Das Menschliche verlieren?

Leser diskutieren über das Interview und Verbote

gemeinfrei Verbotszeichen, in Rot würde es der DIN EN ISO 7010 entsprechen

KlimaSocial - der Perspektivwechsel in der Klimadebatte

Hamburg, den 17. August 2018

„Deutschland spricht“, diese Aktion haben gerade etliche Medien gestartet, um Menschen verschiedener Meinung zusammenzubringen und die Streitkultur zu fördern - als Austausch von Argumenten möglichst von Angesicht zu Angesicht anstatt als Einander-Digital-Niederbrüllen. Einen solchen Austausch wünschen wir uns bei KlimaSocial auch. Schreiben Sie uns, wenn Ihnen unsere Berichte oder die Thesen darin nicht gefallen, oder wenn Sie diese unterstreichen möchten. Wir sind dazu per E-Mail (info@klimasocial.de), auf Twitter (@riffklima oder @cschrader_eu), auf Facebook (Riffreporter - freie Journalisten berichten für Dich) oder Instagram (riffreporter.klimasocial) bereit. Dort haben wir zum Beispiel dieses Bild mit einem Interview aus dem Interview mit Herbert Lenz gepostet.

Zwei große Lastwagen begegnen sich an der Kreuzung Stresemannstraße und Max-Brauer-Allee in Hamburg. Man sieht rechts das Schild des Dieselfahrverbots. Auf dem Foto steht in orangefarbener Schrift: "Ich bin ein Anhänger der Disruption, also des Bruchs mit den bisherigen Verhältnissen". Es stammt vom Verleger und Buchautor Herbert Lenz, auf dessen Interview das Bild hinweisen sollte.
Dieselfahrverbote in der Hamburger Stresemannstraße - der Anfang einer neuen Zeit? Das Zitat stammt aus dem Interview mit dem Verleger und Buchautor Herbert Lenz.
C. Schrader

Auf Facebook und bei Twitter gab es auf das Interview unter unter anderem diese Reaktionen:

„Ohne Verbote wird es keine Zukunft geben und mit Zukunft meine ich die kommenden 50 Jahre!“ Das ist der Kommentar von Hartmut Zerrer auf Facebook zum Interview „Nicht realistisch, aber nötig“ mit Herbert Lenz, das wir am 24. Juli veröffentlicht haben. In seinen Antworten – und dem Buch, über das wir sprechen – stellt der Verleger aus München weitreichende Forderungen auf: Er will den Lebensstil in unserem Land radikal ändern, und das Mittel seiner Wahl sind Verbote. Der Leser Hartmut Zerrer weiter: „Über den Inhalt des Autors kann man noch diskutieren, über die Forderung, aus der grenzenlosen Mobilität- und Fleischproduktion adhoc auszusteigen – nicht mehr!“

Andere Leser halten Verbote hingegen für das grundsätzlich falsche Mittel. „Was passiert denn, wenn wir anfangen, den Lebensstil der Leute (sei es nur symbolisch) einzuschränken: Es gibt einen Aufschrei (Veggieday), der Populismus wird stärker (AfD leugnet Klimawandel) und irgendwann offenen Extremismus. Und mit dem werden wir die Welt nicht retten“, schreibt Karl Urban auf Twitter (übrigens ein geschätzter Kollege und Weltraumreporter bei RiffReporter.de). Und: „Eine Lösung ohne Verbote sehe ich auch nicht. Was mich umso mehr gruseln lässt.“

Zwischen Urban und Özden Terli, dem Wettermoderator beim ZDF, hat sich eine längere Unterhaltung auf Twitter entsponnen. „Naja der Teil mit den Verboten kommt mir nicht so weit hergeholt vor. Die Frage ist, was passiert, wenn wir uns nicht einschränken? Wenn wir das der Natur überlassen, also das Beschränken, wird es unmenschlich“, schreibt Terli dort. Dieses letzte Wort – „unmenschlich“ – bezieht sich auf die Grundkritik, die Urban äußert: „In diesem Interview reiht sich eine radikale Forderung an die nächste. [...] Insomma: Wir können diese Welt für die Menschheit retten, müssten aber alle menschlichen Ideale über den Haufen werfen.“ Terli antwortet am Ende: „Ein Kollege hat mal gesagt, bevor die Klima-Katastrophe kommt, kommt die Diktatur. Wenn man mal darüber nachdenkt ... das wäre bitter. Beides.“

Der Hintergrund dazu: Lenz stellt in seinem Buch etliche Forderungen auf, die vor allem den Verkehr, den Fleischkonsum, die Flugreisen und den Umgang mit Rohstoffen angehen. Dann aber kommen einige dystopische Zukunftsszenarien, die im Interview so eingeleitet werden: „Ihr Buch enthält auch einige Ideen, die auch darüber weit hinausgehen. Sie präsentieren diese wie Szenen aus Science-Fiction-Romanen. Es ist, als würden Sie sich diese radikalen Forderungen nur halb zu eigen machen. Als würden Sie sich vielleicht nicht ganz trauen.“ Zu diesen Ideen gehört unter anderem, dass eines Tages ein unpersönlicher Algorithmus über die Menschen herrscht und sie zum Leben im Einklang mit den Grenzen der Natur zwingt. 

Eine zweite dystopische Vision beschreibt eine Weltregierung, die um 2050 herum über ein „Lebensaustrittsalter“ beschließt (und dafür offenbar ein Mandat hat). Bei dessen Erreichen müssen sich alte Menschen selbst umbringen. Dieser Topos ist aus Science-Fiction-Romanen nicht unbekannt. Im Roman Logan’s Run zum Beispiel liegt das Höchstalter bei 30 Jahren, Lenz spricht in seinem Buch von 80. Er selbst sagt im Interview dazu, ob er das fordert oder davor warnt: „Es geht aber eigentlich darum, die Populationsdichte, die Präsenz des Menschen auf der Erde, einmal kritisch anzuschauen und es nicht einfach laufen zu lassen.“ (Darum bin ich selbst auch nicht der Meinung von Karl Urban, Lenz sage, man könne die Welt nur um den Preis retten, dass man alles Menschliche abschafft: Von Autofahren und Fleischessen hängt die Menschlichkeit nicht ab, hier könnten wir eingreifen, um Schlimmeres zu vermeiden.)

Dennoch wirft der Journalisten-Kollege Frank Wunderlich-Pfeiffer dem Interviewten Lenz auf Twitter vor, Massenmord zu propagieren: „Das ist wie Eugenik, nur mit alten Menschen.“ Eine solche Reaktion war absehbar, sie wird im Interview sogar thematisiert, und es hilft vermutlich wenig, das noch einmal richtig zu stellen, so wie ich es auf Twitter getan habe: „Nein, er versteht es als Warnung davor, dass so oder so entsetzliche Dinge passieren, wenn wir die #Klimakrise weiter schleifen lassen, wenn wir also nicht bald das Machbare (bei Autos, Fliegen, Fleisch, Rohstoffen etc) tun, obwohl es zurzeit unmöglich und schmerzlich erscheint.“

Wunderlich-Pfeiffer macht aber noch einen zweiten Punkt, der sicherlich bedenkenswert ist. Solche Äußerungen seien oft „zum Schaden aller Beteiligten, inklusive des vorgebrachten Prinzips“. Tatsächlich gibt es in der Kommunikationsforschung eine rege Debatte darüber, ob die Warnung vor den schlimmsten Konsequenzen der Klimakrise nicht dazu führt, dass die Zuhörer und Leser abschalten und sich entweder hilflos abwenden oder die Prämisse des Arguments gleich mit ablehnen, also in diesem Fall die wissenschaftliche Erkenntnis, dass der Klimawandel die Zukunft der Menschheit bedroht. Dazu habe ich zum Beispiel hier thematisiert. Im Fall des Lenz-Interviews war das Risiko, manche Leser vor den Kopf zu stoßen (mit der Hoffnung, sie zum Nachdenken zu bringen) allerdings einkalkuliert. Wenn jemandem der Kopf noch schmerzt, bitte ich um Entschuldigung.

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse und persönliche Motive. Unsere anderen Texte finden Sie hier.

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