Mehr Kriege durch die Klimakrise?

Wie die Erderhitzung weltweit Konflikte verschärft

Heißer werden mit der Klimakrise auch die weltweiten Konflikte. Viele wollen so leben wie die Mehrheit in Mitteleuropa oder Nordamerika: Mindestens ein Auto vor der Tür, alle zwei Jahre ein neues Smartphone, Billigflüge in den Urlaub und jede Menge Zeug kaufen, Slumbewohner in Indien, Pakistan oder Westafrika schlachten ohne Schutzkleidung unseren Konsummüll aus, vergiften und verätzen sich dabei und was übrig bleibt, versickert im Boden. Plastikmüll liefern wir als Recyclinggut deklariert nach Ostasien, wo er dann im Meer landet. Rechnet man den deutschen Ressourcenverbrauch auf die Welt hoch, bräuchte die Menschheit drei Erden. Der Kampf um die knappen Ressourcen wird sich weiter verschärfen. 

Ein paar fährt mit einem Motorboot Gemüse über den Hau-Fluss in Vietnam
Leben am Hau-Fluss in Vietnam

Schmelzen die Gletscher, vertrocknet das Land

Schmelzen die Gletscher im Himalaya und in den Anden, sitzt in Südamerika und Südostasien irgendwann ein Fünftel der Menschheit auf dem Trockenen. Den großen Flüssen in Indien, Süd- und Indochina geht das Wasser aus. Seit 1980 ist schon ein Drittel der Gletscher weggetaut. Schon heute leben nach Informationen von Worldwatch 1,4 Milliarden Menschen in „Gebieten mit Wasserknappheit“. 2050 werden es fünf Milliarden sein. Allein vom Wasser aus dem Himalaya hängen etwa 500 Millionen Menschenleben ab. Laos und der Süden Vietnams zum Beispiel leben am und vom Wasser des Mekong. Ohne Wasser kein Reis, kein Obst kein Gemüse. 

Auch in anderen Weltregionen verknappt der Klimawandel die Ressourcen, die die Menschen zum Leben brauchen. Schon heute gelten 40% der Landflächen als „Trockengebiete“ und die Wüsten breiten sich weiter aus. Dürren, Stürme und Überschwemmungen treffen vor allem diejenigen, die ohne Rücklagen mit dem auskommen müssen, was sie ihrem kargen Boden abringen. Es sind die Armen.

Leben am Hau-Fluss: Kokosnussfrachter fährt über den Hau Fluss in Vietnam
Leben am Hau-Fluss: Kokosnussfrachter

Syrien: Erst kam die Dürre, dann der Krieg

Dem Bürgerkrieg in Syrien ging die längste Dürreperiode voraus, die das Land je erlebt hat. Einer Studie des US-Klimatologen Colin Kelley zufolge sind zwischen 2006 und 2010 etwa 1,5 Millionen Syrerïnnen in Städte gezogen - auch weil ihr vertrocknetes Land sie nicht mehr ernährt. Gewaltsam ausgetragene Konflikte entstehen aus der Not, wenn weitere Faktoren die Situation verschärfen. Das Assad-Regime strich zum Beispiel die Subventionen für Grundnahrungsmittel. Es verschrieb sich einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, das die Opfer der Dürre ohne staatliche Hilfe sich selbst überließ. „Der Klimawandel hat in Syrien das Tor zur Hölle geöffnet“, schrieb der damalige US-Vizepräsident Al Gore und Barack Obama analysierte nach Beginn des Krieges: „Dürre, Ernteausfälle und teure Lebensmittel haben geholfen, den frühen Konflikt zu befeuern.“

Mann in traditioneller Kleidung blickt in einen leeren Brunnen im Sahel-Gebiet (Afrika)
Mann in traditioneller Kleidung schaut in einen leeren Brunnen im Sahel-Gebiet (Afrika)

Jobs gibt es nur bei Al Qaida

In Mali hat die Riffreporterin Bettina Rühl dokumentiert, wie Islamisten im Norden des Landes Krieg und Terror finanzieren: Drogenschmuggel, Korruption, Entführungen, Öl- und Menschenschmuggel, Erpressung, Schlepperei, Sklaverei und Ausbeutung von Migranten, die das Land auf dem Weg ans Mittelmeer durchqueren. Allein der UN-Militäreinsatz in Mali koste jedes Jahr fast eine Milliarde Dollar. Trotzdem schließen sich - meist mangels einer Alternative - junge Leute hier wie überall im nördlichen Afrika den Islamisten an. Sie haben Macht, Geld und bezahlen ihre Kämpfer gut. Terrororganisationen wie Al Qaida im islamischen Maghreb füllen das Vakuum, das die korrupten Staaten der Region hinterlassen. Auch im südlichen Afrika spitzen sich Konflikte unter anderem infolge der Klimakrise zu.

Ein einheimischer Junge in der sudanesischen Provinz Darfour zeigt Patronenhülsen, die er gefunden hat.
Ein einheimischer Junge in der sudanesischen Provinz Darfour zeigt Patronenhülsen, die er gefunden hat.
UN Photo/Albert Gonzalez Farran

Symbiotischer Deal funktioniert nicht mehr

Der Krieg in der sudanesischen Provinz Darfur gilt manchen als der erste „Klimakrieg“ der Geschichte. Die Dürre hat den Konflikt zumindest verschärft. Die Bilanz der Kämpfe zwischen 2003 und 2007: 200.000 Tote und 2,5 Millionen Geflüchtete. Auch hier kamen viele Faktoren zusammen, die den Streit unter etwa 36 Volksgruppen eskalieren ließ. Nach langer Dürre war das Wasser immer knapper geworden. Das Regime in der fernen Hauptstadt Khartum hatte die Region aufgegeben und unterstützte einseitig die muslimisch-arabischen Milizen im Kampf gegen die schwarzafrikanische Bevölkerung. 

Viehzüchter und Nomaden ergänzten einander

Wie fast überall in der Sahel-Zone lebten hier über Jahrhunderte Vieh züchtende Nomaden, so genannte Pastoralisten, und sesshafte Ackerbauern einigermaßen friedlich zusammen. Der symbiotische Deal: Die Viehzüchter kommen nach der Ernte mit ihren Herden auf die Äcker der Bauern, um dort ihre Tiere zu weiden. Die Ziegen, Schafe und Rinder fressen die Überreste der Ernte von den Feldern und düngen mit ihrem Kot den Acker, den die Bauern anschließend neu bestellen. Die Hirten ziehen dann zurück nach Norden, wo sich ihre Weidegründe inzwischen erholt haben. Das funktionierte in Niger, in weiten Teilen Malis, im Tschad, im Norden Kenias und auch in Darfur, solange sich Regen- und Trockenzeiten in einem weitgehend vorhersehbaren Rhythmus abwechselten. 

Ein Bauer geht über vertrocknetes Land in Mauretanien
vertrocknetes Land in Mauretanien
© Valerie Batselaere

Hitze, Stürme und Regengüsse werden heftiger und häufiger

Auch aufgrund der Erderhitzung lässt sich das Wetter in der Sahel-Zone immer schwerer vorhersagen. Sturzregen unterbrechen ungewöhnlich lange Dürreperioden. So wird es immer schwieriger, die Transhumanz genannten halbjährlichen Wanderungen der Viehhalter so zu planen, dass die Herden jeweils passend nach der Ernte auf den Feldern im Süden ankommen. Sind die Felder noch nicht abgeerntet, zerstören die Tiere die Pflanzen der Bauern. Kommen sie zu spät, fressen sie auf den Äckern die neue Aussaat.

Dürre am Horn von Afrika

In Darfur hat es wie überall im nördlichen Ostafrika auch deshalb so lange nicht mehr geregnet, weil der Indische Ozean immer wärmer wird. Eine Folge des „Klimawandels“. Nachdem im Norden und Osten der Region das Land nach langer Dürre ausgetrocknet ist, ziehen die arabischen Wanderhirten immer weiter nach Süden. Die dort lebenden Bauern können sie in so großer Zahl und Häufigkeit nicht auf ihre Felder lassen. 

Internationale Hilfe muss Konflikte berücksichtigen

Einen Beitrag zum Ende der Kämpfe in Darfur leisteten die Friedenseinsätze der Mercy Corps. Ihre zumeist einheimischen Mitarbeiterïnnen bringen örtliche Gemeinschaften miteinander ins Gespräch. Gemeinsam mit den Dorfbewohnerïnnen bauen sie Wasser-Rückhaltebecken, Bewässerungsgräben und helfen bei der Suche nach Kompromissen zwischen Wanderhirten und örtlichen Bauern.

Workshops für Wanderhirten

Im Tschad organisiert Hindou Oumarou Ibrahim für die Wanderhirten des Poel-Volkes mit Unterstützung der Organisation Conservation.org Workshops zu den Themen Ressourcenschonung und Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen. So will die Aktivistin, die auch vor dem Pariser Klimagipfel gesprochen hat, Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaften mit den mündlichen Überlieferungen ihres Volkes zusammen bringen und für die Anpassung an den Klimawandel nutzbar machen.

Kamelkarawane zieht durch die trockene Sahelzone
Kamelkarawane zieht durch die trockene Sahelzone
Karte von Afrika zeigt die Auswirkung der steigenden Kohlendioxid-Konzentration in der Erdatmosphäre auf die Produktivität des Weizenanbaus
Auswirkungen der Zunahme von Kohlendioxid auf die landwirtschaftliche Produktivität (Weizen) in Afrika
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Helferïnnen denken und arbeiten zu sehr in Schubladen

Vielen so genannten „Entwicklungshilfe-Projekten“ fehlt dieser Blick auf die Bedürfnisse der örtlichen Bevölkerung und die Konfliktsensibilität. „Wir arbeiten zu sehr in Silos“ kritisiert zum Beispiel Lukas Rüttinger von der Beratungsfirma adelphi Consult. Projekte beschränken sich wegen strenger Vorgaben der Geldgeber auf Einzelaspekte wie Brunnenbau, Wirtschaftsförderung oder humanitäre Nothilfe, ohne Nebenwirkungen zu beachten. „Welchen Sinn hat es, Lebensmittel in Flüchtlingslager zu liefern, ohne ihnen Kochgelegenheiten zu geben?“, fragt Rüttinger. Die Lagerbewohnerïnnen holzen dann die wenigen Bäume in der Umgebung ab, um an Feuerholz zu kommen. Andere Helfer verteilen Land an ehemalige Kämpfer und übersehen, dass die Äcker wegen der Dürre keinen Ertrag mehr abwerfen.

Mann pflügt mit einem Holzpflug ein Stück Land in Darfur, Sudan, Foto: Peacekeeping - UNAMID
Mann pflügt mit einem Holzpflug ein Stück Land in Darfur, Sudan, Foto: Peacekeeping - UNAMID
Albert Gonzalez Farran - UNAMID

Auch für das deutsche Klimakonsortium DKK ist der Klimawandel „ein Konflikttreiber unter vielen“. Die Erderhitzung könne die Anpassungsfähigkeit vieler Gesellschaften überfordern, warnt der Verband von Klimawissenschaftlern. Ähnlich sieht es das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen UNDP: Die Fachleute dort befürchten, dass „die planetare Überhitzung ganze Gesellschaften im globalen Süden überfordern und unter der Last von Ernteausfällen, wiederkehrenden Katastrophen und dem Meeresspiegelanstieg zusammenbrechen lassen könnte.“ In dicht besiedelten Küstenländern wie Bangladesch fliehen Millionen vor dem steigenden Meeresspiegel ins jetzt schon überbevölkerte Hinterland. Seit die meisten Mangrovenwälder an den Küsten abgeholzt wurden, treffen die immer häufigeren Sturmfluten ungebremst auf Land. Das Meer dringt immer vor und versalzt das Grundwasser.

Viele Ursachen führen zum Krieg

Auch Noe Müller-Rowold vom Büro der staatlichen deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Niger sieht – wie seine Kollegin im benachbarten Mali – „viele Ursachen“ für die Konflikte in der Region. Niger hat mit durchschnittlich sieben Kindern pro Frau die weltweit höchste Geburtenrate. In Mali sind es nur etwas weniger. Die beiden Länder können ihre wachsende Bevölkerung nicht ernähren. Die Böden seien ausgelaugt und die Menschen fällen die letzten Bäume, weil sie Holz vor allem zum Kochen benötigen. Der nächste Starkregen und der Wind tragen dann die ungeschützte Humusschicht der Böden ab, was die Aussichten für die nächste Ernte weiter verschlechtert. Im angrenzenden Benin hätten Unternehmen ganze Wälder abgeholzt, um dort Baumwollplantagen anzulegen. Die verbrauchten sehr viel Wasser. Hinzu kommt der Einsatz von Pflanzengiften, die das Grundwasser verseuchen.

Karte von Afrika zeigt die Auswirkung der steigenden Kohlendioxid-Konzentration in der Erdatmosphäre auf die Produktivität des Weizenanbaus
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Kenia vertreibt Menschen für Ölförderung

Im Norden Kenias zum Beispiel fördert der Staat mit internationaler Hilfe Öl. Die Anwohner verlangen vom Betreiber der Ölbohrung, dass sie junge Leute aus der Umgebung einstellen. Vergeblich. Stattdessen verschlechtern sie ihre Lebensbedingungen. Die Ölbohrung verbraucht Wasser, das aus dem Boden gepumpt wird. Der Grundwasserspiegel sinkt. Das Grundstück der Anlage ist weiträumig eingezäunt. Wanderhirten müssen ihre Route aufgeben, die bisher über das Areal führten. Auch die Dorfbewohner müssen weite Umwege gehen. 

Weniger gravierend sind die Auswirkungen eines neuen Windparks in der Gegend. Die Wege zwischen den Rotortürmen bleiben offen. Der Strom fließt allerdings nur ins nationale Netz. Dörfer ohne Anschluss bleiben in Sichtweite der Windräder ohne Strom. All dies liefert Stoff für neue Konflikte.

In den meisten Ländern der Sahel-Zone sind es viele Faktoren, die zusammenwirken, um dann zu bewaffneten Konflikten führen. Den zahlreichen jungen Leuten fehlen Jobs oder andere Möglichkeiten, sich eine Existenz aufzubauen. Die Regierungen sind überfordert, Beamte so schlecht bezahlt, dass sie ohne Schmiergelder nicht überleben können. Oft bevorzugen sie einseitig die Leute ihres Clans, Stammes oder ihrer Volksgruppe. Im Niger berichtet GIZ-Mitarbeiter Müller-Rowold von immer mehr chinesischen Unternehmen und reichen Einheimischen, die riesige Landflächen kaufen oder pachten und einzäunen, um dort große Farmen anzulegen. Die Stationäre Landwirtschaft gelte „als modern und cool“, obwohl sich die Böden ohne die Wanderhirten kaum noch von der immer intensiveren Nutzung erholen können. Die Vieh-Nomaden müssen sich neue Routen suchen oder ihren Beruf aufgeben.

Angesichts knapper werdender Ressourcen für immer mehr Menschen fehlen Mechanismen zur gewaltfreien Bearbeitung der zunehmenden Konflikte. In Niger versuchen die Mitarbeiterïnnen der GIZ, Wanderhirten und Bauern über ihre Rechte aufzuklären. Sie markieren Wege, die die nomadischen Viehhalter nutzen können.

„Die Menschen greifen ihre Nachbarn an, bevor sie verhungern“, hat nicht nur der Autor Gwen Dyer erkannt. In seinem Buch „Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert“ beschrieb er schon vor zehn Jahren drohende „Klimakriege“.

Kinder schwimmen in einer Wasserstelle in Darfur, Sudan
Kinder schwimmen in einer Wasserstelle in Darfur, Sudan

G7: Klimakrise ist die größte Gefahr für die Sicherheit

Auch wenn es diese - bisher zumindest - nach Ansicht der meisten Fachleute nicht gibt, wirkt der Klimawandel in vielen Weltregionen „konfliktverschärfend“. 2015 erkannten die Außenminister der G7-Staaten den Klimawandel als „eine der zentralen Sicherheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts“. Ein Jahr danach warnte das US-Verteidigungsministerium vor einer „Gefährdung der internationalen Sicherheitslage“ durch den Klimawandel. Sich selbst sehen die Uniformierten als „Friedensstifter“, obwohl sie den Planeten mit aufheizen. Allein das US-Militär, mit seinen Panzern, Schiffen und Flugzeugen selbst größter Ölverbraucher der Welt, trägt zum Klimawandel etwa so viel bei wie das afrikanische Nigeria mit seinen fast 200 Millionen Einwohnern. 

Landschaft nach einem Waldbrand
verbrannte Waldlandschaft

Steigende „Konfliktwahrscheinlichkeit“

Kriege definiert etwa Janpeter Schilling als mit Waffen ausgetragene Konflikte, an denen mindestens ein Staat beteiligt ist und der mehr als 1000 Todesopfer im Jahr verursacht. Wie viele seiner Kollegïnnen erinnert der Leiter der „Forschungsgruppe Landnutzungskonflikte“ an der Friedensakadamie Rheinland-Pfalz daran, dass Konflikte „immer mehrere Ursachen haben“. Steigende Temperaturen alleine lösen keine Kriege aus. Die Verknappung von Wasser, Land und anderen lebenswichtigen Ressourcen befeuern allerdings vorhandenen Streit. Der Geograf Jürgen Scheffran forscht am Exzellenzcluster „Klima, Klimawandel und Gesellschaft“ der Universität Hamburg zu Auswirkungen des Klimawandels auf Konflikte. Ein weltweiter Temperaturanstieg um 4 Grad könne das „Konfliktrisiko“ des Klimawandels vervielfachen. Gemeint ist damit die Dauer, Häufigkeit und Intensität der Auseinandersetzungen, die Zahl der Opfer und die Höhe der Schäden. Kriege und andere bewaffnete Auseinandersetzungen dauern länger, werden häufiger, und brutaler.

Demonstration für Toleranz und Weltoffenheit gegen eine PEGIDA Kundgebung in München: Schirm mit der Aufschrift Fight Racism
Demonstration für Toleranz und Weltoffenheit gegen eine PEGIDA Kundgebung in München, 20.7.2015

Mehr Konflikte, auch in Europa

Auch in den reichen Ländern nehmen die Konflikte zu. Menschen wehren sich schon jetzt gegen Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstils, leugnen die vom Menschen gemachten Klimakrise oder halten die Warnungen der Wissenschaftler für „Klimahysterie“. Im Netz hetzen sie gegen die „Rotzgöre“ Greta Thunberg. Rechte Parteien wie die „AfD“ in Deutschland, die „FPÖ“ in Österreich, Polens PIS, UKIP in England oder der Fidesz in Ungarn sammeln damit bei den Trotzköpfen immer mehr Wählerstimmen.  

Hinzu kommen so genannte Klimaflüchtlinge. Auch wenn Scheffran wie die meisten Wissenschaftler die immer wieder genannten Zahlen zukünftiger „Klimaflüchtlinge“ nicht bestätigt: Immer mehr Menschen verlassen Gebiete, die wegen Dürren, Überschwemmungen oder dem Anstieg der Meeresspiegel unbewohnbar werden. Schon 1990 warnte das Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC vor „Millionen, die vor Überschwemmung, steigenden Meeresspiegeln, Dürre und Bodenerosion“ fliehen.

Nansen-Initiative will Opfern der Klimakrise helfen

Das Thema kommt nur langsam in der internationalen Politik an. In der Erklärung des Klimagipfels von Cancún erkannten die Staaten 2010 an, dass Menschen vor den Folgen des Klimawandels fliehen (climate change-induced migration) und kündigten an, bei der Lösung des Problems zusammen zu arbeiten. Daraus entstanden ist die Nansen-Initiative, in der 27 Staaten den betroffenen Hilfe und Schutz versprechen. Vertreterïnnen Deutschlands arbeiten in der Steuerungsgruppe der Initiative mit. Rixa Schwarz, Teamleiterin „Internationale Klimapolitik“ bei der Nichtregierungsorganisation Germanwatch, verweist auf Programme der Fidschi-Inseln und anderer Südseestaaten: Dort erhalten junge Leute Weiterbildungen, damit sie nach Australien oder Neuseeland auswandern können, wenn ihre Heimatländer im Ozean versinken. Nachdem die USA weite Teile der Marshall-Inseln in den 50er Jahren mit ihren Atomtests verstrahlt haben, nehmen sie heute zumindest Flüchtlinge der vom Untergang bedrohten Inseln auf.

junge Marokkaner blicken ueber die Klippen von Tanger nach Europa
junge Marokkaner blicken ueber die Klippen von Tanger nach Europa

Menschen fliehen auch vor den Folgen der Klimakrise

2019 zählte das Flüchtlingshilfswerks UNHCR der Vereinten Nationen mehr als 79,5 Millionen Geflüchtete und Vertriebene (2018: 70 Mio.), mehr als je zuvor in der Geschichte und doppelt so viele wie 2010. . Obwohl nicht einmal jede und jeder Zehnte von ihnen die Europäische Union erreicht, spült die angebliche „Flüchtlingskrise“ europaweit fremdenfeindliche Parteien nach oben - sei es die „AfD“ in Deutschland „Vox“ in Spanien oder die „Lega“ in Italien. Dabei bleiben die meisten Flüchtlinge in ihrer Region. 41 Millionen in ihrem Heimatstaat und 26 Millionen in den Nachbarländern. Nur wenige können sich eine Flucht nach Europa leisten.

Flüchtling ist nach der Genfer Konvention von 1951 nur, wer wegen seiner „Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen (seiner/ihrer) politischen Überzeugung“ in seinem Heimatland nicht mehr sicher ist und deshalb nicht mehr zurückkehren kann. Wer vor den Folgen des Klimawandels flieht, hat bislang nirgends Anspruch auf Asyl. 

Sieg der Vernunft oder der Rücksichtslosen

Das Problem ist erkannt. Geändert hat sich wenig. So lange klimaschädliches Verhalten für den und die Einzelne billiger ist als klimafreundliches, geht der Klimawandel weiter. Unternehmen verlagern die sozialen und ökologischen Folgekosten ihres Tuns bislang ungehindert auf die Allgemeinheit oder künftige Generationen. So zahlen die Reisenden fast überall in Europa für Flugtickets weniger als für Bahnfahrkarten. Supermärkte verkaufen Fleisch aus umweltzerstörender Massentierhaltung billiger als „Bio“-Ware aus der eigenen Region, aufwändig verpacktes Importgut günstiger als lose Ware aus dem Umland. Erhöht ein Anbieter alleine die Preise für klimaschädliche Produkte, verschwindet er vom Markt. Solange die Politik die Rahmenbedingungen hier nicht ändert, werden wir mit mehr Konflikten und Kriegen um die knapper werdenden Ressourcen leben müssen. Offen ist die Frage, ob sich die Vernünftigen und Kooperationswilligen durchsetzen oder die Rücksichtslosen. Der CO2-Preis ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

Quellen:

Gespräche mit Mitarbeiter/inne/n der GIZ in Westafrika

Deutschlandfunk: Die große Transformation

Humanistischer Pressedienst: Klimawandel und gewaltsame Konflikte,

International Panel on Climate Change IPCC, Bericht 2014

Entwicklungsprogramm der Vereinte Nationen UNDP, Klimabericht 2007

„Experten warnen vor Klimakollaps“, Badische Zeitung vom 2. Juli 1988

Mercy Corps

Friedensakademie der Uni Koblenz-Landau

Tagesspiegel: Klimawandel als Ursache von Konflikten

taz: US-Militär wird ökologisch bewusster

Video: Leben der Wanderhirten in Tschad und die Folgen des Klimawandels

Hinweis: Ein Vorläufer dieses Textes ist 2019 im Magazin des Forums Ziviler Friedensdienst Forum ZFD, Bonn, erschienen

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