“Über Klimawandel wird in der Kneipe kaum geredet”

Der internationale Klimaschutz ist in einer ernsten Krise. Warum passiert so wenig, obwohl Wissenschaftler ständig erschreckende Zahlen vorlegen? Ein Gespräch mit George Marshall von “Climate Outreach”. Von Christopher Schrader

Christian Schwägerl Braunkohleabbau Welzow-Süd in der Lausitz.

05. Dezember 2016

Womöglich ist das menschliche Gehirn auf kaum ein ernstes Problem derart schlecht vorbereitet wie auf den Klimawandel. Es fällt vielen Menschen sehr schwer, die Notwendigkeit zu erkennen, dass sie heute handeln müssen, um in einigen Jahrzehnten einen Effekt zu sehen. Oder gar vorzusorgen, damit nachfolgende Generationen ihn spüren. Sich so zu verhalten, scheint überhaupt nicht der üblichen menschlichen Reaktion auf Risiken zu entsprechen, die vor allem auf kurzfristige, ungewohnte Gefahren anspricht.

Trotzdem haben Wissenschaftler, Umweltgruppen und Journalisten immer wieder auf das Ende des Jahrhunderts und Menschen in fernen Erdteilen verwiesen, denen dann dramatische Folgen der globalen Erwärmung, der Versauerung der Meere und des veränderten Wasserhaushalts drohen. Dieser Ausblick erschien ihnen als rationales Argument und impliziter moralischer Appell, und ging doch an der Wahrnehmung des Publikums weit vorbei.

Über die psychologischen und soziologischen Mechanismen, die da am Werk sind, hat George Marshall von der britischen Organisation Climate Outreach 2014 ein viel beachtetes Buch geschrieben: „Don’t even think about it“ (Bloomsbury, New York). Einiges dazu stand bereits in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung; dort kommt auch der norwegische Psychologe Per Espen Stoknes zu Wort, dessen Buch zum Thema 2015 erschienen ist („What we think about when we try not to think about climate change“, Chelsea Green Publishing, White River Junction/Vermont). Beide Autoren beklagen, dass viele Klimaschützer und Wissenschaftler immer noch meinen, sie müssten das Publikum nur mit genug Fakten füllen, dann würde es schon die gleichen Schlüsse ziehen wie die Experten. Letztlich gilt diese Kritik auch Journalisten, oder? Die Frage geht an Marshall.

Portrait von George Marshall.
George Marshall von der britischen Organisation Climate Outreach.
Climate Outreach

Ich bin seit gut zwölf Jahren als Journalist mit Klimaforschung beschäftigt. Ihr Buch richtet sich also auch an mich, weil ich genau diese Arbeitsweise hatte, immer wieder über neue Studien zu berichten und Fakten, Grafiken und Hochrechnungen aufeinander zu türmen. Sie beschreiben das als sinnlos. Das ist natürlich schockierend: Es fühlt sich ein wenig an, als ob man aufgibt, wenn man auf rationale Argumente verzichtet.

Ich spreche doch gar nicht darüber, auf Rationalität zu verzichten. Es geht auch nicht darum, die Gedankenwelt der harten Naturwissenschaften durch die der angeblich weicheren Sozialwissenschaften zu ersetzen. Wir müssen aber zur Kenntnis nehmen, wie Menschen ihre Einstellungen formen, wie sie auf neue Information reagieren – das ist auch eine harte Wissenschaft, eine Art kognitiver Physik. Sie gilt für alle Menschen. Während wir neue Fakten abwägen, interpretieren wir sie durch die Brille unserer kulturellen Werte. Wir müssen eine Entscheidung darüber treffen, und das tun wir anhand des Vertrauens, das wir in die Menschen setzen, die uns die neuen Informationen gegeben haben.

Man sollte also gar nicht versuchen, sich in einer Diskussion mit Argumenten gegen diejenigen durchzusetzen, die die Realität des Klimawandels mehr oder weniger aktiv bestreiten oder zumindest die angemessene Reaktion der Gesellschaft hintertreiben. Sondern bei der anderen Seite erst um Vertrauen werben?

Idealerweise sollte man dieses Vertrauen schon haben. Es wäre jedenfalls ein Fehler, hier von Gegnern, Seiten, unterschiedlichen Lagern zu sprechen. Alle Menschen verwenden die gleichen sozial-psychologischen Werkzeuge und Strategien, um einen Sinn in die Fakten, Argumente und Meinungen zu bringen, denen sie begegnen. Ihre Schlußfolgerungen führen sie allerdings in unterschiedliche Richtungen. Wer mit voller Überzeugung an den Klimawandel glaubt, tut das meistens, weil das gut zu ihm passt, zu seinen Werten und Einstellungen. Er wird auch immer darauf bestehen, dass seine Meinung das Ergebnis einer rationalen Beschäftigung mit dem Thema gewesen ist. Aber das gleiche können auch die Leugner und Klimaskeptiker sagen.

„Die Herausforderung ist nicht mehr, Menschen von der Realität des Klimawandels zu überzeugen, sondern ihnen zu vermitteln, dass es sich um ein ernstes und gegenwärtiges Problem handelt.“

Für eine der beiden Parteien kann das ja nicht stimmen.

Vielleicht stimmt es für keine. Die wenigsten Menschen sind zu ihrer Überzeugung gekommen, weil sie tatsächlich die ganzen Studien gelesen und die Daten verstanden haben. Sondern weil sie sich auf andere verlassen, die die Informationen zusammenfassen und denen sie vertrauen. So arbeitet ja eigentlich auch die Wissenschaft, da kann doch niemand mehr wirklich alles verstehen. Wer zum Beispiel über Gletscher forscht, kennt nicht mehr alle Details des Kohlenstoff-Kreislaufs. Darum trägt man einzelne Teile von Wissen mittels sozialer Prozesse zusammen. Das betrachten wir aber eigentlich als rational.

Hilft es überhaupt etwas, dass man die Menschen in der Klimafrage in Pro und Contra sortiert?

Wir reden über ein breites Spektrum von Meinungen. Es gibt auf der einen Seite eine Gruppe von Menschen, die fest vom Klimawandel überzeugt ist. Ihnen stehen die gegenüber, die ihn als Mythos abtun. Dazwischen aber gibt es sehr viele, die noch keine feste Meinung haben.

Gibt es wirklich noch solche Unentschlossenen?

In Umfragen sagen die meisten Leute, dass sie den Klimawandel für ein ernstes Problem halten. In Deutschland vielleicht etwas mehr als in Großbritannien, aber inzwischen ist es überall eine Mehrheit. Aber wenn man Menschen bittet, die fünf größten Gefahren aufzuzählen, erwähnt praktisch niemand mehr den Klimawandel. Es gibt ihn für die meisten nur, wenn man sie daran erinnert. Psychologen benutzen dafür den Fachbegriff „salience“, also so etwas wie eine Bedeutung, die einen geradezu anspringt. Die Herausforderung ist also nicht mehr, Menschen von der Realität des Klimawandels zu überzeugen, sondern ihnen zu vermitteln, dass es sich um ein ernstes und gegenwärtiges Problem handelt. Nur dann sind sie bereit, ihr Leben zu ändern und einen Wandel der Gesellschaft zu unterstützen. Und hier kommen die sozialpsychologischen Mechanismen und Erkenntnisse ins Spiel.

Wenn sie nach psychologischen Mechanismen rufen, sprechen sie für viele Klimaforscher und Aktivisten eigentlich schon eine Fremdsprache.

Wer aus den Naturwissenschaften kommt, wird den Klimawandel vor allem als naturwissenschaftliches Problem ansehen und mit Daten, abstrakten Größen und Modellen beschreiben. Und die Lösungen, die ihm einfallen, stammen aus dem gleichen Wissensbereich. Es geht also vor allem um Technik, mit der sich die Treibhausgas-Emissionen reduzieren lassen: Windräder, Solarzellen, Biomasse – solche Sachen. Und darin liegt eine Gefahr, es ist ein Grund, warum wir so wenig Fortschritt gemacht haben. Es ist schwierig, damit breites öffentliches Interesse zu erzeugen. Wir haben uns auf einen kleinen Bereich möglicher Lösungen beschränkt. Erst wenn man den Klimawandel als soziales oder ökonomisches Problem ansieht, rücken mit dem Blickwinkel auch andere Ideen in den Vordergrund. Ein vielschichtiges Problem kann man nicht nur aus einer Perspektive angehen.

„Es gibt keinen Grund dafür, warum der Klimawandel ausschließlich ein Thema für die linke Seite des politischen Spektrums sein sollte und nicht auch für die rechte.“

Halten Sie es für einen Fehler, den Klimawandel primär als Umweltproblem zu betrachten? Umweltschützer sind für viele Konservative ein rotes Tuch.

Wenn Klimawandel nur mit einer Denkweise verknüpft ist, wird das zum Problem, ob das nun eine wissenschaftliche Perspektive ist oder ein politischer Ansatz. Die Leute ordnen neue Informationen auf der Basis kultureller Verknüpfungen ein. Wenn es also eine starke Identifizierung mit einer Ideologie gibt, und so sehen viele Konservative die Umweltschutzbewegung, werden sich die Gegner dieser Ideologie abwenden und auch das Konzept des Klimawandels ablehnen. Wir sprechen oft vom Narrativ, der Rahmenerzählung, die ein Thema umgibt. Die muss eben stimmen. Interessanterweise haben Sie in Deutschland viel weniger von dieser politischen Polarisation, die ist zum Beispiel in Großbritannien und den USA gibt.

Man fragt sich allerdings manchmal, ob geringe Polarisation wirklich ein gutes Zeichen ist, wenn hierzulande wieder einmal die erneuerbaren Energieformen schlecht gemacht werden.

Mein Eindruck ist, dass die Energiewende in Deutschland sehr gut zum deutschen Narrativ von Wiederaufbau, Technologie und Ingenieurskunst passt. Das Thema und seine Lösungen lassen sich darum leicht in die deutsche Identität und die Werte der Menschen integrieren.

Gibt es in ihrem Land und den USA keine geeigneten Rahmenerzählungen?

Doch, Klimawandel und Klimaschutz könnten in beiden Ländern sehr gut zur nationalen Identität passen. In Großbritannien geht es um die geschichtliche Tradition, die Landschaft, Fairness, persönliche Freiheit, Humor. In den USA sind sie auf die amerikanische Führungsrolle stolz, ihre Entschlossenheit, den Can-Do-Spirit. Sie sehen ihr Land als Schaltzentrale von Veränderung und Innovation. Das sind lauter gute, positive Ansatzpunkte.

Das sind in allen drei Ländern Werte, die eher auf der konservativen Seite verankert sind.

Genau, es gibt ja auch keinen Grund dafür, warum der Klimawandel ausschließlich ein Thema für die linke Seite des politischen Spektrums sein sollte und nicht auch für die rechte. Meine Organisation und ich haben viel Arbeit in dieses Thema gesteckt. Vor kurzem habe ich fünf Berichte über die Zusammenarbeit mit konservativen Wählern veröffentlicht, und wir machen etliche Vorschläge, wie man Narrative für das Mitte-Rechts-Publikum entwickelt.

Worum geht es da?

Statt vom Energiesparen spricht man zum Beispiel besser vom Vermeiden von Verschwendung. Zahlen und Daten sind erst mal nicht so wichtig wie individuelle Werte. Und persönliche Beispiele wirkungsvoller als der Hinweis auf untergehende Südseeinseln.

Worldmap: Land & Ocean Temperature Percentiles Jan-Oct 2016
Der Stand der Erwärmung - Temperaturen von Januar bis Oktober 2016, gemessen als Abweichung vom Durchschnitt des 20. Jahrhunderts.
NOAA’s National Centers for Environmental Information

Schließen die so Geköderten sich dann Umweltschutzgruppen an?

Nein, die Art, wie sie das Problem verstehen, und die Maßnahmen, die sie ergreifen, werden sich stark von den Leuten mit einer linken politischen Gesinnung unterscheiden. Es kann doch überhaupt nur dann funktionieren, wenn in jeder sozialen Gruppe die jeweiligen Meinungsführer ihre eigene Version von Klimaschutz verbreiten.

„Den Erfolg werden wir daran erkennen, dass über Klimaschutz auf eine Art geredet wird, die uns überhaupt nicht gefällt.“

Sie müssen also jeder Gruppe eine andere Geschichte erzählen? Kommt das nicht raus, wenn sich die Argumente widersprechen? Stehen Sie dann nicht bald als Opportunist da?

Zu jeder dieser Gruppen muss natürlich jemand anders sprechen, der aus dem jeweiligen Netzwerk stammt. Es gibt keine zentrale Kontrolle, was wer sagen soll oder darf. Erst recht nicht von der Regierung, weil viele Menschen Politikern grundsätzlich misstrauen. Es geht darum, möglichst viele Menschen zu ermutigen und in die Lage zu versetzen, sich dieses Thema zu eigen zu machen. Konservative sollen darüber miteinander in ihrer eigenen Sprache und auf der Basis der eigenen Werte sprechen. Da wird es sicherlich Konflikte geben, aber es ist wichtig, dass eine aktive Debatte darüber beginnt, was wir angesichts des Klimawandels tun wollen und sollen. Uns alle verbindet über alle Trennlinien hinweg doch viel mehr, als wir wahrnehmen, zum Beispiel die nationale Identität, der gemeinsame Glaube, die Menschlichkeit, die Sorge um unsere Kinder.

Wenn dann viele Stimmen erklingen, dann vermutlich auch solche, die man lieber nicht hören möchte.

Das ist die Natur einer funktionierenden Demokratie. Man gibt den jeweils anderen den Raum, Dinge zu sagen, die man schrecklich findet. Meine Kollegen in der Umweltschutz-Bewegung scheinen das nicht zu verstehen, aber den Erfolg werden wir daran erkennen, dass über Klimaschutz auf eine Art geredet wird, die uns überhaupt nicht gefällt. Im Moment ist die Polarisation einfach bequem, man bleibt unter sich und muss sich mit abweichenden Äußerungen nicht auseinandersetzen. Auf beiden Seiten wird geschrien, und die vielen Menschen in der Mitte wenden sich ab. Sie sagen sich, ich gehöre nicht zu den einen und nicht zu den anderen, halte ich mich doch besser raus.

Wird diese große unentschiedene Mitte denn wenigstens kleiner?

Es ist nach wie vor eine Herausforderung, sie dazu zu bringen, über den Klimawandel nachzudenken, zu reden, zu handeln – und entsprechend zu wählen. In Großbritannien wurde der Klimawandel bei den letzten Wahlen überhaupt nicht mehr erwähnt, nur die Grünen haben vielleicht ein einziges Mal davon gesprochen, und die sind bei uns eine Splitterpartei.

Dabei hat doch Großbritannien sogar ein richtiges Klimawandel-Gesetz mit weiterreichenden Bestimmungen als Deutschland.

Richtig. Es sieht vor, die Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent unter das Niveau von 1990 zu reduzieren. Das Gesetz wurde 2008 verabschiedet, als alle Planeten mal günstig standen. Wir hatten eine Labour-Regierung, und die Konservativen wollten nicht als Fortschrittsbremse dastehen. Die Umweltgruppen haben damals wirklich gute Lobbyarbeit gemacht.

Ändert der bevorstehende Brexit etwas daran?

Vordergründig eher nicht. Psychologen kennen ein Konzept namens „finite pool of worry“ – Menschen können sich nur um eine begrenzte Anzahl von Dingen wirkliche Sorgen machen. Und jetzt gerade ist das Becken so voll, dass der Klimawandel am Rand sitzen muss. Das bedeutet aber auch, dass wirkliche Initiativen zum weiteren Klimaschutz gerade nicht zu erwarten sind.

Auch im US-Wahlkampf spielte Klimawandel kaum eine Rolle. In den drei Debatten von Hillary Clinton und Donald Trump gab es keine einzige Frage dazu …

… dabei hatte die beiden bei diesem Thema eine sehr unterschiedliche Position. Trumps Sieg vergrößert meine Sorge, und das gilt für Großbritannien nach der Brexit-Abstimmung wie für die USA: Das Leugnen des Klimawandels in seinen verschiedenen Erscheinungsformen wird immer stärker zu einem Kennzeichen der politischen Gesinnung. Trump streitet wie alle seine republikanischen Gegenkandidaten explizit ab, dass die Menschheit gegen den Klimawandel vorgehen muss. Weniger bekannt ist, dass die führenden Köpfe des Brexit-Lagers ähnlich denken – skeptisch bis ablehnend. Die extreme Rechte in Deutschland könnte sich das abgucken und die Energiewende zum Ziel machen.

„Für die Aktivisten unter den Klimaskeptikern ist ihre Haltung zum Teil ihrer persönlichen Identität geworden, die wird man kaum überzeugen können.“

Das passiert schon. Entsprechende Passagen hat die AfD in ihrem Parteiprogramm. Das ist allerdings zurzeit hinter ihren Positionen zur Flüchtlingspolitik verborgen. Aber zurück zur internationalen Politik: Wenn die Abstimmung in Großbritannien und den USA so viel Anlass zur Sorge bieten, ist dann wenigstens der Pariser Vertrag ein Lichtblick? Die schnelle Ratifizierung hat ja fast Euphorie ausgelöst.

Ich glaube nicht, dass er einen nennenswerten Einfluss auf die öffentliche Meinung hat. Er war für die politische Klasse wichtig, für die Leute, die die Debatte um den Klimawandel mehr oder weniger aus beruflichen Gründen verfolgen. Jenseits dieser Gruppe, und auch in den Medien, hatte das Thema nicht so viel Resonanz. Es herrscht doch allgemein eine große Sprachlosigkeit: Über Klimawandel wird am Abendbrot-Tisch, unter Freunden in der Kneipe oder in der Kaffeepause auf der Arbeit kaum geredet. Dazu ist er den Leuten nicht wichtig genug.

Um das zu ändern: Welcher Gruppe sollte die Umweltschutz-Bewegung mehr Aufmerksamkeit widmen, diesen Unentschlossenen in der Mitte oder den Aktivisten auf der anderen Seite? Wen würden Sie lieber gewinnen?

Die naheliegende Antwort wäre wohl zu sagen, wir müssen die Unentschlossenen gewinnen. Das ist ja eine große Zielgruppe. Für die Aktivisten unter den Klimaskeptikern ist ihre Haltung zum Teil ihrer persönlichen Identität geworden, die wird man kaum überzeugen können. Ich würde aber vor der Antwort noch zurückfragen: Welche Macht haben die einzelnen Gruppen, was können sie beitragen? Es gibt ja einzelne Leute, die nicht an den Klimawandel glauben, aber sehr einflussreich sind. Die einzubinden wäre wohl große Mühen wert. Wir müssen also überlegen, welche Gruppen der Gesellschaft wir erreichen müssen. Das ist dann eine politische Analyse. Darum bin ich daran interessiert, die Konservativen zu erreichen.

Sind Sie optimistisch, dass diese indirekte Strategie klappt?

Menschen ändern ihre Meinung am schnellsten, wenn sie sehen, dass die Leute um sie herum, in ihren Kreisen auch die Meinung ändern. Auf den alten Ansichten zu beharren, ist dann im sozialen Zusammenleben keine sichere Position mehr. Wir haben doch erlebt, wie dramatisch sich die Einstellungen zur Rassentrennung, Gleichberechtigung der Geschlechter oder sexueller Orientierung gewandelt haben. Dass man zum Beispiel Homosexuelle nicht diskriminieren darf, hat sich Stück für Stück durch die Gesellschaft verbreitet. Nicht nur, weil alte Menschen gestorben sind und junge Menschen eine andere Haltung hatten. Auch vielen alten Konservativen ist inzwischen klar, dass sie sich nicht mehr offen schwulenfeindlich äußern dürfen.

„Die anderen sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben. Sie haben lange über die Frage nachgedacht, sind aber zu den falschen Schlüssen gekommen.“

Sie haben für Ihr Buch mit vielen Menschen gesprochen, die klimaskeptische Ansichten haben – mit texanischen Mitgliedern der amerikanischen Tea-Party oder einem Vertreter eines konservativen Thinktanks in Washington. Ist Ihnen das schwergefallen?

Nein, dieses letzte Treffen war sogar einfach. Der Mann ist ein Profi und ein campaigner – also eigentlich das Gleiche wie ich. Er arbeitet nur für die andere Seite. Warum sollten wir deswegen nicht miteinander reden können? Und was die normalen Leute angeht: In Amerika bin ich sowieso ein Außenseiter. Ich sage: Ich bin Brite, für mich seid ihr alle verrückt. Und dann lachen sie erst mal. Aber ich bin ja auch nicht zu diesen Leuten gegangen, um sie zu überzeugen. Ich habe sie getroffen, um zu verstehen, wie sie zu ihren Ansichten kommen. Es gibt ein professionelles Verhalten für solche Interviews. Ich stelle Fragen und höre mir die Antworten an. Vielen Leuten gefällt es, wenn man sie nach ihrer Meinung fragt. Ich täusche das Interesse ja auch nicht vor, ich mag Menschen und habe grundsätzlich Respekt für Sie. Die anderen sind keine Idioten, weil sie nicht an den Klimawandel glauben. Sie haben lange über die Frage nachgedacht, sind aber zu den falschen Schlüssen gekommen.

Ist die Haltung wirklich durch Nachdenken entstanden?

Es ist sicherlich kein tiefes Nachdenken, sondern die Entscheidung entsteht mithilfe von kognitiven Abkürzungen, die kulturell geprägt sind. Ich muss aber das gleiche für mich eingestehen. Ich nutze auch sogenannte Heuristiken, indem ich mich zum Beispiel darauf verlasse, dass die Leute, die Klimadaten gewinnen und aufbereiten, professionell und unabhängig sind. So bewerten wir doch sämtliche Information, die uns präsentiert wird.

Sie benutzen das Wort Denken auch im Buchtitel, aber da geht es um Nicht-Denken: Don’t even think about it.

Ich wollte „denken“ im Titel haben, damit die Leser verstehen, dass es hier um Psychologie geht. Und ich wollte das Wort „glauben“ zunächst vermeiden, obwohl es eigentlich genau trifft: es ist der durch soziale Prozesse ausgelöste Glaube oder die Annahme oder das Vertrauen, dass die Aussagen der Wissenschaftler zum Klimawandel stimmen oder eben nicht stimmen. Aber „glauben“ ist von Religion besetzt.

Welchen Einfluss auf die Haltung hat die ständige Wiederholung der Warnungen? Jede neue Studie sagt ja praktisch das Gleiche: Die Menschheit verändern das Klima und das ist gefährlich.

Wir gewöhnen uns schnell an vieles und suchen uns eine Position, wo uns eine zunächst neue Situation nicht mehr ständig herausfordert. Das kann auch bedeuten, dass uns ständig neue Warnungen immer weniger berühren. Das erste Mal ist man vielleicht noch geschockt, aber dann kommt eine Studie, wonach alles noch schlimmer wird, und man zuckt schon fast mit den Schultern.

„Was Vorbilder angeht, bin ich nicht so sehr an Prominenten interessiert, die haben meist einen sehr kohlenstoff-intensiven Lebensstil.“

Warum empfinden wir in den reichen, alten Industriestaaten kein schlechtes Gewissen, dass unsere Emissionen der vergangenen Jahrzehnte Menschen in armen Entwicklungsländern ins Elend stürzen?

Gleiche Antwort – Gewöhnung. Wir passen uns allmählich an die Situation an, in der wir alle akzeptieren, dass Millionen von Menschen wegen des Klimawandels leiden oder sterben werden. Es wird vielleicht noch Generationen dauern, aber wir werden es als unvermeidbar betrachten. Schon heute haben wir doch kaum Gewissensbisse, wenn wir unseren destruktiven Lebensstil weiterführen, obwohl wir wissen, dass er unseren Kindern schaden wird. In diesem Sinn ist der Klimawandel die perfekte moralische Herausforderung für das 21. Jahrhundert. Das gilt auch für Umweltschützer und Klimaforscher. Sehen Sie, ich habe mir gerade einen Kaffee gemacht. Der Strom, den ich dafür gebraucht habe, setzt Schadstoffe in die Luft frei, die irgendwann irgendwo irgendjemandem schaden. Und wissen Sie was? Es ist mir egal, ich bin davon komplett losgelöst.

Würde es denn helfen, wenn Sie wegen solches Alltagsverhaltens Moralpredigten starten würden?

Vielleicht nicht. Dafür bräuchte es jedenfalls die richtige Person. Ich war zum Beispiel hocherfreut, als der Papst seine Enzyklika veröffentlichte. Da hat ein hochgeschätzter Kommunikator die Ergebnisse der Klimaforschung aufgegriffen und im Rahmen seiner Theologie, seiner Moral und kulturellen Identität neu interpretiert. Das war toll.

Welche anderen Sprecher könnten Sie sich vorstellen: Komödianten, Schauspieler, Sportler, Supermodels?

Was Vorbilder angeht, bin ich nicht so sehr an Prominenten interessiert, die haben meist einen sehr kohlenstoff-intensiven Lebensstil. Ihre reiche, von Statusfragen beherrschte Welt hat nicht die richtigen Werte, an denen man ansetzen kann. Es ist zwar sehr nützlich, wenn Leonardo de Caprio bei der Oscar-Verleihung über den Klimawandel spricht, aber das ist nicht der beste Weg, Veränderungen zu erzeugen.

Sondern?

Ich suche nach Netzwerken von Leuten, die von gemeinsamen Werten zusammen gehalten werden. Zum Beispiel auf der Basis eines religiösen Glaubens. Wir haben bisher erst von einer Glaubensgemeinschaft gehört, und auch unter den Katholiken ist noch viel zu tun.

Der Papst ist ja gerade aus der US-amerikanischen Kirche mehr oder weniger offen für seine Enzyklika angegriffen worden.

Und dabei ist kaum eine andere Religion derart hierarchisch organisiert wie die Katholiken. Aber wenn wir mal bei Religion bleiben: Ich würde gern sehen, wie sich Muslime um das Thema Klimawandel herum mobilisieren, aber es passiert dort kaum etwas. Gerade die islamische Welt wird durch den Klimawandel dezimiert werden, weil viele der Länder in den heißen und trockenen Regionen nahe am Äquator liegen. Bei den Hindus gibt es überhaupt keine Beschäftigung mit dem Thema. Wir brauchen dort Stimmen in der Glaubensgemeinschaft von immerhin einer Milliarde Menschen, deren Identität vom Glauben geprägt wird.

Und außerhalb der Religionen?

Netzwerke, die sich um den Sport herum organisieren. Oder die Rotary-Clubs. Oder Gewerkschaft: Deren Mitglieder treffen sich regelmäßig, aber mit den Argumenten der Umweltschützer darf man Gewerkschaftern nicht kommen. Viele von ihnen assoziieren Industrieabgase mit ihrer Lohntüte. Die hassen es zum Beispiel, wenn man von Lebensstil spricht. Tipps, wie man zuhause Energie spart, gehen an ihrem Weltbild vorbei, weil es den Gewerkschaften nicht um individuelles, sondern um kollektives Handeln geht. Und in Deutschland müsste es eigentlich einen bayerischen Narrativ zum Klimawandel geben, der von Bayern an Bayern weitergegeben wird.

Viel Glück mit den Bayern.

Wir haben immerhin hier in Wales, wo ich lebe, mit der Regierung zusammengearbeitet, wie man mit Walisern über walisische Werte in der walisischen Sprache redet. Das wirkt dann besonders, wenn es nicht nur die Regierung tut, sondern zum Beispiel auch der örtliche Rugby-Club.

Das Gespräch mit George Marshall ist vor der Veröffentlichung um die Aspekte Brexit, Pariser Abkommen und Trump ergänzt worden.

Hinweis: Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Mehr über uns und unser Thema finden Sie hier. Wenn Sie Fragen haben oder regelmäßig Zusatzinformationen und eine Vorschau auf unsere nächsten Geschichten bekommen möchten, schreiben Sie uns bitte unter info@klimasocial.de.

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