KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

„OK, Boomer“ ist eine gerne verwendete ironisch-lakonische Antwort der jüngeren Generation auf belehrende, herablassende oder ignorante Äußerungen der Älteren. Die ältere Generation hätte die Klimakrise kommen sehen, aber nicht gehandelt, so der unterschwellige Vorwurf. Völlig von der Hand zu weisen ist es nicht. „Ich konnte früher gar nicht genug CO2 ausstoßen", gibt zum Beispiel Olaf Höhn freimütig zu. Doch dann lernt er mehr über die Gefahren der Erderhitzung. Sein Sohn, ein Geologie-Student, löst dieses Umdenken aus. Heute gilt Höhns Unternehmen als Vorzeigebetrieb für Energieeffizienz – und er wird nicht müde, anderen Unternehmern die Vorzüge des klimaneutralen Wirtschaftens schmackhaft zu machen. 

München, den 21. April 2020

Auf dem Heimweg von seiner Eismanufaktur in Berlin macht sich Olaf Höhn oft einen kleinen Spaß daraus, auszuprobieren, mit wie wenig Energie er diesmal den Heimweg absolviert. Er fährt einen Elektro-Mercedes, von dem es nur wenige gibt und der aus einer Zeit stammt, in der Daimler noch mit dem Elektropionier Tesla kooperierte. „Wenn ich das geschickt anstelle, im Windschatten fahre und ein kurzes abschüssiges Stück runter laufen lasse, und dabei die Bremswirkung Energie zurückgewinne, fahre ich 16 der 27 Kilometer praktisch ohne Antrieb“, erzählt Höhn begeistert.

Diese Episode beschreibt Höhns Charakter vermutlich ganz gut. Ein Tüftler, der eine große Lust daran hat, neue Dinge auszuprobieren. Dass irgendwann einmal ein Aufkleber „Ich fahre CO2-neutral“ auf seinem Auto prangen würde und seine Florida Eismanufaktur von der Bundesregierung als Vorzeigebetrieb für klimaneutrales Wirtschaften ausgezeichnet würde, war allerdings nicht unbedingt absehbar. „Ich war ein richtiger Petrolhead, Motorsport, Flugzeuge – ich konnte gar nicht genug CO2 ausstoßen“, gibt der gelernte Maschinenbau-Ingenieur zu. Sein Umdenken ausgelöst hat sein Sohn, der Geologie studierte. „Über sein Studium habe ich viel mitbekommen, was bei uns in Sachen Klimaschutz so alles im Argen liegt. Das hat bei mir viel in Gang gesetzt.“

Die Lage ist dramatisch, was also tun?

Erst habe er nur „ein bisschen grünen Strom mit einer Photovoltaikanlage“ erzeugen wollen. „Aber dann hat mich jemand darauf hingewiesen, dass wir durch unsere Eisherstellung ja ganz viel Abwärme produzieren, die wir nutzen könnten“, erzählt der 70-Jährige. Als er für seine Firma eine neue Halle baute, entschied sich Höhn deswegen vor acht Jahren eine Adsorptionskältemaschine anzuschaffen. „Als einer der ersten Betriebe überhaupt!“ sagt er stolz. Solche Anlagen erzeugen Kälte, indem sie als Antriebsenergie überschüssige Wärme nutzen und dadurch ohne Strom die benötigte Kühlleistung bereitstellen. Als Antriebsquelle nutzt Florida Eis eine Solarthermie-Anlage sowie eine Holzpellets-Heizung – und die aufgefangene Wärme eines ausgeklügelten Energierückgewinnungssystems, an das alle 50 Kältekompressoren des Betriebs gekoppelt sind. Damit laufen die Kompressoren sparsam, da sie durch die Gastechnik der Adsorptionskältemaschine etwas kühler gehalten werden als sonst üblich.

Warmes Wasser aus der Rückgewinnung

Bei der Rückgewinnung aus dem Kreislaufsystem der Kältemittel in der Adsorptionskältemaschine wird sehr viel heißes Wasser produziert, das im Betrieb weiter verwendet wird. „Wir nutzen das als Warmwasser für Waschbecken und Dusche, für die Fußbodenheizung und für die Warmluftheizung. Das spart richtig Geld“, sagt Höhn. Die Anfangsinvestition in die Adsorptionskältemaschine sei zwar sehr hoch gewesen, aber sie habe sich sehr wohl gelohnt, so der Unternehmer. „Es ist wirklich verblüffend, wie wahnsinnig effizient diese Anlage arbeitet.“ Und langlebig sei sie auch: Die Hersteller garantieren eine Lebensdauer von bis zu 50 Jahren. „Ich muss also nicht alle fünf Minuten ein Ersatzteil kaufen, das schlägt sich in geringen Wartungs- und Instandsetzungskosten nieder", sagt der Unternehmer. Vor dem Umzug des Betriebs in die neue Halle am Zeppelinpark in Berlin hatte Höhn nur eine kleine Produktion für seine zwei Eiscafés mit monatlichen Stromkosten in Höhe von 10.000 Euro. „Die zahle ich heute auch noch, aber wir produzieren zehnmal so viel und beliefern zusätzlich den Handel“, sagt Höhn.

Mühevolle Bürokratie für Fördermittel

Für das Gesamtprojekt habe er alle verfügbaren staatlichen Fördermittel abgerufen. Dabei habe er Unterstützung von einem Freund erhalten, der sich mit dem Ausfüllen solcher Aufträge gut auskenne. „Zum Glück, denn diese Bürokratie ist wirklich mühevoll“, sagt Höhn.

Der mittelständische Betrieb, der inzwischen fast hundert Mitarbeiter*innen beschäftigt, versucht aber nicht nur, Energie besonders klimafreundlich zu erzeugen, sondern auch einzusparen. Erst kürzlich wurden nochmal alle wärmeführenden Leitungen – weit mehr als tausend Meter – neu isoliert. „Erstens sieht das hübscher aus, was wichtig ist für einen Lebensmittelhersteller, und zweitens verhindert es Energieverluste. Und zwar so viel, dass es mich selbst nochmal überrascht hat“, sagt Höhn.

Während eine Rohrisolierung sozusagen das Energiespar-Einmaleins darstellt, geht Höhn oft auch völlig neue Wege. So wurde unter der 600 Quadratmeter großen Tiefkühlzelle, in der das Speise-Eis lagert, mit Hilfe von so genanntem Glasschaumschotter eine Art künstlicher Permafrostboden geschaffen. In diesem rund ein Meter dicken Boden beträgt die Temperatur konstant -24 Grad Celsius, er hält die Zelle auch dann im Frostbereich, wenn die Energiezufuhr während der Reinigung abgeschaltet wird. Normalerweise stehen solche Tiefkühlzellen auf einem Betonboden, der fortwährend beheizt werden muss, damit er nicht aufplatzt. „Unser Konzept ist nicht nur viel billiger, als die Fußbodenheizung gewesen wäre, sondern wir sparen im Jahr auch rund 100.000 Kilowattstunden ein, die alleine zur Beheizung nötig gewesen wären. Von meinen Betriebskosten als Eishersteller entfallen nur etwa 2,5 Prozent auf die Energiekosten“, sagt Höhn. Der Glasschaumschotter besteht nach Angaben des Glapor Werks, einer kleinen Firma in Mitterteich (Brandenburg), aus zu 100 Prozent recyceltem Altglas. Also ein durch und durch nachhaltiges und sogar regionales Produkt.

LKW mit effizienter Speicherkühlung

Eine weitere Besonderheit sind die LKW, mit denen das Eis zu den Handelspartnern ausgeliefert wird. Sie wurden auf Wunsch des Firmengründers mit einer speziellen Speicherkühlung ausgerüstet, die ohne den schweren Kompressor direkt am LKW auskommt. „Keiner macht das nach, den Glasschaumschotter nicht, die stille Kühlung beim LKW nicht!“, sagt Höhn mit einer Stimme, die offenbart, wie wenig Verständnis er dafür hat. Auch dafür, dass der Hersteller Carola Clean Air nicht mehr Erfolg hat, hat Höhn nur ein Kopfschütteln übrig. Von dort hat der Unternehmer einen nachrüstbaren Feinstaubfilter für seine Holzpelletsanlage bezogen, der gesundheitsgefährdende Partikel abfängt und für mehr Luftreinhaltung sorgt.

Sehr gut möglich, dass sich das Interesse an energieeffizienter Technologie künftig steigert. Denn mit dem Klimapaket und dem darin vorgesehenen CO2-Preis wird Heizen mit Öl und Gas teurer. Sanierungen, die Heizenergie sparen, rentieren sich damit schneller. Zudem sollen elektrisch betriebene Wärmepumpen finanziell attraktiver werden.

„Für Unternehmen ist es in der heutigen Zeit ganz wichtig sich in Sachen Energie und Klimaschutz gut beraten zu lassen“, sagt Roland Wiedemann vom eza! Energie- und Umweltzentrum Allgäu. Bei diesen Fragen gehe es um viel Geld und langfristige Entscheidungen für die Zukunft. „Dabei sollte man nicht auf die Technologien der Vergangenheit setzen“, so der Energieberater.

Kompetente Beratung ist wichtig

Die Sorge über gewaltige Geldsummen, die für eine effiziente und umweltfreundliche Energieversorgung anfallen, kennt Eisproduzent Olaf Höhn nur zu gut. „Mich konnte anfangs niemand so richtig beraten und ich habe dafür auch durchaus Lehrgeld bezahlt. Das will ich anderen ersparen“, sagt Höhn. Geschätzt habe er bislang rund 1,1 Millionen Euro in den Umweltschutz investiert. Der quirlige Unternehmer möchte anderen den Weg zum klimaneutralen Unternehmen leichter machen. Nahezu jede Woche empfängt er deswegen Gruppen aus der ganzen Welt und erzählt ihnen von seinem Weg vom Klima-Saulus zum Klima-Paulus.

Ein Weg, der noch lange nicht zu Ende ist. Aktuell arbeitet Höhn daran die neuen Eismaschinen direkt an die Adsorptionskältemaschine zu hängen, um noch effizienter zu arbeiten. „Das ist längst nicht das Ende der Fahnenstange, denn je mehr ich mich in dieses Thema hineinknie, desto mehr Ideen kommen heraus. Die kosten natürlich anfangs immer Geld. Aber es lohnt sich.“

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Fördermittel zum energieeffizienten Sanieren

  1. Bundesförderung für Energieberatung im Mittelstand (Zuschuss)
  2. KfW-Programm „Energieeffizient Bauen und Sanieren (276/277/278 Kredit mit Teilschulderlass)
  3. Marktanreizprogramm „Wärme aus erneuerbaren Energien“ (Zuschuss/Kredit mit Teilschulderlass)
  4. Heizungsoptimierung (BAFA) (Zuschuss)
  5. KfW-Programm „Energieeffizient Bauen und Sanieren – Zuschuss Brennstoffzelle (433)
  6. Modellvorhaben Wärmenetze 4.0. (Zuschuss)
  7. BMWi-Wettbewerb Energieeffizienz (Zuschuss)

Mehr Info unter www.machts-effizient.de  

Logo der Medien-Aktion Covering Climate Now

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Unsere anderen Texte finden Sie hier.


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