Heißzeit? Und weiter?

Ein Kommentar von Christopher Schrader

Bild und Bearbeitung: C. Schrader Ein Thermometer am Fenster, im Hintergrund ein Hinterhof. Das Instrument zeigt 33 Grad. Das ganze Bild ist in schwarz-weiß mit einem Strichbild-Filter bearbeitet.

KlimaSocial – Vom Wissen zum Handeln


Heißzeit – welche Karriere dieser Begriff in der vergangenen Woche gemacht hat! Vorher stand das Wort für eine Pizza, eine Eisdiele und eine CD mit Kinderliedern und tanzenden Pinguinen; jetzt bezeichnet es das Schicksal der Menschheit.

Ein internationales Forscherteam hat den Ausdruck Heißzeit benutzt, um in der Fachzeitschrift PNAS vor einer möglichen und dramatischen Entwicklung zu warnen: Das ganze Klima der Erde könnte durch die Eingriffe des Menschen in einen neuen Zustand kippen, in dem die Temperaturen vier Grad Celsius höher sind als heute (und damit fünf Grad mehr als vor der Industrialisierung). In dieser Welt könnte der Meeresspiegel um 60 Meter steigen, die Regenwälder in den Tropen und viele Forste in gemäßigten Gebieten wären nurmehr Schatten ihrer selbst. Die Permafrostregionen der Erde hätten all ihren gespeicherten Kohlenstoff als Methan abgegeben und dieses potente Treibhausgas wäre auch aus den gefrorenen Hydrat-Klumpen tief am Meeresgrund entwichen. Eis oder Schnee auf der Oberfläche wären staunenswerte Ausnahmen, selbst am Polarkreis. 

Praktisch überall in Presse und Netz, Funk und Fernsehen wurden diese Folgen in gruseligem Detail ausgemalt. Und obwohl es ein Prozess ist, der sich über Jahrhunderte hinzieht, ist es aus wissenschaftlicher Sicht richtig, jetzt davor zu warnen. Wie drückte es ein Kommentator im Fernsehen aus? Wir schieben im Nebel ein Auto einen Abhang hinab auf eine Klippe zu. Einfluss auf den möglichen katastrophalen Ausgang irgendwann in der Zukunft können wir nur nehmen, wenn wir jetzt handeln. Doch diese Botschaft lässt das Publikum kaum an sich heran. Denn, oh Schreck – nicht einmal das Einhalten des Pariser Abkommens könnte ausreichen, die Entwicklung zu stoppen. Selbst wenn es der Menschheit also gelingt, den weiteren Temperaturanstieg in diesem Jahrhundert auf weniger als ein Grad zu begrenzen (ein Grad plus gegenüber der vorindustriellen Zeit haben wir ja schon), könnte es im 22. oder 23. oder 24. Jahrhundert noch viel wärmer werden, die Ozeane anschwellen und so weiter. 

Gerade drastische Warnungen werden oft ignoriert

Solche Warnungen vor den sogenannten Kippelementen im Klimasystem äußern Wissenschaftler seit Jahren immer wieder. Und immer wieder ist die Öffentlichkeit erstaunt und überrascht, wie der Kollege Christian Schwägerl in einem Facebook-Post bitter bemerkte. Es ist, als würde man immer wieder über denselben Witz lachen, weil man die Pointe inzwischen gnädig vergessen hat. Dieses Jahr sind die Voraussetzungen zwar gut für die nötige emotionale Untermalung, die dabei hilft, die Warnungen tatsächlich zu verinnerlichen: Die Hitzewelle und die anderen extremen Wetterereignisse haben das Bewusstsein geschärft, dass wir als Menschheit dabei sind, das Klima auf gefährliche Weise zu verändern – und zwar auch bei uns vor der Haustür. Man konnte den Klimawandel als Schweiß auf der Haut spüren, man konnte ihn auf den vertrockneten Feldern sehen und in der staubtrockenen Luft riechen.

Dennoch ist zweifelhaft, dass die Warnung vor der Heißzeit in den Köpfen bleiben wird. Die Kommunikationsforschung zeigt, dass viele Menschen geistig dicht machen, wenn ihnen solche Doomsday-Szenarien präsentiert werden. Zumal wenn es wie hier mit einer Aussage kombiniert wird, die man auch so missverstehen kann: Unsere größten Anstrengungen werden nicht ausreichen, um die Katastrophe zu verhindern. Eine allzu menschliche Reaktion ist es dann, sich abzuwenden, etwas zu murmeln wie „Na, dann ist es ja auch egal“ oder innerlich gleich die Basis der schrecklichen Nachrichten zu diskreditieren, weil man sich dann nicht mehr damit auseinandersetzen muss. 

Es ist schließlich vielen Menschen klar, dass ihr Lebensstil und ihr Verhalten im Alltag mit einem effektiven Klimaschutz nicht kompatibel sind. Aber dann blicken sie um sich, und sehen sich in guter Gesellschaft. Die Autos werden mehr und größer, die Steaks und Würste dicker, und wenn in der Ferienzeit die Flugbegleiter und Piloten streiken, dann geht das Mitleid an die gestrandeten Passagiere, aber niemand thematisiert, ob dieser ganze Jet-Wahnsinn überhaupt so weiter gehen kann. Doch bitte nicht dieses Thema in den „schönsten Wochen des Jahres“!

Die Studie in PNAS stellt am Ende fest, und in vielen Medienberichten darüber kam das schon gar nicht mehr vor, dass wir als Menschheit alles machen müssen, was wir können, um die Entwicklung zu verhindern: die Kraftwerke auf erneuerbare Energieformen umstellen, die Wälder und Moore schützen und vergrößern, CO2 mit technischen Methoden aus der Atmosphäre entfernen und – ja – das Verhalten und die Werte ändern. Das sagt sich leicht, und hat normalerweise so viel Kraft wie die üblichen Neujahrs-Vorsätze. Man kann den Forschern nicht vorwerfen, diesen Aspekt auf die leichte Schulter zu nehmen, immerhin haben die beteiligten Institute wie in Potsdam oder Stockholm auch viele Sozialwissenschaftler im Personaltableau. 

Beifall für soziale Innovation

Aber Verhalten und Werte zu ändern, das klingt für uns alle unangenehm. Es ist individuell erstens kaum durchzuhalten, zweitens wenig erfolgversprechend. Es muss daher darum gehen, diese neuen Gewohnheiten als soziales Erlebnis zu gestalten, die Spaß bringen, die Identität vermitteln, die ein warmes Gefühl erzeugen. Und man muss dabei ein paar alte Werte ächten: Autorennen raus aus der Sportschau! Kein Beifall mehr für Popstars, die in einer Woche Konzerte auf drei Kontinenten geben! Keine Kochrezepte mehr für Lamm aus Neuseeland oder T-Bone-Steaks aus Texas oder auch Spargel aus Chile!

Man mag das für leere Worte halten, und tatsächlich muss noch viel Gehirnschmalz darin investiert werden, sie mit Leben zu füllen. Mindestens so viel, wie für Solarzellen und Windräder eingesetzt wird. Und die sozialen Innovatoren verdienen mindestens so viel Anerkennung und Schlagzeilen wie die technischen. Dann finden sich vielleicht auch unsere Politiker endlich bereit, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Verhaltensänderung auf breiter Front unterstützen, anstoßen und lenken – anstatt wie entfesselt auf harmlosen Ideen wie dem Veggieday herumzuhacken. 

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