstände und Folgen der nötigen Transformation ignoriert.

Symbolbild von Wissen zum Handeln. Im Vordergrund liegt ein Stapel Bücher über die nötige Transformation, im Hintergrund steigt ein Mann auf das Fahrrad
  1. Klimakrise
  2. Klimapolitik

Die alten Klimaziele taugen nichts

Klimaforscher versuchen es mit Pfeifen im Wald: „Wir können unsere Ziele noch erreichen, auch wenn es schwierig ist.“ Doch ein realistischerer Plan würde uns weiterbringen. Ein Kommentar zum 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarats IPCC.

Tote und sterbende Tiere bei einer Dürre in Kenia
  1. Energie
  2. Klimakrise
  3. Ureinwohner

Energie für Arme

Sonne, Wasser und Wind können gerade Ureinwohnern nützen, aber viele Völker haben schlechte Erfahrungen gemacht. Nötig ist darum, dass sie selbst die Projekte maßgeblich steuern

Die Fallhöhe bei einem kleinen Laufwasser-Kraftwerk bestimmt die Technik der Turbine. Adrian Lasimbang von der malaysischen Firma Tonibung vermisst darum die möglichen Führung von Rohren bei einem neuen Projekt.
  1. Klimakrise
  2. Klimaschutz

Legal, aber nicht legitim

Der feine Unterschied zwischen legal und legitim - er könnte in der Auseinandersetzung um die Rodung des Hambachers Wald nicht größer sein

Paragraphen im Wald -Symbolfoto
  1. Gesellschaft
  2. Klimakrise

Die Versprechen von San Francisco

Auf einem Klimagipfel in Kalifornien haben sich Firmen, Stiftungen und Städte förmlich darin überboten, Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, dem Ausbau von erneuerbaren Energiequellen und nachhaltigen Reformen zu machen.

Zur Eröffnung der Konferenz begrüßt Kanyon Sayers-Roods, eine Nachfahrin der Costanoan Ohlone, die Teilnehmer auf dem Gebiet ihres Stammes. Ureinwohner wie ihr Volk haben in vielen Teilen der Welt erleben müssen, dass ihre heiligen Stätten ausgebeutet werden. „Ehrt die Mutter Erde", rief sie in den Saal, „lasst die fossilen Brennstoffe im Boden.“
  1. Klimakrise
  2. Transformation
  3. Zivilgesellschaft

Wege in die Große Transformation

Mobilitätswende, Ressourcenwende, Energiewende - wie kann das gehen? MIT-Forscher Otto Scharmer erforscht erfolgreiche Veränderungsprozesse. Die Kernfrage : "Wer möchtest Du gewesen sein?“

ZARAGOZA, SPAIN- MAY 29, 2014: Urban art, Sculpture "Alma del Ebro", by Jaume Plensa, Expo area.
  1. Klimakrise
  2. Klimapolitik

Gefangen in der Klimahölle

In leuchtend roten Weltkarten zeigen Klimaforscher, wie sich die Erde erwärmt. Die Medienforscherin Birgit Schneider hinterfragt die Grafiken mit den Mitteln der formalen Ästhetik und zeigt Wege auf, aus den Bilderwelten auszubrechen. Eine Rezension.

Die Erwärmung der Erde im 21. Jahrhundert - simuliert unter der Voraussetzung, dass sich die Emissionen weiter entwickeln wie bisher.
  1. Blockchain
  2. Klimakrise

Revolution des Geodaten-Markts durch Blockchain?

Neue Blockchain-basierte Geschäftsmodelle können Wetter- und Geodaten auch kleinen Akteuren wie Bauern günstig zugänglich machen

Das Bild zeigt eine virtuell erzeugte Landschaft: Vor einem orange-roten Himmel ist ein Zeppelin zu sehen, der ein Banner mit dem Logo der Blockchain-Technik Ethereum trägt. Im Hintergrund ist ein Heißluftballon zu sehen, der auf das Thema Wetterdaten anspielt. Die grüne Wiese im Vordergrund deutet darauf hin, dass Kryptowährungen nicht nur im virtuellen Raum für abstrakte Operationen eingesetzt werden können, sondern auch für Anpassungsstrategien an den Klimawandel in der Landwirtschaft.
  1. Gesellschaft
  2. Klimakrise

Helfen Verbote dem Klima? Leser diskutieren

Auf Facebook und bei Twitter hat das Interview mit Herbert Lenz zum Teil sehr kritische Kommentare bekommen. Wir dokumentieren hier Teile der Diskussion

Verbotszeichen, in Rot würde es der DIN EN ISO 7010 entsprechen
KlimaSocial