Die Klimakrise in 300 Bildern

In Berlin wollen Aktivisten aus Dutzenden Ländern bei Al Gore in die Lehre gehen. Ist das noch zeitgemäß? von Christopher Schrader

KlimaSocial - der Perspektivwechsel in der Klimadebatte

Hamburg, am 3. Juli 2018

Hat sich da etwas bewegt? Ein plötzlich angeschwollener, reißender Fluss in Peru hat einen Haufen Trümmer in einer Ausbuchtung am Ufer zusammengeschoben: Dachbalken, Warenpaletten, Plastikkanister, alles überzogen von ockerfarbenem Schlamm. Die verkeilte Masse schaukelt im Wasser träge hin und her, während im Hintergrund der entfesselte Strom eine Stufe herunterschäumt. Auf einmal erhebt sich eine Gestalt, genauso schlammig wie die Fragmente einstmals geordneter Existenzen um sie herum, und nimmt menschliche Konturen an. Sie stemmt sich über die Bohlen und Balken, dann rutscht sie ab und versinkt. 

Es dauert einige Sekunden, der Zuschauer hält den Atem an und starrt auf die Leinwand. Dort macht der Mensch in den Trümmern einen neuen Versuch, und schafft es diesmal, aufzustehen und über die schwankenden Bretter ans Ufer zu tapsen, wo schon Helfer warten. Es ist eine junge Frau, sieht man jetzt, die dem Tod so gerade eben entkommen ist. Al Gore wendet sich von den projizierten Bildern ab und dem Saal zu. „Sie hat das tatsächlich überlebt“, sagt er. Für 72 andere Peruaner kam im März 2017 jede Hilfe zu spät.

Der ehemalige Vizepräsident der USA, Friedensnobelpreis-Träger und Klimaaktivist hat gerade ein Viertel seiner Zweieinhalb-Stunden-Show hinter sich, er wird noch mehr als eine Stunde über „Regenbomben“, Waldbrände, Wirbelstürme, Gletscher und Eisschilde, Permafrost und Methan, die Ausbreitung von Tigermücken und Grünalgen, über Trockenheit und Klimaflüchtlinge sprechen. Dafür ist er berühmt, Tausende Mal hat er solche Vorträge schon gehalten, um sein beeindruckend breites Wissen über die Klimaforschung zu vermitteln. Nach den 150 Minuten erklingt donnernder Applaus von etwa 650 Klimaaktivisten im Publikum. Sie alle sind nach Berlin gekommen, um sich von Gore in der Technik der Präsentation unterweisen zu lassen. Nach dem Training bekommen sie die Erlaubnis, selbst mit Gores Material und im Namen seiner Organisation Climate Reality Project aufzutreten.

Trotz der Begeisterung im Saal kann man sich fragen, ob die Präsentation noch auf der Höhe der Zeit ist – nicht nur inhaltlich, sondern vor allem psychologisch. Tatsächlich haben Nicht-Regierungs-Organisationen und Kommunikationsforscher im vergangenen Jahrzehnt viel darüber gelernt, wie man Menschen am besten auf das schwierige Thema Klimakrise anspricht. Vor allem, dass es fast nie darum geht, einfach genug Wissen zu vermitteln, damit es in den Köpfen „klick“ macht. Sondern dass man ein emotionales Band mit dem Publikum knüpfen muss, dass Informationen nur ankommen, wenn Vertrauen zwischen Sprecher und Zuhörern herrscht, und dass deren Aufnahmebereitschaft eine Frage der eigenen politischen Identität und Werte ist.

Eisbären sind zu weit weg, um wirklich Sorgen auszulösen

Ungeteilte Begeisterung löst Al Gore daher nicht überall aus. Christoph Bals von Germanwatch zum Beispiel, der am Anfang der Tagung zu einer Diskussion über den Kohleausstieg in Deutschland auf der Berliner Bühne saß, sagt: „Prinzipiell finde ich es toll, dass jemand fast 700 Multiplikatoren einlädt und diese trainiert, damit jede und jeder von ihnen für den notwendigen Klimaschutz Veranstaltungen organisiert. Zugleich hoffe ich, dass viele dieser Aktivitäten weniger technikfixiert, stärker von den Bedürfnissen in der Region geprägt sein werden und innovativere Präsentationsformen zum Einsatz kommen als bei Al Gore selbst.“ Ähnliches hört man von Kommunikations-Wissenschaftlern, die das Training selbst absolviert haben.

Welches Vorgehen Erfolg verspricht, das erklären in Berlin zunächst aber weder Al Gore noch irgendjemand aus seinem Projekt, sondern der Brite Jamie Clark von der Organisation Climate Outreach in Oxford. Dort legt man viel Wert darauf, die eigenen Strategien an den Erkenntnissen der psychologischen Forschung auszurichten (hier ein Interview mit dem Gründer George Marshall). Clarks Vortrag folgt direkt auf die Show des Elder Statesman, und er lobt sie immer wieder, aber verbreitet letztlich eine andere Botschaft. „Sie müssen sicherstellen, dass das Publikum ihnen zuhören will“, sagt der Brite am Anfang. „Wenn Sie Leute zum Handeln bewegen wollen, sind gemeinsame Werte ein guter Ausgangspunkt.“ Wer einem Sprecher zuhöre, werde immer unbewusst prüfen, ob dessen Werte zu den eigenen passen. „Und dann erst wird er entscheiden, ob er sich in der Sache engagiert.“

Außerdem zitiert Clark den Harvard-Psychologen Daniel Gilbert mit seinem Modell, wann sich Menschen einer Bedrohung entgegenstellen: Die Probleme müssen sie, ihre Familie oder Freunde persönlich betreffen, jetzt und plötzlich auftreten und es sollte dabei ein – womöglich unmoralisch handelnder – Verantwortlicher zu identifizieren sein. Die Botschaften der Klimaaktivisten verfehlen oft mindestens drei dieser vier Kriterien. Zum Beispiel, weil sie Zuhörer mit Eisbären und den zu erwartenden Verhältnissen 2050 beeindrucken wollen. Dann entsteht nämlich viel psychologische Distanz und die Dringlichkeit der Klimakrise kommt nicht an. 

Eine Auswahl der Tweets, die Teilnehmer in Berlin während des Trainings verschickt haben.
Eine Auswahl der Tweets, die Teilnehmer in Berlin während des Trainings verschickt haben.
Collage: Christopher Schrader

Falls die Teilnehmer von Gores Training solche Hinweise von ihrem Helden erwartet hätten, merkt man in Berlin davon zunächst nichts. Für fast alle der hier versammelten Novizen – ein Drittel kommt aus Deutschland, der Rest aus 67 anderen Ländern – ist der Zweieinhalb-Stunden-Auftritt des Elder Statesman derHöhepunkt der dreitägigen Veranstaltung. Manche sehen darin womöglich eine Art Hochamt, und empfinden das Zertifikat über ihre Teilnahme als Weihe. Viele sprechen darüber mit dem amerikanischen Enthusiasmus und seiner zum Ende des Satzes ansteigenden Sprachmelodie, der Europäern oft ein wenig übergroß vorkommt. 

Gore wird später noch eine 15-Minuten-Fassung zeigen, und beide nennen seine Mitarbeiter tatsächlich „slide show“, so als gehe es noch um Diaprojektoren und Karussell-Magazine. Tatsächlich ist die Vorführung aber technisch auf der Höhe der Zeit und enthält neben Fotos auch Filme und computer-animierte Grafiken. Aber der traditionelle Begriff wird auch von den Teilnehmern in ihren Gesprächen liebevoll übernommen.

Das Climate Reality Project macht solche Trainings seit mehr als zehn Jahren überall auf der Welt. Das erste fand auf Gores Grundstück in Tennessee statt, die 38. Veranstaltung in Berlin ist die erste in Mitteleuropa. Die Teilnahme ist kostenlos, es gibt viel mehr Bewerber als Plätze. Die Absolventen bekommen am Ende der Veranstaltung in Berlin den Titel „Climate Leader“ verliehen, sie sollen dafür später zehnmal im Jahr unbezahlte Vorträge halten, Veranstaltungen organisieren, Blog-Einträge schreiben oder „Influencer“ wie Politiker und Journalisten kontaktieren. Unter den Teilnehmern sind auch Frauen mit grauem und Männer mit wenig Haar, aber die meisten sind jung, um die 30 vielleicht. Für sie geht es tatsächlich um die eigene Zukunft, sie sprechen daher mit Inbrunst von der „existentiellen Krise“, die der Klimawandel für sie bedeutet.

„Für mich hat das alles damit angefangen, dass ich vor ungefähr zehn Jahren Al Gores Film gesehen habe, und jetzt kann ich die Vorführung selbst halten“, sagt Molina Gosch, sie strahlt dabei regelrecht. Die junge Frau stammt aus Kappeln an der Schlei, ihre Heimatstadt wird also bald auf eine wegen des Meeresspiegelanstiegs vorrückende Ostsee reagieren müssen. Gosch arbeitet in Berlin im Büro der grünen Bundestagsabgeordneten Renate Künast und hat das Training erst im März 2018 in Manila absolviert. Dreimal hat sie die Präsentation seither gehalten, sagt sie, zweimal in ihrer Heimat Schleswig-Holstein, einmal in Berlin, und es ging ihr dabei vor allem darum, „die Dringlichkeit des Handels zu vermitteln“. Beim Event in der Hauptstadt macht sie diesmal als Mentorin mit und betreut zwei der gut 60 Zehner-Tische, die sich im Ballsaal eines Hotels gegenüber dem Verteidigungsministerium drängen.

Probleme, Lösungen und Motivation in Gore'scher Mischung

Der Film, also die Oscar-prämierte Dokumentation „An unconvenient truth“ aus dem Jahr 2006, ist für viele Teilnehmer zentraler Bezugspunkt ihres Engagements. Seine unbequeme Wahrheit breitete Al Gore damals über 100 Minuten aus, und eigentlich war es eine abgefilmte Diaschau verquickt mit einem Making-of. Viele Zuschauer kamen so zum ersten Mal in Berührung mit der komplizierten Materie Klimawandel; der Politiker brachte viele der aktuellen Erkenntnisse der Wissenschaft massentauglich aufbereitet in die Kinos. Manche der Teilnehmer in Berlin berichten, wie schockiert sie als Teenager beim Betrachten waren. Seither hat sich die Schau immer wieder verändert, Gore und sein Team haben sie aktualisiert und vor allem den Teil mit den möglichen Lösungen der Klimakrise erweitert, weil Windenergie und Sonnenkraft in den vergangenen zwölf Jahren exponentiell gewachsen sind. 

Die Elemente erfolgreicher Kommunikationsstrategien, die Jamie Clark aufzählt, finden sich irgendwo in Al Gores langem Vortrag. Er hat viele aktuelle Beispiele aus Deutschland, Überschwemmungen in Braunsbach, Rhüden und Hamburg in den Jahren 2016 bis 2018. Er zeigt die Mai-Hitze dieses Frühlings in Berlin. Sein zeitlicher Bezugspunkt ist eher 2020 oder 2030 als 2050. Immer wieder erwähnt er seinen christlichen Glauben und die damit verknüpften humanistischen Werte, macht dann aber ein Witzchen darüber, als er kurz die Hände zusammenlegt und für die Wahl eines neuen Präsidenten 2020 zu beten vorgibt. Fröhliches Gelächter belohnt ihn dafür. Und letztlich ist in Berlin natürlich völlig klar, dass das Publikum Gores Einstellung in Bezug auf die Klimakrise teilt, ihm vertraut und unbedingt zuhören will. Ein Saal voller angehender Klimaaktivisten ist ein dankbares Publikum für einen erfahrenen Klimaaktivisten. Es ist wie die Predigt in der Kirche, zu der nur die anwesenden Gläubigen nicken.

Aber obwohl Gores Präsentation diese Empfehlungen der Kommunikationsforschung erfüllt, so ist sie doch nicht an den Erkenntnissen von Leuten wie Jamie Clark ausgerichtet. Das zeigt sich am stärksten bei der Balance der Elemente. Der ehemalige Vizepräsident kündigt an, über drei Fragen zu sprechen: „Müssen wir etwas verändern? Können wir etwas verändern? Wollen wir etwas verändern?“ Es geht also um Probleme, Lösungen und Motivation, letzteres ist vielleicht für manche das Wichtigste. Doch dann nimmt sich Gore für den ersten Block zwei Stunden Zeit, 25 Minuten für den zweiten und fünf Minuten für den dritten.

120 Minuten Klimaforschung, Extremwetter und aussterbende Tierarten; die Arbeiter, die in Pakistan bei Hitzewellen vorsorglich Gräber ausheben; die Preise auf dem Lebensmittelmarkt, die nach dem glühenden Sommer 2010 in Russland in die Höhe schossen; der Oktopus, den eine der häufiger werdenden Überschwemmung in Miami in die Tiefgarage, gespült hat; die Seeschildkröten, die im aufgeheizten Wasser am nördlichen Great Barrier Reef zu 99 Prozent Töchter haben. Dann 25 Minuten über Windräder, Solarparks, Elektroautos, LED-Lampen und deren Entwicklungspfade. Und nur fünf Minuten über das Pariser Abkommen und Bürgerinitiativen.

Ein Balkendiagramm von 1976 bis 2016: Die Preise für Solarzellen aus Silizium sind in den vergangenen 40 Jahren dramatisch gefallen. Strom aus Sonnenkraft ist bald billiger als der aus Kohlekraftwerken. "What's the argument?, fragt Al Gore dann theatralisch – was gibt es denn da noch zu streiten?
Die Preise für Solarzellen aus Silizium sind in den vergangenen 40 Jahren dramatisch gefallen. Strom aus Sonnenkraft ist bald billiger als der aus Kohlekraftwerken. "What's the argument?, fragt Al Gore dann theatralisch – was gibt es denn da noch zu streiten?

Auch in seinem Team glauben nicht alle, dass diese Gewichtung stimmt. Man hört das zwischen den Zeilen, nicht als offene Kritik. Es spiegelt sich vor allem in den Tipps an die Trainees, wie sie ihre eigenen Präsentationen halten können. Sie bekommen zwar bei der Veranstaltung Zugriff auf das ganze Material und die Erlaubnis, als „Climate Leader“ damit Vorträge zu halten. Sie dürfen auch damit werben, sie seien bei Al Gore selbst in die Lehre gegangen. Doch sich rückhaltlos in Fakten und Ereignisse zu stürzen, davon wird abgeraten. Das entscheidende Stichwort lautet dagegen BROT – „Build a relationship of trust“. Erst wenn das Publikum Vertrauen zur Sprecherin oder zum Sprecher hat, kann es sachliche Informationen aufnehmen.

„Es ist wichtig, mit der persönlichen Geschichte anzufangen“, sagt etwa Shana Tufail, die als Freiwillige die Aktivitäten des Projekts in Großbritannien kontrolliert. Sie selbst habe zum Beispiel eine Wahrnehmungsstörung, bekennt sie. Die Verschaltung ihres Gehirns erschwere Auftritte bei vielen ablenkenden Reizen und vor großen Gruppen von Menschen, aber trotzdem sei ihr die Botschaft so wichtig, dass sie sich überwindet. „Sprecht, selbst wenn Eure Stimme zittert“, ruft sie aus dem Scheinwerferglanz der großen Bühne in den Ballsaal hinunter. „Bei mir ist das jetzt gerade gut möglich.“

„Beginnt bei gemeinsamen Werten“, ergänzt Olena Alec, die beim Projekt angestellt ist und die Arbeit der neuen und alten „Climate Leader“ koordiniert. „Wir wissen doch, dass niemand seine Meinung ändert, wenn man ihm jede Menge wissenschaftlicher Daten vorsetzt.“ Die Diashow ihres Chefs sei „eine unglaubliche Ressource, aber man muss sie kürzen und eine Auswahl der Bilder treffen, die für das eigene Publikum relevant sind. Und sich stärker auf die Lösungen konzentrieren“.

Auf die Frage nach der Zielgruppe sagt Alec: Persönlich würde sie empfehlen, dabei auf Zuhörer in der Mitte zu zielen. Also auf Leute, die schon Interesse an der Frage und einem Engagement haben, aber noch zu wenig darüber wissen, um die Dringlichkeit zu erkennen. Weder müsse man andere Aktivisten überzeugen, noch gezielt den Konflikt mit eingeschworenen Klimawandel-Leugnern suchen. Aber eine offizielle Anweisung ihrer Organisation dazu gebe es nicht.

Wer mit allen Bildern auftritt, versetzt sein Publikum in Tiefschlaf

Etliche Trainees scheinen die Leugner durchaus zu fürchten. Eine Britin fragt, wie sie damit umgehen solle, wenn nach einem Vortrag jemand aufsteht und sie mit vielen Details in einem Punkt widerlegen will. Würde das nicht die ganze Präsentation entwerten? Zustimmendes Gemurmel im Ballsaal, auch viele andere bewegt diese Sorge. Das passiere selten, kommt die Antwort von den Projekt-Mitarbeitern. „Die haben meistens Angst, dass sie selbst widerlegt werden.“ Oft verändere ein guter Vortrag die Stimmung im Raum so, dass sich Widersacher nicht mehr aus der Deckung trauen. Und wenn es doch passiere, könne man durchaus antworten, dass man diese Details nicht kenne, aber später nachliefern werde. Al Gore selbst fügt später an: „Seien Sie freundlich zu Menschen, die Ihnen widersprechen und sich keinesfalls überzeugen lassen. Denn dann wirken Sie auf das Publikum umso glaubwürdiger.“

Einen anderen Einwand aus dem Publikum hört Patrick van der Meulen aus den Niederlanden gelegentlich, da geht es um eine mögliche Vermischung der Interessen. „Ich habe eine Firma, die Solarzellen an Hauseigentümer vermietet, und auch in meinen Vorträgen konzentriere ich mich auf die erneuerbaren Energieformen“, sagt er. Da vermutet mancher Zuhörer, der Sprecher wolle seinen eigenen Umsatz fördern. „Das liegt aber daran, dass ich mich für diese Technik interessiere und sie als wichtigen Teil der Lösung sehe. Dass sowohl mein Beruf als auch mein freiwilliges Engagement davon abhängen, kann ich gut erklären.“

Generell sei eine solche Konzentration auf die persönlich relevanten Aspekte wichtig, sagt auch der junge Mann aus Groningen, nur so lasse sich Aufmerksamkeit erzeugen und halten. Er unterstreicht das mit einer Anekdote. Als er direkt nach seinem Training 2015 in Miami das erste Mal mit dem Material auftrat, an einem Freitagnachmittag vor den Angestellten der eigenen Firma, voller Enthusiasmus und mit 300 Dias, da seien alle Zuhörer während des zweistündigen Vortrags eingeschlafen.

Am Anfang die persönliche Geschichte zu erzählen, um sich als authentischer Sprecher und besorgter Mitmensch zu zeigen, das wird im Lauf der drei Tage in Berlin immer wieder in die Mikrofone gesagt. Emotionen, Werte, Vertrauen – die Projekt-Mitarbeiter wissen durchaus, worauf es ankommt. Sie geben sich alle Mühe, die Dia-Schau-Technik ihres Chefs mit den Erkenntnissen der Kommunikationsforscher zu verknüpfen.

"Earthrise" heißt diese berühmte Aufnahme von der Apollo-8-Mission aus dem Jahr 1968. Al Gore beginnt seinen Vortrag traditionell damit. Das Foto sei der Startschuss für die Umweltbewegung gewesen, sagt er.
"Earthrise" heißt diese berühmte Aufnahme von der Apollo-8-Mission aus dem Jahr 1968. Al Gore beginnt seinen Vortrag traditionell damit. Das Foto sei der Startschuss für die Umweltbewegung gewesen, sagt er.

Dass Al Gore all das versteht, lässt er erst am dritten Tag des Trainings erkennen: En passant gibt er da den Teilnehmern folgenden Rat: „Ich versuche immer vor dem Vortrag mit jemandem zu sprechen, der das Publikum kennt. Ich frage dann nach drei Dingen, die die Gruppe mag, und drei Dinge, die ihr nicht gefallen.“ Das schaffe Anknüpfungspunkte für eine Vertrauensbeziehung.

Ohnehin ist es verrückt, auch nur für einen Moment zu glauben, der Ex-Politiker wisse nicht, wie man Menschen erreicht: Er hätte es doch sonst niemals zur Präsidentschafts-Kandidatur der demokratischen Partei im Jahr 2000 und zur Mehrheit der Stimmen bei der Wahl (aber nicht im Wahlmänner-Gremium Electoral College) gebracht. Er glaubt in der Klimadebatte aber weiterhin, es sei zentral, „den Leuten zu zeigen, wie ernst die Lage ist“.

Seine persönliche Klima-Geschichte erzählt Gore erst am Ende des Trainings in einem bewegenden Schlusswort. Zunächst berichtet er, wie er schon in den 1960er-Jahren bei einem Kurs in Harvard mit dem Thema in Berührung kam. Dieses intellektuelle Aha-Erlebnis habe er danach zum Beispiel im Kongress auch anderen vermitteln wollen, mit wenig Erfolg. Die notwendige emotionale Seite der Kommunikation habe er erst nach einer persönlichen Tragödie erkannt: Sein sechsjähriger Sohn wurde Anfang der 1990er-Jahre vor seinen Augen vom Auto überfahren und überlebte nur nach langem Klinikaufenthalt.

Als der Vater mehrere Wochen am Krankenbett des Kindes bangte, erzählt er in Berlin, habe er ohne Zögern fast alle der vormals so wichtigen Termine aus seinem Kalender gestrichen. Sie erschienen ihm nichtig, nur dem Kampf gegen die Klimakrise habe er weiterhin Bedeutung beigemessen. „Etwas in mir hatte sich verändert und ich habe erst viel später verstanden, was es war. Die Verletzung meines Kindes hat eine raue Stelle an meinem Herzen hinterlassen. Und genauso fühle ich angesichts der Bedrohung des Planeten.“

Viele Menschen, erklärt Gore, hielten die Gedanken an solche Tragödien im eigenen Leben nicht aus und verdrängten sie. Das gehe vermutlich auch vielen Klimawandel-Leugnern so, die sich nicht vorstellen wollen, dass sich die Natur eines Tages gegen sie wenden wird. An der Realität ändere das aber nichts. „Unsere kostbare Welt beginnt, aus unseren Händen zu gleiten“, sagt der Friedensnobelpreis-Träger am Schluss. „Darum lassen Sie mich dieses Training damit beenden, dass ich Sie alle bitte, gut festzuhalten.“

KlimaSocial - der Perspektivwechsel in der Klimadebatte

Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema lesen Sie hier. Wir freuen uns über freiwillige Unterstützung mit dem Knopf unten rechts oder dem Link hier. Wenn Sie Fragen haben oder regelmäßig Zusatzinformationen und eine Vorschau auf unsere nächsten Geschichten bekommen möchten, schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de.