Energiewende ganz groß

Ein Stimmungsbericht

Vor einigen Jahren noch waren erneuerbare Energien eine Frage der moralischen Verantwortung. Heute sind sie wettbewerbsfähig. Eine Herausforderung für Industrie, Politik, Wissenschaft – und nicht zuletzt für die Medien.

In den USA wurde im vergangenen Jahr 8,1 Prozent mehr Windstrom produziert als im Vorjahr und sogar 24,4 Prozent mehr Solarstrom. Das hätte man von einem Land, in dem Donald Trump den Ton angibt, vielleicht nicht erwartet. Etwa 17 Prozent des Stroms stammen dort bereits aus regenerativen Quellen. Das ist zwar nicht einmal die Hälfte des Anteils, den die Erneuerbaren in Deutschland einnehmen. Doch die USA holen auf (KlimaSocial berichtete über amerikanische Initiativen, die sich nicht von der Politik des US-Präsidenten beirren lassen).

Diesen Erfolg führt der US-amerikanische Medienmanager Scott Clavenna weder auf die Politik noch auf technische Innovationen zurück, sondern vor allem auf die Finanzbranche. Der Boom der Fotovoltaik sei in den USA durch neue Finanzierungsmodelle ermöglicht worden: Hausbesitzer und Kommunen hätten die Anlagen nicht selbst finanziert, sondern den damit produzierten Strom von Firmen gekauft. „Wir stellen daher keine Technikanalysten mehr ein, sondern Wirtschaftsanalysten“, sagte Clavenna kürzlich auf einer Tagung in Berlin. Sein Medienunternehmen Greentech Media schreibt Nachrichten für Businesskunden in der Energiebranche.

Der Nachrichtendienst Clean Energy Wire hat Journalisten aus aller Welt nach Berlin eingeladen. Sie tauschten sich zwei Tage lang darüber aus, wie sie über die ökonomische Seite der Energiewende berichten. Hier verändert sich so viel und so schnell, dass eine Zwischenbilanz nötig scheint. „Wir sind bereits auf der zweiten Stufe der Energiewende“, sagte der Analyst Kingsmill Bond vom britischen Onlineportal Carbon Tracker. Die Erneuerbaren Energien seien jetzt so günstig wie fossile Energien ohne Subventionen. „In fünf Jahren werden sie günstiger sein als bestehende fossile Kraftwerke.“ Investoren ziehen sich daher aus der Kohle- und Ölindustrie langsam zurück (KlimaSocial berichtete über diesen Trend). Auf der Berliner Tagung wird immer wieder vom „Kodak-Moment“ gesprochen, also dem Zeitpunkt, an dem eine abgehängte Branche bemerkt, dass sie längst überholt worden ist.

Auch die Forschung steht vor neuen Aufgaben, denn sie muss die Politik beraten. Es genüge nicht, die Bausteine der Klimapolitik einzeln zu betrachten, sagt der Ökonom Ottmar Edenhofer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Ihm bereitet Sorge, dass viele Länder die Kohleenergie weiter ausbauen. China und Indien haben zwar die Zahl der neuen Kraftwerke reduziert, aber kleinere asiatische Länder setzen den Trend fort (wie eine interaktive Karte des Portals Carbon Brief zeigt). Aus Edenhofers Sicht reichen die bisherigen Ansätze zum Klimaschutz nicht aus, nötig ist zusätzlich ein Preis auf Kohlenstoff (KlimaSocial hat diesen Ansatz ausführlich vorgestellt). Doch wie wirkt sich eine solche Abgabe auf die Firmen und die Bürger aus? Wie könnte man ihnen das eingenommene Geld wieder zurückgeben – beispielsweise als Investition in die Infrastruktur? Die Wissenschaft müsse die Zusammenhänge von Energie-, Steuer- und Sozialpolitik genauer untersuchen, fordert Edenhofer.

Und nicht zuletzt müssen sich Journalisten auf die Umwälzungen der Energiewende einstellen. Wie sollten sie zum Beispiel mit den Startups der Branche umgehen? Erst über diese Firmen berichten, wenn sie über das Ideenstadium hinausgekommen sind und ein Produkt vorweisen können, wird in Berlin vorgeschlagen. Und wie sollten Journalisten gewichten, dass grüne Kraftwerke mitunter Tiere und Natur beeinträchtigen? „Wir müssen immer das ganze Bild zeigen“, heißt es. Dazu gehörten auch die vorzeitigen Todesfälle durch Luftverschmutzung, die auf fossile Energien zurückgehen. Nicht zuletzt wird ein Beitrag der New York Times hervorgehoben, in dem anhand von Familiengeschichten gezeigt wird, wie der berufliche Wandel von der fossilen zur regenerativen Industrie gelingen kann. Den Veränderungen und Herausforderungen ein Gesicht geben, lautet die Empfehlung.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht jedoch die Frage, welche Themen recherchiert werden müssen. Hierzu hat Clean Energy Wire ein internationales Recherchestipendium ausgeschrieben. Den ersten Preis in Höhe von 5000 Euro gewinnen Florencia Martin aus Argentinien und Micaela Villa Laura aus Bolivien. Sie werden mit dem Geld recherchieren, welche Firmen in den Abbau von Lithium investieren. In den Bergregionen von Bolivien, Argentinien und Chile liegen sehr große, noch unerschlossene Vorkommen dieses wichtigen Metalls. Sie sind viel wert, da Lithium zur Herstellung von Batterien benötigt wird. China drängt in den Markt, aber auch Deutschland hat schon einen Vertrag abgeschlossen. Der Kampf um die Ressourcen der Energiewende – ein weiteres Beispiel dafür, dass die Entwicklung zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise auch durch die ökonomische Brille betrachtet werden muss.

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